© IMAGO/Allstar (aus "Schöne Isabella")

Sizilien, die Mafia & Sophia Loren

Dienstag, 15.11.2022

Erinnerungen an den italienischen Regisseur Francesco Rosi, der am 15. November 100 Jahre alt geworden wäre und in seinen Filmen fast immer undurchsichtigen Machtverhältnissen auf der Spur war.

Diskussion

„Cine-inchiesta“, Kino-Ermittlung, nannte Francesco Rosi den Stil seiner frühen Filme, in denen er sich an Sizilien, der Mafia und den schwer durchschaubaren Machtverhältnissen in Italien abarbeitete. In späteren Jahren hat er sich vom dokumentarischen Gestus verabschiedet und das Politische mehr in der Poesie entdeckt, unter anderem auch mit Sophia Loren. Eine Hommage zum 100. Geburtstag.


Ein alter Mann (Charles Vanel) streift durch die Katakomben des Kapuzinerklosters in Palermo und betrachtet die Mumien, die in geistliche Gewänder gehüllt sind. Das runzelige Gesicht des Mannes und die geschrumpften Schädel der Toten scheinen sich fast zu unterhalten. Dann tritt der Mann hinaus ins Freie; die grelle Sonne blendet ihn. Er geht zur Klostermauer hinüber, von der weißer Jasmin herabhängt. Als er eine der Blüten abbrechen will, um daran zu riechen, wird er von einem unsichtbaren Heckenschützen erschossen.

So beginnt „Die Macht und ihr Preis“ (1976). Es ist vielleicht die grausamste Szene im Werk von Francesco Rosi, dem großen Dokumentaristen des italienischen Kinos. Der Film beschreibt den Versuch eines Staatsstreichs der Rechten, dem ein von Lino Ventura gespielter Inspektor auf die Spur kommt und der dafür mit dem Leben bezahlen muss. Der politische Thriller beruht auf dem Roman „Il contesto“ von Leonardo Sciascia und spielt in einem nicht näher definierten Land, das jedoch als das gegenwärtige Italien kenntlich ist. Hier verflechten sich legale und illegale Macht zu einem Komplott, bei dem sich sogar die äußere Rechte mit der kompromissbereiten Linken verbündet, während die wahren Machthaber nicht auszumachen sind. Eine deprimierende Konstellation, die einen auch als Zuschauer desillusioniert zurücklässt.

Charles Vanel in "Die Macht und ihr Preis" (© IMAGO / Ronald Grant)
Charles Vanel in "Die Macht und ihr Preis" (© IMAGO / Ronald Grant)

So schlicht wie anrührend

Ein anderer Film, eine andere Szene. Ein alter Bauer, wieder dargestellt von Charles Vanel, ruft seine drei Söhne, die verstreut in Italien leben, in die Heimat zurück, um ihre soeben verstorbene Mutter zu beerdigen. Einer von ihnen bringt seine kleine Tochter Marta mit, die in der quirligen Großstadt Turin zur Welt kam und noch nie einen Bauernhof gesehen hat. Wie sie die Tauben auf dem Vorplatz füttert, die Hühner im Stall vor sich hertreibt und sich dann auf dem Speicher das Kleid auszieht, um sich in einem Haufen Korn einzugraben, das ist ebenso schlicht wie anrührend gefilmt. Mit dem Großvater verabredet sie, noch mehr über den Bauernhof zu erfahren; vielleicht darf sie auch – ein Wunschtraum ihres Vaters deutet darauf hin – noch einige Tage länger bleiben.


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Ein Mädchen entdeckt das Leben, während ihre Großmutter tot im Nebenzimmer liegt: Der poetischen Kraft dieser Szene kann man sich kaum entziehen. Sie stammt aus „Drei Brüder“, den Francesco Rosi 1981 inszenierte. Der Film beruht lose auf der Erzählung „Der dritte Sohn“ von Andrej Platonovitsch Platonow und beschreibt die Beziehungen dreier höchst unterschiedlicher, ja gegensätzlicher Brüder, die sich nach langer Zeit am Sterbebett ihrer Mutter wiedersehen.

Die Rückkehr der Brüder in den Süden setzt Rosi kontrapunktisch zu der politischen Zerrissenheit des Landes. Sie bringen ihre Probleme mit in die festgefügte Ordnung der bäuerlichen Heimat und reflektieren in Alb-, Wunsch- und Tagträumen über ihr Leben. Rosi spricht aber auch andere zentrale Probleme Italiens an: Terrorismus, Katholizismus und Kommunismus.

„Drei Brüder“ ist mein Lieblingsfilm von Francesco Rosi, weil auch ich um die Unterschiedlichkeit von Brüdern weiß, um ihre Konkurrenz und ihre Nähe. Noch besser gefällt mir aber, wie Charles Vanel die Brücke schlägt zwischen dem kühlen, pessimistischen und illusionslosen „Die Macht und ihr Preis“ und dem poetischen, dem Leben zugewandten und zeitkritischen „Drei Brüder“. Das sind die Pole, die das Werk Rosis umspannen.

Francesco Rosi im Alter von rund 90 Jahren 2012 beim Filmfestival in Venedig, wo er mit einem "Goldenen Löwen" für sein Lebenswerk geehrt wurde (IMAGO / Xinhua)
Francesco Rosi 2012 beim Filmfestival in Venedig, wo er mit einem "Goldenen Löwen" für sein Lebenswerk geehrt wurde (© IMAGO / Xinhua)

Die Verhältnisse der Macht

Ende der 1950er-Jahre debütierten in Italien eine Reihe von Regisseuren, die in der Tradition des Neorealismus die zeitgenössische Gesellschaft aufmerksam beobachteten und die Ereignisse der Nachkriegszeit realistisch dokumentierten. Sie setzten sich aber auch mit den Problemen des Mezzogiorno, des italienischen Südens auseinander und analysierten die Machtverhältnisse, beschäftigten sich aber auch mit der Mafia.

Zu diesen Realisten des italienischen Kinos zählte neben Elio Petri, Damiano Damiani und einigen anderen auch Francesco Rosi. Der am 15. November 1922 in Neapel geborene Rosi ging als Regieassistent bei Luchino Visconti, Michelangelo Antonioni, Mario Monicelli und Luciano Emmer in die Lehre, bevor er erst 1958 im Alter von 36 Jahren seinen ersten Film drehte: „Die Herausforderung“, worin es um verbrecherische Methoden neapolitanischer Gemüsegroßhändler geht. „Auf St. Pauli ist der Teufel los“ (1959) erzählte dann vom Scheitern italienischer Ganoven, die am bundesdeutschen Wirtschaftswunder verdienen wollen.

1962 folgte „Wer erschoss Salvatore G.?“, „das noch immer unübertroffene Meisterwerk von Rosi und mit Sicherheit eines der schönsten Resultate des italienischen Kinos der Nachkriegszeit“, wie der italienische Filmhistoriker Lino Micciché den Film bejubelte. Ausgehend vom Tod Salvatore Giulianos wird, einer Recherche gleich, das Leben des sizilianischen Banditen erforscht. In 15 nicht chronologisch geordneten Sequenzen skizziert Rosi Giulianos Bandenkrieg zwischen 1945 und 1950 gegen Carabinieri, Gewerkschaften und die kommunistische Volkspartei. Die offene Form des Films bedarf keiner Rechtfertigung. Sie entspricht den ungeklärten Fakten.

Francesco Rosi 1963 bei Dreharbeiten zu "Hände über der Stadt" (© IMAGO / Ronald Grant)
Francesco Rosi 1963 bei Dreharbeiten zu "Hände über der Stadt" (© IMAGO / Ronald Grant)

Rosi beleuchtet die Hintergründe und Ursprünge der sizilianischen Verhältnisse sorgfältig, wobei er sich an den Tatsachen orientiert, ohne einen Dokumentarfilm zu drehen. Er bevorzugte Laiendarsteller, denen er ein improvisiertes und spontanes Schauspiel entlockte, um so den dokumentarischen Charakter des Films noch zu erhöhen. Kennzeichnend für seinen Stil sind Totalen, lange Brennweiten und Panoramaschwenks sowie ein starker Kontrast von Hell zu Dunkel.


Wie böse die Bösen sind

Die Mafia und Sizilien werden Rosi bis zum Ende seiner Karriere nicht loslassen, wie „Palermo vergessen“ von 1989 beweist. „Bei aller Empörung und Abscheu war Rosi stets fasziniert, mit welcher Gründlichkeit die Bösen böse sind“, schreibt Gerhard Midding in einem Nachruf.

Hände über der Stadt“ (1963), der bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem „Goldenen Löwen“ ausgezeichnet wurde, beschreibt die Machenschaften eines Bauunternehmers in Neapel. Um ungestört mit seinem Wohnraum spekulieren zu können, wechselt er sogar die Partei und verrät somit seine politische Überzeugung. Die klare und direkte Denunziation teilte Rosi vornehmlich über den Dialog mit: Erklärungen, Pressekonferenzen und Redeschlachten machen einen Großteil des Films aus. Auch hier verdeutlicht der nüchterne, fast dokumentarische Realismus, wie sehr Rosi im Neorealismus verwurzelt ist. Für den Film hatte er, wie so oft, ausführlich recherchiert und Berge von Material und Dokumenten zusammengetragen. Bei der Verleihung des „Goldenen Löwen“ wurde Rosi ausgepfiffen. Erst sein Ausruf „Das ist der Beweis, dass Italien eine Demokratie ist, wir können diskutieren!“ beruhigte die Gemüter. Diese Anekdote ist ein schönes Beispiel dafür, wie sehr Rosis Filme Debatten auslösen konnten und wie viele Gegner er hatte. Einmal musst er sogar einen Prozess wegen „Verleumdung der Ordnungsmacht“ über sich ergehen lassen.

"Hände über der Stadt" (© IMAGO / Allstar)
"Hände über der Stadt" (© IMAGO / Allstar)

Sein erster Farbfilm „Augenblick der Wahrheit“ (1965) erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der seinen bescheidenen Lebensverhältnissen entrinnen und sich ein besseres Leben ermöglichen will. Darum versucht er sich als Stierkämpfer. Ein Film, der an „Rocco und seine Brüder“ von Luchino Visconti erinnert. In beiden Filmen erleben die Protagonisten, Miguel und Simone, der Boxer, nur kurze Augenblicke des Erfolges; sie geraten auf den falschen Weg und ruinieren sich. Erneut drehte Rosi nur mit Laiendarstellern.


Es ging aber auch ganz leichthändig

Ganz anders hingegen „Schöne Isabella“ (1967), ein unterhaltsames Märchen mit Omar Sharif und Sophia Loren und der Beweis, dass Rosi auch leichtfüßig inszenieren konnte. Das hatte er bei Monicelli gelernt. Die Liebesgeschichte entstand nach der Märchensammlung „Pentamerone“ von Giambattista Basile und wird, ihrer Gefälligkeit wegen, häufig unterschätzt. Rosis Handschrift ist trotz aller Kompromisse auch hier zu erkennen, etwa in den Szenen des bäuerlichen Lebens. Sophia Loren war selten schöner.

Auch „Carmen“ (1984), Rosis Verfilmung der berühmten Oper von Georges Bizet, schlägt in diese Kerbe, weil sie so farbenprächtig und lebendig geraten ist. Rosi orientierte sich dabei an der Vorlage und durchbrach die Sehgewohnheiten, weil er an spanischen Originalschauplätzen drehte. So konnte er Dinge zeigen, die im Opernhaus nicht zu sehen sind. Das Ergebnis: eine gelungene Kreuzung von Oper und Film.

Der unpathetische und nüchterne Antikriegsfilm „Bataillon der Verlorenen“ (1970) beschäftigt sich mit dem Verhältnis zwischen Autorität und Individuum, Macht und Ohnmacht. Der Film geht auf den autobiografischen Roman „Un anno sull’altopiano“ des sardischen Schriftstellers Emilio Lussu zurück und spielt während des österreichischen Alpenkriegs von 1916. Doch nicht die österreichische Armee, sondern die eigenen Kommandeure, die unnütze Gemetzel befehlen, sind der eigentliche Feind.

Francesco Rosi in den 1970ern (© IMAGO / ZUMA Wire)
Francesco Rosi in den 1970er-Jahren (© IMAGO / ZUMA Wire)

Mehr als fürs Kriegsgeschehen interessierte sich Rosi für diejenigen, die den Krieg führen, für das Miteinander innerhalb der Truppe. „Bataillion der Verlorenen“ wurde aufwändig und teuer produziert, was vor allem in den Massenszenen deutlich wird. Trotzdem ist der Film kein Spektakel – Rosi vermeidet Verklärungen und übertriebenes Mitleid.


Der Regisseur interveniert höchstpersönlich

Der Fall Mattei“, 1972 mit der „Goldenen Palme“ von Cannes ausgezeichnet, beschreibt Leben und Persönlichkeit des berühmten italienischen Wirtschaftsführers Enrico Mattei und geht ähnlich wie „Wer erschoss Salvatore G.?“ vom Tod des Protagonisten aus. Rosi bricht die Chronologie auf, er benützt Rückblenden und sogar Rückblenden innerhalb der Rückblenden. Der Film ist nicht nur die Biografie eines außergewöhnlichen Mannes; Rosi schildert vielmehr die Beziehung zwischen wirtschaftlicher und politischer Macht in der Nachkriegszeit, was vor allem an den Verflechtungen des staatlichen Erdölverbandes ENI mit den Regierungsparteien und der Opposition deutlich wird.

Die Ursache des Flugzeugabsturzes, bei dem Mattei ums Leben kam, bleibt unklar. Rosi warf viele Fragen auf, die nicht beantwortet wurden. Der Film setzt sich aus mehreren Ebenen zusammen: Fiktionale Sequenzen werden durch Rekonstruktionen ergänzt; Interviews, Nachrichten und Gesprächsrunden kontrastieren mit Archivmaterial. Schließlich interveniert der Regisseur selbst mit weiteren Fragen und Gedanken.

Rosi entging dabei nicht der Tendenz zur Mythologisierung der Figur von Enrico Mattei. Er ist in jeder Szene zu sehen und ähnlich wie Orson Welles in „Citizen Kane“ (1940) eine beindruckende und machtvolle Persönlichkeit. Sein Handeln wird zu keinem Zeitpunkt infrage gestellt.

Nach „Der Fall Mattei“ untersuchte Rosi mit „Lucky Luciano“ (1973) erneut das Leben eines machtvollen Mannes, hier das des titelgebenden Mafiabosses. Besonders interessiert er sich dabei für die Mafia als internationales Problem. Die Beziehungen zwischen legaler und illegaler Macht sowie die Wege, wie sie sich miteinander verbinden, ein beständiges Thema in seinem Werk, griff Rosi ebenfalls wieder auf.


Das Publikum sollte selbst urteilen

Er selbst bezeichnete sein Filmschaffen einmal als „dokumentiertes Kino“ und räumte im Gespräch mit Jean Gili ein: „Die Realität gibt mir die Gelegenheit zu einer Emotion, die ich kritisch untersuche und in Form eines Schauspiels neu erfinde, um der ideologischen, sozialen und moralischen Bedeutung auf die Spur zu kommen, die sie verbirgt. Dabei nehme ich nicht die Position eines Untersuchungsrichters ein. An meiner Analyse soll der Zuschauer teilnehmen, denn er begreift ebenso gut oder noch besser als ich.“

Mit „Christus kam nur bis Eboli“ (1979) wandte sich Rosi, wie später dann auch in „Drei Brüder“, den Problemen des Mezzogiorno zu. Der Film beruht auf dem Erlebnisbericht des Dissidenten Carlo Levi, der 1935 für zwei Jahre in ein einsames Dorf in Süditalien verbannt wurde. Dort sieht sich Levi als norditalienischer Intellektueller ohne Kontakte oder Konversation mit der archaischen Existenz süditalienischer Bauern konfrontiert.

Es muss für Rosi schwierig gewesen sein, das Buch für die Leinwand zu adaptieren. Viele innere Monologe über das Leben im Süden konnte Rosi so nicht berücksichtigen. Trotzdem ist der Film aus Levis Perspektive erzählt und gibt das Buch getreu wieder. Rosi unterlag dabei nicht der Versuchung, den Erzählfluss zu dramatisieren. Beeindruckend und einfühlsam zeichnet er die Porträts der einzelnen Figuren, detailfreudig schildert er das bäuerliche Leben.

Mit „Christus kam nur bis Eboli“ wandte sich Rosi von der Gewalt- und Machtdenunziation in der Gesellschaft ab und persönlicheren Themen zu. Dies wird auch im Stil deutlich: Die Erzählung ist im Gegensatz zu den verästelten Montagen der vorangegangenen Filme langsam und gemächlich; die Kamera ist ruhig, die Einstellungen sind lang. Der von der RAI produzierte Film erschien in einer Kinoversion und als längere, vierteilige Fernsehserie. In Deutschland war er in zwei Teilen von insgesamt drei Stunden Dauer zu sehen.

"Chronik eines angekündigten Todes" (© IMAGO / United Archives)
"Chronik eines angekündigten Todes" (© IMAGO / United Archives)

1986 verfilmte Rosi „Chronik eines angekündigten Todes“, das berühmte Buch von Gabriel García Márquez. „Die Atempause“ nach dem autobiografischen Roman von Primo Levi war 1997 sein letzter Film. Er hatte das Gefühl, im italienischen Kino nicht mehr zuhause zu sein, obwohl es seine kritische Stimme durchaus noch gebraucht hätte. Rosi wandte sich dem Theater zu und inszenierte am liebsten volkstümliche Komödien des Neapolitaners Eduardo de Filippo. So konnte er noch einmal seine leichte Seite unter Beweis stellen. Am 10. Januar 2015 verstarb Francesco Rosi in Rom. Am 15. November 2022 wäre er 100 Jahre alt geworden.

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