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Japanische Animes seit 2000: Tendenzen, Meilensteine, Filmemacher

Diskussion

Es muss eine irritierende Erfahrung gewesen sein, als der Verleih Sputnik Film 1991 in Deutschland einen Zeichentrickfilm ins Kino brachte, der so gar nicht den üblichen Vorstellungen entsprach. Zeichentrickfilme wurden damals weitgehend gleichgesetzt mit Kinderfilmen oder Family Entertainment. „Akira“ jedoch entstammte einer anderen Bildtradition. Mit einem lauten Knall hatte sich eine besondere Form des Zeichentrickfilms in Europa und den USA vorgestellt, die sich auch an ein jugendliches oder erwachsenes Publikum richtet: der Anime.

Tatsächlich beginnt „Akira“ mit passenderweise einem lauten Knall. In der ersten Szene detoniert eine Atombombe und hinterlässt einen tiefen Krater in Tokio. In der zweiten Szene jagen jugendliche Motorradgangs durch die Straßen der Metropole; die Kamera bewegt sich flirrend um sie herum. Zeigt ihre Sichtweise. Zeigt sie aus der Untersicht. Scheint sich an ihre Motorräder zu hängen. „Akira“ setzt nicht auf Panoramaeinstellungen, in denen Figuren animiert werden, sondern imitiert die dynamische Inszenierung eines actionreichen Realfilms.


(Foto: "Akira"/Universum)


Von „Speed Racer“ zu „Chihiros Reise ins Zauberland“

Dabei war diese Art der Inszenierung schon damals keineswegs neu oder gar ein Alleinstellungsmerkmal für „Akira“. Bereits die Serie „Speed Racer“ setzte in den 1960er-Jahren auf eine ähnliche Dynamik, auf menschliche Protagonisten und rasante Geschichten und war 1971 erstmals im deutschen Fernsehen zu sehen. Lange konnte das ZDF sie allerdings nicht ausstrahlen. Das Medienecho war zu negativ. Eine Verrohung und Überforderung des kindlichen Publikums wurde attestiert. Anstatt über eine andere Zielgruppe nachzudenken, verschwand die Serie aus dem Programm. Einen besseren Stand hingegen hatten all jene Co-Produktionen zwischen Europa und Japan, die ab Mitte der 1970er-Jahre entstanden. Vom Animationsstil und der Ästhetik der Figuren eindeutig Animes zuzuordnen, wurden Serien wie „Pinocchio“l, „Heidi“ oder „Nils Holgersson“ nicht als japanisch wahrgenommen – wohl auch, weil die europäischen Schauplätze oder Literaturvorlagen der Serien deren Herkunft verschleierten.

Im Kino allerdings war es in Deutschland lange Zeit still um die Zeichentrickkunst aus Japan. Während die frühen Filme von Hayao Miyazaki wie „Nausicaä aus dem Tal der Winde“, „Das Schloss im Himmel“, „Mein Nachbar Totoro“ oder „Kikis kleiner Lieferservice“ heute allesamt international als Klassiker gelten und schon damals Meilensteine im japanischen Kino waren, wurden diese im Westen ignoriert – was allerdings auch mit Auflagen des Ghibli-Studios zusammenhing. Seitdem man in den USA auf eigene Faust Miyazakis Öko-SciFi-Märchen „Nausicaä“ durch Kürzungen und bewusst falsche Synchronisationen massiv verfremdet hatte, überwachte Ghibli seine Lizenznehmer genau.


Dass eine wichtige Auszeichnung bei einem renommierten Festival tatsächlich ein Umdenken bewirken kann, zeigt Miyazakis „Berlinale“-Erfolg „Chihiros Reise ins Zauberland“ 2002: Prämiert mit dem „Goldenen Bären“ für den Besten Film, war es von nun an nicht mehr möglich, über Animes hinwegzusehen


„Akira“ lenkte 1989 den Blick auf das japanische Animationskino, das so wild, so brutal, so erwachsen war. Aber im deutschen Kino dauerte es noch knapp ein weiteres Jahrzehnt, bis man dem Anime eine Bühne bot. Um die Jahrtausendwende tauchten zunehmend auch abseitige, wagemutige japanische Zeichentrickfilme im Special-Interest-Umfeld auf. Beim noch jungen, auf asiatische Filmkunst spezialisierten Filmverleih „Rapid Eye Movies“ („r.e.m.“) entdeckte man Satoshi Kons Psychothriller „Perfect Blue“, beim Fantasy Filmfest und später ebenfalls bei r.e.m. lief Mamoru Oshiis „Ghost in the Shell“. Hayao Miyazakis „Prinzessin Mononoke“ schließlich wurde 2001 mit einer für einen Zeichentrickfilm ungewöhnlichen Altersfreigabe ab 12 Jahren und mehr als drei Jahre nach der Erstaufführung im Wettbewerb der „Berlinale“ ziemlich halbherzig von Buena Vista im Kino ausgewertet. Dass eine wichtige Auszeichnung bei einem renommierten Festival tatsächlich ein Umdenken bewirken kann, zeigt Miyazakis „Berlinale“-Erfolg „Chihiros Reise ins Zauberland“ 2002: Prämiert mit dem „Goldenen Bären“ für den Besten Film, war es von nun an nicht mehr möglich, über Animes hinwegzusehen und japanische Animationen als minderwertig zu betrachten.



(Foto: "Chihiros Reise ins Zauberland"/ Universum)


Geschichten über Menschen: Spielarten

Der besondere Reiz von Animes lag wahrscheinlich schon immer darin, mit Erwartungshaltungen zu brechen und aus einer bekannten Herstellungsweise – altmodisch anmutendem Zeichentrick – etwas vollkommen Neues zu machen. Ungewöhnlich (für westliche, durch US-Cartoons sozialisierte Augen) wirken viele Animes schon deshalb, weil sie Menschen in den Mittelpunkt stellen und keine sprechenden Tiere, und diese Menschen dann auch noch auf sehr spezifische Weise zechnerisch verfremdet dargestellt werden. Hinzu kommt die Verwurzelung in der japanischen Kultur, die immer wieder ganz deutlich zu spüren ist. Während westliche Animationsfilme oft versuchen, so universell wie möglich zu sein, machen Animes keinen Hehl aus ihren Wurzeln und schielen nicht auf den Weltmarkt. Das verleiht ihnen nicht nur ein spürbares Selbstbewusstsein, sondern auch eine große Freiheit, die sich nicht zuletzt in neuartigen Genremischungen zeigt. Umfasst die Anime-Serienproduktion eine enorme Bandbreite an Themen und Genres (siehe hierzu auch den Beitrag Von Maja zu Mikasa von Natália Wiedmann ), so lassen sich im Bereich der originären Spielfilme, die nicht auf Serien beruhen oder an diese gekoppelt sind, drei Schwerpunkte ausmachen: Fantastische Geschichten, Science-Fiction-Filme und Alltagsgeschichten.

Am zugänglichsten sind dabei vermutlich die Öko-Märchen von Hayao Miyazaki. Von „Nausicaä aus dem Tal der Winde“ über „Mein Nachbar Totoro“ bis hin zu „Prinzessin Mononoke“ erzählt Miyazaki immer wieder von der Zerstörung der Natur und der Notwendigkeit der Harmonie zwischen Mensch und Umwelt. Trotzdem lassen sich die Filme nie allein auf diese Botschaft reduzieren. Sie steht im Mittelpunkt, wird aber nie aufdringlich oder belehrend vermittelt. Miyazaki versteht es, mit Bildern zu arbeiten und Bilder wirken zu lassen. Manchmal reichen ein paar reduzierte Melodien von Joe Hisaishi, um all die Traurigkeit über den Verlust oder die Schönheit der Natur, die auf dem Spiel steht, spürbar zu machen. Zugleich knüpft Miyazaki ein Band zwischen dem Hier und Heute, Traditionen und den mystischen Götterwelten des Shinto, was am deutlichsten in „Chihiros Reise“ zutage tritt. Ein ganz in der Gegenwart verwurzeltes Mädchen gerät in ein verwunschenes Badehaus für Gottheiten aller Art und muss dort anheuern, um ihre Eltern von einem Fluch zu befreien. Die Zeit dort wird für das Mädchen wie für das Publikum zu einer Initiationsreise: Am Ende sieht der Blick auf die Welt anders aus.



(Foto: "Ghost in the Shell"/Rapid Eye Movies)

Mit Grenzüberschreitungen beschäftigen sich auch die Cyberpunk-Filme. Nur sind es keine äußerlichen Grenzen, die darin übertreten werden, sondern innerliche. Menschen verschmelzen mit Maschinen, was die mit ihrer Identität zunehmend hadernden Menschen angesichts ihrer künstlichen Körper oft in eine Krise stürzt. „Ghost in the Shell“ ist der zentrale Film dieses Subgenres, der in seiner Ambivalenz und Mehrdeutigkeit auch im westlichen Kino Spuren hinterlassen hat und mittlerweile sogar als Realfilm-Remake aufgegriffen wurde. Bemerkenswert stilsicher bewegen sich viele Animes durch die Themenwelten der Science Fiction und erweisen sich erzählerisch immer wieder als wagemutig und überraschend und oft als ebenso philosophisch wie visionär. Technikskepsis geht Hand in Hand mit Technikbegeisterung.

Während diese Genrefilme von ihren Schauwerten leben, von den fantastischen Settings und der expressiven Ästhetik, ist der Erfolg der so genannten Slice-of-Life-Animes besonders bemerkenswert. Denn diese versperren sich aller äußeren Dramatik: Sie führen radikal zurück in das Gefühlsleben ihrer Figuren, schwelgen in kontemplativen Alltagsbeobachtungen, zeigen das Bekannte und haben keine Furcht vor überwältigenden Emotionen. Da wird manchmal einfach nur geschmachtet oder nachgedacht. Es wäre pathetisch, wenn es sich nicht irgendwie auch so echt anfühlen würde.


Bemerkenswert stilsicher bewegen sich viele Animes durch die Themenwelten der Science Fiction und erweisen sich erzählerisch immer wieder als wagemutig und überraschend und oft als ebenso philosophisch wie visionär. Technikskepsis geht Hand in Hand mit Technikbegeisterung.


Miyazakis Erben: Wichtige Filmemacher

Seit dem Rückzug von Hayao Miyazaki aus dem Filmgeschäft und der Umstrukturierung des Studio Ghibli, das die Anime-Szene über Jahrzehnte geprägt und handwerklich Maßstäbe gesetzt hat, haben sich vor allem drei Regisseure einen Namen gemacht und werden über Japan hinaus mittlerweile regelmäßig wahrgenommen.

Hiromasa Yonebayashi begann seine Karriere im Studio Ghibli und wurde lange Zeit als Nachfolger von Miyazaki gehandelt. Tatsächlich findet sich vieles vom Stil seines Mentors in Yonebayashis Filmen. In seinem Regiedebüt „Arrietty – Die wundersame Welt der Borger“ (das noch auf einem Drehbuch von Miyazaki beruhte) hat er sein Gespür für ruhige, poetische Szenen bewiesen, für die Aussagekraft von Blicken und die Ausdruckskraft der Stille. Eine tiefe Melancholie prägt seinen fast schon unspektakulären, aber überaus zu Herzen gehenden Film über die Begegnung eines Winzling-Mädchens mit einem Menschenjungen. Auch in „Erinnerungen an Marnie“ erzählt er über eine außergewöhnliche Freundschaft. Zwei Mädchen treffen sich in diesem Film, lernen sich kennen, verändern sich – und sind doch voneinander getrennt, weil sie nicht in derselben Zeit leben. Das Magische und das Realistische: Bei Yonebayashi sind die Grenzen fließend.



(Foto: "Arrietty"/Universum)


Mamoru Hosoda hingegen zeichnet sich vielmehr durch seine Experimentierfreudigkeit aus. Handwerklich ist seinen frühen Filmen „Das Mädchen, das durch die Zeit sprang“ und „Summer Wars“ noch eine gewisse Ruppigkeit der Animation anzusehen. Zudem greift Hosoda auf viele Codes und Übertreibungen zurück (wie etwa exzessives Nasenbluten als Symbol für sexuelle Erregung oder übergroße Schweißtropen als Zeichen großer Anstrengung), die hauptsächlich in Serien und Mangas verwendet werden. Dies lässt seine Figuren bisweilen karikaturhaft überzeichnet wirken. Und doch gelingt es ihm, solchen Momenten Szenen einer tiefen Aufrichtigkeit gegenüberzustellen. Auf den Exzess folgt immer wieder die Kontemplation. In seinen jüngsten Filmen „Ame & Yuki – Die Wolfskinder“ und „Der Junge und das Biest“ ist dieser krasse Gegensatz nicht mehr so deutlich zu spüren, wohl aber Hosodas bemerkenswerte Fähigkeit, Genres zu vermischen und Genregrenzen zu sprengen.


Als Autodidakt begonnen hat Makoto Shinkai. „Voices of a Distant Star“ entstand als Ein-Mann-Produktion am heimischen Computer. Und schon in diesem Kurzfilm über zwei Liebende im All, deren Botschaften sich durch die Übertragungsdauer im Orbit verlieren, hat er sein Lieblingsthema bearbeitet: die Sehnsucht. Mit Ausnahme eines Ausflugs ins Fantasymärchen drehen sich alle seine Filme seither um Menschen, die sich suchen, die von einem unbestimmten Gefühl getrieben werden, aber nicht ans Ziel zu kommen scheinen. Mal angesiedelt vor dem Hintergrund einer Science-Fiction-Geschichte wie in „The Place Promised in Our Early Days“ oder aktuell in „Your Name“, mal vor dem Hintergrund eines Episodenfilms im Slice-of-Life-Stil, bestechen Shinkais Zeichnungen durch ihre realistischen Lichteffekte und ihre Natürlichkeit. Kein anderer Anime-Regisseur versteht es derzeit so gut, Gefühlen mit Bildern Ausdruck zu verleihen.

Tatsächlich findet sich unter den großen Regie-Namen keine einzige Frau. Aber vielleicht kann darüber hinwegtrösten, dass viele Animes junge Protagonistinnen in den Mittelpunkt ihrer Geschichten stellen. Differenzierte Filmheldinnen, wie man sie in anderen Animationsfilmkulturen vergeblich suchen muss.


(Foto: "The Place Promised in Our Early Days"/Rapid Eye Movies)



Anime-Meilensteine seit „Chihiros Reise ins Zauberland“


2003

Tokyo Godfathers (Regie: Satoshi Kon) Filmseite

Drei Obdachlose finden in der Weihnachtsnacht im verschneiten Tokio ein Baby im Müll und machen sich auf die Suche nach dessen Mutter. Auf ihrer abenteuerreichen Reise fungiert das Findelkind als Katalysator für die Zweckgemeinschaft, die lange gehütete Geheimnisse über sich selbst preisgibt. Meisterliche Trickfilm-Adaption von Peter B. Kynes Erzählung „Three Godfathers“, die die vertrauten Elemente der Weihnachtsgeschichte mit Action, Tiefgang und hemmungslosem Kitsch verbindet. Die dabei geäußerte Kritik an einer egoistischen Gesellschaft gewinnt in dieser Mischung zusätzliche Radikalität. – Ab 14.


2004

The Place Promised In Our Early Days (Regie: Makoto Shinkai) Filmseite

Das durch den Zweiten Weltkrieg geteilte Japan steht am Vorabend eines weiteren Krieges. Drei seelenverwandte junge Menschen, die sich der Durchdringung von Parallelwelten verschrieben haben, erinnern sich an einen Kindertraum und wollen einen geheimnisvollen Turm auf der anderen Seite der Grenze erkunden. Gestalterisch traditioneller Zeichentrickfilm, der virtuos Romanze, Abenteuerfilm und anspruchsvolle Science Fiction zu einer verstörenden Geschichte mit gedanklichem Tiefgang verbindet. – Sehenswert ab 16.


Das wandelnde Schloss (Regie: Hayao Miyazaki) Filmseite

Eine böse Hexe verwandelt eine junge Hutmacherin in eine Greisin, die sich auf eine einsame Wanderung begibt, um ihr Schicksal abzuwenden. Sie gelangt in das schwebende Schloss eines schillernden Magiers und besteht mit ihm, seinem Zauberschüler und weiteren Verbündeten turbulente Abenteuer. Ein im Industriezeitalter des 19. Jahrhunderts angesiedeltes Anime voller faszinierender überbordender Bildeinfälle, das vor der Bedrohung der menschlichen Zivilisation durch Technik und Krieg warnt und ein Hohelied auf die Macht der Liebe anstimmt.

(Foto: Universum)


2006

Das Mädchen, das durch die Zeit sprang (Regie: Mamoru Hosoda) Filmseite

Eine 17-jährige Schülerin gewinnt die Fähigkeit, kontrolliert durch die Zeit zu reisen. Was als Spiel beginnt, um Noten und Ansehen in der Schule zu verbessern, wird schnell zum Problem, als es um das „Richten“ von Beziehungen im engsten Freundeskreis geht. Ebenso fantasievolle und spannende wie ernsthafte Coming of Age-Geschichte. Die Charakterzeichnung der Protagonisten ist von erstaunlicher Tiefe und die Geschichte über erste Liebe und andere Probleme von kitschfreier Ehrlichkeit. Die Verquickung von Science-Fiction-Film und Melodram verleiht dem Anime eine nachhaltige Spannung. – Sehenswert ab 12.


Paprika (Regie: Satoshi Kon) Filmseite

Ein genialer Wissenschaftler entwickelt ein Gerät, mit dem man in die Träume der Menschen eindringen und sie via Computerbildschirm sichtbar machen kann. Zugleich kann man als imaginäre Person aktiv auf die "Handlung" einwirken. Drei Geräte werden gestohlen, und der Dieb schafft durch subversive Energie einen kollektiven Gemeinschaftstraum, der mehr und mehr Besitz von der Realität. Nur eine Forscherin könnte das Traum/Real-Chaos bereinigen. Abenteuerliches Fantasy-Anime, das die Handlungs- und Realtätsebenen virtuos verschachtelt. Formal wie auch gedanklich ein bemerkenswert radikaler Film, in dem der Regisseur alle Elemente seines Schaffens zu einem cineastischen Leckerbissen verbindet.


2007

Piano Forest (Regie: Masayuki Kojima) Filmseite

Die Geschichte eines Wettstreits zweier musikalisch begabter Schüler. Der eine ist der Sohn eines bekannten Dirigenten, der seit seiner Kindheit Piano spielt, der andere der Sohn einer Prostituierten, der sich an einem im Wald vergessenen Piano als Naturtalent entpuppt, was aber von den Juroren eines Wettbewerbs nicht anerkannt wird, weil der Junge nicht ins (soziale) Raster und Klischee passt. Das Anime fällt thematisch aus dem Rahmen des Alltäglichen, vor allem weil es nicht schrill und mit digitalen Gadgets aufgeladen ist. Dank der ungewöhnlichen Art, Bilder zu komponieren, die wie Traumszenen scheinbar in Widerspruch miteinander stehen, verdichtet sich die Handlung zu einem der gefühlsbetontesten und musikalischsten Anime-Filme überhaupt. – Sehenswert ab 10.


5 Centimeters per Second (Regie: Makoto Shinkai) Filmseite

Bevor aus einer engen Schulfreundschaft Liebe werden kann, ziehen die Eltern zweier Halbwüchsiger in andere Städte. Was bleibt, sind eine Brieffreundschaft und die bittere Erkenntnis verpasster Chancen. Ein aus semibiografischen Aufzeichnungen episodenhaft gewebtes Anime. Ähnlich wie in seinem Kurzfilm "The Voices From a Distant Star" bleibt der Regisseur dem Zwischenmenschlichen treu. Ein tief melancholischer, gänzlich unpathetischer Film.

2008

The Sky Crawlers (Regie: Mamoru Oshii) Filmseite

Science-Fiction-Anime, das von genetisch manipulierten Jugendlichen erzählt, die in einer retro-futuristischen Welt als Kampfflieger apathisch auf ihren nächsten Einsatz warten. Nur eine Pilotin will den Sinn des Ganzen verstehen. Eine bildgewaltig und akustisch außergewöhnlich entwickelte Dystopie, die als stille Tragödie ohne Pathos oder Rebellentum von der seelischen Degeneration des Humanen handelt. – Sehenswert ab 14.


2009

Summer Wars (Regie: Mamoru Hosoda) Filmseite

Ein junger Computerfreak gerät in den Verdacht, als Cyberspace-Terrorist Unheil in einer virtuellen Welt zu stiften, die so nahtlos mit der Realität verknüpft ist, dass auch diese in Mitleidenschaft gezogen wird. Hinter all dem steckt ein mysteriöser Bösewicht, der nach der Weltherrschaft strebt und den der Junge mit Hilfe eines mutigen Clans bekämpft. Fantasievoller Animationsfilm, der souverän zwischen Sozialdrama, Thriller und Endzeitdrama changiert und durch ebenso skurrile wie glaubwürdige Charaktere besticht. Die Beziehung von digitaler Zukunft und kulturellen Wurzeln und Traditionen wird zum Plädoyer für eine Rückbesinnung auf bewährte Werte genutzt. – Sehenswert ab 14.


2010

Arrietty - Die wundersame Welt der Borger (Regie: Hiromasa Yonebayashi) Filmseite

Ein Junge, der sich im abgelegenen Haus seiner Großmutter von einer Krankheit erholen soll, begegnet den Borgern, geheimnisvollen, winzig kleinen Menschenwesen, und freundet sich mit dem Borger-Mädchen Arrietty an. Deren Eltern fürchten jedoch die großen Menschen, nicht zuletzt weil die misstrauische Haushälterin des Anwesens das Versteck der Borger zu entdecken droht. Ein nach den Kinderbüchern von Mary Norton liebenswert und charmant entwickelter japanischer Zeichentrickfilm. Kindgerecht und in liebevollen poetischen Bildern erzählt er eine Geschichte, die für den Respekt des Menschen vor allen anderen Lebensformen plädiert. – Sehenswert ab 6.

(Foto: Universum)


2011

Children Who Chase Lost Voices (Regie: Makoto Shinkai) Filmseite

Das Spiel mit einem geheimnisvollen Kristallradio hat für eine aufgeweckte Schülerin ungeahnte Folgen: Nicht nur, dass sie von einem grotesken Monster überfallen und von einem unvermittelt auftauchenden Jungen gerettet wird, erschüttern die Vorkommnisse ihr rationales Weltbild. Sie taucht in eine Welt jenseits der Realität ein und stößt im mysteriösen Land Agartha auf ein Volk, das die Welt der Lebenden von deren Welt der Toten trennt, aus der man niemanden zurückholen sollte. Herausragend gestaltetes Anime, das überzeugend der Welt des Rationalen die des Irrationalen entgegenstellt. Auf fantasievolle Weise spricht der Film Verlustängste sowie die Vergänglichkeit allen Lebens an. – Sehenswert ab 14.


Ein Brief an Momo (Regie: Hiroyuki Okiura) Filmseite

Ein kleines Mädchen kommt nach dem Tod seines Vaters mit der Mutter auf eine kleine Insel. Dort zieht es sich trauernd in sich selbst zurück, bis es merkt, dass in seinem Haus drei ungehobelte, aber liebenswerte Geister hausen. Durch die Freundschaft mit ihnen findet das Mädchen den Mut, sich wieder aus seinem Schneckenhaus herauszutrauen. Das behutsam entwickelte Anime bezaubert durch vielschichtige Figuren und hält wunderbar die Balance zwischen Tragischem und Komödiantischem. Unterstützt durch eine kongeniale Bildsprache, erzählt der Film auf poetische Weise vom Aufgehobensein des Menschen in einem größeren, harmonischen Ganzen. – Sehenswert ab 6.


2012

Ame & Yuki (Regie: Mamoru Hosoda) Filmseite

Eine Studentin verliebt sich in einen Kommilitonen, der Mensch und Wolf zugleich ist. Als der Wolfsmann plötzlich stirbt, muss sich die junge Frau allein um die beiden gemeinsamen Kinder Yuki und Ame kümmern, die das mythische Erbe ihres Vaters forttragen und sich entscheiden müssen, ob sie sich der Welt der Menschen oder der Wölfe zuwenden. Ein unaufgeregt, einfühlsam und poetisch erzählter Animationsfilm, der hinter der Fantastik immer auch an alltägliche Lebenserfahrungen anschließt und dabei vor allem durch die wunderschöne grafische Ausgestaltung besticht. Ein Meisterwerk. – Sehenswert ab 12.


2013

Patema Inverted (Regie: Yasuhiro Yoshiura) Filmseite

Die rebellische Prinzessin einer unterirdischen Zivilisation fällt in einen Abgrund und landet an der Erdoberfläche, wo in ihren Augen alles auf dem Kopf zu stehen scheint. Ein Junge aus der Oberwelt hilft ihr, nicht in den Himmel zu stürzen und das Geheimnis ihrer Welt zu ergründen, in der sich die Schwerkraft umgekehrt hat. Ein intelligenter, visuell atemberaubender Animationsfilm, der seine originelle Abenteuergeschichte nutzt, um ebenso spannend wie kritisch über Wissenschaftsgläubigkeit und eine staatlich sanktionierte Paranoia gegenüber vermeintlich Andersartigem zu reflektieren. - Sehenswert ab 12.


Wie der Wind sich hebt (Regie: Hayao Miyazaki) Filmseite

Die Lebensgeschichte eines Japaners, der schon als Junge vom Fliegen träumt, wegen seiner Kurzsichtigkeit aber „nur“ ein berühmter Flugzeugkonstrukteur wird, von dem unter anderem die Kamikaze-Bomber stammen. Nach historischen Figuren und Ereignissen modelliert Hayao Miyazaki einen Animationsfilm, der technisch brillant und mit großer Ernsthaftigkeit von den Verwicklungen des Ingenieurs in die Rüstungsindustrie und seiner Liebe zu einer an Tuberkulose erkrankten jungen Frau erzählt. Miyazakis als Abschied vom Filmemachen angekündigtes Spätwerk um einen Träumer, der um seine Integrität auch in einer instabilen Welt ringt. - Sehenswert ab 12.

(Foto: Universum)


2014

Erinnerungen an Marnie (Regie: Hiromasa Yonebayashi) Filmseite

Um ihr Asthma zu lindern, soll eine Zwölfjährige, die ohne Mutter aufwächst, den Sommer bei Verwandten an der Küste verbringen. Fasziniert von der Ursprünglichkeit der Landschaft, erkundet die introvertierte Großstädterin die Gegend und wird von einer Nachbarsvilla angezogen, in der ein aus der Zeit gefallenes Mädchen zu leben scheint. Der virtuos komponierte Animationsfilm verschränkt Vergangenheit und Gegenwart sowie Reales und Märchenhaftes zu einem fordernden Drama, das in Gestalt einer behutsamen Geistergeschichte die anrührende Tragödie eines Mädchens auf der Suche nach seiner Identität erzählt. – Sehenswert ab 12.


Giovannis Insel (Regie: Mizuho Nishikubo) Filmseite

Mit Ende des Zweiten Weltkriegs ändert sich das sorglose Leben zweier verbrüderter Jungen auf der Kurilen-Insel Schikotan, die im September 1945 von sowjetischen Soldaten besetzt wird. Trotz Sprachbarrieren und neuer Lebensumstände freunden sich die Kinder der ehemaligen Kriegsgegner allmählich miteinander an. Schließlich kommt es doch zu Missverständnissen und Konflikten, die nicht gelöst werden, weil die Brüder mit der japanischen Bevölkerung Schikotans umgesiedelt werden und in einer winterlich tristen sowjetischen Hafenstadt stranden. Berührendes, brillant animiertes Weltkriegsdrama, konsequent erzählt aus Sicht der kindlichen Protagonisten, deren Gefühlswelten ebenso verständlich werden wie ihre Erfahrungen von Heimatverlust, dem Verlust der Eltern sowie den Möglichkeiten der Begegnung über kulturelle Grenzen hinweg. – Ab 10.


Die Legende der Prinzessin Kaguya (Regie: Isao Takahata) Filmseite

Ein Bambus-Sammler findet im Wald ein rasch wachsendes Mädchen, das er und seine Frau aufziehen. Nach einem unerwarteten Goldsegen will er das Kind zur Prinzessin ausbilden lassen, doch die Erziehung gehorcht einem strengen Reglement, unter dem das Mädchen zunehmend leidet. Poetisch-nachdenkliche Interpretation eines japanischen Volksmärchens. Klug, berührend und geprägt von leiser Melancholie erzählt der hervorragend gezeichnete Animationsfilm vom Verlust der Kindheit und dem „Hineinwachsen“ in gesellschaftliche Zwänge. – Sehenswert ab 14.


2015

Der Junge und das Biest (Regie: Mamoru Hosoda) Filmseite

Für einen neunjährigen Jungen bricht eine Welt zusammen, nachdem seine Mutter bei einem Autounfall ums Leben kam und vom Vater seit der Scheidung allenfalls Fotografien übrig sind. Von seinem reichen Vormund will er nichts wissen und flüchtet in die Anonymität der Straßen Tokios, wo sich im Gewirr aus Gassen und Häuserwinkeln eine zweite Welt auftut: Der Junge stolpert in die verborgene Stadt Jutengai, das Königreich der Tiermonster. Wie im Märchen üblich und im Shintoismus, Japans tragender religiöser Säule, nicht ungewöhnlich, durchdringen sich die Welt des Übersinnlichen und des Hier und Jetzt. Furios und respektlos bedient sich das Anime bei westlichen Fabeln, Literaturklassikern wie „Moby Dick“, fernöstlichen Parabeln, Science-Fiction, Fantasy und Martial Arts. – Sehenswert ab 12.

(Foto: Universum)


2015/2016:

Die „Project Itoh“-Filme: Empire of Corpses (Regie: Ryoutarou Makihara)/ Harmony (Regie: Michael Arias)/ Genocidal Organ (Regie: Shûkô Murase)

Drei Filme nach Vorlagen des mit 34 Jahren verstorbenen japanischen Kultautors Satoshi Itō alias Project Itoh, die in futuristischem Gewand („Harmony“, „Genocidal Organ“) bzw. im Gewand einer an den Gothic Horror angelehnten Retro-Dystopie („Empire of Corpeses“) bohrende und durchaus aktuelle Fragen an die menschliche Zivilisation stellen: danach, was das Menschsein ausmacht. – Sehenswert.


2016

In this Corner of the World (Regie: Sunao Katabuchi) Filmseite

Am Beispiel zweier Familien in Hiroshima und Umgebung werden die Kriegsmonate der Jahre 1944 und 1945 mit all ihren Entbehrungen, aber auch ihren verhaltenen Freuden verlebendigt. In meisterlicher Weise übersetzt der Film die Manga-Vorlage in bewegt-bewegende Bilder voller impressionistischer Poesie, ohne dadurch das Grauen des Krieges je zu beschönigen. – Sehenswert ab 14.


A Silent Voice (Regie: Naoko Yamada) Filmseite

Ein japanischer Schüler schießt mit seinen Mobbing-Attacken gegen ein gehörloses Mädchen übers Ziel hinaus und wird selbst zum gemiedenen Außenseiter. Erst als es fast zu spät ist, sucht er Kontakt zu der Mitschülerin. Das formal eher schlichte, erzählerisch aber umso ambitioniertere Anime zeichnet virtuos den japanischen Schulalltag nach, der von latenter Gewalt und der Angst vor Gesichtsverlust geprägt ist, wobei die Flucht in den Selbstmord fast zwangsläufig scheint. Eindrucksvoll genau beobachtet der Film, wie soziale Gewalt funktioniert und kanalisiert wird. – Sehenswert ab 14.


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