© La Biennale di Venezia ("Löwen"-Aspirant: "Love Life" von Kôji Fukada )

Venedig 2022 - Liebesleben

Mittwoch, 07.09.2022

Der japanische Regisseur Kôji Fukada, der mit „Love Life“ erstmals im Wettbewerb des Filmfestivals in Venedig antritt, könnte den Filmen von Darren Aronovsky oder Martin McDonagh den „Goldenen Löwen“ streitig machen

Diskussion

Der japanische Regisseur Kôji Fukada, der mit „Love Life“ erstmals im Wettbewerb des Filmfestivals in Venedig antritt, könnte den Filmen von Darren Aronovsky oder Martin McDonagh den „Goldenen Löwen“ streitig machen; denn „Love Life“ ist bisher der Höhepunkt des Wettbewerbs. Doch auch Joanna Hogg brilliert mit der sanften Geistergeschichte „The Eternal Daughter“.


Es passiert mit grausamer Beiläufigkeit: Während im Apartment seiner Eltern gerade Freunde und Familie feiern, spielt der sechsjährige Keita mit einem kleinen Flugzeug, das er kurz davor geschenkt bekommen hat. Er flitzt damit ins Badezimmer und klettert auf den Wannenrand, um den Flieger aufsteigen zu lassen. Doch in der Wanne ist Wasser, und der Rand glitschig; das Kind stürzt; und weil es sich dabei den Kopf anstößt und bewusstlos wird, ertrinkt es, bevor einer der Erwachsenen merkt, was vor sich geht.


Mit gnadenloser Wucht

Das alles beobachtet die Kamera dezent von außerhalb; weder die Bilder noch der Ton dramatisieren das Geschehen. Trotzdem trifft es einen mit gnadenloser Wucht, denn zuvor hat sich Regisseur Kôji Fukada in „Love Life“ ausführlich Zeit gelassen, um die kleine Familie um Keita ans Herz wachsen zu lassen und ihre Freuden und Nöte zu teilen: das liebe- und humorvolle Miteinander seiner Mutter Taeko (Fumino Kimura) und ihres Ehemanns Jiro (Kento Nagayama), der zwar nicht Keitas leiblicher Vater ist, aber die Rolle bestens ausfüllt, das fröhliche Zusammensein im Freundeskreis, die Spannungen mit Jiros Vater, der seine Schwiegertochter Taeko ablehnt, und die begütigende Freundlichkeit von Jiros Mutter.

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Mit dem plötzlichen Tod ist es, als würde die zuvor etablierte Familiendynamik plötzlich gegen eine Mauer knallen. Die kleine, funktional eingerichtete Wohnung, die vorher so eng schien für all das Leben, das sich in ihr abspielt, scheint plötzlich nur noch aus Leerstellen zu bestehen, die von Keitas Abwesenheit zeugen. Taeko findet keinen Weg, mit der Trauer umzugehen, und Jiro keinen, um ihr zu helfen.



Dann aber taucht bei der Beerdigung plötzlich ein Mann auf; er steht wie erschlagen am Sarg des Kindes und verpasst Taeko dann eine schallende Ohrfeige. Park ist taubstumm und der leibliche Vater von Keita; er stammt aus Korea und hatte Frau und Kind einst sitzengelassen. Nun ist er zurück, obdachlos und heruntergekommen. Und bringt Taeko erst einmal zum Weinen, was schlecht ist, aber irgendwie auch gut, wie ein Ventil für den Schmerz. Parks Auftauchen treibt einen Keil zwischen Taeko und Jiro. Wie Planeten eines Sonnensystems, die durch Keitas Tod ihr helles Zentrum verloren haben, driften sie aus ihrer Umlaufbahn.

Mit „Love Life“ hat der Wettbewerb der 79. „Mostra“ seinen bisherigen Höhepunkt erreicht. Kôji Fukada lässt sein Drama mit größter Feinheit zwischen verschiedenen emotionalen Tonlagen changieren und immer wieder unerwartete Wendungen nehmen, um auf ebenso kluge wie bewegende Weise einen Trauerprozess und die fragile Natur menschlicher (Liebes-)Beziehungen auszuloten. Der Film beeindruckt nicht zuletzt durch eine Inszenierung, die eine lebensweltliche Natürlichkeit ausstrahlt, aber zugleich sehr kunstvoll und bewusst mit Bildern und Motiven arbeitet, um die Befindlichkeiten der Protagonisten auch ohne viele Worte zu transportieren.


Hinter einer dicken Fettschicht

Eine ähnliche Diskretion, wie sie Fukada dabei an den Tag legt, ist nicht die Sache von Darren Aronovsky. Sein Film „The Whale“, der auf einem Theaterstück von Samuel D. Hunter beruht, erinnert in vielem an „The Wrestler“. Es geht um einen Mann, die körperlich heruntergewirtschaftet ist, was schon rein äußerlich auf seine inneren Blessuren hindeutet, und der nach einer Art Erlösung sucht. Der Protagonist Charlie (Brendan Fraser), der in Online-Collegekursen als Lehrer arbeitet, hat sich seit dem Selbstmord seines Partners, der als tiefreligiös erzogener Mensch an der Verdammung seiner Homosexualität zerbrochen ist, von der Welt zurückgezogen. Charlie ist extrem fettleibig und auf dem besten Wege, sich zu Tode zu fressen.

Doch die Bande zu anderen Menschen sind nicht ganz zerrissen. Eine Freundin (Hong Chau) kümmert sich um ihn; ein junger Mann, der für die Freikirche, der einst auch Charlies Partner angehörte, an der Haustür missioniert, will ihn retten, und auch Charlie sucht Kontakt zu seiner ihm entfremdeten Teenager-Tochter (Sadie Sink); die hat er vor langer Zeit wie auch seine Frau verlassen, um zu seiner Homosexualität zu stehen.

Darren Aronofsky bei den Dreharbeiten zu "The Whale" (Palouse Rights LLC)
Darren Aronofsky bei den Dreharbeiten zu "The Whale" (© Palouse Rights LLC)

Rund um dieses Quartett entfaltet sich der Film als konzentriertes Kammerspiel, das allerdings immer wieder mit dem Problem zu kämpfen hat, die Körperlichkeit der Figur grotesk-voyeuristisch auszustellen, tapfer konterkariert von Hauptdarsteller Brendan Fraser, der sein Bestes gibt, um durch den Fatsuit hindurch unterschiedliche Facetten von Charlies Persönlichkeit herauszuarbeiten. „The Whale“ ist auch wegen einer gewissen Tendenz zum Pathos, vor allem gegen Ende hin, kein Film, der durchweg überzeugt, aber zumindest ein intensives Melodram über die ambivalente Kraft zwischenmenschlicher Beziehungen sowie des Glaubens, die gleichermaßen zutiefst verletzen wie Halt und Hoffnung geben können.


Zärtlich-schwierige Mutter-Tochter-Beziehung

Ähnlich schlafwandlerisch wie Kôji Fukada beherrscht die Britin Joanna Hogg die Kunst der leisen Töne. Mit ihrer sehr persönlichen „Geistergeschichte“ „The Eternal Daughter“ ist sie eine der wenigen Regisseurinnen im diesjährigen Wettbewerb. Der Film ist geprägt durch die Zusammenarbeit mit Schauspielerin Tilda Swinton, mit der Hogg schon öfters zusammen gedreht hat. Swinton spielt hier gleich zwei Rollen, eine an die Regisseurin selbst angelehnte Filmemacherin mittleren Alters sowie deren Mutter. Die beiden Frauen verbringen einige Tage gemeinsam in einem vom Nebel eingehüllten Hotel in Wales; das herrschaftliche Anwesen war einst im Familienbesitz und birgt für die alte Dame zahlreiche Erinnerungen.

Doch in dem Haus, das bis auf die wenig freundliche Rezeptionistin und einen alten Mann verwaist erscheint, herrscht eine geisterhafte Atmosphäre. Die Tochter, die an einem Filmprojekt über ihre Mutter arbeiten will, wird nachts von seltsamen Geräuschen und Gefühlen beunruhigt. Sie wandert durch Flure und Gärten und arbeitet sich an ihrer ebenso zärtlichen wie schwierigen Liebe zu ihrer Mutter ab.

Glänzende Doppelrolle für Tilda Swinton: "The Eternal Daughter" (EDP/BBC)BBC
Glänzende Doppelrolle für Tilda Swinton: "The Eternal Daughter" (© EDP/BBC)

Hogg setzt dezent auf Elemente des Gothic Horror, ohne dass der Film zum Horrorfilm würde; die Inszenierung balanciert zwischen zärtlichem Mutter-Tochter-Drama und ins Surreale spielenden Szenen, die um die emotionalen Untiefen der beiden Frauen und ihrer Beziehung kreisen. Das durchdachte Production- und Sounddesign sowie das dünnhäutig-luzide Spiel der Hauptdarstellerin Tilda Swinton beschwören elegant eine Atmosphäre latenter Beunruhigung herauf. Zugleich ist „The Eternal Daughter“ auch eine berührende Reflexion über die Verbindung von Orten und Erinnerung.


Sture Esel

Zu den Highlights des Wettbewerbs gehört auch noch „The Banshees of Inisherin“ von Martin McDonagh. In dem konzentrierten „Beziehungsfilm“ gerät das Dasein des Farmers Padraic (Colin Farrell), der mit seiner Schwester auf einer kargen Insel vor der irischen Küste lebt, aus den Fugen, als ihm aus heiterem Himmel sein bester Freund Colm (Brendan Gleeson) die Freundschaft aufkündigt und ihm mittels einer makabren Drohung nahelegt, ihn fortan in Ruhe zu lassen.

Padraic, der bisher rundum damit zufrieden war, sich um sein Vieh zu kümmern und nach Feierabend gemeinsam mit seinem Kumpel im örtlichen Pub zu schwatzen, will jedoch keineswegs akzeptieren, dass Colm ihn plötzlich zu schlicht findet und angesichts seines vorgerückten Alters lieber etwas Bedeutsameres machen möchte, als mit ihm seine Zeit zu verbringen. Mit dem Frieden auf der Insel ist es damit vorbei. Die alte Dorfvettel, die verdächtig an den Sensenmann aus Ingmar Bergmans „Das siebente Siegel“ erinnert, wird recht behalten, wenn sie einen baldigen Todesfall ankündigt.

Höchst unterhaltsam: "The Banshees of Inisherin" (2022 20th Century Fox)
Höchst unterhaltsam: "The Banshees of Inisherin" (© 20th Century Fox)

McDonagh inszeniert einmal mehr eine höchst amüsante schwarze Komödie, die mit kauzigen Figuren und absurden Dialogen glänzt; der lakonisch-komische Film lässt die Sehnsucht nach Erfüllung wie einen Sprengkörper in die Selbstgenügsamkeit des archaisch anmutenden Dorfkosmos einschlagen. Wobei „The Banshees of Inisherin“ nicht zuletzt auch eine Tragikomödie über männliche Dickköpfigkeit und Sturheit ist. Kein Wunder, dass die wichtigste Frauenfigur, Padraics Schwester Siobhan (Kerry Condon), irgendwann frustriert das Weite sucht.

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