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Brasilien und der Fall Lula da Silva

Mittwoch, 05.10.2022

Anatomie eines Politskandals - bis 29.12. in der arte-Mediathek

Diskussion

Mit der Präsidentschaftswahl im Oktober 2022 steht Brasilien einmal mehr an einem Scheideweg: Der amtierende rechtspopulistische Präsident Jair Bolsonaro stellt sich zur Wiederwahl, sein Herausforderer ist der frühere Amtsinhaber Lula da Silva – der vor vier Jahren nicht antreten durfte, da er wegen Korruptionsvorwürfen verurteilt wurde. Diese wurden mittlerweile jedoch fallengelassen, da der für das Urteil verantwortliche Richter Sergio Moro für befangen befunden wurde – Moro, der zeitweilig Justizminister unter Bolsonaro war, hatte die Verurteilung da Silvas bewusst vorangetrieben, um der extremen Rechten in die Hände zu spielen.

Der Dokumentarfilm „Brasilien und der Fall Lula da Silva“ von Maria Augusta Ramos verfolgt die Ereignisse in Brasilien aus Sicht des investigativen Nachrichtenportals „The Intercept“. Den Beginn setzt das Jahr 2014, als der jahrelange Anti-Korruptionsprozess „Lava Jato“ begann, bei dem viele hochrangige Politiker und Wirtschaftsvertreter auf der Anklagebank und im Gefängnis landeten. „The Intercept“ brachte jedoch die Verstrickungen von Richtern wie Moro mit der Politik ans Licht und entlarvte den Anti-Korruptions-Kampagne selbst als korrupt.

Ramos folgt minutiös den Recherchen der Journalisten und verknüpft diese mit Szenen der Prozesse gegen da Silva und andere Angeklagte sowie Ausschnitten aus der brasilianischen Realität unter Bolsanaro, inklusive Kabinettsdiskussionen mit autoritärem Gepolter und offenen Vorstößen, Gesetze an der Justiz vorbei zu erlassen, populistischen Massenveranstaltungen, Umweltkatastrophen und der über das Land hereinbrechenden Corona-Pandemie. Auf Kommentare jenseits der wertenden Aussagen der Journalisten verzichtet Ramos, gleichwohl ist die Haltung des Films erkennbar ein ungläubiges Kopfschütteln über das Ausmaß der politischen Verfilzung und die Ruchlosigkeit von Bolsonaro und co. – mit einer Tendenz zu leichter Hoffnung, dass die Wahl 2022 der Auftakt zu einem Wandel bringen könnte. – Sehenswert ab 14.

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