„Psycho“ und der Engel

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Leise knarrend öffnet sich die Schlafzimmertür. „Mutter“ wittert den Detektiv, der zu ihr nach oben steigt. Auf halber Treppe sticht die Phantomfrau den Arglosen nieder, es ist der zweite Mord in „Psycho“. Ein kleines Sound-Geheimnis lüfteten französische Tontechniker vor wenigen Jahren: Auf dem Originalton der Türspalt-Einstellung fiepen Schwalben, die im Studiodach ihr Nest gebaut hatten. Man kann der Meinung sein, dieses Dokument banalen Vogelalltags hätte ruhig unter dem Rauschteppich bleiben können, der es 50 Jahre lang verdeckte.

Mich fesselt das handlungsirrelevante Zwitschern aber doch. Als „Psycho“ gedreht wurde, hatten Filme (selbst eines Kontrollfreaks wie Hitchcock) noch per se einen hohen Dokumentaranteil. Heute kann jeder ins Bild ragende Mikrofonschatten, jedes Störgeräusch herausgerechnet werden.

Die Digitalisierung hat zweierlei Tendenzen verschärft. Qualitativ: die (Kultur-)Produzenten drängen nach totaler Perfektion. Quantitativ: die Konsumenten werden mit Terrabytes an Filmen, Serien und Clips zugemüllt. Da fällt es zunehmend schwer, sich zu konzentrieren, die Aufmerksamkeitsspanne verkürzt sich.

Bereits 1993, als wir uns noch mit Zappen zerstreuten und nicht im Internet, schuf Douglas Gordon eine Videoinstallation, die das Thema der medialen Überforderung in eine künstlerische Form brachte. Er projizierte „Psycho“ mittels Beamer auf einen Screen, verlangsamte aber die Abspielgeschwindigkeit des Videoplayers so, dass aus dem Film eine 24 Stunden dauernde Diaschau wurde. Mit der extremen Zeitlupe erhöhte Gordon sozusagen die Datenrate. Mit dem Effekt, dass man vor lauter Bildern – abzüglich des Tons – den Film und seine Handlung nicht mehr erkannte. Wenn die Versuchsanordnung „24 Hour Psycho“ aufgebaut ist, bleibt das Publikum natürlich nicht länger als fünf Minuten in der Ausstellungskoje. Da ist es unwahrscheinlich, ein ikonisches Bild zu erhaschen, eher stößt man auf eine Menge inhaltsleerer, unscharfer oder schwarzer Frames. So kann es dem Betrachter passieren, dass er minutenlang auf sechs unscharfe, weiße Kacheln starren darf. Das ist die Szene, in der Marion Crane unter der Dusche erstochen wird!

Im Kunststudium habe ich Fotos mit Wasserfarben abgemalt. Einmal, nur mit Grautönen: ein Filmstill aus „Psycho“. Das Sonderbare an der Einstellung, die Hitchcock für weniger als eine Leinwandsekunde komponieren ließ, ist seine Gemäldequalität. Dabei sollte sie nur kurz ins Bewusstsein schießen – die kurze Einstellung von Mrs. Bates’ Bett mit ihrem Körperabdruck, gezeigt aus dem Blickwinkel der im Haus spionierenden Lila Crane, die herausfinden will, wohin ihre Schwester verschwunden ist. Sie weiß ja nicht, dass Marion ermordet wurde. Sie weiß ebenso wenig, dass Norman auch seine Mutter getötet und ausgestopft hat, was die Kuhle auf der Matratze erklärt. Aber weder Lila noch die Zuschauer begreifen das in der Hektik. Das Bild versickert im Unterbewusstsein. Schlau gemacht, Mr. Hitchcock.

Während des Malens, das ja ein intensiver Akt des Sehens ist, bin ich auf etwas gestoßen, das so gar nicht in dieses morbide Stillleben passt. Eine um 90 Grad gekippte Figur in der rechten unteren Ecke, ein lustiger Putto im Dekor der Tagesdecke. Was soll hier der Knabe? Wer wird den Engel beim ökonomisch-schnellen Dreh von „Psycho“ schon absichtlich im Bild platziert haben? Und falls ja, wie interpretiere ich das?

Für mich ist die Figur der Überschuss, das eigenwillige „punctum“, das Roland Barthes brauchte, um sich für eine bestimmte Fotografie zu interessieren. Das „punctum“ ist die Nadelspitze, die aus den stimmigen Tatsachen des „studium“ (hier: Bett, Abdruck, Sessel, Kamin) heraussticht. Also lassen wir das mit der Interpretation. Der Engel, der sich in das „Psycho“-Set verflogen hat, gehört – wie ja auch die Geschichte mit den Schwalben – weder den Filmkritikern noch den Filmwissenschaftlern. Vielleicht reizt das Detail die Philosophen oder die Künstler. Auf jeden Fall gehört es den Nerds, die das Synapsengewitter der digitalen Kultur nicht aus der Ruhe schreckt. Sie erfreuen sich an einem Putto, unschuldig, ohne Botschaft, in der rechten unteren Ecke.


Der Clip der Filmszene findet sich hier:

https://www.youtube.com/watch?v=sN27hiq4NcA


Bild: Jens Hinrichsen: „Mutter“ (aus der Serie „Freunde“), 2000, Aquarell auf Papier, 13 x 18 cm

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