Präsentation zu 100 Jahre FIPRESCI (© Fédération Internationale de la Presse Cinématographique)

Zwischen Tradition und Neuorientierung - Die FIPRESCI wird 100

Die internationale Filmkritikervereinigung FIPRESCI feiert ihr 100-jähriges Bestehen

Veröffentlicht am
Diskussion

Vor hundert Jahren schlossen sich Filmkritiker erstmals zu einer Vereinigung zusammen. Im Jahr 1930 erwuchs daraus dann die „Fédération Internationale de la Presse Cinématographique“, kurz FIPRESCI. Basis, Funktion und Selbstverständnis für die professionelle Filmkritik haben sich seitdem stark verändert. Ein historischer Exkurs, der Anlass zu einer aktuellen Standortbestimmung bietet.

 

Als im Jahr 1925 zum ersten Mal eine Filmkritiker-Vereinigung gegründet wurde, war das Medium, dem sich die Filmjournalisten widmeten, bereits über ein Viertel Jahrhundert alt. Dass die Filmkritik als neue journalistische Form und schließlich auch eine Filmkritiker-Vereinigung im Fahrwasser des frühen Kinos entstanden, spiegelt den Wandel wider, den das Medium im frühen 20. Jahrhundert erlebte. In seinen Anfangsjahren galten Filme und Kino weniger als neue Kunstform denn als Jahrmarktsattraktion. Doch die 1908 in Frankreich einsetzende Filmkunst-Bewegung, die nach der gleichnamigen Produktionsfirma „Film d’Art“ benannt wurde, begünstigte dann in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg neben der Etablierung fester Spielstätten die Erschließung neuer Publikumsschichten. Durch die zunehmende inhaltliche wie personelle Konvergenz von Theater und Film - im Schauspielfach, auf den Gebieten Regie und Dramaturgie – wurden nun auch bürgerliche, künstlerisch interessierte Zuschauer von dem neuen Medium angesprochen. Die sich verändernde Produktion führte in allen wichtigen Filmnationen - den USA, Frankreich, Italien, Deutschland und Skandinavien – zu einer nachhaltigen kinematographischen Standortbestimmung; Film wurde zur „Siebten Kunst“.

Die werbliche Begleitung von anspruchsvollen Filmen fand in Branchenblättern und den großstädtischen Tageszeitungen bald die Aufmerksamkeit „fachkundiger“ Journalisten und Redakteure. Vereinzelt schlossen sich Pressevertreter aus Standesgründen zusammen, um dem (künstlerisch wertvollen) Film einen Platz neben den arrivierten Kunstformen – Literatur, Theater, Musik und Malerei – zu verschaffen. Parallel zum Kunstanspruch des neuen Mediums entstand durch sogenannte „Reformbewegungen“ kirchlicher und bürgerlich-intellektueller Provenienz auch eine eigenständige Bewertung längerer und prominent besetzter Produktionen. Ab 1912 lässt sich in Westeuropa diese Tendenz durch zeitgenössische „Filmbesprechungen“ nachweisen.

 

Die Vorgeschichte der FIPRESCI

Jules Flament und Edouard de Tallenay, zwei engagierte Journalisten der belgischen Zeitung „La nation belge“, veröffentlichten 1924 einen richtungsweisenden Aufruf: „Das Publikum, und wir wollen dabei von Künstlern, Schriftstellern, Journalisten, Malern, Institutionellen und den Familien dieser Intellektuellen sprechen – in Brüssel sind das einige Tausend Personen -, also dieses Publikum, diese Klientel, geht nicht ins Kino. Ganz einfach, weil sie die meisten Filme, die dort zu sehen sind, nicht interessieren.“ Inspiriert von französischen Cineasten, gründete das Duo aus nobler pädagogischer Intention heraus den Filmclub „Les Amis du Cinéma“. Dort wollte man das Gespräch mit Zuschauern suchen und „ihnen das Kino erklären“. Am 1. Mai 1925 kam es so zur Gründung der „Association Professionelle de la Presse Cinématographique Belge“ (APPCB) in Brüssel – woraus später dann auch die FIPRESCI erwachsen sollte.

Im Herbst 1926 nahm die Idee zu einer internationalen Vereinigung beim Kinokongress in Paris Gestalt an. Dabei wurde folgendes Kommuniqué veröffentlicht: „Eine starke Repräsentation von Filmkritikern der Tagespresse und der Fachpresse nahmen am Kinokongress in der französischen Hauptstadt teil. Nach dem Report von M. J. L. Croze verlangte die gegründete Kommission, die Konstitution der internationalen Filmpressevereinigung. Diese Organisation sollte internationales Informationszentrum sein sowie berufliche Interessen verteidigen."

Nach verschiedenen Initiativen riefen am 6. Juni 1930, während des internationalen Kino-Kongresses in Brüssel, einige französische, belgische und wohl auch italienische Kritiker eine Organisation auf Basis individueller Mitgliedschaft ins Leben. Anlässlich der zweiten Generalversammlung, die 1931 in Rom stattfand, unterbreiteten die Gastgeber den Vorschlag, für ihre Vereinigung offiziell die Bezeichnung FIPRESCI, „Féderation Internationale de la Presse Cinématographique“, zu wählen. Diese Datierung wurde in den im April 2025 neu überarbeiteten Statuten so kommuniziert. Da sich die nationalen Repräsentanten der Filmkritik in der Frühzeit oft nur sporadisch zusammenfanden, existiert(e) auch kein FIPRESCI-Archiv. Mit der Ausrufung des 100-Jahre-Jubiläums verständigte sich die Vereinigung mehrheitlich auf das „Gründungsjahr“ 1925.

In den späten 1930er-Jahren verfolgte der Dachverband eine vorsichtige Linie angesichts der politischen Stürme in Europa. Bei Kriegsbeginn 1939 umfasste die Vereinigung sieben nationale Sektionen: Deutschland, Österreich, Belgien, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Tschechoslowakei. Hinzu kamen neun weitere Länder mit Einzelmitgliedern: Vatikanstadt, Spanien, USA, Holland, Polen, Portugal, Rumänien, Schweden und die Schweiz.

 

Ein Neuanfang

Nach dem Zweiten Weltkrieg führten Frankreich und Belgien die FIPRESCI wieder in die Normalität. Das erste Filmfestival in Cannes fand vom 20. September bis zum 5. Oktober 1946 statt; die Vereinigung der internationalen Filmjournalisten zeichnete die Werke „Brief Encounter von David Lean und Farrebique von Georges Rouquier für ihre künstlerischen Leistungen aus. Während des Festivals wählte man auch neue Funktionäre, einschließlich der (britischen) Präsidentin Dilys Powell.

Erst durch das Filmfestival 1946 in Cannes existierte der Kitt, der die unterschiedlichen nationalen Aktivitäten bündelte. „Renommierte Kritiker mit bekannten Namen stießen erst sehr viel später zur FIPRESCI, in den 1960- und 1970er-Jahren. Zu nennen wären etwa James Hoberman, Derek Malcom, Jonathan Rosenbaum, Andrew Sarris, Lino Micciché, Derek Malcolm, David Robinson, Michel Ciment, Marcel Martin, Jean Roy, Peter Buchka, Wolfram Schütte und viele andere“, erinnert sich Klaus Eder, der FIPRESCI-Generalsekretär von 1987 bis 2024. „Die gegenwärtige ,Verfassung‘ der FIPRESCI wurde in den 1960er-Jahren von dem italienischen Kollegen Lino Micciché etabliert. Wesentlicher Punkt dabei war, dass der Osten Europas dieselben Rechte und Pflichten wie der Westen bekam. So wurden zum Beispiel vier Vize-Präsidenten eingeführt – zwei aus dem Osten, zwei aus dem Westen. Diese Konstruktion ist mit Variationen bis in unsere Jahre gültig geblieben.“

Klaus Eder anlässlich seiner Ehrung durch die FIPRESCI
Klaus Eder anlässlich seiner Ehrung durch die FIPRESCI (© Sophie Mahler/Filmfest München)

 

Die FIPRESCI in der BRD und DDR

Nach dem Zweiten Weltkrieg war das geteilte Deutschland in der FIPRESCI mit zwei Sektionen vertreten: durch den Verband der Journalisten der DDR, Abteilung Filmkritik, mit Horst Knietzsch, dem Redakteur des "Neuen Deutschland‘" und durch die 1954 in Düsseldorf gegründete Arbeitsgemeinschaft der Filmjournalisten e. V.

„Auf die Kollegen im Osten Europas übte die FIPRESCI einen großen Reiz aus. Man erhielt ohne große Probleme das notwendige Ticket und ein Reisevisum. Das betraf alle Kritiker, da seitens der Politik keine Beschränkungen existierten. Westliche Kritiker konnten so auch zu Festivals nach Leipzig oder Moskau fahren. Sie interessierte der gute Austausch. Der Kontakt mit ostdeutschen Kollegen wurde auf Festivalbasis über das Kulturministerium der DDR organisiert“, resümiert Klaus Eder.

Der ehemalige DEFA-Vorstandsvorsitzende Helmut Morsbach erinnert sich allerdings anders: „Dass es eine offizielle oder vielleicht inoffizielle nachhaltige Zusammenarbeit zwischen Ost und West in den Sektionen der FIPRESCI gegeben hat, kann ich mir nicht vorstellen. Ich habe von außen die FIPRESCI-Vertreter der DDR weitgehend als unbedeutend, staatlich gelenkt und mit einem politischen Auftrag versehen empfunden.“

Gegenwärtig werden zwei deutsche Verbände als FIPRESCI-Mitglieder geführt: der „Verband der deutschen Filmkritik“ (VdFk) als Fortführung der 1954 gegründeten Arbeitsgemeinschaft der Filmjournalisten e.V. und die seit 2016 existierende „Berufsvereinigung deutscher Medienjournalisten e. V.“ (BVMJ). „Die Aufspaltung erfolgte aufgrund von Missverständnissen, aus persönlichen Gründen. Das Verhältnis zwischen beiden Verbänden war miserabel. Mittlerweile hat sich das Verhältnis wieder gebessert“, erklärt Klaus Eder.

Heute ist die FIPRESCI eine weltweit aufgestellte Organisation, mit über 50 nationalen Verbänden sowie zahlreichen Einzelmitgliedern in 42 Ländern. Während sich im Jahr 1989 Jurys noch an 19 Filmfestivals beteiligten, ist man gegenwärtig auf mehr als 80 Festivals tätig. Das Selbstverständnis der FIPRESCI beinhaltet die Verteidigung der Rechte und Interessen von professionellen Filmkritikern sowie die Nachwuchsförderung. Gleichwertig stuft man nach wie vor die Aufgabe ein, innovative Filme von großem humanitärem Engagement in der Fachwelt und beim Publikum bekannt zu machen.

 

Die Rolle von FIPRESCI-Preisen

Nicht ganz von der Hand zu weisen ist, dass im Laufe der Jahre die Bedeutung von FIPRESCI-Preisen gegenüber den anderen Auszeichnungen bei Festivaljurys abgenommen hat. Eine Tendenz, die angesichts der Preisflut auf vielen Filmfesten unübersehbar geworden ist. Viele Tageszeitungen, Fachzeitschriften oder Online-Publikationen erwähnen weder die Juryteilnehmer der FIPRESCI noch die von ihnen ausgezeichneten Preisträger. Die Festivals selbst publizieren FIPRESCI-Preise häufig erst am Ende ihrer Informationen.

Fragen muss man deshalb auch, ob FIPRESCI-Preise nur noch zur Rechtfertigung für Förderer und Sponsoren dienen. Sind die Kriterien für FIPRESCI-Preise – die Unterstützung der Filmkunst und die Ermutigung neuer Entwicklungen in der Filmkunst – noch aktuell? „Mehr denn je“, ist Klaus Eder felsenfest überzeugt. „Auf größeren Festivals schätzen die Gewinner die Auszeichnung, auf kleineren Veranstaltungen ist sie eher für das Publikum wichtig.“

Basis, Funktion und Selbstverständnis für die unabhängige Filmkritik – und damit auch der FIPRESCI – haben sich seit Jahrzehnten verändert. Die Medienlandschaft verlangt neue journalistische Formate und reagiert zwangsläufig auf sich ändernde Lesererwartungen. Hinzu kommt die enorme Reaktionsgeschwindigkeit der Nachrichtenübermittlung, die Omnipräsenz von Kritiken und Daten im Internet sowie der Einsatz von K.I. „Auch die FIPRESCI ist heute noch eine Vereinigung mit einem ‚alten‘ Verständnis. So wie sich im Gesamtbild der Filmkritik viel verändert hat, spiegelt sich das auch in den Auswirkungen auf die FIPRESCI“, urteilt Klaus Eder.

 

Alles ändert sich

Nicht übersehen werden dürfen in diesem Kontext die zeitlichen und finanziellen Prämissen von Juryteilnehmern, die sich eine „unbezahlte“ Arbeitswoche auf Festivals selbst unter dem Stichwort Fortbildung oder Kontaktpflege kaum noch leisten können. Trotz gelegentlicher Übernahme von Reisekosten, Unterkunft und Verpflegung durch die Festivals sind insbesondere für freie Journalisten die Gesamtkosten nicht finanzierbar. Eine Mindestlohndebatte stellt kaum jemand an; von möglichen Abhängigkeiten im Einzelfall will man ebenfalls nicht reden.

Bei der FIPRESCI-Generalversammlung 2024 in Budapest wurde über die Novellierung der Verbandsstatuten diskutiert. Wichtigste Themen waren die Rekrutierung aktiver Mitglieder für neue Positionen im digitalen Transformationsprozess, veränderte Arbeitsstrukturen und Kommunikationswege, aktivere nationale Sektionen, die Bezahlung von hervorgehobenen (Leitungs-)Funktionen, Veränderungsdruck durch finanzielle Verschlankungen in der Filmbranche, bessere Sichtbarkeit der Vereinigung, Suche nach neuen Partnern und Kooperationen, die Wahrung oder Lockerung des Unabhängigkeitskriteriums der Mitglieder, Einkommensdefizite durch Influencer-Boom und die Globalisierung der Filmindustrie.

Das aktuelle Leitungsteam der FIPRESCI setzt sich aus dem Präsidenten Ahmed Shawky (Ägypten) und den drei Vizepräsidentinnen Elena Rubashevska (Ukraine), Paola Casella (Italien) und Alin Tasciyan (Türkei) zusammen. Nach der Ankündigung zur Gründung eines saudi-arabischen Filmarchivs unterzeichnete FIPRESCI-Präsident Ahmed Shawky mit der saudi-arabischen Filmkommission ein Memorandum zur Kooperation auf den Gebieten Festivals und Veranstaltungen, Archivwesen, Restaurierung, wissenschaftliche Forschung und Ausbildung. Dieser Netzwerk-Erweiterung waren 2023 und 2024 zwei Filmkritik-Konferenzen in der Hauptstadt Riad vorangegangen.

 

Filmkritik & die Liebe

Der langjährige Generalsekretär der FIPRESCI, Klaus Eder, der die Vereinigung von 1987 bis Ende 2024 leitete, wurde 2025 für seine Lebensleistung, insbesondere im Dienst der FIPRESCI, mit dem Ehrenpreis der deutschen Filmkritik ausgezeichnet. In einem Interview mit dem peruanischen Journalisten Rodrigo Portales beschrieb Eder die Ambitionen eines Jury-Mitglieds als „unorthodox und ohne ideologische Prätention“. Seine Ansicht, dass ein Kritiker alle Filme sehen müsse, hat er inzwischen revidiert. „Ich glaube, dass ein Filmkritiker zu jedem Film eine persönliche Beziehung aufbauen muss. Deshalb kann ein Kritiker nicht über alles gleich gut schreiben. Es ist so wie in der Liebe: Entweder man verliebt sich in das Gegenüber oder es interessiert einen nicht. Wenn also ein Kritiker merkt, dass er einen Film bereits ‚kennt‘ oder er darin nichts Neues, Schönes oder Wertvolles entdeckt, dann steht er am besten auf und geht. Würde er darüber schreiben, entstünde keine gute Kritik.“

Jetzt den FILMDIENST-Newsletter bestellen

Ja, ich möchte wöchentlich den FILMDIENST-Newsletter abonnieren. 
 
In jedem Newsletter befindet sich ein Link zum Abbestellen. 
 
Hinweise zum Widerruf und der Verarbeitung der Daten geben wir in unserer Datenschutzerklärung.
Kommentar verfassen

Kommentieren