2024 jährte sich zum 100. Mal die Gründung des Hollywood-Studios Columbia, das sich nach bescheidenen Anfängen an der Spitze des US-Filmgeschäfts etablieren konnte. Columbia wurde unter der Ägide von Studiogründer Harry Cohn zur Vorreiterin bei Screwball-Comedys, Films noirs und der Förderung innovativer Regisseure und junger Talente. Im Jubiläumsjahr würdigte bereits das Filmfestival Locarno die Columbia mit der Retro „The Lady with the Torch“, ab Mai ist eine Auswahl von 20 Filmen daraus in Hamburg zu sehen. Anlass für eine Würdigung des Studios.
Stolz und würdevoll steht sie da, jene Lady im bodenlangen Kleid, die mit der Fackel in der rechten Hand jeden Columbia-Film ankündigt. Eine gestandene Patriotin ist sie auch, wie die amerikanische Flagge, die ihr in den 1930er-Jahren noch von der linken Schulter fällt, beweist. Doch nicht immer waren die Filme in den folgenden Jahrzehnten so gesittet, wie es Noblesse der Columbia-Dame vielleicht suggeriert. Man denke nur an den heißen Kaffee, den Lee Marvin seiner Geliebten (Gloria Grahame) in Fritz Langs „Heißes Eisen“ (1953) ins Gesicht schüttet, an den gewisslosen Killer in Irving Lerners Film noir „Der Tod kommt auf leisen Sohlen“ (1958), der für die Ermordung einer Frau mehr Geld verlangt, oder an Budd Boettichers Western „Auf eigene Faust“ (1959) über einen Mann (Randolph Scott spielt ihn), der die Mörder seiner Frau sucht und stur an seiner Rache festhält. So würdig das Columbia-Markenzeichen anzusehen ist, so gewagt war manches, was das Studio auf die Leinwände brachte.
Die Columbia feierte am 10. Januar 2024 ihren 100. Geburtstag. Darum widmete ihr das Filmfest von Locarno unter dem Titel „The Lady with the Torch“ (Die Dame mit der Fackel) im letzten Sommer eine Retrospektive, die das Hamburger „Metropolis“ nun ab dem 15. Mai bis zum September mit etwa 20 Filmen nachspielt. Ein kleiner Ausschnitt nur, aber klug ausgewählt, zumal nicht nur die bekannten Filmemacher wie Howard Hawks (in Hamburg mit „Napoleon vom Broadway“ vertreten), Frank Borzage („Ein Schloss in New York“), George Stevens („Zeuge der Anklage“) und John Ford („Stadtgespräch“) im Mittelpunkt stehen, sondern auch B-Film-Regisseure wie Joseph H. Lewis oder André de Toth. Drei Jahrzehnte, von 1929 bis 1959, also jene Zeit mit und unter Harry Cohn, umspannt die Retrospektive – ein schönes Spektrum an Künstlern, Genres (vom Western über den Film noir bis zur Screwball-Komödie), Stars und Geschichten, die das klassische Hollywood repräsentieren. Von „Oscar“-Gewinnern bis zu seltenen Filmen reicht die Bandbreite. So wird die Retrospektive auch zu einem Porträt eines der bemerkenswertesten Studiobosse, dessen Charakter, Haltung und Herangehensweise die Columbia und ihre Filme prägte.
Cohns Coup mit Capra
Harry Cohn (1891-1958) gründete um 1920 zusammen mit seinem Bruder Jack (1889-1956) und ihrem gemeinsamen Freund Joe Brandt die CBC Film Sales Corporation. Wegen des Spitznamens „Corned Beef and Cabbage Company“ änderten die drei Eigentümer 1924 den Namen und gründeten die Columbia Pictures. Zunächst fungierte Brandt als Präsident der Firma, doch von 1932 bis zu seinem Tod 1958 war Harry Cohn die treibende Kraft hinter Columbias allmählichem Aufstieg. Klein fing es an, an der sogenannten Poverty Row. Doch Harry Cohn war offen für neue Möglichkeiten und neugierig auf junge Talente. Und dann gelang ihm Ende der 1920er-Jahre der Coup – er heuerte Frank Capra an, der zuvor für Mack Sennett Slapstick-Komödien und die ersten Langfilme des Komikers Harry Langdon inszeniert hatte.
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Mit 25 Filmen zwischen 1928 und 1939 war Capra der prägendste Regisseur der Columbia, er machte die Filmfirma erst bekannt. Seine Filme wurden von der Kritik gelobt und vom Publikum geliebt. In Hamburg läuft „Mr. Deeds geht in die Stadt“ (1936), in dem Gary Cooper in der Rolle des Longfellow Deeds 20 Millionen Dollar erbt und sogleich an Bedürftige verschenken will. Jean Arthur versucht derweil, als Journalistin herauszufinden, wie dieser komische Kerl tickt. Was für eine einfache Geschichte, doch dargebracht mit so viel Charme und Charisma, dass man sich ihr nicht erwehren kann! Hier geht es aber noch um mehr, um einen Helden, der gar kein Held sein will, um eine böse Welt, gegen die man sich wehren muss, um ein märchenhaftes, optimistisches Happy End, das den von der Depression gebeutelten Zuschauern ein wenig Linderung versprach. Capra bekam für den Film seinen zweiten „Oscar“ nach „Es geschah in einer Nacht“ (1934), und das war es, was Cohn wollte: Anerkennung und Erfolg!
„Harry Cohn war eine der fürchterlichsten, größten und umstrittensten Persönlichkeiten, die Hollywood je gekannt hat,“ schreibt Capra in seiner Autobiographie. Cohn muss ein wahrer Stinkstiefel gewesen sein, der schreiend durch die Flure lief, die Schwachen verhöhnte und die Starken lobte. Er war ein Mann der Straße und sprach ihre Sprache. Über kaum einen anderen Hollywoodmogul ranken sich so viele Legenden und Gerüchte. Aber auch seine Gegner mussten anerkennen, dass er ein sicheres Gespür für Filmschaffende, vom Set-Designer über den Regisseur bis zum Schauspieler, hatte. Mehr noch: Er wusste genau, wie man ein Filmstudio effektiv und kommerziell erfolgreich führt. Aus dem Underdog war ein großes Studio geworden, nicht so tough wie die Warner, nicht so glamourös wie die Paramount, nicht so stargespickt wie die MGM, nicht so Horror-affin wie die Universal, nicht so ausstattungsverliebt wie die Fox. Kein Luxus, keine Extravaganzen, dafür Kreativität, Flair und Qualität. Am Ende der klassischen Hollywood-Ära hatte Cohn den Spagat zwischen Kunst und Kommerz, zwischen Prestige und Profit geschafft. Der Fokus lag dabei immer auf dem spannenden Erzählen von Geschichten.
Clevere Geschäftstaktiken
Bereits 1926 hatte Harry Cohn entschieden, dass – anders als Paramount, Warner und MGM – die Columbia keine eigenen Filmtheater besitzen sollte. Das sparte Geld für Grundstücke und Bauten. Das bedeutete allerdings auch, dass die Filme keine Abspielstätten hatten. Sie mussten gut sein, damit potenzielle Filmverleiher sie auch buchten. Doch mit Aufkommen des B-Movies, das regulär als kurzer, zweiter Teil eines Doppelprogramms in den Kinos lief, warf auch die Columbia immer mehr Low-Budget-Filme aus. Sie kosteten wenig und warfen viel Profit ab. Die Entscheidung, keine Filmtheater zu besitzen, sollte sich als ausgesprochen weise entpuppen, vor allem wegen der Anti-Trust-Gesetze 1948, die den Studios verbaten, ihre Filme herzustellen und selbst zu verleihen. So blieb die Columbia von den massiven Verlusten anderer Kinoketten verschont.
Zu den Praktiken der Cohn-Brüder gehörte auch, lange Verträge mit Regisseuren und Stars zu vermeiden. Sogenannte „Three Picture Deals“ lockten Regisseure wie Leo McCarey und Howard Hawks an, die Produktion konnte deshalb sehr flexibel planen. Die Produktionskosten waren niedrig, ein B-Film verschlang höchstens 200.000 Dollar, das durchschnittliche A-Picture-Budget belief sich in den 1940er-Jahren auf 500.000 Dollar, das sich durch hohe Star-Honorare auch verdoppeln konnte. Höhere Budgets lockten Top-Talente an, wie zum Beispiel Alexander Hall, Charles Vidor oder Robert Rossen. Manche Regisseure akzeptierten aber auch niedrigere Gehälter – im Tausch gegen künstlerische Freiheit. Verträge mit unabhängigen Produzenten, zum Beispiel Sam Spiegel oder Humphrey Bogarts Santana Productions, erhöhten den Filmausstoß und verringerten das Risiko. Mit „Die Brücke am Kwai“ wandte sich Columbia in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre verstärkt britischen Co-Produktionen zu, die das Prestige (und die Profite) des Studios noch erhöhten.
Harry Cohn hatte auch den Ruf, überaus frauenfeindlich zu sein. Trotzdem engagierte er Virginia Van Upp als „Executive Producer“, die erste Frau in dieser Stellung in der Geschichte Hollywoods. Mehr noch: Dorothy Arzner, zusammen mit Ida Lupino die einzige Filmemacherin im klassischen Hollywood, drehte für die Columbia das Melodram „Craig’s Wife“ (1936), das auch in Hamburg gezeigt wird. Die damals 28-jährige Rosalind Russell, später bekannt für Howard Hawks’ „Sein Mädchen für besondere Fälle“, spielt eine gefühlskalte, materialistische Ehefrau, der die perfekte Einrichtung ihres Hauses wichtiger ist als die Liebe zu ihrem Ehemann. Russell ist auch in „Meine Schwester Ellen“ (1942) zu sehen: Zwei Schwestern aus Ohio machen sich auf nach New York, um Ruhm und Reichtum zu ernten. In Greenwich Village kommen sie in einem Souterrain-Apartment unter, in dem zuvor eine höchst gesellige junge Frau wohnte. Deren Freunde und Bekannte wissen von ihrem Auszug allerdings nichts – und bevölkern nun das Apartment. Zum Schreien komisch, mit absurdem Höhepunkt, von Alexander Hall rasant inszeniert. Das gleichnamige Musical-Remake von Richard Quine, nun in Farbe und Cinemascope und mit Janet Leigh in der Hauptrolle, zeigt das „Metropolis“ ebenfalls in der Retrospektive.
Ein Studioerbe reich an Themen
Die Retrospektive umfasst nicht nur die Highlights, sondern auch Unbekanntes, „None Shall Escape“ von André de Toth zum Beispiel. Es geht um die Karriere eines Lehrers, der zum Nazi-Offizier wird, gezeigt in Rückblenden, während er sich nach dem Krieg vor einem internationalen Tribunal verantworten muss, das die Nürnberger Prozesse vorwegnimmt. Interessant: Der Film entstand 1944, also noch während des Krieges, und zeigte so die Verbrechen der Nazis, während sie noch begangen wurden. Der Umgang mit politischem Zeitgeschehen – auch das eine Stärke der Columbia. Interessant auch der Breitwand-Western „Duell im Morgengrauen“, 1958 von Phil Karlson inszeniert. Van Heflin spielt hier einen respektheischenden Rancher, der seine beiden Söhne zu harten Kerlen erziehen will. Doch als einer über die Stränge schlägt, kommt es zur tödlichen Konfrontation. Eine fast schon griechische Tragödie mit Freudschen Untertönen, reich an Themen und noch immer modern. Der Film ist auch ein schönes Beispiel dafür, wie sehr Sony Pictures Entertainment, der Konzern, in dem die Columbia schließlich aufging, das Erbe des Studios pflegt. „Duell im Morgengrauen“ ist digital restauriert und, so Grover Crisp, Filmrestaurator von Sony, „erstmals seit seinem Erscheinen wieder in Cinemascope zu sehen“.
Zu den Films noirs der Retrospektive zählt neben Irving Lerners „Der Tod kommt auf leisen Sohlen“ und Fritz Langs „Heißes Eisen“ auch „Alarm in der Unterwelt“ (1949) von Joseph H. Lewis. Glenn Ford spielt darin einen Agenten des Finanzministeriums, der einen Gangster mit Spitznamen „The Big Fellow“ hochnehmen will und sich darum vor allem dessen Buchhalter vorknöpft. Am Ende steht die Verhaftung wegen Steuerhinterziehung. Ganz offensichtlich ist Al Capone gemeint, es geht also realistisch zu in diesem packenden Gangsterdrama. Da werden Zeugen beseitigt, Jurys bestochen und die Familien der Agenten bedroht. Joseph H. Lewis war einer der wichtigsten B-Film-Regisseure Hollywoods, seine besten Filme sind „Geheimring 99“, „Gefährliche Leidenschaft“ und „Mein Name ist Julia Ross“.
Der schönste Film der Retrospektive ist zweifellos „Picknick“, 1955 von Joshua Logan inszeniert. William Holden springt darin als zielloser Drifter namens Hal Carter in einem kleinen Ort im US-Staat Kansas vom Güterzug, just an dem Tag, als sich jedermann für das Picknick am Labor Day vorbereitet. Es ist so heiß, dass er gleich am Markt-Brunnen sein Hemd auszieht, um sich zu waschen, später wird er im Garten einer älteren Frau schuften, immer noch mit freiem Oberkörper. Der Mann wird hier zum Sexsymbol, mit seiner Virilität erregt er die Aufmerksamkeit gleich mehrerer Nachbarinnen, darunter Kim Novak als schöne Madge. Rosalind Russell ist in einer Nebenrolle als alte, verbitterte Jungfer zu sehen. Ein Film über Sinnlichkeit und Begehren, über Sehnsucht und Reue. Die Liebesszenen zwischen Holden und Novak lassen die Leinwand förmlich knistern. Höhepunkt ist sicherlich ihre berühmte Tanzszene, in der die beiden Tänzer die Augen nicht voneinander lassen können, dazu spielt der Song „Moonglow“. Eine der sinnlichsten und aufregendsten Szenen, die die Zensur im Hollywood-Kino der 1950er-Jahre erlaubte.
Frauen, die wissen, was sie wollen
Kim Novak ist auch ein schönes Beispiel dafür, wie sehr Harry Cohn junge, attraktive Schauspielerinnen gezielt lancierte und zu Stars machte. Noch berühmter war, neben Jean Arthur, natürlich Rita Hayworth, die mit Orson Welles’ „Die Lady von Shanghai“ (1947) – der Film mit der Schießerei im Spiegelkabinett am Schluss – im „Metropolis“ vertreten ist. Nicht zu vergessen Judy Holliday, die in George Cukors „Die unglaubliche Geschichte der Gladys Glover“ (1954) ihren Rollennamen am Columbus Circle in New York auf eine riesige Reklametafel pinseln lässt. Fortan wundert sich ganz New York, wer sie sein könnte. Die weiblichen Stars der Columbia sind keine femmes fatales – sie sind Frauen, die wissen, was sie wollen, die nicht auf den Mund gefallen sind, die arbeiten, ob als Journalistin oder Geschäftsfrau. Den Männern sind sie stets eine Nasenlänge voraus.
Hinweis
Mehr zur Retrospektive, den einzelnen Filmen und den Terminen auf www.metropoliskino.de
Zur Retrospektive in Locarno erschien ein englischsprachiges Buch bei Les éditions de l’œil, herausgegeben von Ehsan Khoshbakht, dem Kurator der Reihe: „The Lady with the Torch“
"Columbia Classics" fürs Heimkino
Die Heimkino-Boxen „Columbia Classics“, von denen mittlerweile fünf Editionen erschienen sind, versammeln eine umfangreiche Auswahl an Klassikern aus dem Hause Columbia. Einige der „Limited Editions“ sind mittlerweile vergriffen; beim Label Sony im Vertrieb von Plaion sind aktuell Vol. 4 (u.a. mit „Sein Mädchen für besondere Fälle“, „Kramer gegen Kramer und „Schlaflos in Seattle“) sowie Vol. 5 (u.a. mit „Die Faust im Nacken“, „Tootsie“ und „Zeit der Unschuld“) für je 149,99 EUR verfügbar, großzügig aufgemacht mit Bonusmaterialien.