© Netflix (aus „Copenhagen Cowboy“)

Venedig 2022: Wachsen lassen

Sonntag, 11.09.2022

Die 79. Filmfestspiele von Venedig: Ein Résumé

Diskussion

Zum Festivalende bot die 79. „Mostra“ mit der Serie „Copenhagen Cowboy“ von Nicolas Winding Refn noch einmal eine illustre Premiere, bevor am Samstag dann Laura Poitras’ „All the Beauty and the Bloodshed“ als Siegerfilm triumphierte. Ein Rückblick auf ein bewegtes Festival, das um eine Haltung zu aktuellen Krisen rang und nicht zuletzt das Prinzip Hoffnung feierte.


Bevor am Samstag am Lido die glamouröse Preisgala der 79. „Mostra dell’arte cinematografica“ (31.8.-10.9.21022) begann, ewartete die Festivalbesucher ein Saustall. Regisseur Nicolas Winding Refn präsentierte seine famose Serie „Copenhagen Cowboy“, in der nicht nur die Schweinehaltung eine gewisse Rolle spielt, sondern vor allem menschliche Schweinereien im Zentrum stehen - Zwangsprostitution, Bandenkriminalität, Mord, die Perversionen einer mysteriösen dänischen Familie; Kopenhagens Unterwelt erglüht als veritable Hölle, und Überreste der Opfer werden an die Borstentiere verfüttert.

Aber es geschehen auch Wunder. In der Hölle taucht eine junge Frau namens Miu auf, die über sonderbare Kräfte verfügt, Pflanzen erblühen lässt und ihm Ruf steht, anderen Glück zu bringen. Angela Bundalovic spielt sie zwischen Engel, Hexe und jungenhaftem Ronin. Sie will die Schweinereien nicht auf sich beruhen lassen.


Frauenfiguren brachten die „Mostra“ zum Strahlen

Der in sechs Folgen entfaltete, in dem von Refn bekannten Mix aus Neo(n)-Noir und Fantastik schillernden Trip war eine der letzten Premieren des 79. Filmfestivals von Venedig. Die Serie war in zweierlei Hinsicht bezeichnend für die Programmauswahl im 90. Jahr nach der Gründung der „Mostra“. Es geht darin nämlich um die Hoffnung, die gegen alle Regeln der Wahrscheinlichkeit in desolaten Zuständen aufflammt; außerdem steht eine jener faszinierenden Frauenfiguren im Zentrum, die in diesem Jahr die „Mostra“ besonders zum Strahlen brachten.

Figuren wie die Titelheldin in Todd Fields „Tár“, für die ihre Darstellerin Cate Blanchett den Preis als beste Hauptdarstellerin gewann. Oder die weibliche Hauptfigur Taeko (Fumino Kimura) im japanischen Film „Love Life“, der bei der Preisvergabe unverständlicherweise leer ausging, obwohl er eine der künstlerisch überzeugendsten Arbeiten des Wettbewerbs war. Auch die von Guslagie Malanga gespielte Kindsmörderin in dem Gerichtsdrama „Saint Omer“ von Alice Diop zählte dazu; der Film spürt ihren Motiven nach, um dabei mehr Fragen aufzuwerfen als zu beantworten.

Großer Preis der Jury: „Saint Omer“ (© SRAB Films/Arte France Cinéma 2022)
Großer Preis der Jury: „Saint Omer“ (© SRAB Films/Arte France Cinéma 2022)

Haltung zeigen

Um eine dieser herausfordernden Frauenfigur geht es auch in dem Film, der von der internationalen Jury unter Vorsitz der US-Schauspielerin Julianne Moore mit dem „Goldenen Löwen“ geehrt wurde: "All the Beauty and the Bloodshed" von Laura Poitras. Der einzige Dokumentarfilm im Wettbewerb porträtiert die 1953 geborene Fotografin und Aktivistin Nan Goldin. Im Mittelpunkt steht Goldins Engagement gegen eine Familie, die lange für ihr Kunst-Mäzenatentum bekannt war, deren Name mittlerweile aber vor allem mit der Opioid-Krise in den USA verbunden ist: dem Milliardärs-Clan Sackler. Deren Firma Purdue Pharma brachte 1996 das Opioid-Schmerzmittel OxyContin auf den Markt und bewarb es aggressiv, wobei verschleiert wurde, dass das Medikament abhängig macht.

Es geht in "All the Beauty and the Bloodshed" aber auch um die moralische Verantwortung von kulturellen Institutionen. Nan Goldin und die von ihr gegründete Aktivistengruppe PAIN setzen sich dafür ein, dass Einrichtungen wie das Guggenheim-Museum, die von den Sacklers gefördert wurden, Haltung zeigen und keine Spendengelder mehr von der Familie annehmen sollten, um sich nicht als kultureller Deckmantel missbrauchen zu lassen.

Das war ein Stoff, der gut zu einer „Mostra“ passte, die merklich darum rangt, in wichtigen Gegenwartsfragen Haltung zu zeigen. Etwa in Sachen Nachhaltigkeit; so mussten akkreditierte Journalisten erstmals eine Selbsterklärung zum ökologischen Fußabdruck ihres Festivalbesuchs ausfüllen. Am 8. September rief das Festival einen Ukraine-Tag aus und organisierte tags darauf anlässlich der Premiere von Jafar Panahis Film „No Bears“ einen Flashmob auf dem roten Teppich, um gegen die Inhaftierung des iranischen Filmemachers zu protestieren.


Das Prinzip Hoffnung

Womit man wieder beim Prinzip Hoffnung wäre, jenem Widerstandsgeist, der sich krisenhaften Zeiten entgegenstemmt und in vielen Beiträgen des diesjährigen Festivals eine Rolle spielte. So kreist etwa auch einer der Publikums- und Kritiker-Favoriten, das kannibalische Road Movie „Bones and All“, um ein junges Paar, das dem Monströsen in der eigenen Natur und den Monstern, denen es unterwegs begegnet, im Namen einer utopisch-romantischen Liebe trotzt. Regisseur Luca Guadagnino wurde dafür mit dem Regie-Preis geehrt.

Favorit der Kritikervereinigung FIPRESCI: „Argentina, 1985“ (© Amazon Studios/La Unión de los Ríos/Kenya Films/Inifinity Hill/Ph Lina Etchesuri)
FIPRESCI-Preisträger: „Argentina, 1985“ (© Amazon Studios/Ph Lina Etchesuri)

Santiago Mitres „Argentina, 1985“, neben „Saint Omer“ ein anderes Gerichtsdrama im Wettbewerb, deckt Optimismus im Blick auf die Vergangenheit auf. Es geht um einen bahnbrechenden Prozess, der den Beginn der juristischen Aufarbeitung der Gräuel der argentinischen Militärdiktatur markierte. Ähnlich wie Sergej Loznitsas Doku „The Kiev Trial“ um den Prozess gegen NS-Täter ist „Argentina, 1985“ ein Film, bei dem man sich unwillkürlich fragt, wann und ob es wohl möglich sein wird, die aktuellen Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine juristisch zu verfolgen.


Der Papst und der Gärtner

Ums Hoffen im Angesicht von Katastrophen geht es auch dem italienischen Dokumentaristen Gianfranco Rosi, der in seinem Film „In viaggio“ die Reisen nachzeichnet, die Papst Franziskus im Lauf seiner Amtszeit unternommen hat, nicht zuletzt an Orte, die von den Krisen unserer Zeit – Migration, Krieg, Armut, Klimawandel – gezeichnet sind. Rosi verdichtet mittels Archiv- und selbstgedrehtem Material diese Reisen zu einem filmischen „Kreuzweg“ und macht „In viaggio“ zur Plattform für das Anliegen des katholischen Oberhauptes, das zu Solidarität inspirieren und den krisenhaften Herausforderungen der Gegenwart mit dem „Mut zum Träumen“ von einer besseren Welt begegnen will.

Nicht unerwähnt bleiben soll Paul Schrader, der mit „Master Gardener“ begeisterte. Der Film kreist um einen ehemaligen Neonazi (Joel Edgerton), der sich mittlerweile von der White-Supremacy-Ideologie und einer rechten Terror-Gruppe distanziert hat. Im Zeugenschutzprogramm hat er ausgerechnet im Gärtnern eine neue Berufung gefunden; er pflegt die Anlagen rund ums Anwesen einer älteren Lady (Sigourney Weaver).

Ein bisschen wirkt der Film wie eine späte Antwort auf Martin Scorseses „Taxi Driver“, für den Schrader einst das Drehbuch schrieb, aus dem Geist von Voltaires „Candide“. Zwar wird der wortkarge Held in eine Thriller-Handlung verwickelt, als er sich einer jungen Frau mit dunkler Vergangenheit annimmt und für sie wie einst Travis Bickle eine Art Kreuzzug startet. Was in „Taxi Driver“ jedoch in einer tragischen Gewaltorgie endete, mündet hier auf eine glimpflich-hoffnungsvolle Note, festgemacht an einem Helden, der statt zu töten den Dingen lieber beim Wachsen zusieht. Gärtnern, so heißt es, bedeutet, an die Zukunft zu glauben. Manchmal lässt sich auch von Filmen ein solcher Glaube abschauen.


Mehr zum 79. Filmfestival Venedig 2022:


„Master Gardener“ (© Bonnie Marquette)
„Master Gardener“ (© Bonnie Marquette)

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