© CTMG/Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH, Ilze Kitshoff

„The Woman King“ und seine historischen Wurzeln

Donnerstag, 15.12.2022 14:17

Historische und politische Hintergründe zu den Agojie-Kriegerinnen, die sich in „The Woman King“ gerade einen festen Platz in der westlichen Popkultur erkämpfen.

Diskussion

Das Hollywood-Film „The Woman King“ ist eine Hommage an die Soldatinnen aus dem afrikanischen Königreich Dahomey, die als legendäre Agojie-Kriegerinnen in die westliche Popkultur gerade Eingang finden. Im heutigen Benin wird der Film mit Szenenapplaus begleitet. Am Regierungssitz von Benin, der Stadt Cotonou, wurde jüngst überdies eine monumentale Amazonen-Statue enthüllt. Die historischen Hintergründe unterscheiden sich allerdings von der Fiktion des Films.


Das Königreich Dahomey ist in großer Gefahr. Das macht Nanisca (Viola Davis) dem jungen König Ghezo (John Boyega) in „The Woman King“ eindringlich klar. Im Palast von Abomey – die Paläste, die im heutigen Benin in Westafrika liegen, gehören zum Welterbe der UNESCO – erklärt die Generalin, dass Kämpfer aus dem benachbarten Königreich Oyo Frauen verschleppt haben. Sie sollen als Sklavinnen verkauft werden. Im Hafen von Ouidah warten bereits portugiesische Sklavenhändler. Dagegen wollen sich König Ghezo und seine Generalin Nanisca zur Wehr setzen. Die Gefangenen sollen befreit und der ganzen Region demonstriert werden, dass Dahomey ein mächtiges Königreich ist, das niemandem Tribut zahlt. Nanisca muss dafür neue Soldaten rekrutieren, ausgerechnet Frauen, wie der Oyo-General Oba Ade (Jimmy Odukoya) spottet: „In Dahomey haben sie keine Männer. Dort müssen die Frauen kämpfen.“

Der Plot klingt nach neuem Hollywood-Kino, basiert jedoch auf einer wahren Begebenheit. Die Agojie, Minon oder Amazonen, wie die Soldatinnen von Dahomey hießen, gab es wirklich. Vom 17. bis ins frühe 20. Jahrhundert wehrten sie Angriffe anderer Staaten ab und kämpften zum Schluss gegen französische Kolonialtruppen. 1899 wurde Dahomey Teil von Französisch-Westafrika. Der letzte König, Béhanzin, ging nach Martinique ins Exil.


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Die Legenden um die Agojie

Um die Amazonen ranken sich allerlei Legenden. Es heißt, dass sie keine Kinder haben und nicht heiraten durften. In „The Woman King“ werden sie als mutige Kämpferinnen dargestellt. Auch die junge Nawi (Thuso Mbedu) wird Teil der Armee. Ihr Vater übergibt sie König Ghezo als Geschenk, weil sie sich weigerte, einen alten, gewalttätigen, aber reichen Mann zu heiraten. Um bei den Agojie aufgenommen zu werden, absolvieren sie und die anderen Frauen ein Kampftraining, bei dem sie über hohe Holzwände klettern und sich einen Weg durch Dornenbüsche bahnen müssen. Am Schluss steht die Anerkennung des Königs und ein Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl unter Frauen. Selbst vor dem großen Kampf gegen die Oyo sind sie schon Heldinnen.

Die Armee der Agojie in „The Woman King“ (© CTMG/Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH, Ilze Kitshoff)
Die Armee der Agojie in „The Woman King“ (© CTMG/Sony Pictures Ent. Deutschland, Ilze Kitshoff)

Beschworen wird das mit Tanzszenen zur Musik, die der US-amerikanische Jazz-Trompeter Terence Blanchard komponiert hat. In seinen Songs erklingt auch die einzige beninische Stimme, die der weltbekannten Sängerin Angelique Kidjo. Regisseurin Gina Prince-Bythewood ist US-Amerikanerin, ebenso die Produzentin Maria Bello. Die hatte Benin im Jahr 2015 besucht und war von den Agojie so fasziniert, dass sie unbedingt einen Film darüber machen wollte. In Benin war man sehr neugierig, ob ausgerechnet Hollywood die Geschichte der Frauenarmee adäquat umsetzen kann.

„The Woman King“ gilt als Überraschungserfolg und wird als Anwärter auf die „Oscars“ gehandelt; der Film hat allerdings nur wenig mit der historischen Realität zu tun. Die Frauenarmee entstand vermutlich aus purer Not, weil Männer in Kriegen gefallen waren und von Soldaten des Königreichs Oyo gefangen genommen wurden.


Nutznießer des Menschenhandels

Auch die Lesart, dass König Ghezo und die Bevölkerung von Dahomey gegen die Sklaverei kämpften, entspricht nicht der tatsächlichen Historie. Der Staat war eine absolute, zentralistisch organisierte Monarchie. Sklaven mussten auf Plantagen von Dahomey Zwangsarbeit verrichten oder wurden bei Europäern gegen Waffen eingetauscht. Das änderte sich erst, als Großbritannien Mitte des 19. Jahrhunderts den internationalen Sklavenhandel verbot. Bis dahin waren auch die Dahomey-Könige Nutznießer des Menschenhandels.

Mit einem Klischee macht der Film allerdings Schluss: Er zeigt einen durchorganisierten afrikanischen Staat und mit Generalin Nanisca eine Frau, die absolute Disziplin einfordert und eigenmächtig handelt. Die Amazonen kämpfen zwar erfolgreich gegen die Oyo, doch diesen gelingt es, Nawi und eine Reihe weiterer Soldatinnen gefangen zu nehmen. Gegen den ausdrücklichen Befehl von König Ghezo, der Generalin Nanisca für ihre Erfolge den Titel „The Woman King“ verleihen will, zieht diese nach Ouidah, um die Frauen zu befreien.

Thuso Mbedu als Nawi (© CTMG/Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH, Ilze Kitshoff)
Thuso Mbedu als Nawi (© CTMG/Sony Pictures Ent. Deutschland, Ilze Kitshoff)

Auch das darf nicht fehlen: Viola Davis lässt als Heerführerin schließlich auch Gefühle zu und ist mehr als die hart durchgreifende Soldatin. Ebenfalls nicht überraschend ist eine sich anbahnende Romanze zwischen Nawi und Malik. Der begleitet einen portugiesischen Sklavenhändler nach Ouidah und sagt: „Meine Mutter stammt aus Dahomey.“


Schwarze Frauen als Heldinnen

Vor allem der Blockbuster „Black Panther“ (2018), in dem die Agojie schon als Vorbild für die weiblichen Bodyguards Dora Milaje dienten, ebnete den Weg für „The Woman King“. Der Film passt in die aktuelle Debatte des US-amerikanischen Kinos über Diversität, neue Helden und anderen Erzählmuster. „Praktisch sehen wir zum ersten Mal schwarze Frauen in so starken Hauptrollen“, sagt Floriane Deguenon. Sie ist die Managerin von „CanalOlympia“, dem einzigen Kino in Cotonou, der Wirtschaftsmetropole von Benin. Seit Mitte September ist fast jede Vorstellung von „The Woman King“ ausverkauft.

Der Film passt aber auch in die aktuelle Debatte in Benin um koloniale Vergangenheit, Identität und Gemeinschaftsgefühl. Die entstand vor knapp einem Jahr, als Frankreich Raubkunst aus dem Königreich Dahomey zurückgegeben hat. Zu den restituierten Objekten gehört auch eine Holzstatue von König Ghezo, die ihn halb als Mensch, halb als Vogel darstellt, sowie ein hölzerner Thron, der zu besonderen Anlässen wie etwa Gedenkveranstaltungen für die Vorfahren genutzt wurde. Mehr als eine Viertel Million Besucher:innen haben die Artefakte mittlerweile in einer Ausstellung gesehen.

Für den Literaturprofessor Nouréini Tidjani-Serpos, der bis 2010 stellvertretender Direktor der Afrika-Abteilung der UNESCO war, ist es eindeutig, dass „das Bewusstsein für die Geschichte des Landes zunimmt“. Das einstige Königreich Dahomey machte zwar nur etwa 20 Prozent der Fläche des heutigen Staates Benin aus. Trotzdem würde die Erinnerung das Land einen. In vielen anderen afrikanischen Ländern ist das alles andere als selbstverständlich, da zahlreiche Staaten entlang ethnischer und religiöser Linien gespalten sind.

„Black Panther“ ebnete „The Woman King“ den Weg (© Walt Disney)
„Black Panther“ ebnete „The Woman King“ den Weg (© Walt Disney)

Das Amazonen-Monument

Doch nicht nur „The Woman King“ ist eine Hommage an die Agojie. Zum 62. Unabhängigkeitstag von Benin weihte der Staatspräsident Patrice Talon am 1. August eine 30 Meter hohe Statue ein, die ebenfalls eine Amazone zeigt. Die Figur steht in Cotonou an prominenter Stelle schräg gegenüber dem Präsidentenpalast. Die Amazone repräsentiere, so Talon, Mut, Tapferkeit und Stärke sowie die Bereitschaft zur Verteidigung des Landes.

Trotz des für Hollywood ungewohnten Sujets bedient „The Woman King“ viele Klischees. Die Erzählung nimmt keine überraschenden Wendungen, die Einteilung in Gut und Böse ist nach wenigen Minuten klar und wird nicht durchbrochen. In den Vorstellungen in Cotonou erhält der Film dennoch immer wieder Szenenapplaus. Das liegt vor allem an der Darstellung von Viola Davis und daran, dass es die hoch verehrten Kriegerinnen weltweit auf die Leinwände geschafft haben.

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