Noch zu Lebzeiten des französischen Schriftsteller Jules Verne (1828-1905) erschienen die ersten Verfilmungen seiner Werke, darunter „Reise zum Mond“ von George Méliès aus dem Jahr 1902. Zu Vernes Romanen, die gleich mehr als ein Dutzend Mal verfilmt worden sind, gehört die Robinsonade „Die geheimnisvolle Insel“. Beim Label Ostalgica ist nun eine sowjetische Adaption von Eduard Penzlin aus dem Jahr 1941 erschienen, in einer restaurierten Fassung auf Blu-ray.
Die Jules-Verne-Adaption „Die geheimnisvolle Insel“, 1941 in Russland von Eduard Penzlin inszeniert, ist aus mehreren Gründen interessant. Sie beginnt in spektakulären Kriegsbildern mit einem Angriffen der Nordstaatler auf eine Hochburg der Konföderierten in Richmond im Jahr 1865 im Rahmen des amerikanischen Sezessionskriegs. Im russischen Original wird der historische Kontext zu Beginn mit einer Texttafel wie zu Stummfilmzeiten erklärt; ein stilistisches Element, das sich durch den ganzen Film zieht. In der deutschen Fassung der DEFA aus dem Jahr 1953 werden diese Zwischentexte aus dem Off eingesprochen. Diese Synchronisation spiegelt den Rahmen ihrer Entstehung; sie klingt mitunter klassenkämpferisch und benutzt das damals auch in der DDR gängige Vokabular für Afroamerikaner, wenn es heißt: „Die Stadt Richmond, eine Festung der südlichen Sklavenhalterstaaten, wurde von den Truppen der Nordstaatler, die für die Befreiung der Neger kämpften, eingeschlossen“.
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Als ein weißer Mob in Richmond den jungen Afroamerikaner Nap (Robert Ross) lynchen will, mischen sich vier couragierte Männer ein, die alle aus dem Norden stammen. Sie profitieren dabei vom Kriegschaos, so dass ihre Flucht mit Hilfe eines Heißluftballons gelingt, der nach fünf Tagen auf einer einsamen Insel im Südpazifik landet. Fortan gilt es für den Ingenieur Smith (Alexej Krasnopolski), den Journalisten Spillet (Pawel Kijanski), den Seemann Pencroft (Andrej Andrijenko) und Herbert (Jura Grammatikati), den Sohn eines gestorbenen Kollegen, auf der Insel zu überleben. Das wird im optimistischen Tonfall eines sowjetischen Aufbaufilms der Stalin-Ära inszeniert. Dabei ertönt auch ein Song, der auch aus einem zeitgenössischen sozialistischen Musical hätte stammen können. Im Refrain heißt es: „Mit gemeinsamer Kraft/wird das Leben geschafft/ erringen wir das Glück“
Die Dreharbeiten fanden auf der Krim und am Schwarzen Meer statt; produziert wurde „Die geheimnisvolle Insel“ vom Studio Odessa. Der Film kam in der Sowjetunion im Mai 1941 in die Kinos, also nur wenige Wochen vor dem deutschen Überfall auf die UdSSR. Beklemmend sind Szenen, in denen Piraten die Insel mit Kanonen beschießen. Das sieht mit heutigen Augen schon sehr nach dem späteren Krieg der Wehrmacht aus und wurde aufwändig-realistisch gefilmt.
Glaubt man russischen Quellen, sollen den Film allein im Kriegsjahr 1941 schon 17 Millionen Zuschauer gesehen haben. Erwähnenswert ist auch die Vita des deutschstämmigen Regisseurs Eduard Penzlin, der wie fast alle Russlanddeutsche später in entlegene Gebiete des Vielvölkerstaates zwangsdeportiert wurde. Nach Kriegsende musste er in Swerdlowsk arbeiten. Noch im Jahr 1948 erhielt er als ethnischer Deutscher nicht die Erlaubnis, einen Film in Minsk zu drehen. Die Nebenrolle des jungen Nap spielt der russischsprechende Afroamerikaner Robert Ross, der in den 1920er-Jahren aus politischen Gründen in die Sowjetunion geflohen war. „Die geheimnisvolle Insel“ ist nicht die einzige Jules-Verne-Verfilmung aus der Sowjetunion. Schon vorher und auch nachher gab es weitere Adaptionen, etwa „Die Kinder des Kapitän Grant“ (1936).
Hollywood goes Sowjetunion
Anlass für den opulenten Abenteuerfilm von Penzlin, der solidarische Helden feiert, die eine Insel urbar machen, dürfte gewesen sein, dass es zu Stalins Zeiten in den sowjetischen Kinos kaum Hollywoodfilme gab, das Publikum aber trotzdem mit aufregenden, eskapistischen Spektakeln unterhalten werden sollte. „Die geheimnisvolle Insel“ ist bis auf wenige Propaganda-Einschübe weitgehend ideologiefrei. Im Begleitheft zum Kinostart in der DDR im Jahr 1953 finden sich die schönen Sätze: „Das Abenteuer in dem Film „Die geheimnisvolle Insel“ ist nicht ein Abenteuer sadistischer Vernichtung und billiger Sensation, sondern des kämpferischen und mutigen Lebens. Das lässt uns den Film mit erregter Spannung und Freude am Sieg des Guten verfolgen“
Wer etwas altmodische Abenteuerfilme mag, bei denen nicht die Spezialeffekte im Vordergrund stehen, wird an diesem sowjetischen Klassiker seine Freude finden, obwohl das leicht übertriebene Spiel der Darsteller etwas Patina angesetzt hat. Auch Liebhaber alter DEFA-Synchronfassungen werden die Qualität schätzen, auch wenn die wenigen Lieder im Russischen einfach besser klingen als auf Deutsch. Unter Jules-Verne-Fans galt diese sowjetische Verfilmung lange als ein Geheimtipp. Sie war bislang nur in bescheidener Bild- und Tonqualität auf der Sammel-DVD „Jules Verne Early Classics“ mit insgesamt fünf Filmen erhältlich. Die restaurierte Fassung ist ein echter Fortschritt, auch wenn das Ausgangsmaterial stark beschädigt war. Deshalb sind immer noch viele Kratzer vorhanden, und auch der Kontrast ist nicht optimal – was aber auch wieder einen gewissen Charme ausmacht. Einziger Kritikpunkt ist die lieblose Edition, die ohne jedes Bonusmaterial erschienen ist. Auch bei einer auf 500 Exemplare limitierten Ausgabe hätte man zumindest an ein Booklet mit Zusatzinfos zum Film oder ein Faksimile des alten Progress-Heftchen denken können.
Discografische Angaben
Die geheimnisvolle Insel. UdSSR 1941. Regie: Eduard Penzlin. Mit: Alexei Krasnopolski, Pawel Kijanski, Andrej Andrijenko-Zemskow, Jura Grammatikati, Nikolai Komissarow, Boris Schelonzew. Ca. 90 Min. FSK: ab 12. Bildformat 1,35:1 (AVC/1080p). Ton: Deutsch (DEFA Synchronfassung von 1953) sowie Russisch mit dt. Untertiteln. Anbieter: Label Ostalgica. Bezug: In jeder Buchhandlung oder hier.