Szenenbild aus "Junior"
Szenenbild aus "Junior" (© arte)

Die Wahrheit muss nach außen treten - Körperbilder bei Julia Ducournau

Eine Untersuchung zu den Körperbildern in den Filmen von Julia Ducournau, in denen es bei aller physischen Tortur um nichts weniger als die Transformation zu einem neuen Menschen geht.

Aktualisiert am
30.07.2025 - 12:09:41
Diskussion

Die französische Regisseurin Julia Ducournau hat sich mit ihren intimen Body-Horror-Filmen als Frontfigur eines neuen feministischen Kinos profiliert. Ihre Werke handeln von jugendlichen Fantasien, sexuellem Erwachen und Gender-Diskursen. Mit extremen Handlungen wird darin metaphorisch zum Kampf gegen hegemoniale Strukturen und überkommene Geschlechtervorstellungen geblasen. Bei aller physischer Tortur geht es aber um die Transformation zu einem neuen Menschen.

 

 

Ein junges Mädchen sitzt in der Badewanne. Sie streift sich sanft über den Arm, doch dessen Oberfläche gibt nach. Ohne viel Druck lassen sich Fetzen von der noch unversehrten Haut ablösen. Bedrohlich dunkle Musik setzt ein. In einer Aufnahme von hinten erkennt man, wie der Rücken der Heranwachsenden von einer klaffenden Wunde verunstaltet ist. Grob fährt sie mit dem Finger unter die glitschige Hautpartie. Was passiert mit dem Körper des Mädchens Justine (Garance Marillier)?

Diese Szene stammt aus dem Debütfilm „Junior“ von Julia Ducournau. In dem 22-minütigen Kurzfilm wird der Schultag eines Mädchens beleuchtet, das als „Tomboy“ gilt und sich abseits der gängigen Geschlechterrollen bewegt. Bis Justine eine physische Transformation durchlebt, die ihrer Mutter große Sorgen bereitet und ihre Mitschüler aufhorchen lässt.

Julia Ducournau
Julia Ducournau (© imago/Capital Pictures)

 

Ducournau nimmt ernst, dass der Mensch nur durch fortwährende Transformation existieren kann. Körperliche Auswüchse, wie sie Justine in der Badewanne erlebt, stehen dabei auch für die inneren Konflikte eines Mädchens, die zur einschneidenden Phase der Pubertät werden. „Junior“ verbindet dabei Body-Horror mit einer Coming-of-Age-Geschichte. Der Film kündigt bereits jene Elemente an, die für die Filme der französischen Regisseurin charakteristisch werden. Die gebürtige Pariserin, Jahrgang 1983, studierte an der Filmhochschule La Fémis. Neben „Junior“ inszenierte sie bislang drei Kinofilme („Raw“,Titane“, „Alpha“), einen Fernsehfilm und mehrere Episoden der Serien „Servant“ und „The New Look“.

 

Von Innen nach Außen

Ducournaus Schaffen lässt sich dem „cinema du corps“ zuordnen, einer filmischen Richtung, die maßgeblich von Claire Denis beeinflusst wurde. Der Körper soll darin mittels Grenzüberschreitungen überwunden werden, wobei der Body-Horror diese organischen Prozesse visualisiert. Vorbilder für Ducournau scheinen David Lynch und David Cronenberg zu sein, wobei eine psychoanalytische Verknüpfung wie bei Cronenberg für sie allerdings zweitrangig erscheint.

Ducournaus Kino ist für die große Leinwand gedacht. Bevor sie ihre ersten eigenen Spielfilme realisierte, drehte sie zusammen mit Virgile Bramly den Fernsehfilm „Mange“ (2012). Darin geht es um eine Frau, die mit einer Essstörung zu kämpfen hat. Inhaltlich weist das schon auf die späteren Werke von Ducournau voraus, doch lässt der Film sowohl den Body-Horror als auch die visuelle Raffinesse missen und wirkt eher wie eine pädagogische Auftragsarbeit.

 

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Umso konsequenter geht Ducournau dann in ihrem ersten Langfilm „Raw“ ans Werk, der von einer Studentin der Veterinärmedizin handelt, die einen unbändigen Heißhunger auf (Menschen-)Fleisch entwickelt. Der Film lässt sich dem neuen feministischen Horrorfilm zuordnen und gehört mit seiner diskursiven Erweiterung des Körperkinos zur New-French-Extremity-Bewegung, die seit dem Erfolg von „The Substance“ auch in den Mainstream drängt.

Die Schauspielerin Garance Marillier verkörpert in „Raw“ erneut eine Protagonistin namens Justine, die sich hier mit ihren Kommilitonen und der „Bizutage“, demütigenden Initiationsritualen, herumärgern muss. Von ihren Eltern als Vegetarierin erzogen, markiert die triebhafte Lust nach Fleisch für Justine eine Zäsur. „Raw“ erzählt vom sexuellen Erwachen und dem Animalischen im Menschen. Mit den Bildern von Kameramann Ruben Impens gleitet der Film über fragmentierte Körper und verbindet Fetischisierung und Tabuisierung. Als Justine mit ihrem Mitbewohner ihr erstes Mal erlebt, beißt sie ihm beim Orgasmus in den Arm. Erlösung gibt es in den Filmen von Julia Ducournau nur durch neu erprobte Gewalttätigkeit.

Ella Rumpf, Garance Marillier in "Raw"
Ella Rumpf, Garance Marillier in "Raw" (© Universal)

 

Hautirritationen, Körperflüssigkeiten und Mutationen lassen das Innere nach außen dringen. In einem Interview betonte Ducournau aber, dass sie „Raw“ nicht als Horrorfilm sieht. Ihre Filme seien vielmehr intime Bestandsaufnahmen, die trotz und wegen der physischen Tortur immer auch Mitgefühl für die Figuren ausstrahlen. Wie in „Junior“ ist Justine auch in „Raw“ nach ihrer physischen Transformation ein neuer Mensch. Wo sie zuvor eine schüchterne Erstsemestlerin gewesen ist, tanzt sie nun selbstbewusst vor dem Spiegel und trägt einen blutroten Lippenstift auf.

 

Eine neue Ordnung schaffen

Der Emanzipationsprozess fügt sich damit aber keinem konventionellen Coming-of-Age-Film ein. Denn der Verzehr von Menschenfleisch kündigt nicht nur einen bizarren Aufbruch der Filmfigur an; er markiert auch den metaphorischen Angriff gegen hegemoniale Strukturen und Geschlechtervorstellungen im Kino. Die Anmerkung, dass sie als zweite Frau überhaupt in Cannes die „Goldene Palme“ für „Titane“ gewann, empfand Ducournau stets als störend. Sie betonte immer wieder, dass sie es ablehne, als weibliche Regisseurin angekündigt zu werden; sie wolle unabhängig vom Geschlecht als Person wahrgenommen werden.

Dementsprechend verliefen ihre feministischen Auseinandersetzungen in den Filmen immer intersektional. Viele Charaktere sind queer, haben einen Migrationshintergrund und entsprechen nicht den üblichen Normen. In „Titane“ bricht Ducournau endgültig mit der Zweigeschlechtlichkeit. Die Hauptfigur wird von der als „nicht-binär“ gelabelten Agathe Rousselle verkörpert. Rousselle porträtiert die Serienmörderin Alexia, die seit einem Autounfall im Kindesalter eine Titanplatte im Kopf trägt. Auf der Flucht vor der Polizei nimmt sie die Identität des vermissten Sohnes von Vincent (Vincent Lindon) an, einem Feuerwehrmann.

Bislang führte Ducournau ihre Motive von Film zu Film konsequent weiter, dekonstruiert dabei aber zugleich ihr eigenes Schaffen. Vergleiche mit „Crash“ von David Cronenberg drängen sich in „Titane“ insbesondere durch die Szene auf, in der Alexia Sex mit einem Auto hat. Die Folge ist eine symbiotische Schwangerschaft mit einer grundlegenden Metamorphose: Ihr Körper bricht auf und Motoröl tritt aus den Körperöffnungen. Gleichzeitig versucht Alexia, ihr Geschlecht zu verheimlichen, indem sie sich etwa die Brust abbindet. Die grotesken Körper bringen in Ducournaus Filmen kulturelle Ordnungen und gesellschaftliche Machtverhältnisse zum Ausdruck und kehren sie um. Der Diskurs über Körper und Geschlecht wird dadurch auf eine neue Ebene gehoben, wo eine andere Ordnung herrscht. Justine wird von Alexia ermordet. Sie eignet sich die Identität eines männlich kodierten Menschen an, doch im Inneren wartet bereits das Unorganische. Wenn das Wort Fleisch geworden ist, dann wurde das Fleisch im Kino von Julia Ducournau zu Titan.

 

Trilogie der Transformation

In „Titane“ widmet sich Ducournau aber auch männlichen Körperbildern. Komplementär zum offenen, weiblichen Körper steht der undurchlässige Körper des Mannes. Der alternde Feuerwehrmann Vincent ist süchtig nach Steroiden. Während bei den Frauen Flüssigkeiten austreten, injiziert Vincent sich solche. In „Beau Travail“ von Claire Denis ging es um die Dekonstruktion der Männlichkeit durch den fragmentierten Körper, ehe diese Konventionen am Ende durch einen Ausdruckstanz aufgebrochen wurden. In „Titane“ aber versucht Vincent zwanghaft, seine körperliche Integrität zu bewahren, und spritzt sich das Bildnis von maskuliner Stärke regelrecht in die Venen.

Garance Miller in "Titane"
Garance Marillier in "Titane" (© imago/Capital Pictures)

 

Körper sind fragile Gebilde, die allzu leicht aufbrechen. Das besingt auch die US-amerikanische Band „Future Islands“ im Soundtrack zu „Titane“. Die Filmmusik wirkt bei Ducournau stets wie auf den Leib geschrieben – oder wie bei Alexia unter die Haut tätowiert. Auch in „Junior“ und „Raw“ entpuppt sich die menschliche Hülle als Mittel der Reinigung. Durch diese Trilogie der Transformation führt Ducournau die Inszenierung und die Gier nach diskursiven Grenzüberschreitungen im französischen Terrorfilm der 2000er-Jahre ein gutes Stück weiter.

Ihre Figuren müssen sichtlich leiden. Sie erbrechen, bluten aus allen Poren, verlieren ihre Haut oder fressen sich selbst auf. Die Wahrheit steckt in den Körpern; sie muss durch die Oberfläche nach außen treten. Die Kamera wandert von Körperteil zu Körperteil, während aus dem Off oft nur noch das Kratzen der Protagonisten zu hören ist. Das grafische Kino des Body-Horror zielt dabei auf eine Sensibilisierung der Zuschauer; Intimität entsteht hier durch das Groteske, scheinbarer Ekel wird zu Identitätsfindung umcodiert. Ducournau steht für ein radikal feministisches Kino, das sich das Leiden aneignet, um aus unreflektierten Ordnungen zu erwachen.

 

Emporsteigen

Vier Jahre nach „Titane“ feierte ihr neuer Film „Alpha“ 2025 erneut in Cannes Premiere. Die Geschichte setzt im Le Havre der 1980er-Jahre ein und handelt von einem 13-jährigen Mädchen, das gemobbt wird, weil es an einer neuen Krankheit leiden soll. Ein Virus geht um, das eine ungewöhnliche Metamorphose bewirkt, bei der sich Menschen allmählich in Marmorstatuen verwandeln. Vergleiche zum Erstlingswerk „Junior“ drängen sich auf. Mit ihrem diskursiven, vorwärtsgerichteten Körperkino schreibt Julia Ducournau ihren fundamentalen Einspruch gegen die diskursiven Ordnungen der Moderne fort.

 

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