© TS PRODUCTIONS, Michal Crotto/Weltkino („Die Gleichung ihres Lebens“)

In unbekannte Welten - Schauspielerin Ella Rumpf

Ein Porträt der Schweizer Schauspielerin Ella Rumpf

Veröffentlicht am
10. Juli 2024
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Die 1995 geborene Ella Rumpf ist derzeit die wohl bekannteste Schweizer Schauspielerin. Das liegt an ihrer Vielfalt und ihrer Lust, von Horror über Drama und Komödie viele Genres auszuprobieren. Hinzu kommt ihre Vielsprachigkeit, mit der sie in Deutschland, der Schweiz und in Frankreich drehen kann. Aktuell sieht man sie in dem französischen Spielfilm „Die Gleichung ihres Lebens“ in ihrer ersten großen Hauptrolle.


In ihren Rollen fällt sie auf. Egal ob sie in „Tiger Girl“ in der Titelrolle brilliert, in der ORF-/Netflix-Serie „Freud“ eine verstörte, manipulierte junge Frau verkörpert oder in der HBO-Serie „Tokyo Vice“ eine Slowenin spielt, die als Hostess in einem Tokioer Edelclub arbeitet. Und obwohl Ella Rumpf bisher fleißig in vier Sprachen bisher in über 15 Kinofilmen und vier Serien mitgespielt hat, wird sie seit ihrem zweiten Spielfilm „Chrieg“ von 2014 immer wieder (neu) entdeckt.

Im schweizerdeutschen „Chrieg“ spielt sie Ali, ein Mädchen unter Jungs in einem Schweizer Bootcamp für schwererziehbare Jugendliche. Die Haare sind kurzgeschoren, ihr Hoodie ist ihre Uniform. Sie prügelt sich, geht nachts mit den drei anderen Jungs auf Beutezüge, bricht im leeren Haus der betuchten Eltern ein und schlägt dort zusammen mit ihren Kumpels alles kurz und klein. Neben dieser Wut und Gewalt beeindruckt sie vor allem in zwei ruhigen Szenen. Einmal entdeckt sie ein neugeborenes Zicklein und nimmt es liebevoll in den Arm und dann küsst sie den Jüngsten, den 15-jährigen Matteo. Es ist ein zärtlicher Moment der leisen Schauspielkunst, den Ella Rumpf ebenso beherrscht wie das Ausdrücken von Leidenschaft, Wildheit und Unangepasstheit.

Ella Rumpf wird häufig als unangepasste Außenseiterin besetzt, so auch in „Freud“ (© Netflix)
Ella Rumpf wird häufig als unangepasste Außenseiterin besetzt, so auch in „Freud“ (© Netflix)

Eine Frau, die sich zu wehren weiß

In Deutschland entdeckt man Ella Rumpf 2017 in „Tiger Girl“ an der Seite von Maria Dragus. Sie ist dort die anarchistische Tiger, eine junge Frau, die sich nicht nur zu wehren weiß und in der Konsumgesellschaft gerne Touristen oder Besser-Betuchte bestiehlt, sondern die auch Mitläufertum und Spießigkeit entlarvt. Der Film von Jakob Lass wird auf der Berlinale in den Himmel gelobt, im Kino aber floppt das Werk, erreicht kaum mehr als 25.000 Zuschauer.


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In Deutschland folgen dann „nur“ noch Nebenrollen wie in „Lindenberg! Mach dein Ding“, wo sie eine große Liebe von „Udo“ spielt. Dafür jedoch besetzt der Österreicher Marvin Kren die 1995 in Paris geborene Schweizerin in „Freud“ (2020). Dort spielt sie Fleur, eine Ungarin und Roma, die von einem perversen Ehepaar manipuliert und hypnotisiert wird und in blutigen Séancen Männer betört. Auch der junge Freud verfällt ihr, will sie retten und befreien. Es ist in jeder Hinsicht eine Wahnsinnsrolle, die Ella Rumpf mit einer Intensität und Hingabe ausfüllt, die einen als Zuschauer nicht mehr loslässt.

Trifft man Ella Rumpf im Interview zum aktuellen, französischen Kinofilm „Die Gleichung ihres Lebens“, vermag sie ebenso ernsthaft, humorvoll und reflektiert ihre Rollen und Motivationen einzuschätzen. Das Gespräch findet Mitte Januar in Paris statt, einen Monat bevor Ella Rumpf bei den „Césars“ als „Meilleure révélation féminine“ ausgezeichnet wurde. Man könnte es banal mit „Nachwuchsdarstellerin“ umschreiben, obwohl Offenbarung der treffendere Begriff ist. In Frankreich hat man die Tochter eines Schweizers und einer Französin, die perfekt Deutsch, Schweizerdeutsch, Französisch und Englisch spricht, erst mit „Die Gleichung ihres Lebens“ wirklich wahrgenommen, obwohl sie bereits 2016 mit Julia Ducournau „Raw“ gedreht hatte.

Mit Garace Marillier als extremes Schwesternduo in „Raw“ (© Universal)
Mit Garance Marillier als extremes Schwesternduo in „Raw“ (© Universal)

Verinnerlichte Emotionalität

Ella Rumpf spielt in „Die Gleichung ihres Lebens“ die junge Mathematikerin Marguerite aus bescheidenen Verhältnissen, die an einer als unmöglich geltenden Gleichung zunächst scheitert und daraufhin in einem ersten Impuls die Mathematik aufgibt. Marguerite wirkt auch durch die große Brille wie ein Mathe-Nerd, und es scheint, als ob Ella Rumpf die ganze Emotionalität der Figur diesmal viel eher verinnerlicht: „Ich habe nicht gemerkt, wie stark ich das nach innen genommen habe … Der Zuschauer muss verstehen, warum diese Frau so eine starke Verbindung zur Mathematik hat. Es ist keine rationale, sondern eine emotionale Verbindung. Sie muss diese Gleichung lösen, oder sie stirbt. Die ganze Kraft, die sie hat, wird so mehr im Kopf ‚gechannellt‘.“

Ihre Regisseurin Anna Novion hatte zunächst über 100 Schauspielerinnen gesehen, aber nie die richtige Marguerite gefunden. Daraufhin schrieb sie erst einmal das Drehbuch um, um diese Figur noch klarer zu definieren. Anna Novion traf sich in einer zweiten Casting-Etappe nur noch mit vier Schauspielerinnen. Als sie Ella Rumpf kennen lernt, reden beide eher über Politik und Architektur. Aber Anna Novion war sich sicher, dass sie ihre Marguerite hatte, was ihrer Hauptdarstellerin noch nicht so bewusst war: „Ich konnte überhaupt nicht sehen, was Anna in mir sah, und habe das auch in Frage gestellt und schrieb ihr eine Mail, sie solle doch noch ein wenig weitersuchen, weil ich so schlecht in Mathematik bin. Aber sie hat mich dann überzeugt, und Vertrauen ist so wertvoll von einem Regisseur.“ Lachend erzählt Ella Rumpf noch, dass sie eigentlich seit Jahren versuche, die eingekehrte Person in ihr zu bekämpfen, die eigentlich nur für sich selbst sein möchte.

„Die Gleichung ihres Lebens“ zeigt neue Facetten von Ella Rumpfs Schauspielpersona (© TS PRODUCTIONS, Michal Crotto/Weltkino)
„Die Gleichung ihres Lebens“ zeigt neue darstellerische Facetten (© TS PROD., Michal Crotto/Weltkino)

Betrachtet man ihre Filmografie genauer, fällt natürlich auf, dass sie zwar in mehreren Genres reüssiert hat, aber sich doch gerne Figuren auswählt, die sich den Normen der Gesellschaft verweigern oder gleich am Rande dieser kapitalistischen Friss-oder-Stirb Konsumwelt stehen. Und so beherrscht Ella Rumpf in ihren „Außenseiterinnenrollen“ eine breite Palette und fühlt sich auch zu diesen Figuren hingezogen: „Marguerite ist eine Außenseiterin, und ich liebe Außenseiter und finde, sie werden viel zu selten so gezeigt, dass man sie auch mag und bewundern kann. Dieser Faszination wollte ich mit Marguerite einen Platz geben.“


Sprache ist ein Muskel

Viel leiser und fröhlicher hat sie Polina in der ersten Staffel von „Tokyo Vice“ angelegt, die unter anderem von Michael Mann produziert wurde. Sie spielt dort eine Slowenin, die Schlimmes erlebt haben muss, bevor sie nach Japan kam. Als hübsche junge Frau ist es ihre Aufgabe in einem teuren Club, Männern das Geld aus der Tasche zu ziehen, sie zu unterhalten und zum Bestellen teurer Champagnerflaschen zu animieren. Ella Rumpf spielt Polina als eine eigentlich sehr liebevolle, mitunter zu gutmütige junge Frau, der nicht bewusst ist, dass sie als Frau auch selber nur eine Ware in einer knallharten Männer-(Unter-)Welt ist, in der die Yakuza das Sagen hat.

Für „Tokyo Vice“ hat sie etwas Japanisch gelernt, in „Freud“ spricht sie ganze Sätze auf Ungarisch und über das Französische sagt sie im Bezug auf „Die Gleichung ihres Lebens“, Französisch sei viel emotionaler als Deutsch, was dann auch in ihr Spiel einfließe. Im Bonusmaterial von „Tokyo Vice“ ist ihr eine sehr kurze Featurette gewidmet, in der ein Statement herausragt: „Language is a muscle you got to use.“ (Sprache ist ein Muskel, den man benutzen muss).

Ella Rumpf bei der „César“-Verleihung 2024 (© IMAGO / Starface)
Ella Rumpf bei der „César“-Verleihung 2024 (© IMAGO / Starface)

Ella Rumpf dreht derzeit wieder einen Film in Frankreich und wird mit Sicherheit noch in vielen Genres und Rollen glänzen und wahrscheinlich auch eine Weile noch von Regisseurinnen oder Regisseuren „entdeckt“ werden, obwohl sie längst bewiesen hat, dass sie eine hervorragende Schauspielerin und schon lange keine „Nachwuchsdarstellerin“ mehr ist. Übrigens bekamen besagten „César“ der „Besten weiblichen Offenbarung“ vor ihr unter anderem Sophie Marceau, Mélanie Laurent, Charlotte Gainsbourg, Audrey Tautou und Vanessa Paradis. Ella Rumpf ist weder Anti-Star noch Star und sagte über sich, als sie bei der Berlinale 2020 einer der „Shooting Stars“ war: „Die Schauspielerei ist für mich eine Suche nach Welten, die ich noch nicht kenne.“

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