Auch „Vaiana“ wurde 2026 zum Live-Action-Remake
Auch „Vaiana“ wurde 2026 zum Live-Action-Remake (© Disney)

Leblose Imitationen - Disneys Live-Action-Remakes

Ein Blick in die Geschichte der Disney-Remakes und der Frage, wie sich Kreativität, Imitation und Konsum miteinander vertragen

Aktualisiert am
17.07.2026 - 09:27:09
Diskussion

Live-Action-Remakes erfolgreicher Animationsfilme sind das neue Steckenpferd der Disney-Studios. Das Konzept ist derart erfolgreich, dass auch DreamWorks mit Realverfilmungen beginnt. Trotz enormer finanzieller Erfolge fühlen sich aktuelle Produktionen wie „Vaiana“ lebloser denn je an. Ein genauer Blick auf die Geschichte und die Entwicklung des Trends lässt eine rote Linie erkennen, die derzeit überschritten wird.

 

Ende der 1990er-Jahre ließ der Regisseur Gus Van Sant die Filmwelt ratlos zurück. Nach seinem mit Lob und Preisen überhäuften Film „Good Will Hunting“ wollte er ein Remake von Hitchcocks „Psycho“ drehen. Und zwar Einstellung für Einstellung komplett identisch. Lediglich der Schwarz-Weiß-Look sollte ersetzt werden, und natürlich brauchte es neue Darsteller. Ansonsten drehte er eine detailgenaue Rekonstruktion des Vorgängerfilms, die nur an wenigen Stellen minimale Änderungen aufwies. Die Reaktionen auf den neuen „Psycho“ waren enttäuschend; das Einspielergebnis mager. Als der Filmkritiker Roger Ebert den Regisseur fragte, warum er diesen Film gedreht habe, antwortete Van Sant: „Damit es niemand anders tun musste“. Später erklärte er, dass es eigentlich ein großes Experiment gewesen sei. Er habe versucht, ein Meisterwerk zu kopieren, um zu verstehen, warum dabei kein neues Meisterwerk herauskommen könne.

Wenn man Gus Van Sant beim Wort nimmt und nicht unterstellt, dass er eine Ausrede für einen kolossalen Flop gesucht hat, wird aus seiner „Psycho“-Imitation plötzlich Performance-Kunst – eine filmische Version des antiken Paradoxons vom „Schiff des Theseus“, bei der alle Einzelteile eines Werkes ersetzt werden, um zu erkennen, worin dessen Einmaligkeit begründet liegt. Das Ergebnis dieses Experiments: Imitation ohne eigene Ideen ist zum Scheitern verurteilt.

 

Die große Gier der kleinen Maus

Wo andere aber eine Warnung sahen, scheint Disney eine Chance erblickt zu haben. Die Erfolgsgeschichte der Live-Action-Remakes beginnt mit dem „Dschungelbuch“ – und das gleich zwei Mal. Der erste Versuch, den Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1967 neu zu verfilmen, unternahm Disney 1994 mit einem Remake, das von vielen als eigenständige Neuinterpretation des Romans wahrgenommen wurde. Es dauerte weitere zwei Jahrzehnte, bis Jon Favreau 2016 mit seiner „The Jungle Book“-Version den Siegeszug für die Remake-Welle einläutete. Seitdem bringt das Studio fast jedes Jahr einen Klassiker im neuen Look auf die Leinwand. 2019 waren es sogar drei: „Dumbo“, „Aladdin“ und „Der König der Löwen“. Diese Massenproduktion trug über die Jahre zur Normalisierung der Live-Action-Remakes bei. Es sind jetzt nicht mehr unbeachtete Versuche wie „Das Dschungelbuch“ von 1994 und auch keine liebenswerten Einzelfälle wie der ebenfalls 1996 erschienene „101 Dalmatiner“. Live-Action-Remakes haben sich inzwischen als feste Größe etabliert; Disney hat mit purer Masse Fakten geschaffen.

"Der König der Löwen" (2019) von Jon Favreau
Täuschend echte Aninmation: "Der König der Löwen" von Jon Favreau (© Disney)

 

Die Machart dieser Remakes wird dabei vom kommerziellen Erfolg diktiert. So sorgte das miserable Einspielergebnis von „Schneewittchen“ (2025) unmittelbar dafür, dass eine Neuauflage von „Cinderella“ gestoppt wurde, während der Kassenerfolg von „Lilo & Stitch“ (2025) sicherstellt, dass die Dreharbeiten zum „Vaiana“-Remake weitergehen. Zwar hält sich keines der Disney-Remakes so eng an seine Vorlage, wie es Van Sant mit „Psycho“ getan hat; doch spätestens seit dem Erfolg des nur minimal abgeänderten „Der König der Löwen“ (2019) neigt das Studio immer mehr zum Kopieren statt zur Neuinterpretation.

Bereits Anfang der 1980er-Jahre, kurz bevor er eine leitende Stellung bei Disney einnahm, formulierte Michael Eisner in einem internen Memo eine entsprechende Philosophie: „Wir sind nicht verpflichtet, Kunst zu machen. Wir sind nicht verpflichtet, Geschichte zu schreiben. Wir sind nicht verpflichtet ein Zeichen zu setzen. Aber wenn man Geld verdienen will, ist es oft wichtig, Geschichte zu schreiben, Kunst zu machen, ein Zeichen zu setzen, oder alles drei zusammen.“ In Eisners zynischer Ansicht steckt eine unangenehme Wahrheit über Kunst und Kommerz. Nur wenige Jahre nach seiner Berufung zum Studioboss war er maßgeblich für die „Disney Renaissance“ verantwortlich, die unter anderem „Arielle, die Meerjungfrau“ (1989), „Die Schöne und das Biest“ (1991) und „Der König der Löwen“ (1994) hervorgebracht hat. Also genau jene Filme, die eine ganze Generation so stark geprägt haben, dass sie als nostalgische Erwachsene ihr Geld jetzt für die Remakes dieser Filme ausgeben. Dass in diesen Werken – ebenso wie in vielen anderen, die in der über 100-jährigen Geschichte des Studios entstanden sind –, eine gewisse Kunstfertigkeit steckt, lässt sich nicht leugnen. Doch um zu verstehen, warum die immer schon existierende Gewinnorientierung inzwischen schwerer zu ignorieren ist, lohnt ein Blick auf die Herausforderungen, die Remakes mit sich bringen – und weshalb Disney diese immer stärker ignoriert.

 

Eric Rohmer und die Adaptionsmanie

Eric Rohmer schrieb in den „Cahiers du Cinéma“ zu einer Zeit, als Remakes noch kein großes Thema waren, Adaptionen hingegen schon. Die Vorwürfe, die Rohmer gegen die „Adaptionsmanie“ vorbrachte, können durchaus auf die aktuelle Remake-Epidemie übertragen werden. Ein Werk ohne eigenen künstlerischen Impuls in eine andere Ästhetik zu transferieren, war für Rohmer so, als würde man versuchen, „die Mona Lisa in Marmor zu hauen.“ In einer Kritik zu „Moby Dick“ (1956), der sowohl eine Adaption als auch ein Remake war, ließ er sich seitenlang über die Nutzlosigkeit dieses Versuchs aus, das Buch verfilmen zu wollen. Er tadelte, dass Regisseur John Huston dem „vollkommenen“ Roman nichts hinzuzufügen habe. Nur ein Jahr später aber begeisterte Rohmer die Romanadaption von „The Quiet American“ (1957) jedoch so sehr, dass er in Worte zu fassen versuchte, wann eine Adaption gelingt und wann nicht. Sein Vorschlag: Remakes sind nur dann akzeptabel, wenn sie es besser machen als die Vorlage.

Beispiele für Filme, deren Remakes besser sind als das Original, gibt es zur Genüge. Einige davon haben die Vorlage sogar vollständig abgelöst. So war der epische „Ben Hur“ (1959) von William Wyler schon der zweite Versuch, die Geschichte auf die Leinwand zu bringen. Humphrey Bogarts ikonische Rolle in „Die Spur des Falken“ (1941) gilt gar als dritte Variante des Stoffes. Alfred Hitchcock inszenierte mit „The Man Who Knew Too Much“ (1934/1956) sein eigenes Remake, weil er mit seiner ursprünglichen Version so unzufrieden war, dass er sie durch eine bessere ersetzen wollte.

Meisterhaftes "Remake": "Der Mann, der zuviel wußte" (© imago)

 

Eine solche Verdrängung des ursprünglichen Werkes durch das Remake kann allerdings nicht im Sinne der Disney-Studios sein. Ganz im Gegenteil: Der Versuch, die Vorlage obsolet zu machen, würde der damit verbundenen Nostalgie entgegenwirken – und das wäre schlecht fürs Geschäft.

 

Remakes als Aktualisierung

Auf der anderen Seite gibt es genügend Remakes, die ihre Vorlage zwar nicht übertreffen, ihnen jedoch auf Augenhöhe begegnen. Horrorklassiker wie „Das Ding aus einer anderen Welt“ (1951/1982) und „Die Fliege“ (1958/1986) sind filmhistorisch relevante Beispiel. Brian De Palma schaffte es, „Scarface“ (1932/1983) aus den 1920er-Jahren in die 1980er-Jahre zu verlagern. Er schuf damit nicht nur einen modernen Film, sondern aktualisierte die Geschichte über die Abgründe des American Dream durch einen neuen, kulturell relevanten Subtext. In diesen Fällen existieren zwei Varianten derselben Geschichte gleichwertig nebeneinander. Im besten Fall erzeugen die Differenzen zwischen beiden Versionen ein Spannungsfeld, das tiefere Einblicke in die Ideen und Themen der jeweiligen Werke ermöglicht.

Jon Favreaus „The Jungle Book“ (2016) wäre ein Disney-Remake, das die Kriterien einer Koexistenz erfüllt. Es änderte maßgebliche Aspekte der Story und des Charakterdesigns. Die Motivation vieler Figuren wurde neu ausgerichtet, die Sequenzen mit der Schlange Kaa und dem Affenkönig Louis sind imposante Neuinterpretationen, und sogar das Finale wird zeitgenössisch umgedeutet.

Mit „König der Löwen“ liefert derselbe Regisseur jedoch nur drei Jahre später das exakte Gegenbeispiel. Ein Film, dessen Beziehung zum Original so eng ist, dass sich eine solche Parallel-Existenz erübrigt. Sie sind, bis auf die Optik und einen zusätzlichen Song, nahezu identische Werke, die nicht miteinander in Dialog treten. Es gibt kaum Gründe, beide Filme zu sehen. Der einzige Vorteil, den die Neuverfilmungen haben, besteht darin, dass man einen Klassiker aus der Kindheit erneut auf der großen Leinwand sehen kann. Doch sobald der Film aus dem Kino wieder verschwunden ist, sind die Remakes nichts weiter als eine mutlose Kopie, die häufig genug den Charme der Vorlage reduziert, ohne ihn durch etwas anderes zu ersetzen.

 

Neue Zutaten für das Erfolgsrezept

Um die aktuelle Produktionsflut der Disney-Remake besser zu verstehen, muss man Eisners Formel um einen Satz aktualisieren: „Um Geld zu verdienen, müssen wir weiter Content produzieren.“ Denn im digitalen Zeitalter bedeutet Content so viel wie Engagement, und das schlägt sich in Kinotickets und verkauften Fanartikeln nieder.

Das erklärt auch, warum die frühere Praxis, Filmklassiker wieder ins Kino zu bringen, weitgehend verschwunden ist. Zwar schaffte es kürzlich „Star Wars: Revenge of the Sith“ (2005) zum 20. Geburtstag erneut an die Spitze der Kinocharts und bescherte Disney einen wahren Geldsegen, doch im Internet war das Phänomen nur wenige Tage lang ein Hit. Die Vorfreude und der Streit über „Lilo & Stitch“ hielten die sozialen Medien hingegen über Monate hinweg in Atem. In einer Welt, in der Aufmerksamkeit eine harte Währung ist, sind die Remakes damit eine echte Goldgrube.

Zog alle Aufmerksamkeit auf sich: "Lilo & Stitch" (© Disney)

 

Die beiden Instrumente, um das Palaver in den sozialen Medien am Köcheln zu halten, sind Nostalgie und Tokenismus. Die Nostalgie sorgt für Diskussionen, in denen es darum geht, wie sehr ein Film seiner Vorlage die Treue hält; sie aktiviert Fans, die im Wesentlichen das Gleiche wie damals sehen wollen. Der Tokenismus ist das perfide Gegenstück dazu. Der Begriff beschreibt die Praxis, marginalisierte Figuren in Filmen oder anderen Medien so herauszustellen, dass sie zwar ein positives Zeichen setzen, aber nicht aus moralischen Gründen, sondern lediglich aus marktwirtschaftlichen Überlegungen heraus, weil man damit eine bestimmte Zielgruppe ansprechen kann.

In „Die Schöne und das Biest“ (2017) zielte ein großer Teil des viralen Marketings darauf ab, eine Nebenfigur als den ersten homosexuellen Charakter in einem Disney-Film herauszustellen. In „Aladdin“ (2019) wurde der weiblichen Hauptrolle eine größere politische Agenda zugestanden, und in „Arielle“ (2023) wurde eine schwarze Darstellerin besetzt. Diese Akzente haben ein Maximum an Kontroversen erzeugt. Wütende konservative Stimmen wettern gegen die „Wokeness“ der Änderungen, während ein anderer Teil der Fans dagegenhielt. Die daraus entstehenden Online-Debatten sorgen für eine enorme mediale Aufmerksamkeit.

Das Bittere am Tokenismus ist, dass die angesprochenen Themen und Diskussionen durchaus wichtig sind, obwohl ihre Intention fragwürdig bleibt. Natürlich ist es richtig, dass es vermehrt aktive Frauenfiguren auf der Leinwand gibt und Menschen mit unterschiedlichen Ethnien und sexuellen Orientierungen besser repräsentiert werden. Doch Disneys Minimal-Änderungen fügen exakt nur so viel hinzu, dass darüber bis aufs Blut gestritten werden kann, obwohl die Unterschiede im Film selbst kaum Auswirkungen haben. Der ins Lampenlicht gezerrte homosexuelle Moment in „Die Schöne und das Biest“ war im Endeffekt nur ein kurzer Augenblick während einer Tanzszene, den man fast übersehen konnte. Die Figur, um die es ging, ist der trottelige Handlanger LeFou, der nicht unbedingt eine starke Identifikationsfigur abgibt.

Alles wie gehabt: Die Realverfilmung "Aladdin"
Alles wie gehabt: Die Realverfilmung "Aladdin" (© Disney)

 

Die Szene in „Aladdin“, in der Jasmine den großen Song einer aktiven Frau singt, endet damit, dass sie – wie im Original – gefangen wird und vom Helden gerettet werden muss. Die Umbesetzung der kleinen Meerjungfrau hatte keinerlei Auswirkungen auf die Geschichte oder das Dilemma der Figur. Die neue Arielle darf keinen eigenen Fragen nachgehen, da sie lediglich eine Kopie ihrer weißen Vorlage ist.

 

Filme zum Wegwerfen

Die Produktion und Vermarktung der jüngsten Disney-Remakes wirken immer mehr wie ein filmisches Äquivalent zur Wegwerf-Kultur. Das Ziel besteht darin, für eine gewisse Zeit einen Hype um die neuen Filme zu generieren und dann zum nächsten Produkt auf dem Fließband überzugehen. Sollte es ein Film dabei schaffen, seine Vorlage in irgendeiner Weise zu überflügeln, wäre das die Ausnahme, die die Regel zusätzlich bestätigt. Es wäre die zufällige Kunst, die entsteht, während man Kommerz produziert. Denn die Filmschaffenden bei Disney haben augenscheinlich immer weniger Interesse, Geschichten neu zu erzählen, oder bekommen vom Studio diktiert, so wenig Änderungen wie möglich vorzunehmen. Die jüngsten Live-Animation-Filme des Studios sind dazu bestimmt, nach dem Kassensturz als Abfallprodukt vergessen zu werden.

Die Idee, bewusst minderwertige Produkte mit geringer Halbwertszeit zu produzieren, wirkt selbst für Disney-Standards herabwürdigend. Doch das Merchandising der Filme spricht eine deutliche Sprache. Die Kinotickets sind nur ein Teil des Gewinns, die der Konzern anzielt. Ein erfolgreicher Film kann unglaubliche Mengen an T-Shirts, Spielzeug und sonstigen Fanartikeln nach sich ziehen. Sucht man im Internet die entsprechenden Produkte für „Die Schöne und das Biest“ oder „Arielle“, dauert es einige Zeit, bis man auf die Gesichter von Emma Watson und Halle Bailey stößt – wenn überhaupt. Der Konzern will die Dekaden des erfolgreichen Marketings nicht ungeschehen machen, sondern die Lebensdauer der jeweiligen Franchises mit neuem Content verlängern.

Die Live-Action-Remakes sind, nach den billig produzierten Heimkino-Fortsetzungen und Live-Action-Spin-Offs, damit das aktuellste Glied in der langen Kette der Disney-Vermarktungsstrategien, das sich stets darauf verstand, die vorhandenen Filme und Figur bestmöglich auszuwerten.

 

Ohne eine Geschichte zu erzählen 

Die Ansprüche der Filmstudios und des Kinopublikums waren dabei schon immer verschieden. Auf der einen Seite stehen Menschen wie Michael Eisners, die mit allen Mitteln den Profit maximieren wollen. Auf der anderen Seite findet man Zuschauer wie Eric Rohmer, die nach dem suchen, was Eisner als Nebenprodukte abtut: Kunst, Geschichte, Zeichen. Oder mit einem anderen Wort: Visionen.

Das Problem bei den neuen Disney-Remakes ist jedoch nicht, dass sie keine Vision haben – denn dass hatten sie vielleicht ohnehin nie –, sondern dass sie sich obendrein auch noch so anfühlen, als hätten sie keine!

Der Gang in den Kinosaal ist immer mit Wechselbeziehungen und Kompromissen verbunden. In der Beziehung zwischen Publikum und Film spielt zum Beispiel die „suspension of disbelief“ eine große Rolle. Also der Wille, sich auf Erzählkonventionen und Logikfehler einzulassen, weil wir von dem, was wir sehen, unterhalten oder berührt sein wollen. Doch der freiwillige Selbstbetrug beginnt schon davor, nämlich sobald man sich entscheidet, ein Kinoticket zu lösen. Damit man sich dabei nicht als bloßer Spielball einer finanziellen Transaktion vorkommt, versucht man den Umstand zu ignorieren, dass es dem Studio nur ums Geld geht – solange Filme produziert werden, die nicht so wirken, als ob es ihnen nur um unser Geld ginge.

Die Zuschauer müssen den Eindruck behalten, dass die Macher daran interessiert sind, eine Geschichte zu erzählen. Ob sich Jon Favreau bereits bei „The Jungle Book“ oder erst beim „König der Löwen“ mehr für die Technik als für die Story interessierte, lässt sich nicht genau sagen. Aber weil er beim Dschungelbuch einen kreativen, unterhaltsamen Film auf die Leinwand zauberte, kann man sich für die Annahme entscheiden, dass es für ihn etwas Wesentliches war. Andererseits aber wird niemand ernsthaft annehmen, dass es dem Regisseur Dean Fleischer Camp wirklich eine Herzensangelegenheit war, „Lilo & Stitch“ als uninspirierten CGI-Bombast nachzuerzählen. Die „suspension of disbelief“ (oder in diesem Fall: Suspension of Disney-Belief) setzt aus, weil dem Publikum nicht einmal die Chance geboten wird, sich vorzugaukeln, dass hinter den neuesten Filmen auch nur eine einzige Person stecke, die eine genuine Vision verfolgt.

Szene aus "Lilo & Stitch"
Gruselige Perspektiven: Realverfilmungen im Stil von "Lilo & Stitch" (© Disney)

 

Eisner hat recht mit der Annahme, dass dieses System trotzdem immer wieder Filme mit Mehrwert hervorbringt, doch sobald die Produktionsmaschine hinter den Werken sichtbar wird, muss man viel Mühe aufwenden, um sie zu ignorieren. 70 Jahre nach Rohmers Forderung, dass jedes Remake besser als das Original sein sollte, muss man diese Aussage sicherlich modifizieren. Vielleicht dahingehend, dass die Voraussetzung für ein gelingendes Remake nicht darin liegt, das Original zu übertreffen, sondern darin, dem Publikum das Gefühl zu geben, dass man es zumindest aufrichtig versucht hat.

 

Zurück im Bates Motel

Möglicherweise wollte Gus Van Sant durch „Psycho“ herausfinden, wann die Kopie eines Films ihre Seele verliert. Bei Disney scheint man derzeit eher zu testen, wie wenig Seele eine Kopie haben muss, ohne finanzielle Einbußen hinzunehmen. Die momentanen Remakes wirken wie der dazugehörige Belastungstest, um herauszufinden, wie unkreativ sich ein Film anfühlen darf, ehe ihn niemand mehr sehen will.

Das Resultat dieses Experiments ist allerdings ernüchternd. Der gesunde Filmverstand hält den neuen „König der Löwen“, der zwar unter dem Label „Live Action“ vermarktet wird, aber komplett am Computer entstand ist, für einen leblosen Klon des Originals. Die Respektlosigkeit, die dabei gegenüber dem Medium des Animationsfilms an den Tag gelegt wird, ist ein bitterer Beigeschmack. Die bloße Idee, dass man einen 2D-Film einfach in eine 3D-Umgebung umsetzen kann, ohne auf die Eigenheiten des jeweiligen Mediums einzugehen, zeugt von einem tieferen Unverständnis für die Kunstform Film, als es Van Sant mit seiner „Psycho“-Adaption an den Tag legte.

Der kommerzielle Erfolg spricht allerdings eine andere Sprache: „Der König der Löwen“ war sechs Jahre lang der erfolgreichste Animationsfilm aller Zeiten. Der Mangel an Kreativität, der durch die bloße Zurschaustellung moderner Technik kompensiert werden soll, passt überdies erschreckend gut zu den aktuellen Entwicklungen. Da KI-Bildgeneratoren schon jetzt aus jedem Foto einen Disney-Cartoon erzeugen können, scheint es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch Live-Action-Remakes ähnlich simpel produziert werden könnten. Eine Dekade in der Zukunft könnte der Prompt „Scanne diesen Animationsfilm und erzeuge eine realistische Version“ abendfüllende Spielfilme generieren. Für die Studios bräche dann ein wahres goldenes Zeitalter an. Fast ohne zusätzliche Investitionen können Filme innerhalb kürzester Zeit neu verpackt und in die Kinos gebracht werden, wobei der menschliche Einfluss auf ein Minimum reduziert ist.

Hier wäre ein Vorschlag für das nächste „Psycho“-Remake: Norman Bates präsentiert seinen Raum mit ausgestopften Tieren - doch in dieser Version sind die Attrappen keine toten Vögel, sondern Figuren aus den Disney-Filmen. Ein lebloser CGI-Stitch, der einen mit großen Augen anstarrt, der Kopf vom Live-Action-Biest an der Wand daneben. Im schockierenden Finale springt einem dann der mumifizierte Körper von Mufasa entgegen. Das wäre das perfekte Sinnbild für ein endloses Sammelsurium von Werken, die Leben nur imitieren, statt selbst lebendig zu sein. Und mittendrin ein verwirrter junger Mann, der glaubt, dass so die Normalität aussieht.

 

 

 

 

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