Der franko-kanadische Comiczeichner Guy Delisle erzählt in „Für den Bruchteil einer Sekunde“ die Vorgeschichte des Kinos als spannende Biografie eines Quereinsteigers und Hasardeurs: Es geht um die Lebensgeschichte des Engländers Eadweard Muybridge (1830-1904), der mit seinen Versuchen, Bewegung im Bild festzuhalten, Geschichte schrieb.
Guy Delisle ist schon seit Jahrzehnten ein Reisender. Und von diesen Reisen berichtet er in seinen Comics. Als er zur Jahrtausendwende damit anfing, waren Reportage-Comics noch eine Seltenheit. Man kannte höchstens Joe Saccos Comics aus den 1990er-Jahren über Palästina oder den Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Delisle reiste zwar nicht wie Sacco an Kriegsschauplätze, aber an andere schwierig zu bereisende Orte wie China, Myanmar oder gar Nordkorea. Und er reiste in seiner Eigenschaft als Comic-Schaffender. Denn in China und Nordkorea arbeitete er in großen Büros von Animationsstudios. Seine Comics erzählen und reflektieren gleichermaßen seine dortige Arbeit und die Arbeitsbedingungen wie allgemein die Lebensumstände in den jeweiligen Ländern. Nach Myanmar und Israel begleitete er seine Frau, die für „Ärzte ohne Grenzen“ tätig ist.
Das könnte Sie auch interessieren:
- Eine Comic-Biografie übers Komikerduo Laurel und Hardy
- Eine Graphic Novel über die Dreharbeiten zu „Everything will be fine“ von Wim Wenders
Für seinen Comic „Lehrjahre“ reiste er zuletzt in seine eigene Vergangenheit und erzählte von seinen Erfahrungen als Student in einer riesigen Papierfabrik. Thematisch blieb er dem Comic damit treu, denn ohne Papier kein Comic, auch wenn der haptische Aspekt des Zeichnens am Zeichentisch mit der Schwerstarbeit in der Fabrik außer der analogen Haptik nicht allzu viel gemein hat.
Wie lässt sich Bewegung im Bild festhalten?
Mit seiner neuen Graphic Novel „Für den Bruchteil einer Sekunde“ begibt sich Guy Delisle abermals auf eine Reise in die Vergangenheit, wenn er das bewegte Leben des Engländers Eadweard Muybridge erzählt. Delisle beginnt 1855, als der 20-Jährige in die USA migriert, wo er recht erfolglos als Buchhändler arbeitet und nach einem Unfall mit der Postkutsche verwundet und vor allem desillusioniert heimkehrt. Doch der Unfall verändert ihn nachhaltig; er wird stur und jähzornig. Muybridges Dickköpfigkeit führt ihn schließlich wieder nach San Francisco, wo inzwischen die Fotografie ihren Siegeszug angetreten hat. Er nutzt die Gunst der Stunde und arbeitet zunächst als Porträtfotograf. Doch das langweilt ihn schnell. „Immer dasselbe: Entweder steif oder unscharf!“ Das Problem der langen Belichtungszeiten und der verschwommenen Bewegung wird ihn noch lange begleiten. Doch das hält ihn nicht davon ab, das neue Medium wie die Impressionisten die Malerei hinaus in die Landschaft zu tragen. Er wird mit seinen gewagten Szenarien vom Yosemite-Valley zum gefeierten Fotografen.
Aber was hat das alles mit Film und dem Kino zu tun? Das Verhältnis von Fotografie zu Film ist ähnlich wie das von Comic und Film. Einzelne Bilder als Sequenz angeordnet ergeben eine simulierte Bewegung. Muybridge hingegen versucht zunächst das Gegenteil: Bewegung in einem statischen Bild festzuhalten. Seine Experimente, die schließlich zu den berühmten Sequenzen mit den Bewegungsabläufen eines Rennpferdes führen, entstehen aus Muybridges Zusammenarbeit mit dem Eisenbahn-Millionär Stanford, der nicht nur die gleichnamige Universität gegründet hat, sondern auch einer großen Leidenschaft für Pferderennen und die Pferdezucht nachging. Er wollte mit Muybridges Hilfe fotografisch die These eines französischen Naturwissenschaftlers beweisen, dass Pferde für einen Moment ihrer Bewegung keinen Kontakt zum Erdboden haben – im Schwebezustand sind.
Ein Panorama der Vorläufer der Kinematografie
Guy Delisle verfolgt das Leben und Wirken des umtriebigen Eadweard Muybridge, der von seiner inneren Unruhe, aber auch vielen Zufällen in die (Vor-)Geschichte des Kinos geraten ist. Mit Passagen dokumentarischer Erzählform mit Textkästen (im Film wäre die Analogie ein Off-Kommentar) und fiktionalen Handlungsszenen mit Dialogen zieht Delisle die Leser:innen in diese spannende Geschichte. Immer wieder werden Originalfotos und historische Gemälde sowie Zeichnungen in die Geschichte eingebaut, um die technisch-kulturelle Entwicklung zu illustrieren. Mit Voranschreiten der Geschichte werden vor allem die technischen Hintergründe komplexer, aber auch das Figurenarsenal der Geschichte mit seinen Erfindern, Fotografen und Wissenschaftlern wie Alfred Nobel, Thomas Edison‚ Émile Renaud und natürlich den Lumière-Brüdern. Und auch die Feinheiten zwischen den Vorläufern der Kinematografie.
Zwischen Praxinoskop, Zoopraxiskop, Kinetoskop und dem fotografischen Gewehr von Étienne-Jules Marey kann man schon mal durcheinanderkommen. Aber im Gegensatz zu einem Kinofilm kann man den Lesefluss beim Comic ja leicht anhalten, um die Details in Panels oder ganzen Seiten genauer zu studieren.
Zwischen Abenteuer, Zufall, Entdeckungsfreude und Fanatismus
Mit seinem durchaus kantigen Zeichenstil – weitgehend dreifarbig in schwarz-weiß-grau gehalten, aber auch wenigen, dafür umso wirkungsvolleren Farbakzenten – trägt Delisle dem tragikomischen Grundton zwischen Abenteuer, Zufall, Entdeckungsfreude und Fanatismus (hatten wir schon erwähnt, dass in Muybridges Biografie auch noch ein Mordfall mit einer haarsträubenden Gerichtsverhandlung steckt?) der Geschichte Rechnung. Delisle weiß auf über 200 Seiten zwischen abenteuerlicher Biografie, Erfinder-Wettstreit und technischen Details die Spannung zu halten. Ein echter Page-Turner und sowohl für Comic- wie für Filmfans ein großer Genuss. Ein Mini-Daumen-Kino als Verbindung zwischen Comic und Film gibt es als Bonus.