Szenenbild aus "Memoiren einer Schnecke"
Szenenbild aus "Memoiren einer Schnecke" (© Capelight Pictures)

Seele in Plastilin - Porträt von Adam Elliot

Über die ebenso wundersamen wie berührenden, in jeder Hinsicht aber schrullig-schrägen Knetanimationen von Adam Elliot

Veröffentlicht am
08.08.2025 - 10:27:31
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Die filmkünstlerische Handschrift des Trickfilmers Adam Elliot ist unverwechselbar – seine Knetanimationen finden ihre Größe im Unperfekten. Von seinen ersten Kurzfilmen bis zu seinen Langfilmen "Mary & Max" und "Memoiren einer Schnecke" (ab Donnerstag im Kino) hat der 1972 geborene Australier sich als ebenso feinfühliger wie genauer Beobachter der Höhen und Tiefen im Leben seiner skurrilen Figuren erwiesen. In deren Knet-Körpern stecken mehr Menschlichkeit und Ausdruckskraft als in so manchen realen Darstellern.

 

Man kann sie zuordnen, sobald man sie sieht. Ob Mary oder Max, Harvie Krumpet oder Ernie Biscuit – sie alle stammen offensichtlich aus derselben Welt und aus derselben Hand. Die Puppen mit ihren runden Gesichtern, den großen Augen und den Knubbelnasen sind niedlich, auch wenn sie keinen Schönheitsidealen entsprechen. Denn die Protagonisten des australischen Animationsregisseurs Adam Elliot haben Ecken und Kanten, Makel und Brüche. In ihren Gesichtern gibt es Lippenspalten oder Leberflecke auf der Stirn, Ringe unter den Augen oder schiefe Zähne, tiefe Falten. Sie sind nicht perfekt – und gerade deshalb so einzigartig und schön.

Seine handgemachten Stop-Motion-Welten unterscheiden sich deutlich von den charmanten Geschichten aus dem Aardman-Studio wie etwa „Wallace & Gromit“ oder „Shaun das Schaf“. Aber auch von den technisch perfekten Laika-Produktionen wie „Coraline“ oder „ParaNorman“. Bei Elliot gibt es rauchende Fische und rauchende Nonnen; überhaupt wird ziemlich viel geraucht und auch ziemlich viel getrunken. Man begegnet fanatischen Christen, masturbierenden Richtern, Nudisten und noch mehr Nackten. Manchmal stirbt eine der Hauptfiguren. Kein Wunder also, dass Elliots Filmen eine Warnung beigelegt wird: Das ist kein Kinderfilm! Das Genre der Knet- bzw. Plastilinanimation scheint im kollektiven Bewusstsein immer noch darauf festgelegt zu sein, harmlos-drollig und stets auch ein Kinderfilm sein zu müssen – vermutlich auch, weil Knete und Plastilin oft mit Erinnerungen an die Kindheit verbunden sind und Knetanimationsfiguren zudem oft nach dem Kindchenschema modelliert sind.

Adam Elliot und seine neuesten Kreaturen (© IMAGO / Cover-Images)

 

Elliots Filme aber sind weder kindlich noch kindisch. Sie sind Dramen, Tragikomödien, Charakterstudien oder Psychogramme, die durch ihre betonte Künstlichkeit den Figuren auf besondere Art näherkommen, indem sie Unnötiges entfernen, Unscheinbares betonen und förmlich in die Charaktere hineinblicken.

 

Lebensgeschichten aus Knete

Elliot hat dafür eine eigene Genrebezeichnung erfunden: „Clayographys“, ein Kunstwort, das sich aus den englischen Begriffen für Plastilinanimation, „claymation“, sowie „biography“ zusammensetzt, also Puppentrick-Lebensgeschichten. Schon in seinem ersten, 1996 am Victorian College of the Arts in Melbourne entstandenen Stop-Motion-Film hat Elliot sich dem Leben einer Plastilinfigur gewidmet. In „Uncle“ geht es um das Leben des Onkels des Erzählers, um seine sprachlose Ehe, den geliebten Chihuahua-Hund, verhasste Schnecken, Freundschaften mit dubiosen religiösen Verkäufern – und um das Glück.

Die Machart ist denkbar einfach: Die Bilder des auf 16mm und in Schwarz-weiß gedrehten Films sind weitgehend statisch. Auch die Figuren, die zudem meist stumm bleiben, bewegen sich kaum. Am markantesten sind ihre Blicke, oft auch direkt in die Kamera, und ihr Zwinkern. Über das fragmentarische Geschehen legt sich ein Voice-Over-Kommentar.

"Uncle" (Szenenbild; © Adam Elliot)

 

Wie die folgenden Kurzfilme „Cousin“ (1999) und „Brother“ (2000), die zusammen mit dem Debütfilm eine Trilogie bilden und erst nach Elliots Hochschulzeit entstanden sind, lebt „Uncle“ von dem Zusammenspiel von Kommentar und Bild, von der betont nüchternen, geradezu bedächtigen Ausdrucksweise des Erzählers und den minimalistischen Bildern, die das Gesagte visuell ausschmücken oder ergänzen. Dennoch ist vieles, was gesagt wird, nicht zu sehen. Die Bilder zeigen nur die Ergebnisse von Handlungen, aber nicht die Handlungen selbst, wodurch die Filme in ihrem Rhythmus bisweilen an Comic-Panels erinnern.

Adam Elliot ist ein Meister der Reduktion. Manchmal reicht es aus, wenn eine Pupille nervös hin- und herwandert, um die Verunsicherung einer Figur sichtbar zu machen. Manchmal genügt auch das Foto eines Paares an der Wohnzimmerwand, auf dem beide in unterschiedliche Richtungen schauen, um die Gleichgültigkeit in ihrer Beziehung zu beschreiben. Was in diesen Filmen passiert, ist nicht spektakulär. Sie bestehen vielmehr aus einer Aneinanderreihung von Anekdoten, einem Blick auf Marotten, Alltagssituationen und kuriose Ereignisse. Wo andere Lebensgeschichten nach dem Großen suchen, fragt Elliot nach dem Kleinen. Er zeigt die Schwächen und die Stärken der Charaktere und erweist sich als feinfühliger, sehr genauer Beobachter mit einer großen Liebe für seine Figuren. Er findet Menschlichkeit und eine Seele, wo eigentlich nur Plastilin ist – was vielleicht auch daran liegt, dass die Figuren häufig auf realen Personen aus Elliots Familie beruhen.

 

Persönlichkeiten, keine Witzfiguren

Es wäre ein Leichtes, Elliots Figuren auf ihre extravaganten Vorlieben oder äußerlichen Merkmale zu reduzieren. So könnte man Gilbert, den Zwillingsbruder der Erzählerin Grace aus „Memoiren einer Schnecke“ (2024), als pessimistischen Pyromanen beschreiben, der gerne zündelt. Er wäre dann eine Witzfigur, gut für ein paar Gags und nicht viel mehr. Ähnlich verhält es sich mit Grace, die alles mit Schnecken sammelt und schließlich kleptomanische Züge entwickelt. Oder mit Harvie Krumpet, dem Titelhelden des gleichnamigen Films „Harvie Krumpet“ (2003). In der ersten Einstellung bedecken nur ein kleines Notizbüchlein mit dem Titel „Fakten“ und Fellschuhe seinen nackten Körper; auf dem Kopf klebt eine metallene Tischreservierung, denn seit einem Blitzschlag ist Harvies Kopf zu einem Magneten geworden.

Szenenbild aus "Harvie Krumpet" (© Adam Elliot)

 

Doch Elliot gibt die Figuren nicht der Lächerlichkeit preis. Wenn er lacht, dann lacht er mit ihnen, aber nicht über sie. Er tritt ihnen mit großer Sympathie und Empathie gegenüber und haucht ihnen nicht nur Leben, sondern auch Charakter ein. Durch feine Mimik und Gestik und knappe Kommentare formt er sie zu Persönlichkeiten. Ihre Vorlieben und Verhaltensweisen sind kein Selbstzweck, sondern Teil ihrer Geschichte – und die hat es meist in sich.

 

Der Tod spielt immer mit

Schmerz und Leid spielen in allen Filmen von Elliot eine wichtige Rolle. Dabei ist es nicht so, dass sie nicht auch vom Glück erzählen. Aber der Weg dorthin ist schwer und voller Leid. Elliot quält seine Figuren regelrecht. Er nimmt ihnen ihre Eltern, ihre Haustiere und ihre Liebsten. Manchmal ist das tragisch, manchmal komisch, meistens aber beides in einem. Durch Blitzschläge, Alligatoren und herabfallende Regale lässt er in „Memoiren einer Schnecke“ gleich eine ganze Reihe Figuren ums Leben kommen. Schon in „Uncle“ kippt eine Tante nach dem Trinken von Ameisengift aus dem Bild. Es gibt keinen einzigen Film von Elliot, in dem nicht mindestens eine Figur stirbt.

Erstaunlicherweise finden sowohl das cartoonesk Übertriebene und von einem tiefschwarzen Humor Geprägte als auch das Ernsthafte und zutiefst Berührende darin Platz. Wenn in „Memoiren einer Schnecke“ gleich zu Beginn eine zentrale Figur dahinscheidet, dann ist das erst traurig, dann komisch, dann wieder traurig – und dazwischen wird noch „Citizen Kane“ parodiert.

Leben mit Verlusten: Szenenbild aus "Memoiren einer Schnecke" (© Capelight Pictures)

 

Bemerkenswert ist, wie der Tod dabei als Teil des Lebens akzeptiert wird. Er wird nicht ausgeklammert und auch nicht überspielt. Vor allem geht es um das Leben, das die Figuren gelebt haben, und um die Spuren, die sie bei ihren Mitmenschen hinterlassen – sofern sie Sympathieträger sind. Für hinterhältige Antagonisten bleibt hingegen wie in „Ernie Biscuit“ (2015) nur der Fleischwolf übrig.

Auch sonst erspart Elliot seinen Figuren wenig. Als die Zwillinge Grace und Gilbert in „Memoiren einer Schnecke“ nach dem Tod des Vaters getrennt werden, kommt Gilbert in eine Familie fanatischer Christen, wird ausgebeutet, gedemütigt und misshandelt, und das erst recht, als seine Pflegeeltern herausfinden, dass Gilbert schwul ist. Grace hingegen gerät in eine Ehe mit einem Mann, der sie ausnutzt und manipuliert. Ähnlich ergeht es vielen Figuren in den Filmen von Elliot. Oft werden sie ausgeschlossen und schlecht behandelt, weil sie von ihren Mitmenschen als „anders“ wahrgenommen werden.

 

Das quälende Gefühl, anders zu sein

Einsamkeit und Isolation sind zwei der zentralen Themen in „Mary und Max“ (2009). Weil die achtjährige Australierin Mary wissen will, wo in den USA die Babys herkommen, schreibt sie einem unbekannten Mann, dessen Namen sie in einem Telefonbuch findet. Und jener Mann aus New York, der 44 Jahre alte Max, schreibt dem Kind tatsächlich zurück. Über Jahre hinweg begleitet der Film die beiden, zeigt ihre respektvolle, auf wertschätzender Neugier beruhende Annäherung auf Augenhöhe und erzählt von einer Freundschaft, die stärker und wichtiger wird als Familienbande. Beide sind Außenseiter: sowohl das Kind, das von seinen Eltern vernachlässigt wird, als auch der Erwachsene, der aufgrund einer Autismus-Störung Schwierigkeiten hat, andere Menschen einzuschätzen und sie zu verstehen.

Dieses Gefühl des Andersseins und des Nicht-Dazugehörens ist im Werk von Elliot zentral. Die Titelfigur aus „Cousin“ hat eine Zerebralparese, der Titelheld von „Harvie Krumpet“ leidet am Tourette-Syndrom und an Asthma, Ernie aus „Ernie Biscuit“ erblindet, Ernies Freundin ist gehörlos.

Wie Außenseiter sich gegenseitig Halt geben: "Mary & Max" (© MFA)

 

Sehr bemerkenswert aber ist, wie die Filme mit diesen Beeinträchtigungen umgehen. Denn obgleich sie benannt werden, verzichten die Geschichten auf ihre Problematisierung. Elliot nimmt die Figuren an, wie sie sind, ohne zu vereinfachen oder sich darüber lustig zu machen. Auch an einer simplen Inklusionsbotschaft ist ihm nicht gelegen. Elliot, der als künstlerisches Vorbild die Fotografin Diane Arbus nennt, erzählt diese Geschichten, weil sie ihm wichtig sind.

In Interviews hat er immer wieder betont, dass er sich selbst als „anders“ und nicht dazugehörend wahrgenommen hat. Elliot ist Asthmatiker und hat einen Tremor. Das stetige Zittern hat sich im Stil seiner ersten Filme niedergeschlagen, denn eigentlich ist eine ruhige Hand die wichtigste Voraussetzung für die Puppenanimation. „Chunky wonky“, nennt Elliot seine Filme deshalb, grob und schräg. Was anfangs Folge seiner Beeinträchtigung war, ist mittlerweile ein Stil, der als gestalterisches Credo für das ganze Team und die Produktion als solche gilt. Elliot will keine glatten, gestylten Welten entwerfen, sondern etwas erschaffen, das gelebt und echt aussieht. Das Unperfekte ist den Figuren und den Sets damit eingeschrieben.

 

Feier des Lebens

Adam Elliot lässt seine Figuren leiden, er lässt sie hinfallen, aber er lässt sie auch wieder aufstehen und erhobenen Hauptes ihren Weg weitergehen, egal wie steinig dieser auch ist. So wird die Geschichte des jüdischen Flüchtlings Harvie Krumpet, der während des Zweiten Weltkriegs von Polen nach Australien emigriert und sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt, eine Hodenkrebs-Erkrankung überlebt und seine Frau auf tragische Weise verliert, zu einer wahren Feier des Lebens. Harvie hätte allen Grund, den Mut zu verlieren. Nachdem ihm aber eine Vision rät, den Tag zu nutzen, stellt er sein Leben auf den Kopf. Er reißt sich die Klamotten vom Leib, wird Vegetarier und Umweltaktivist. Das Schicksal kann einem Steine in den Weg legen, lautet das Fazit von „Harvie Krumpet“, doch man muss trotzdem das Beste daraus machen und in vollen Zügen leben.

Das pralle Leben, trotz Traumata: Szenenbild aus "Harvie Krumpet" (© Adam Elliot)

 

So aberwitzig diese Geschichten auch daherkommen und so kurios die Lebenswege der Protagonisten auch sind, so wahr fühlen sich die Lebensweisheiten am Ende dennoch an. Vom rituellen Anpinkeln eines Zitronenbaums, wie es der „Uncle“ stets bei Vollmond zu tun pflegt, über das Genießen einer Tasse Tee am Morgen bis zu einem erfüllten Leben ist der Weg nicht weit. Mit einer schönen Mischung aus Tragik, Melancholie und Witz gelingt es Elliot immer wieder, über die Flüchtigkeit des Glücks zu erzählen und Mut zu machen.

 

Herzblut und Handarbeit

Von Film zu Film hat Elliot seine Clayographys ein wenig modifiziert. So wie die Kamerabewegungen im Laufe der Zeit komplizierter wurden, wuchsen auch die Sets. Wo die Figuren in „Uncle“ noch in leeren Räumen agieren, hat die Bedeutung des Szenenbilds immer mehr zugenommen. „Memoiren einer Schnecke“ (2024) strotzt nur so vor Details, die aber nicht aufdringlich in Szene gesetzt werden, sondern im Hintergrund verbleiben, was auch an der sehr dezenten Farbgebung des Films liegt. Ähnlich wie bei Filmen aus dem Aardman Studio oder bei den „Simpsons“ lohnt sich ein Anhalten der Filme, um all die Informationen im Bildhintergrund, die Beschriftungen oder Buchtitel wahrzunehmen oder die Bilder an den Wänden zu betrachten.

Adam Elliot am Set von "Memoiren einer Schnecke" (© Arenamedia Films)

 

Im Kern aber hat Elliot seinen Stil beibehalten. Die Farben sind gedämpft und matt, die Geschichten weiterhin figurenorientiert und elliptisch; ein Voice-Over-Kommentar ersetzt bis auf wenige Momente die direkte Rede. Die Figuren bewegen sich vergleichsweise wenig. Elliot überfrachtet seine Filme bewusst nicht; er traut sich, Pausen zu machen und Raum zum Betrachten zu lassen. Nur das Wesentliche zählt. Vor allem aber ist alles handgemacht. Während Studios wie Laika in Produktionen wie „Kubo“ oder „Mister Link“ das Zusammenspiel von digitalen und analogen Elementen immer stärker vorangetrieben haben, setzt Elliot ganz aufs Greifbare und verzichtet überdies komplett auf CGI-Effekte. Sichtbare Fingerabdrücke sind kein Makel, sondern eine Auszeichnung und ein Beleg dafür, dass hier echte Menschen am Werk waren.

Im Laufe seiner Karriere will Adam Elliot insgesamt drei Trilogien drehen. Die Kurzfilmtrilogie ist bereits abgeschlossen. Was noch fehlt, sind ein längerer Kurzfilm und ein abendfüllender Film. Unabhängig davon, welchen Tod seine Figuren in diesen Werken auch sterben und welche Schicksalsschläge sie überwinden müssen, fällt auf, dass Elliot im Laufe seiner 29 Jahre als Trickfilmer zunehmend optimistischer geworden ist. „Uncle“, „Cousin“ und „Brother“ endeten noch tieftragisch. Mittlerweile aber strahlt am Ende der Filme doch ein wenig Licht auf.

Handmade: Production Still zu "Memoiren einer Schnecke" (© Arenamedia Films)

 

 

Hinweis

Die Kurzfilme „Uncle“, „Cousin“, „Brother“ sowie „Harvie Krumpet“ können über den offiziellen YouTube-Kanal von Adam Elliot gestreamt werden. Alle Kurzfilme sowie die beiden Langfilme sind im Frühjahr 2025 in Australien auch in der Box „The Adam Elliot Collection – the clayographies thus far“ auf Blu-ray erschienen.

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