© Annelie Runge (aus „Barmherzige Schwestern“)

Kinomuseum-Blog (11): Dem Land seine Bilder geben

Annelie Runges grandiose Arztfilm-Replik „Barmherzige Schwestern“ führt zurück an einen Wendepunkt der deutschen Filmgeschichte. Wiederentdeckt in der Retrospektive „Dem Land seine Bilder geben“ des Filmbüro NW

Veröffentlicht am
27. Januar 2023
Diskussion

In den 1980er-Jahren vergab das Filmbüro NW unter dem Motto „Dem Land seine Bilder geben“ erstmals eine dezentrale Filmförderung. Anlässlich des 40. Filmbüro-Jubiläums sind jetzt acht der damals geförderten Filme an den Orten ihrer Entstehung zu sehen. Einer davon ist Annelie Runges grandiose Arztfilm-Replik „Barmherzige Schwestern“, die an einen Wendepunkt der deutschen Filmgeschichte führt.


Als Joseph Beuys den bekannten Satz prägte, dass jeder Mensch ein Künstler sei, ahnte er vermutlich schnell, was er damit angerichtet hatte. Jedenfalls dauerte es nicht lange, bis er seine Äußerung, offenbar um das Land vor einer Armee von Hobbykünstlern zu bewahren, um die Worte ergänzte: „…ob er nun bei der Müllabfuhr ist, Krankenpfleger, Arzt, Ingenieur oder Landwirt.“

Annelie Runge gibt ihm mehr als Recht, wenn sie in einem frühen Manuskript die Krankenschwester Marlene aus ihrem Filmprojekt „Barmherzige Schwestern“ wie eine Künstlerin beschreibt: „Sie veräußert sich für die Kunst, einen Menschen nach ihrem Bild zu formen. Das ist ihre Kunst. Das ist für sie die größte Kunst. Ohne, dass sie es weiß, versteht sie sich als bildende Künstlerin. Und sie übt ihren Beruf mit der dazugehörigen Besessenheit aus.“

Schon in ihrem Drehbuch muss etwas Mitreißendes gewesen sein, denn der damals frisch berufene WDR-Fernsehfilmchef Gebhard Henke rief sie bereits wenigen Tage nach Zustellung persönlich an. Das ist weit schneller, als es gemeinhin dauert, ein Drehbuch durchs Lektorat zu schicken. Der Film, der daraufhin – mit Unterstützung des Filmbüros NW und der Hessischen Filmförderung – entstand, sollte in einer gerechten Welt eigentlich Klassikerstatus genießen. Stattdessen ist er immerhin ein Geheimtipp und eine besondere Wiederentdeckung in der Filmreihe „Dem Land seine Bilder geben“, der unweit des Ortes seiner Bonner Uraufführung dieser Tage im Kino in der Brotfabrik zu sehen war.

„Barmherzige Schwestern“ in der Reihe „Dem Land seine Bilder geben“ (© Filmbüro NW)
„Barmherzige Schwestern“ in der Reihe „Dem Land seine Bilder geben“ (© Filmbüro NW)

Aus dem „Arzt-“ wird ein „Schwesternfilm“

Die schwarze, zugleich aber ausgesprochen warmherzige Komödie transponiert ein damals wie heute berüchtigtes Erfolgsgenre der deutschen Filmgeschichte – den Arztfilm – zum ersten „Schwesternfilm“. Doch die verwegenen Ambitionen der Engel in Weiß, gespielt von Anne Kasprik und der damals noch kaum bekannten Nina Petri, unterstützt von der ebenfalls noch unbekannten Martina Gedeck, führen nicht in die schrille Parodie. Annelie Runge, die von ihren Kinobetreiber-Eltern 1943 nach dem Arztfilm „Annelie“ von Josef von Baky benannt wurde, in dem eine Blinddarm-Patientin ihren Retter heiratet, belässt dem Genre einen Hauch von Pathos. Nur lenkt sie dieses um – in eine andere, nunmehr von den Schwestern selbstbestimmte Art der Heiligkeit. Wie Fassbinder, den sie in ihrer Zeit als Filmjournalistin interviewte, ist Runge zu nobel, sich an der Ermordung von Opas Kino zu beteiligen. Das ginge wohl auch nicht guten Gewissens, wenn man als Kinokind in den noch heute existierenden Eifel-Lichtspielen aufgewachsen ist. Welchen Geldsegen müssen gerade die schlimmsten Arzt-, Heimat- und Revuefilme in der Nachkriegszeit über ihre Familie gebracht haben.

Ihren Film „Barmherzige Schwestern“ heute zu sehen, in einer Filmreihe über die mehr als vier Jahrzehnte umspannende Fördertätigkeit des Filmbüros NW, führt an einen entscheidenden Wendepunkt der deutschen Filmgeschichte. Als der Neue Deutsche Film die Rückendeckung der Fernsehsender verlor, sahen einige Filmemacher:innen die Chance gekommen, den Autorenfilm mit dem Publikum zu versöhnen. Doris Dörrie hatte mit ihrem Erfolgsfilm „Männer“ den Finger auf ein Versäumnis der Vorgängergeneration gelegt, die an populären Genres, insbesondere der Komödie, kein Interesse hatten.

Zwar gab es auch ein paar ausgesprochen lustige Filme in den 1970er- und 1980er-Jahren, etwa die von Klaus Lemke oder Ulrich Schamoni, doch allein die Tatsache, dass es sich um Komödien handelte, schien damals zu beweisen, dass es sich dabei nicht um „Neue Deutsche Filme“ handeln konnte. Selbst der Hollywood-affine Fassbinder drehte nie eine Komödie. Ebenso wenig wie Werner Herzog. Ein Interviewbuch mit Volker Schlöndorff trägt sinnigerweise den Titel: „Im nächsten Leben: Komödie“. Und über Wim Wenders’ Versuch in diesem Genre, „Lisbon Story“, spricht man besser nicht. Tatsächlich sind wohl die intelligentesten Komödien-Macher des deutschen Nachkriegsfilms weiblich: May Spils, die man zu Unrecht nie in den Künstlerinnen-Olymp vorließ, Doris Dörrie, Maren Ade – und Annelie Runge.

„Barmherzige Schwestern“ ist einerseits so rasant erzählt wie eine Screwball Comedy, andererseits verwendet der Film – im Unterschied zu seinen Vorbildern – den Originalschauplatz eines echten Krankenhauses mit historischem 1950er-Jahre-Inventar. Das verleiht ihm eine Authentizität, die mit dem Referenz-Genre, dem Arztfilm, auf Kollisionskurs lag.

Fortsetzung der Filmbüro-NW-Reihe: „Dabbel Trabbel“ (© Filmbüro NW)
Fortsetzung der Filmbüro-NW-Reihe: „Dabbel Trabbel“ (© Filmbüro NW)

Vertane Chancen

Was für Chancen hätten sich für das deutsche Kino jener Zeit ergeben können, wenn man die Versöhnung zwischen Autoren- und Publikumsfilm auf breiterer Front betrieben hätte. Es gab zwar Tom Tykwer, der schon im Folgejahr Nina Petri in „Die tödliche Maria“ besetzte, es gab Hans-Christian Schmid oder M.X. Oberg, in dessen „Unter der Milchstraße“ man auch eine entfernte Antwort auf das Fernweh der Freddie-Quinn-Filme vernehmen konnte. Es gab Adolf Winkelmanns Kohlenpott-Outsider-Komödien, die in Bild und Ton einen verschwenderischen Material-Zauber versprühten. Es gab Helge Schneider, der im Mülheimer Souterrain von Werner Nekes zu Johnny Flash mutierte und später mit einem ungenannten Christoph Schlingensief wirkliche Hit-Komödien lancierte. Es gab auch Sönke Wortmann, geboren in Marl, dessen Komödie „Kleine Haie“ im gleichen Jahr 1992 wie die „Barmherzigen Schwestern“ reüssierte. Es war einer der ersten Filme, die von der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen gefördert wurden. Bald aber legte sich wieder der falsche Glanz von Opas Kino über die Mittelschichts-Interieurs der deutschen Filmkomödien.

Die gleiche zuckersüße Werbefernseh-Glätte nimmt auch einer anderen Gattung im populären deutschen Kino inzwischen jeden Charme, dem Kinderfilm. Dabei hätten sich hier ja einige positive Anknüpfungspunkte aus der Zeit des Neuen Deutschen Films ergeben, als Haro Senft und Hark Bohm Klassiker des Genres schufen.


Das deutsche Kino am Scheideweg

So wie die „barmherzigen Schwestern“ einen Patienten per Krankenwagen an seinen letzten Sehnsuchtsort, ein Bordell, kutschieren, erlebte man das deutsche Kino am Scheideweg. Was hätte nur aus ihm werden können? Stattdessen wurde die „kulturelle Filmförderung“ kontinuierlich marginalisiert. 100.000 Euro sind die Höchstsumme, die sich in der „vereinfachten Förderung“ des Filmbüros NW innerhalb der Film- und Medienstiftung Nordrhein-Westfalen beantragen lassen. Dahinter steckt der Gedanke, dass künstlerische Filme billiger zu machen sind als andere. Das Gegenteil ist der Fall. „Man kann Kunst nicht hetzen“, sagt der Spielzeugrestaurator im Pixar-Film „Toy Story 2“. So ist es leider, und so kostet sie nun einmal Geld.

Die Geschichte der „Barmherzigen Schwestern“ ist aber keine traurige. Auch wenn nach Schätzung der Regisseurin nur etwa 20 000 Menschen den Film beim regulären Kinoeinsatz gesehen haben, lief er bei den Hofer Filmtagen und danach bei vielen weiteren Festivals. Und, das hat das Kino noch immer der in Deutschland zu Recht dauerhaft geförderten Bühnenkunst voraus, er begeistert immer wieder. Anders als viele andere Vertreterinnen ihres Genres sind diese Schwestern keinen Tag gealtert.

Zu den jüngeren Beiträgen der Reihe zählt „Beer Brothers“ von 2016 (© Filmbüro NW)
Zu den jüngeren Beiträgen der Reihe zählt „Beer Brothers“ von 2016 (© Filmbüro NW)

Die Filmreihe „Dem Land seine Bilder geben“ wird fortgesetzt: am 29.1.2023 in „Dabbel Trabbel“, Bonn; 30.1. „Beer Brothers“, Aachen; 5.2. „Ruhr Record“, Mülheim an der Ruhr. Geplant ist weiterhin ein Abend mit Lars Henrik Gass in Düsseldorf, der dort „Der kleine Godard“ von Hellmuth Costard präsentiert, sowie ein Abend mit Robert Krieg in Münster, wo er „Besetzter Traum“ vorführen möchte. Insgesamt werden acht Filme in sechs Städten gezeigt, alle in Anwesenheit der Regisseur:innen und weiterer Beteiligter. Detaillierte Infos finden sich auf der Website des Filmbüro NW.


Hinweis

Die Beiträge des Kracauer-Blogs „Kinomuseum“ von Daniel Kothenschulte und viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, finden sich hier.

Kommentar verfassen

Kommentieren