© UNA NOCHE LA PELICULA A.I.E (Noémie Merlant, Nahuel Pérez Biscayart)

Trauma und Erinnerung - Isaki Lacuesta über „Frieden, Liebe und Death Metal“

Donnerstag, 22.12.2022 15:55

Interview mit dem spanischen Regisseur Isaki Lacuesta über seinen Film „Frieden, Liebe und Death Metal“ („Un año, una noche“)

Diskussion

Am 13. November 2015 ermordeten islamistische Attentäter 130 Menschen in Paris, 80 von ihnen im Musikclub Bataclan während eines Konzertes der US-Band "Eagle of Death Metal". Nach dem französischen Thriller „November“ und dem auf einer authentischen Geschichte beruhenden deutschen Film „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ setzt sich auch der spanische Film „Frieden, Liebe und Death Metal („Un año, una noche“) von Isaki Lacuesta mit der Verarbeitung dieser traumatischen Erlebnisse auseinander. Lacuesta ist einer der vielseitigsten und experimentierfreudigsten spanischen Gegenwartsregisseure. Realismus verbindet sich mit einem starken Willen zur stilistischen Überhöhung. Sein jüngster Film beruht auf dem 2018 erschienenen Buch “Paz, amor y Death metal“ des Bataclan-Überlebenden Ramón González und startet am 15. Dezember in den deutschen Kinos.


„Frieden, Liebe und Death Metal“ handelt von der Erinnerung und der Verarbeitung traumatischer Erlebnisse. Wie kamen Sie zu dem Thema?

Isaki Lacuesta: Ich arbeite seit zwölf Jahren an einem Projekt über ETA und darüber, wie das Ende des Terrorismus die baskische Gesellschaft verändert hat, und ich habe nicht geschafft es irgendwie umzusetzen. Aber gelernt habe ich dabei, dass es keine Einheitspsychologie des Opfers gibt. Jeder Mensch ist eine Welt für sich und jeder geht anders mit den Erinnerungen um. Ramóns Buch habe ich dann von dem Produzent Ramón Campos bekommen. Er war selbst in der Nacht der Attentate in Paris und hatte sich schon sehr gut in die Materie eingearbeitet und auch Kontakt zu Ramón Gonzales und seiner Freundin Celine aufgenommen. Er stellte mich den beiden vor, und da spürte ich, dass ich diesen Film machen musste.


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Was hat sie an dem Buch fasziniert?

Lacuesta: Ramóns Erinnerungen geben eine ganz andere Sicht auf dieses Attentat, als ich es über die Medienberichte mitbekommen hatte. Bei einem solchen Ereignis geht es oft nur noch um Zahlen von Toten und Verletzten. Was die Opfer berichten, passt in die Nachrichtensendungen nicht mehr rein. Ramón erzählt sehr eindringlich und detailliert so viele Einzelheiten der Attentate, und nach der Lektüre konnte ich sowohl Ramón als auch Céline verstehen. Ich habe selbst so etwas in mir drin, von Ramóns Art zu denken: dass man das Leben bewältigen muss, dass man sich aller Vorkommnisse noch einmal vergewissern und sie auch verarbeiten muss. Aber ein anderer Teil in mir denkt wie Céline: einfach versuchen weiter zu leben, als wäre nichts geschehen, als hätte sich nichts verändert. Sie bewältigt den Schock, indem sie das Ereignis einfach negiert, sich und ihre Emotionen ausklammert, indem sie anderen hilft. Sie konzentriert sich auf das Leiden der anderen, um Distanz zum eigenen Leiden zu entwickeln. Ich wollte beiden Lebensentwürfen folgen, Ramón und Célíne, zwei Personen, die das gleiche Attentat auf so unterschiedliche Weise verarbeiten, dabei fast zu Gegnern werden und dann aber doch wieder so verständnisvoll auf den anderen eingehen können.

Isaki Lacuesta mit seinen Hauptdarstellern Nahuel Pérez Biscayart und Noémie Merlant bei der Berlinale-Premiere von "Liebe, Frieden und Death Metal" (© Studiocanal GmbH / Sebastian Gabsch)
Isaki Lacuesta (Mitte) mit Nahuel Pérez Biscayart und Noémie Merlant (© Studiocanal)

Was passiert mit der Erinnerung von Ramón und Céline?

Lacuesta: Die Erinnerung wandelt sich, sie passt sich an, und der posttraumatische Stress beschleunigt, dass sie verschwimmt. Oft merkt man im Gespräch mit Menschen, die Schreckliches erlebt haben, wie Ursache und Wirkung im Kopf völlig verdreht werden. Auch bei der Recherche zu diesem Film hat uns die Vielzahl falscher Erinnerungen bei den Opfern überrascht. Im Film streiten sich Ramón und Celine über eine bestimme Treppe, ob sie gerade war oder nicht. Das haben wir so auch in Wirklichkeit erlebt. Die Erinnerung ist etwas Seltsames: Ramón sagte, er habe die Leiche seines Freundes Carlos im Bataclan gesehen. Andere erinnern sich daran, dass Granaten in den Saal geschleudert wurden. Oder dass unter den Opfern ein Rabbi gewesen sei. Alles das ist nicht wahr. Christophe Malmy, der Leiter der BRI, der Antiterroreinheit der Polizei, berichtete, dass viele seiner Einheit immer noch von dem, was im Bataclan geschehen ist, traumatisiert sind. Viele von ihnen waren gar nicht im Gebäude drin, sondern nur im Sicherheitsbereich davor. Aber sie sind völlig überzeugt davon, drinnen gewesen zu sein, dabei haben sie nur die Erlebnisse ihrer Kollegen verarbeitet. Dieses Wissen um die Verfälschung von Erinnerungen hat uns auch geholfen zu verstehen, was Ramón und Céline erlebt haben und wie man es filmisch darstellen kann.

Der fertige Film zeigt die traumatischen Erinnerungen an den Anschlag in Parallelmontage zu dem Alltag beider Protagonisten ein Jahr später. Ich finde diese Zeitsprünge und Spiegelungen sehr faszinierend. Wie war es, diesen Prozess der Erinnerung zu visualisieren?

Lacuesta: Ramón hat sehr bald nach den Anschlägen angefangen, das Buch zu schreiben, weil er merkte, dass seine Erinnerungen begannen, sich zu verändern. Als wir ihn während der Postproduktion nach Einzelheiten gefragt haben, um zu überprüfen, ob z.B. Ton und Farbe wirklich stimmen, sagte er: „Ich kann mich nicht mehr erinnern, aber schau in meinem Buch nach. Als ich das Buch geschrieben habe, war ich mir meiner Erinnerung noch hundertprozentig sicher, heute bin ich das nicht mehr.“ Die Erinnerung ist ein beeindruckender und beängstigender Prozess. Wir haben versucht, das in dem Film spürbar zu machen; da mischen sich die Tabubilder, die traumatischen Bilder, aber auch die versteckten Bilder, von denen man nicht einmal ahnt, dass sie im Kopf gespeichert sind und die in ganz unmöglichen Momenten wieder auftauchen. Und dann ist es schwer zu unterscheiden, ob das Bild eine wirkliche oder nur eine falsche Erinnerung ist. Dieses Gefühl der Unsicherheit wollten wir darstellen. Die amerikanische Neuropsychologin Elizabeth F. Loftus hat sich nach dem 11. September mit den Erinnerungen von Opfern beschäftigt, besonders mit den „fake memories“, also den falschen Erinnerungen. Auch nach den Anschlägen in Paris hat sie mit Opfern und Überlebenden gearbeitet, um zu untersuchen, was für neuropsychologische Prozesse ablaufen bei der Verarbeitung der traumatischen Erlebnisse, nicht nur bei den Opfern, sondern bei allen. Und das sollte auch in den Film einfließen, diese Form der Verarbeitung, bei der sich dann für den Zuschauer die Bilder aus der Vergangenheit mit denen der Gegenwart vermischen, aber auch die wirklichen und die falschen Erinnerungen. Der Zuschauer muss sich da hindurch finden, genauso wie die traumatisierte Person.

Die Erinnerungen an die fatale Nacht im Bataclan werden trügerisch (© Berlinale 2022/UNA NOCHE LA PELICULA A.I.E – BAMBU PRODUCCIONES, S.L – MR. FIELDS AND FRIENDS CINEMA, S.L – LA TERMITA FILMS, S.L – NOODLES PRODUCTIONS, S.A.R.L)
Die Erinnerungen an die fatale Nacht im Bataclan werden trügerisch (© UNA NOCHE LA PELICULA A.I.E)

Etwa bei Céline, die sich ganz sicher ist, den toten Ramon gesehen zu haben. Wo kommt das her?

Lacuesta: Da habe ich mit zwei möglichen Lesarten gearbeitet. Die eine ist vielleicht die realistischere Auflösung. Celine glaubt nur den toten Ramón gesehen zu haben. Aber Wochen später taucht dieses Tabubild immer wieder auf, diese falsche Erinnerung, und dann hat es plötzlich etwas mit dem Zustand ihrer Beziehung zu tun, weil sie als Paar keinen Weg mehr zueinander finden. Dieses Bild zeigt auch, dass für Céline etwas gestorben ist, die Beziehung oder etwas, das sie früher verbunden hat. Die andere Lesart ist, dass es sich um einen Film über die Trauer handelt. Ramón ist bei dem Attentat umgekommen, sie verweigert sich dieser Einsicht und stellt sich vor, wie alles gewesen wäre, wenn Ramón überlebt hätte. Wie es wirklich ist, sieht jeder Zuschauer anders, wir haben da ganz unterschiedliche Reaktionen gehabt.

Eine optische Täuschung, ein Vexierbild?

Lacuesta: Für mich war es wichtig, dass der Film das nicht über eine formale Spielerei löst. Die Figuren sollten keinem Gestaltungsprinzip untergeordnet werden, sondern die Gestaltung sollte sich aus den Protagonisten heraus entwickeln.

Bei aller Belastung der Protagonisten schimmert aber immer auch Hoffnung durch.

Lacuesta: Auch nach den traumatischsten Erfahrungen gibt es im Leben Momente des Lichts und der Freude, auch wenn sie manchmal falsch sind. Im Film geht es um Trauer und um posttraumatischen Stress, aber es war mir wichtig, dass der Film voller Gefühle, Musik und Farbe ist. Es ist ein Liebesfilm über zwei Personen, die darum kämpfen weiterzumachen. Und auch darum, weiterhin auf Rock-Konzerte gehen zu können, weil sie die Musik und die Poesie in ihrem Leben nicht verlieren wollen. Das Hauptthema des Films ist dieses „Nicht aufgeben“. Als ich nach langer Zeit des Pandemie-Lockdowns endlich wieder auf einem Konzert war, habe ich das selbst gespürt, dieses Gefühl kollektiver Katharsis. Das geht rauf und runter, von der Euphorie zur Trauer, wenn plötzlich von toten Freunden und schrecklichen Erlebnissen erzählt wird. Das ist wie eine Achterbahn der Gefühle.

Der Versuch, schreibend der Erinnerung Herr zu werden: Nahuel Pérez Biscayart als Ramón (© UNA NOCHE LA PELICULA A.I.E – BAMBU PRODUCCIONES, S.L – MR. FIELDS AND FRIENDS CINEMA, S.L – LA TERMITA FILMS, S.L – NOODLES PRODUCTIONS, S.A.R.L)
Nahuel Pérez Biscayart als Ramón (© UNA NOCHE LA PELICULA A.I.E)


Wurde die Entstehung des Films durch die Covid-Pandemie beeinflusst?

Lacuesta: Die Pandemie hat uns voll erwischt. Wir mussten die Dreharbeiten verschieben und später unterbrechen. Das war übel, denn die Drehtage waren sehr emotionsgeladene. Besonders deutlich war es, als wir im Bataclan drehten, weil es durch den Lockdown keine Konzerte gab. Und dann schauten die beiden Paare, die wirklich beim Anschlag dabei waren, bei den Dreharbeiten vorbei, und Ramón trug auch noch genau die Kleidung, die er an dem Tag trug. Es seien seine einzigen Klamotten für ein Rockkonzert, sagte er.

Wie leben Ramón González und seine Frau heute sieben Jahre nach dem Anschlag?

Lacuesta: Sie leben immer noch in Paris. Ramon hat sein Leben wirklich geändert. Heute ist er Schriftsteller und Dozent. Céline betreut immer noch Jugendliche mit Immigrationshintergrund und macht auch Musik. Keiner der beiden hat sich vom Terrorismus unterkriegen lassen.

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