© Majestic/Christine Schroeder

Neuer Kinotipp: „Mittagsstunde“

Mittwoch, 21.09.2022

Die Romanverfilmung „Mittagsstunde“ von Lars Jessen handelt auf mehreren Zeitebenen vom Verschwinden der dörflichen Struktur in einem kleinen Flecken in Nordfriesland und stellt Fragen nach Liebe, Hoffnung und Miteinander

Diskussion

Die Familien- und Dorfgeschichte „Mittagsstunde“ ist neuer Kinotipp der Katholischen Filmkritik. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Dörte Hansen handelt auf mehreren Zeitebenen vom Verschwinden der dörflichen Struktur in einem kleinen Flecken in Nordfriesland, festgemacht am Versuch eines Mannes, seinen greisen Großeltern zu helfen. Dabei offenbaren sich Geheimnisse, durch die die Erinnerungen an die Vergangenheit des Dorfes in neuem Licht erscheinen.


2012 nimmt sich der Prähistoriker Ingwer Feddersen, Dozent an der Universität in Kiel, eine Auszeit. In seinem Heimatdorf Brinkebüll in Nordfriesland leben seine rund 90-jährigen Zieheltern Sönke und Ella noch immer in ihrem Haus, sind aber auf Pflege angewiesen. Mit etwas schlechtem Gewissen macht sich Ingwer daran, sich um die beiden Alten zu kümmern, die in ihre eigenen Welten abgedriftet sind: Ella ist dement, und Sönkes einzig verbliebenes Ziel besteht darin, noch die Gnadenhochzeit der beiden nach 70 Jahren Ehe zu erleben.

Doch neben der schwierigen Gegenwart macht der Familie auch die unbewältigte Vergangenheit zu schaffen. Das betrifft zum einen das Dorf, das sich grundlegend gewandelt hat, seit durch die „Flurbereinigung“ im Jahr 1965 große Teile der ursprünglichen Region verschwunden sind. Zum anderen muss sich Ingwer aber auch mit der Frage auseinandersetzen, was mit seiner Mutter Marret geschehen ist. Diese war als „Verdrehte“ bekannt, als ein verträumtes großes Kind, das auch als Erwachsene in seiner eigenen Welt lebte, gerne sang und durch die Natur streifte, bis sie 1976 verschwand.

Nordfriesisches Gruppenbild: "Mittagsstunde" (Majestics/Christine Schroeder)
Nordfriesisches Gruppenbild: "Mittagsstunde" (Majestics/Christine Schroeder)

Regisseur Lars Jessen lässt in seiner Verfilmung des Romans „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen die unterschiedlichen Zeitebenen mit beachtlicher Effizienz ineinander übergehen. Daraus ergibt sich nicht nur ein lebendiges und stimmiges Bild der durchaus verworrenen, Jahrzehnte überspannenden Familiengeschichte der Feddersens, sondern auch die berührende Chronik einer untergegangenen Welt. Zugleich erfasst er unaufgeregt und anrührend die wortkarge Loyalität der Figuren, insbesondere in der von stoischer Liebe geprägten Beziehung zwischen Sönke und seinem Ziehsohn Ingwer.

Die Kinotipp-Jury erkannte in der Unaufgeregtheit des Films eine hohe Qualität. Die Vielschichtigkeit der Erzählung trete dadurch nur noch mehr hervor, heißt es in der Begründung. Neben dem Thema Familie/Familiengeheimnisse und dem sogenannten Fortschritt machte die Jury als weitere markante Motive auch den Umgang mit Menschen mit Behinderungen, die Lebensphase des Alters, Formen der Freundschaft und Beziehungsweisen und die Frage nach dem Lebenssinn aus. Das geschehe aber unspektakulär und völlig unaufdringlich, so dass man das Gesehene auch leicht unterschätzen könnte, notierte die Jury.

"Mittagsstunde" erfasst in ihren Augen zwar nicht alle Nuancen des Romans, doch gelingt es der Adaption, die wichtigsten Themen und Stimmungen ebenso en passant ans Publikum zu bringen wie die literarische Vorlage. Die minimale, aber doch sehr genaue Machart des Films unterstützt trefflich die zurückhaltende Erzählweise. Große Ereignisse fehlen, und auch die Filmsets sind unscheinbar, doch dabei sehr genau und akribisch gestaltet.

Positiv wertete die Jury auch das Fehlen von Nostalgie. „Mittagsstunde“ ist kein Film über die „gute alte Zeit“, denn nicht nur wegen manches Schicksalsschlages für die Familie Feddersen (einschließlich der Unglücke im Dorf) liegt über der gesamten Geschichte eine Melancholie. Behandelt werden Fragen wie: „Woher komme ich?“, „Warum bin ich, wie ich bin?“ und „Was kann ich aus meinem Leben machen?“ Ganz nebenbei werden das Ende dörflicher Gemeinschaften und die Auswirkungen von Individualisierung und Strukturveränderungen deutlich.

Eine eigene Note der Verfilmung machte die Jury in den Zeitsprüngen aus, die sich ihrem Urteil nach sehr harmonisch in die Erzählung einfügen. Die Erzählweise ist assoziativ, aber niemals verwirrend. Durch die Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart werden die existenziellen Fragen nach Liebe, Hoffnung und Miteinander erst zwischen den Bildern deutlich. So ist das Ende ein Abschluss und zugleich ein Aufbruch.



Mittagsstunde“ läuft ab Donnerstag, 22. September 2022, in den deutschen Kinos an.


Der Kinotipp der Katholischen Filmkritik“ ist ein Qualitätssiegel, mit dem Filme hervorgehoben werden, die in besonderer Weise religiöse Themen aufgreifen, von menschlichen Nöten, Sorgen und Hoffnungen erzählen, Antworten auf existenzielle Fragen formulieren oder gegen den Status quo einer selbstzufriedenen Welt aufbegehren.

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