© Duisburger Filmwoche 2022 ("Vlog #8998 | Korean Karottenkuchen & Our Makeup Routine")

Duisburger Filmwoche - Echte Verortungen

Dienstag, 22.11.2022

Ein Bericht über die 46. Duisburger Filmwoche 2022 und ihre vielversprechenden Versuche, sich neu aufzustellen

Diskussion

Die 46. Duisburger Filmwoche tastete sich mit unaufgeregter Konsequenz in eine neue Ära vor, die strukturelle Änderungen mit sich bringt und das Dokfestival deutlich stärker in der Stadt verankert. Unter dem Festivalmotto „Im Werden begriffen“ rückten erstmals auch die Filmwoche und das doxs!-Festival näher zusammen.


Wer mit dem Zug nach Duisburg reist, wird zwischen dem Gebäudekomplex Mercator One und dem Portsmouthplatz von einem Schriftzug begrüßt. Wo 2021 noch die großen blauen Stahlbuchstaben zu zweit auf dem Bahnhofsvorplatz warteten, von einer schüchternen Raute begleitet, die die Sinnbeziehung der beiden nicht stören wollte, stehen nun mehrere Zeichen in einer Reihe beisammen. Aus dem Paar ist eine Stadt geworden, aus dem „#DU“ ein „#DUISBURG“; eine kleine Sitzbank flankiert die Skulptur und vervollständigt weiter, um letztlich den Slogan der aktuellen Stadtmarketing-Kampagne zu bilden und Schlagkraft zu entfalten: „#DUISBURGISTECHT“.

Eine Ankunft mit Ansage, die dem Besuch dieser 46. Duisburger Filmwoche im Stadtbild vorausgeht – und zugleich ein schmunzelig-schöner Moment für die Besucherin eines Festivals, das sich seit jeher des Dokumentarischen und seines Verhältnisses zur Welt annimmt, und bei dem zugleich die kontinuierliche Mythisierung als Ort des (Streit-)Gesprächs mitläuft.


„Duisburg“ in Duisburg

Beides funktioniert nach gewissen Spielregeln. Die Festivalbeiträge sind in Duisburg nicht parallel, sondern hintereinander programmiert. Nach der jeweiligen Vorführung gibt es im gegenüberliegenden „Diskussionssaal“ mal mehr, mal weniger Diskussionen mit den Filmemachenden. Moderiert werden diese Gespräche, die stets auch protokolliert werden, von den Mitgliedern der Auswahlkommission, die zuweilen durchaus erklären müssen, wieso sie den gezeigten Film überhaupt eingeladen haben.

Festivalplakat Duisburger Filmwoche 2022
Festivalplakat Duisburger Filmwoche 2022

Wenn Duisburg echt ist, dann gehört zur Echtheit auch dazu, dass es sich auf der Filmwoche nicht wirklich mit dem Rauchen aufhören lässt, so sehr strukturieren Zigaretten dieses Festival und die Gespräche zwischen denen, die sich am Dellplatz endlich wiedersehen, und denen, die sich im nächsten Jahr dort wiedersehen wollen. Ein höchst familiärer Umgang prägt diese Filmwochen-Gemeinschaft, die aber durchlässig bleibt, wenn flott neue Bekanntschaften vor dem Kinosaal geschlossen werden, weil im Sprechen zwei Haltungen zu einem Film zueinander finden wollen. Das eine Wort „Duisburg“ reicht aus, um ein Festival und ein spezifisches Gefühl zu beschreiben, das zwischen cinephiler Neugier und dem Drang zur präzisen Argumentation changiert; und doch benennt dieses Wort ja zunächst eine Stadt, in der sich all das ereignet. Wer von „Duisburg“ spricht, kann von Duisburg nicht schweigen.


Alte und neue Setzungen

Hatte Alexander Scholz das Festival 2021 noch interimsweise geleitet, wurde er in diesem Jahr zum neuen Leiter ernannt. 2023 soll sein Vertrag aber wieder enden. Das Ablaufdatum gilt auch für die anderen Stellen, die eigens von der Stadt geschaffen wurden. Das ist mehr als schade. Viele Daumen müssen gedrückt werden, damit es sich bei der Befristung nicht um eine vertane Chance handelt, langfristig ein Filmfestival mit überregionaler Wirkung zu fördern und die kritischen Denkräume, die es eröffnet, als unabdingbar anzuerkennen.

Was auf der Filmwoche an neuer, struktureller Ausrichtung zu beobachten war, ist in der konsequenten Unaufgeregtheit, mit der hier Setzungen vorgenommen werden, ziemlich spektakulär. Vier Punkte lassen sich hervorheben.

Erstens: Kuratierte Beiträge aus der 45-jährigen Geschichte des Bestehens werden online zur Verfügung gestellt. So haben Mitglieder der Duisburger Stadtbibliothek und weiterer Bibliotheken in Nordrhein-Westfalen kostenfreien Zugang zu den Filmen über die Video-On-Demand-Plattform filmfriend, womit Dokumentarfilme ein deutlich größeres und jüngeres Publikum abseits des Kinos als Institution finden.

Zweitens: Die Filmwoche veranstaltet über den Festivalzeitraum hinaus und in Kooperation mit der Duisburger Volkshochschule Vorführungen von Filmen mit expliziten Bezügen zu den Geschichten der Stadt, etwa „Erinnerung an Rheinhausen“ (1989) von Klaus Helle und Rainer Komers. Ein Film, der sich am Beispiele der Arbeiter:innen-Proteste gegen die Stilllegung des Krupp-Stahlwerks in Duisburg-Rheinhausen mit dem längsten Arbeitskampf der deutschen Nachkriegsgeschichte und seinen Folgen beschäftigt. Auch darin äußert sich das Streben nach einem Publikum mit einem anderen Blick auf das, was in Filmen erkennbar wird.

Drittens: Die Filmwoche engagiert sich stärker in die Netzwerke vor Ort und unterstützt die Arbeit anderer, indem sie das Festival als eine Plattform für Öffentlichkeit und Solidarisierung bereitstellt. Beobachten ließ sich das insbesondere hinsichtlich des Kurzfilms „Dunkelfeld“ (2020), der während des Festivals in der Cubus Kunsthalle in Dauerschleife lief. Der Film, den Ole-Kristian Heyer, Patrick Lohse und Marian Mayland im Auftrag der Initiative „Duisburg 1984“ gedreht haben, inszeniert mit Hilfe von Fernsehapparaten und Found Footage ein Gegenarchiv. Er versammelt Material, das mit dem Brandanschlag in der Wannheimer Straße 301 in Beziehung steht. Sieben Menschen starben dort in der Nacht vom 26. auf den 27. August 1984: Döndü Satır, Zeliha Turhan, Rasim Turhan, Songül Satır, Ümit Satır, Çiğdem Satır und Tarık Turhan.

"Dunkelfeld"-Installation (Dieter Betzinger)
"Dunkelfeld"-Installation (© Dieter Betzinger)

Dass die Tat rassistisch motiviert gewesen sein könnte – wofür es definitiv Indizien gibt, wie sowohl die Initiative als auch der Film herausarbeiten –, schlossen Polizei und Staatsanwaltschaft damals aus. Eine Gedenktafel fehlt bislang ebenso wie die kollektive Erinnerung. Zum Film und seinen Kontexten fand auf der Filmwoche ein Gespräch statt, unter anderem mit Aynur Satır Akça, die den Brand schwerverletzt durch einen Sprung aus dem Fenster überlebte. Sie erhielt Raum, um über ihre Wut und ihre Wünsche zu sprechen; ein Dialog über Wissen und Nicht-Wissen, in dem sich die Geschichten über dieses Land und diese Stadt schichten.

Viertens: Die Filmwoche und das doxs!-Festival, das sich an Kinder und Jugendliche richtet, rücken zusammen. Beim diesjährigen Festival traten sie sogar gemeinsam unter dem Motto „Im Werden begriffen“ an und haben einen Beitrag zusammen kuratiert, „Vlog #8998 | Korean Karottenkuchen & Our Makeup Routine“ (2021) von Ji Su Kang-Gatto. In diesem YouTube-Video-Blog bleiben Shoppingtrips, Schminkvorgänge und Essen erkennbare Motive. Kang-Gatto subvertiert sie jedoch durch autobiografische Erzählungen von rassistischen und sexistischen Begegnungen aus dem Alltag. Ihre Arbeit ist an Übersetzungsprozessen interessiert, was sich an der Mehrsprachigkeit der Untertitel und den Momenten zeigt, in denen die Politik einer Lidfalte erklärt wird.

Während die Regisseurin in Deutschland aufgewachsen ist, hat ihre Schwester Ji Hoe den Großteil ihres Lebens in Korea verbracht. So ist der Film auch humorvolles Zeugnis zweier Schwestern, die versuchen, in sprachlicher wie kultureller Hinsicht zusammenzufinden, bei Teigtaschen, Bibimbap oder einem Stückchen Torte.


Wie die Stühle stehen

Der gemeinsame Programmpunkt von doxs! und der Duisburger Filmwoche verweist gleichermaßen auf Kontinuitäten wie Verschiebungen, die der Auftritt dokumentarischer Formen in den zeitgenössischen digitalen Kulturen mit sich bringt, und wer sie wie unter welchen Bedingungen wahrnimmt.

Es ließe sich einwenden, dass es die aufgelisteten Bestrebungen sicher auch schon vorher gab. Auf den ersten Blick stimmt das wohl auch. Dabei wird aber unterschlagen, wie radikal es sein kann, wenn sich ein Festival die eigene Geschichte zur Aufgabe macht und die darin liegenden Fäden nicht nur erkennt, sondern sie aufnimmt und weiterspinnt. In den Versuchen der aktuellen Filmwoche, das Festival stärker an die Stadt zurückzubinden und breiter über Filmvermittlung nachzudenken, liegen weiterführende Fragen. Es wird spannend zu beobachten sein, welche Räume zukünftig gestaltet werden, damit mehr Menschen (im Falle von „Vlog #8998 | Korean Karottenkuchen & Our Makeup Routine etwa auch Kinder und Jugendliche) ein Mitsprechen ermöglicht wird; und welche schlauen Fragen gestellt werden müssen, um weitere schlaue Fragen zu provozieren.

Im Kern wird damit von Scholz und seinem Team nichts weniger als die Grundbedingung der Duisburger Filmwoche itself untersucht, bei der es möglicherweise nicht mehr nur reicht, Stühle bereitzustellen, damit sich die Menschen irgendwie miteinander austauschen können. Was jedoch nicht bedeutet, dass sich das Festival selbst abschafft. Aber es stellt eben auf die Probe, wer dieses „Wir“ ist, das sprechen kann und was die größeren Rahmungen sind, in denen Welt hörbar wird. Kurzum: wie die Stühle stehen.


Zuhören, modellieren, projizieren

Einige der 24 Filme, die in diesem Jahr ausgewählt wurden, bieten weitere Verbindungen zur Stadtgemeinschaft an, etwa „Unrecht und Widerstand“ (2022) von Peter Nestler, der mit klarer Dramaturgie, Empathie und einer Geste des Zuhörens Menschen zu Wort kommen lässt, die von Antiziganismus betroffen sind oder diese spezielle Diskriminierungsform wissenschaftlich erforschen. Nestler konzentriert sich dabei auf Romani Rose als eine der prominentesten Figuren innerhalb der Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma. 2018 trat Rose dem Duisburger Oberbürgermeister Sören Link und dessen rassistischen Äußerungen entgegen, worauf Scholz beim Gespräch nach dem Screening von Nestlers Film hinwies.

"Unrecht und Widerstand" von Peter Nestler (ZDF/Rainer Komers)
"Unrecht und Widerstand" von Peter Nestler (© ZDF/Rainer Komers)

„Nakskov 1:50“ (2022) von Matilda Mester verfolgt einen anderen Ansatz. Die Regisseurin nimmt die Miniaturmodelle einer Werft und einer Zuckerfabrik in den Blick, die von pensionierten Arbeitern angefertigt werden. Auf der Basis dieser Modelle, die weniger dem Entwerfen von Wirklichkeit, sondern eher einer nostalgischen Konservierung dienen, wagt Mester das Porträt einer dänischen Stadt, ihrer proletarischen Bewegungen und bemerkenswerten kommunistischen Bestrebungen.

Doch so sehr der Film von (männlicher) Zusammenarbeit und (männlichem) Zusammenhalt erzählen will, produziert er im Grunde genommen auf unterschiedlichen Ebenen lauter Konkurrenzverhältnisse: zwischen Bild und Musik, zwischen den Qualitäten der einzelnen Aufnahmen, zwischen dem, was die ehemaligen Arbeiter erzählen, und dem, wovon die Regisseurin berichten darf. Hier wird nicht vor der Kamera nachgefragt oder wie bei Nestler der Stärke der Protagonist:innen und ihrer Zeugnisse vertraut, sondern per Voice Over ergänzt, um erkannte Leerstellen zu schließen.

Das könnte in dem knappen, intern bleibenden Sprechen der bastelnden Rentner begründet sein. Doch in diesem Umgang liegt ein massives Problem des Films, der mit diesem Verfahren seine eigenen (Wissens-)Lücken nur noch deutlicher macht, sich für die Arbeiter ausschließlich als Material vor der Kamera interessiert, nicht als Menschen, die auch mal auf dem Sofa liegen wollen und nicht permanent schöpferisch oder politisch tätig sind.

Dennoch ist der Modus des Gegeneinanders von Anekdoten und ästhetischen Mitteln in „Nakskov 1:50“ insofern ertragreich, als der Film das Modell als eine durchaus nicht mehr akkurate, ja hinfällige Ordnung der Welt vorführt. Schmerzhaft bliebt diese Erkenntnis trotzdem, und gewaltvoll ist das allemal für diejenigen, denen die Ohren der Geschichtsbücher verwehrt bleiben.


Unerhörtes zum Klingen bringen

Benedikt“ (2021) von Katrin Memmer ist ein merkwürdiger, spröder Beitrag, denn er bringt Aggregatzustände auf die Leinwand, Stoffe, die mal gasförmig (Dampf, Nebel, Raureif), mal flüssig (Wasser, Honig, Blut) sind. Feste Materie ist vor allem der Hof, das Heu, die Schafe, das Bienenvolk, das Auto, der umliegende Wald, durch den sich der Körper eines alleinstehenden Landwirts bewegt. Die Kamera begleitet ihn über die Jahreszeiten hinweg bei seinen Tätigkeiten, denen er mit brutaler Abgeklärtheit oder zärtlicher Genauigkeit nachgeht. Es bräuchte einen eigenen Text, um dem Männlichkeitsbild nachzuspüren, das Memmer entwirft.

"Benedikt" von Katrin Memmer (Katrin Memmer)
"Benedikt" von Katrin Memmer (© Katrin Memmer)

In „Benedikt“ übersetzt sie sinnliche Erfahrungen, begeistert sich für den größtenteils stumm bleibenden Mann und seinen romantisch-selbstgenügsamen Lifestyle in der Einöde. Ein Handy legt offen, dass der Protagonist nicht unbedingt einsam ist. Da gibt es Anrufer:innen, die Freund:innen sein könnten. Sie werden aber ignoriert, wie es auch Benedikt tut, so als würde ihn kein Filmteam beim Schlachten aufnehmen. Das ist eine künstliche Setzung, eine Projektion, die dennoch eine Wahrhaftigkeit in sich trägt, wenn sie die Dinge vergrößert und zum Klingen bringt, die abseits der Sprache liegen; wie eine Komposition, die sich schon aufbaut, ehe die Finger auf die Tasten tippen.

Kommentar verfassen

Kommentieren