Ein Fremder ohne Namen

Neu auf BD: Der Clint-Eastwood-Klassiker im Mediabook mit restaurierter deutscher Tonspur und ausführlichem Booklet.

Diskussion

Es ist bemerkenswert, dass kaum ein Feature im Heimkino-Bereich in Deutschland derart stiefmütterlich behandelt wird wie die deutsche Tonspur. Das mag unter anderem daran liegen, dass gerade bei den großen Verleihern zu allererst auf Kostenminimierung geachtet wird. So wird bei Übernahmen aus dem englischsprachigen Raum die Originalsprache meist kunstvoll aufgefrischt, während die deutsche Tonspur muffig vor sich hin klingt – ein Missklang, der mit zunehmendem Alter des Films anwächst. Clint Eastwoods ebenso radikale wie brachiale Regiearbeit „Ein Fremder ohne Namen“ (1972) wurde 2013 von Universal in dumpfem Mono-Ton als Blu-ray veröffentlicht, während die englische Dependance des Labels dem viel lebhafteren Original-Mono-Ton der Kinofassung einen 5.1-Stereo-Upmix spendierte.

Nun ist das deutsche Label Capelight angetreten, die Scharte mit einer neuen DVD/BD-Edition von „Ein Fremder ohne Namen“ auszumerzen. Das ist keine schlechte Idee: Eastwoods Rachewestern erlangt insbesondere durch sein Sounddesign und die Gänsehaut-Filmmusik von Dee Barton seine bedrückende Stimmung. Beides lässt sich in der neuen Ausgabe des Films nun angemessen würdigen: So schmerzt jetzt der scharfe Schnalz der Bullen-Peitsche förmlich auf der Haut des Betrachters, der die Hufgeklapper-Monotonie unterbricht, wenn der Namenlose auf seinem müden Pferd die staubige Hauptstraße entlang nach Lago reitet.

Einst war die nun sorgfältig restaurierte deutsche Tonspur mit dafür verantwortlich, dass der „geradlinig inszeniert und schön fotografierte Film“ (FILMDIENST-Kritik vom Oktober 1973) hierzulande missverstanden wurde. Denn die vom damaligen Verleih CIC zu verantwortende deutsche Synchronisation machte aus dem Namenlosen kurzerhand den Bruder des Marshalls, der in Lago zu Tode gepeitscht wurde. Das degradierte den Film auf dramaturgischer Ebene vorschnell zu einer eindimensionalen, weil brutalen Rachegeschiche. Brutal ist der Film, aber eindimensional?



Nicht umsonst spinnt das Drehbuch von Ferris Webster ein Netz aus Andeutungen um die Identität des von Eastwood selbst gespielten Protagonisten. Und der Regisseur Eastwood tut ein Übriges, um der Szenerie fast schon den Zungenschlag einer Horrorgeschichte zu verleihen, in der das vom Namenlosen in „Hölle“ abgeänderte Ortsschild eine vielschichtige Bedeutung erlangt. Ist der Rächer gar die Reinkarnation des in einem namenlosen Grab verscharrten Marshalls?

So kann eine kleine „Interpretationsfreiheit“ im Dialogbuch einer Synchronisation fatale Folgen für die Rezeptionsgeschichte eines Films haben. Im Fall von „Ein Fremder ohne Namen“ lohnt eine Neubetrachtung auf jeden Fall. Nicht nur aufgrund der eindrücklich aufgefrischten Bildgestaltung, sondern auch wegen der Möglichkeit, den Film ohne Reue in zwei gut klingenden Tonversionen erleben zu können. Wer dann noch in die Analyse des Films einsteigen will, dem sei Marcus Stigleggers Text aus dem 24-seitigen Booklet des neuen Mediabooks empfohlen, der Eastwoods Werk noch einmal ganz andere Seiten abgewinnt.

Anbieter: Capelight

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