Das deutsche Plakatmotiv von „Der Meister und Margarita“ mit August Diehl (© Capelight Pictures)

Der Teufel spricht deutsch - Michael Lockshin über „Der Meister und Margarita“

Ein Interview mit dem Regisseur Michael Lockshin über seine Verfilmung von „Der Meister und Margarita“ nach dem gleichnamigen Roman von Michail Bulgakow

Aktualisiert am
09.05.2025 - 16:12:58
Diskussion

Der 1981 geborene US-amerikanisch-russische Regisseur Michael Lockshin begann mit Werbefilmen und drehte 2019 seinen ersten Spielfilm. Seine zweite Kinoarbeit ist eine eindrucksvolle Adaption von Michail Bulgakows berühmtem Roman „Der Meister und Margarita“. Der bereits 2021 entstandene Film sorgte in Russland für Aufregung, weil seine Darstellung der stalinistischen Unterdrückung auch auf das Putin-Regime zielt. Trotzdem oder gerade deswegen avancierte „Der Meister und Margarita“ nach dem Start 2024 mit sechs Millionen russischen Zuschauern zum Kassenschlager.


In Ihrem Film wird Moskau in den 1930er-Jahren als eine riesige Baustelle voller monumentaler Gebäude gezeigt. Wie sind Sie auf diesen Look gekommen?

Michael Lockshin: Im Film gibt es zwei Welten. Da ist einmal der realistische Look, der für das Drama eines Schriftstellers steht, den man zensiert und verfolgt. Und man kann eine von ihm erdachte, fantastische Welt sehen. Zu diesen beiden unterschiedlichen Welten gehören zwei verschiedene Visionen. Die Stadt soll die Metaphern, die dem Thema inhärent sind, visuell darstellen. Es geht um einen totalitären Staat, einen Künstler, die Rede- und Kunstfreiheit. Um das optisch zu verdeutlichen, haben wir auf die Pläne zurückgegriffen, die es in den 1930er-Jahren über eine utopische Zukunft von Moskau gab. Das unterschied sich Stalins Russland nicht sehr von den Plänen in Berlin für „Germania“ von Albert Speer.

In Moskau hat man die alte Welt abgerissen, um eine neue Welt zu errichten. Wir sehen also auf der realistischen Ebene, wie diese alte Welt zerstört wird. In der vom Schriftsteller imaginierten utopischen Welt stehen diese neuen Bauten bereits. Man sieht also, wie Moskau ausgesehen hätte, wenn 1941 der Krieg nicht dazwischengekommen wäre. Alle Bauwerke dieser futuristischen Metropole, die man im Film sieht, basieren auf den Plänen, die 1935 für Moskau entworfen wurden. Aufgrund des Krieges wurden sie dann gestoppt.

Michael Lockshin beim Dreh von „Der Meister und Margarita“ (© Capelight)
Michael Lockshin (l.) beim Dreh von „Der Meister und Margarita“ (© Capelight)

Es gibt aber auch eine weitere Referenz, wenn es um dieses Moskau geht, das abgerissen und ständig neu gebaut wird. Man denkt dabei nie an die Menschen, die dort leben. Auf eine seltsame Weise gibt es dazu eine Parallele zum heutigen Moskau. Wer in den letzten 20 Jahren in Moskau war, hat gesehen, dass man Teile dieser Stadt permanent abreißt und ganz Moskau eine Baustelle ist. Auf diese Weise passt dieser Look, den wir wollten, ebenso für das stalinistische wie auch für das heutige Moskau.


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Der Film entstand auch mit staatlichen Fördermitteln. Es ist daher erstaunlich, dass man ihn 2024 zum Kinostart nicht zensiert hat, da er ja erst nach der russischen Invasion in der Ukraine in die Kinos kam. Wie war das in der Produktionsphase? Gab es Druck oder Einmischung?

Lockshin: Als wir den Film 2021 drehten, lebten wir noch in einer ganz anderen Welt. Damals verfügten wir über völlige Freiheit, weil wir ja eine Bulgakow-Adaption drehten. Niemand schaute genau hin, was wir da machten. Das Buch erlaubt viele Deutungen, weil es so komplex ist. Damals war es noch möglich, den Film so zu machen, wie wir wollten. Für eine Fernsehausstrahlung ist er jüngst übrigens doch zensiert worden. Man schnitt fünf Minuten heraus. Es gab auch in der Postproduktionsphase viele Versuche, den Film zu zensieren. Ich bin seit Ende der Dreharbeiten 2021 nicht mehr in Russland gewesen und beendete den Film in den USA. Ich erhielt etliche E-Mails mit der Forderung, die politischen Szenen herauszuschneiden und eher einen Liebesfilm daraus zu machen. Einige der Produzenten stammen aus Russland, andere leben im Ausland. Glücklicherweise konnte ich den Film schließlich so schneiden, wie ich es immer vorhatte.

Der Film ist nicht nur visuell beeindruckend, sondern auch sehr international besetzt. August Diehl in der Rolle des Teufels darf sogar Deutsch sprechen. Wie wichtig war Ihnen dieser internationale Aspekt?

Lockshin: Es war immer unsere Absicht, einen internationalen Film zu machen. Wäre der Krieg nicht ausgebrochen, hätte Universal den Film auch in Russland verliehen. Wahrscheinlich wäre „Der Meister und Margarita“ sogar auf Festivals gelaufen. Doch nach Kriegsbeginn war das unmöglich. Niemand wollte etwas mit einem russischen Film zu tun haben, auch wenn wir immer betonten, dass der Film vorher entstanden ist. August Diehl war nicht nur dafür da, um den Film internationaler aussehen zu lassen. Er passt perfekt zu dieser Rolle. Seine Figur des Woland basiert ja auf dem Mephisto aus „Faust“. Bulgakow hat ihn immer als jemanden beschrieben, der einen deutschen Akzent hat. Er sieht wie ein eleganter Europäer aus und steht damit im Kontrast zu den Sowjetmenschen. Daher wollten wir für diese Rolle einen Ausländer. August Diehl war unsere erste Wahl.

In der Mephisto-Tradition: August Diehl als Woland (© Capelight)
In der Mephisto-Tradition: August Diehl als Woland (© Capelight)

Die beiden russischen Schauspieler Julia Snigir und Jewgeni Tsyganow sind perfekt in den Hauptrollen. Sie sind auch im echten Leben verheiratet. Haben Sie beide daher auch bewusst für dieses zentrale Paar besetzt?

Lockshin: Zunächst wollte ich das eigentlich verhindern. Neben August Diehl war auch Julia Snigir als Margarita bereits gecastet, und ich wollte am Set keine eventuellen Eheprobleme haben. Aber Jewgeni Tsyganow passte so ideal zur Figur des Meisters und hat ihn perfekt verkörpert. Er spielt ihn mit dieser verinnerlichten Ironie und der Freiheit, die seine Figur ausmacht. Und je länger wir drehten, umso mehr sah er wie Bulgakow aus. Beide waren dann als Meister und Margarita einfach perfekt; ihre Chemie wirkt so natürlich. Es hatte viele Vorteile, mit beiden zu drehen, ging aber auch mit einer gewissen Komplexität einher.

Im Buch gibt es die legendäre Eröffnungsszene mit Woland und den beiden sowjetischen Repräsentanten auf einer Bank, die über Gott, den Teufel und Atheismus diskutieren. Im Film sieht man sie erst nach 40 Minuten. Wie entscheidend waren die dramaturgischen Veränderungen im Vergleich zum Buch?

Lockshin: Für meinen Drehbuchautor Roman Kantor und mich bestand die einzige Möglichkeit einer Adaption des Buches darin, uns gewisse Freiheiten zu nehmen. Das Buch an sich ist keine Vorlage für einen Blockbuster, erst recht, wenn man das Buch nicht kennt. Für diese Schlüsselszene war es wichtig, dass die Zuschauer zunächst einmal verstehen, wer diese Charaktere sind und wie sie zueinanderstehen. Bei allen Veränderungen ging es darum, zunächst die Figur des Meisters zu etablieren. Alle anderen Figuren mussten dann dramaturgisch in dessen Geschichte eingebunden werden. Die Leser wissen, dass der Verleger Berlioz zu Beginn des Buches seinen Kopf verliert, aber im Film kennen wir ihn bereits, bevor sein Kopf abgetrennt wird, und wir sind im Bilde, in welcher Beziehung er zum Meister steht. Alle, die diese Szene sofort erwarten, verstehen also, dass sie keine 1:1-Adaption des Buches sehen werden. Vielleicht müssen sich diese Zuschauer zu Beginn des Films daran gewöhnen, aber dann gelingt es ihnen hoffentlich, unserem Narrativ und unserer Story zu folgen.

Ich fand es sehr geschickt, die berühmte Pontius-Pilatus/Jeschua-Nebengeschichte, die im Buch wie ein Roman im Roman wirkt, so zu erzählen, dass der Meister das Theaterstück „Pilatus“ geschrieben hat, das dann von den Behörden abgesetzt wird. Fällt es dem Zuschauer so leichter, diese beiden so unterschiedlichen Ebenen zu verstehen?

Lockshin: Es war eine Möglichkeit, die Figur des Meisters, eines Schriftstellers in seiner Zeit, besser zu verstehen. Was es bedeutet, als Künstler im Stalinismus verfolgt zu werden, wenn sein Stück abgesetzt und verfemt wird. Diese Geschichte um Pontius Pilatus und Jeschua könnte einen eigenständigen Film abgeben. Das ist unter anderem in der italienischen Adaption von Aleksandar Petrovic in den 1970er-Jahren versucht worden. Bei uns umfasst dieser wichtige Teil der Geschichte 15 Minuten.

Das von den Zeitläuften bedrohte Liebespaar (Julia Snigir, Jewgeni Tsyganow) (© Capelight)
Das von den Zeitläuften bedrohte Liebespaar, gespielt von Julia Snigir und Jewgeni Tsyganow (© Capelight)

Reden wir von Ihnen. Ihre Biografie ist filmreif. Sie wurden 1981 in den USA geboren, emigrierten dann aber mit Ihren Eltern in die Sowjetunion. Wie kam es dazu?

Lockshin: Ich war 1986 ein kleiner Junge und habe diese Wahl nicht selber getroffen, aber so war es. Ich bin in beiden Kulturen aufgewachsen, mit US-amerikanischen und russischen Filmen. Ich verstehe beide Kulturen. Aber als ein Kind, das zunächst in den USA aufwuchs, habe ich schnell bemerkt, welche Ängste in Russland vorherrschten, die mit der sowjetischen Vergangenheit zu tun haben und denen wir auch heute in Russland wiederbegegnen. Ich ging in Russland zur Schule und auf die Universität und zog später nach Europa. Ich lebte in London und war sogar eine Zeitlang auch in Berlin. Dann kehrte ich in die USA zurück und alternierte zwischen Russland, Europa und den USA bis zum Ausbruch des Krieges. Heute kann ich nicht nach Russland zurück.

Stimmt es, dass Ihr russischstämmiger Vater aus ideologischen Gründen in die Sowjetunion emigrierte?

Lockshin: Er glaubte an den Kommunismus und wurde ab einem gewissen Moment vielleicht auch ein wenig verrückt. Er war Wissenschaftler, ein Biochemiker. Unserer familiären Wurzeln in Russland reichen sogar in vorsowjetische Zeiten zurück. Mein Vater fühlte sich in den USA auf Grund seiner linken politischen Ideen verfolgt. Er nahm uns, seine Familie, dann mit in die Sowjetunion, kurz bevor das ganze System zusammenbrach.

Ihr Film handelt von der Sowjetunion, von Russland und dem Absolutismus. Doch in Anbetracht dessen, was heute unter Trump in den USA passiert, bekommt Ihr Werk auch eine andere Dimension.

Lockshin: Ja, es gibt in „Der Meister und Margarita“ eine gewisse (russische) Spezifizität. Aber wenn man etwas tiefer gräbt, dann erkennt man diese ewigen Themen. Es geht auch um den Begriff der Wahrheit. Bulgakows Schriftsteller steht für einen Archetypen, der die Wahrheit hochhält. Mit diesem Problem sind wir heute überall konfrontiert, in den USA derzeit auf erschreckende Weise. Dort herrscht eine Regierung, die sich nicht um Moral und Wahrheit schert. Sie propagieren an einem Tag Dinge, über die sie einen Tag später das Gegenteil sagt. Sie beruft sich auf das nationale Interesse, aber dient nicht den Menschen. Glücklicherweise erleben wir im Westen noch nicht die besondere Spezialität totalitärer Staaten, nämlich Menschen zu verfolgen. Das wird es meiner Meinung nach auch in Zukunft nicht geben. Da unterscheiden sich die Systeme. In Russland werden heute wieder Schriftsteller und Künstler ins Gefängnis geworfen.

Auch die Ebene um Jeschua/Jesus und Pilatus (Claes Bang) wird in der Handlung reflektiert (© Capelight)
Auch die Ebene um Jeschua/Jesus und Pilatus (Claes Bang) wird in der Handlung reflektiert (© Capelight)

Der Film wurde in Russland mit sechs Millionen Zuschauern ein riesiger Erfolg. Ist Deutschland jetzt das erste Land, wo er außerhalb Russlands im Kino läuft?

Lockshin: Wegen der politischen Implikationen zögerten die russischen Produzenten, aber es ist uns jetzt gelungen, die internationalen Rechte zu erhalten. Deutschland ist das erste Land, dann folgen Frankreich und Italien. Es dauert alles etwas länger. Auch in Russland verzögerte sich der Kinostart um ein ganzes Jahr. Nach dem Ausbruch des Krieges wussten wir lange Zeit nicht, ob wir den Film beenden können, ob und wie er jemals ins Kino gelangen würde. Das war emotional sehr aufwühlend.

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