Wim Wenders feiert am 14. August 2025 seinen achtzigsten Geburtstag; seit den späten 1960er-Jahren ist er als Filmemacher aktiv. Das reiche Werk, das der Filmemacher im Lauf dieser Zeit gestaltet hat, ist auch gekoppelt mit Wenders’ spiritueller Entwicklung. Der Theologe Reinhold Zwick spürt anhand markanter Filme, von den „Engel“-Filmen bis hin zu „Perfect Days“, den religiösen Perspektiven in Wenders’ Schaffen nach.
Im Frühjahr 2005 war Wim Wenders Gast beim jährlichen FilmForum der Katholischen Akademie in Bayern, bei dem neben Kurzvorträgen und dem zentralen Regisseurgespräch mit dem Publikum immer zwei Filme des Gastes in voller Länge gezeigt wurden. Einen konnte dieser auswählen, der andere war immer sein jeweils aktuellster. Wenders entschied sich für seinen zweiten Engelfilm „In weiter Ferne, so nah“ (1993), den er für den Rahmen der Begegnung am geeignetsten hielt. Der andere war „Land of Plenty“ (2004). Nach der Vorführung der Fortsetzung von „Der Himmel über Berlin“ (1988) trat als erste die damals bereits 99-jährige Filmkritikerin Paula Linhart, die früher auch als Filmdienst-Autorin aktiv war, ans Publikumsmikrophon: In gestochener Diktion formulierte sie – bei aller vorausgeschickten Wertschätzung von Wenders – eine etliche Punkte umfassende Kritik des Films. Wenders lauschte ihr mit großer Sympathie und gab ihr danach recht.
Er habe den Film an diesem Tag erstmals nach über zehn Jahren wiedergesehen und müsse jetzt eingestehen, dass er „unglaublich überfrachtet“ sei und ein „völliger Überfluss an Geschichten herrsch(e)“
Entfernung und Wiederannäherung an den Glauben
Was war zwischen dem wunderbaren ersten Engelfilm, der vielen als sein Meisterwerk gilt, und dessen Sequel geschehen? Mit der Frage danach kam das Gespräch auf Wenders’ Glaubensbiographie. Bekanntlich wuchs er in einem konservativen, katholischen Elternhaus auf und hatte – ähnlich wie Martin Scorsese – als Jugendlicher eine Weile den Wunsch, Priester zu werden. Dann entfremdete er sich jedoch vom Glauben und trat 1966 aus der Katholischen Kirche aus. Ein neuerlicher Umschwung ereignete sich dann im Jahr 1989, als erst sein Vater Heinrich (geb. 1916) und dann auch sein vier Jahre jüngerer Bruder Klaus verstarben. Besonders die Sterbebegleitung seines tiefgläubigen Vaters war folgenreich. Wenders gab darüber sehr offen Auskunft: die Tode der beiden ihm so nahen Menschen führten nicht etwa zu einem endgültigen Bruch mit dem Glauben, sondern zu einer Wiederannäherung, zu einer Rückkehr.
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Die erste Frucht der damals erneuerten und bis heute festen Glaubens- und damit auch Lebensorientierung als „ökumenischer Christ“, wie er sein Selbstverständnis charakterisiert, war dann „In weiter Ferne, so nah“. Im Publikumsgespräch meinte er dazu: dieser Film sei „im Unterschied zu ‚Der Himmel über Berlin‘ von der Position eines gläubigen Menschen“ entstanden (zit. n. ebd.). Nunmehr war die Existenz von Engeln für ihn eine geglaubte Wirklichkeit. Nur die künstlerische Umsetzung dieser veränderten Sicht war noch nicht ausgereift, war zu forciert.
Engel unter uns
In „Der Himmel über Berlin“ waren die von Wenders’ Lektüre der Lyrik Rainer Maria Rilkes inspirierten Engel für ihn anfangs noch metaphorische Figurationen der liebenden Zuwendung, der Barmherzigkeit, damit allerdings ebenfalls schon Verkörperungen zentraler christlicher, von Jesus verkündeter und vorgelebter Tugenden. Rückblickend meinte Wenders in München aber: „Durch den Film und durch die Erfahrung dieses Films und auch dadurch, dass der Film bei so vielen Menschen so viel ausgelöst hat, hatte ich wirklich immer mehr den Eindruck, dass diese Engel, die ich da beschworen hatte, erstens beim Drehen echt anwesend waren und zweitens durch den Film auch enorm gewirkt hatten. Ich habe noch nie vorher einen Film gemacht, der tatsächlich so viel verändert, das heißt, Menschen auf eine andere Art bewegt hat, als das sonst Filme tun. Insofern ist mir da schon ein bisschen gedämmert, dass es eben nicht nur metaphorische Gestalten gewesen waren.“
Das Jahr 1989 war also recht besehen keine Stunde Null und der Kirchenaustritt vielleicht zuvorderst eine Distanzierung vom institutionell verfassten Glauben. Ein tiefer spiritueller, vom Geist des christlichen Ethos geprägter Unterstrom, durchgreift vielmehr das ganze Filmschaffen von Werders. Bereits im Frühwerk finden sich viele kontemplative Partien, etwa in „Alice in den Städten“ (1973), „Falsche Bewegung“ (1974) oder „Im Lauf der Zeit“ (1975). Denken lässt sich auch an seine – später mit „Palermo Shooting“ (2008) wieder aufgenommene – Auseinandersetzung mit den sogenannten Letzten Fragen, sei es im Subtext der Filmerzählungen oder, direkter, im (semi‑)dokumentarischen Modus wie in seinem bewegenden Portrait seines sterbenden Freundes Nicholas Ray in „Nick’s Film – Lightning over Water“ (1980). In der tiefen Meditation über Leben und Tod erscheint der Tod nicht als das absolute Ende, sondern wird durch die Gelassenheit und den Humor des Sterbenden subtil transzendiert.
Handeln aus dem Glauben
Nach Wenders’ Wiederfinden des christlichen Glaubens dauerte es einige Zeit, bis er nach dem Scheitern des ersten Anlaufs im zweiten Engelfilm die neue Grundhaltung in seinen Arbeiten wieder identifizierbarer zu machen wagte. Dieser Aufbruch beginnt mit „Land of Plenty“, just dem zweiten Film des Münchner FilmForums. Zehn Jahre nach „In weiter Ferne, so nah“ wird hier erstmals wieder dezidiert ein Handeln aus dem Glauben auch an der Erzähloberfläche thematisch: zuvorderst in den langen, detailgenauen Passagen, in denen die von einem starken sozialen Ethos angetriebene Hauptfigur Lana (Michelle Williams) in den Armenvierteln von Los Angeles unterwegs ist. Diese Szenen sind durchdrungen von der „Option für die Armen“, die im Zentrum des Ethos Jesu und seiner Verkündigung der Gottesherrschaft steht. Mit großer Empathie begegnet Lana hier den Armen, Kranken, Süchtigen oder anderswie aus einem Leben in Würde herausgefallenen oder -gestoßenen Menschen, denen ihr Leben völlig entglitten ist. Wie in den heutigen USA sind die von christlichen Gemeinschaften betriebenen Hilfseinrichtungen, wie sie Lana kennenlernt, die einzige und letzte Hoffnung für all die Menschen, die an der Unbarmherzigkeit einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung, der eine gerechte und solidarische Sozialordnung fremd ist, zerbrochen sind und vom Staat alleingelassen werden.
Verdeckter thematisiert wurde der christliche Glaube schon kurz vor „Land of Plenty“ in dem semi-dokumentarischen Film „The Soul of a Man“ (2003) über einige der größten, von Wenders verehrten amerikanischen Bluesmusiker (wie J.B. Lenoir und Blind Willie Johnson), deren Texte oftmals christliche Motive aufgreifen. Insbesondere geht es in diesem großartigen, leider zu wenig beachteten Film um die in der Bluesmusik gleichsam inkarnierte Spiritualität. Wie schon der Filmtitel anzeigt, lässt sie den Blues zu einem Medium der menschlichen Seele werden.
Die franziskanische Inspiration
Die den Bluesfilm charakterisierende neue Durchmischung von dokumentarischen Bildern mit historisierend inszenierten Spielszenen wird später in „Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes“ (2018) wiederkehren und dort zum Schlüssel für die Eigenart der Spiritualität von Wim Wenders. Denn dieser Film ist nicht nur erklärtermaßen eine Hommage an den von ihm hochgeschätzten Papst, sondern auch an den großen Heiligen aus Assisi, nach dem sich dieser erstmals in der Geschichte des Papsttums benannt hat. Wenders unterstreicht dies durch die intermittierend eingeschalteten Spielszenen, in denen er nach Art von fiktiven Reenactments wichtige Momente der Glaubensbiographie des historischen Franziskus aufgreift. Er tut dies in sehr liebevoll inszenierten, mit einer eigens dazu reaktivierten historischen Kamera gedrehten Schwarz-weiß-Bildern, die kongenial der Ästhetik der Stummfilm-Zeit nachempfunden sind.
Wenders war sich sicher bewusst, dass dies bei der Filmkritik absehbar weithin auf Ablehnung stoßen dürfte und als Manierismus oder gar Kitsch abgetan werden könnte – und so ist es denn auch gekommen. Dass er dies in Kauf nahm, zeigt, wie wichtig ihm die dadurch nachhaltig intensivierte Erinnerung an den Heiligen war, dem sichtlich auch er selbst sich tief verbunden weiß, und das weit über den Papstfilm hinaus. Worin sich der Papst hinsichtlich des Glaubens, der Spiritualität und der Lebensführung dem Heiligen verpflichtet wusste, das prägt auch Wenders’ Religiosität und Ethos. Am deutlichsten kommt dies in den beiden so unterschiedlichen Filmen zum Ausdruck, die gleichsam den Papstfilm rahmen und mit ihm einen Dreiklang beziehungsweise ein spirituelles Triptychon bilden: in „Das Salz der Erde“ (2014) und „Perfect Days“ (2023).
Was der Papst an Franz von Assisi schätzt, und was Wenders seinen Filmen einzeichnet, sind zuvorderst dessen radikal gelebte „Option für die Armen“, bei der er sich selbst zum Armen unter den Armen gemacht hat. Damit verbunden ist es seine vorurteilsfreie Zuwendung zu den Ausgegrenzten, seine Vergebungsbereitschaft und seine Standhaftigkeit, mit der er gegen alle Widerstände an seinen Überzeugungen festhielt: All dies kommt auch in den berühmten „Fioretti“, den von seinen Anhängern verfassten Heiligen-Legenden, zum Ausdruck, die schon viele Filmemacher inspiriert haben.
Franziskus-Ethos
Wovon diese Vignetten mit so viel Zuneigung und feinem Humor erzählen, dessentwegen wurde der historische Franziskus aber auch von vielen Zeitgenossen heftig angefeindet oder, vielleicht noch schlimmer, nur verspottet. So war es etwa bei seinen aussichtslosen Friedensbemühungen im Heiligen Land oder bei seinem großen Einsatz für die Schöpfung, für die er einen damals ganz unzeitgemäßen achtsamen, ehrfürchtigen Umgang eingeklagt und vorgelebt hat. Die schönsten, wirkmächtigsten Zeugnisse hierfür sind seine legendarische „Vogelpredigt“ und sein berühmter „Sonnengesang“. Mit dessen Eingangsworten eröffnete Papst Franziskus seine vielleicht bedeutendste Enzyklika: das ökologische Sendschreiben „Über die Sorge um das gemeinsame Haus“ (2015) und machte sie so titelgebend: „Laudato si“ („Gelobt seist Du“).
Wenders’ Papstfilm bringt zum Ausdruck, wie leidenschaftlich und risikobereit sich der Papst um die Realisierung der großen Anliegen „seines“ Heiligen bemüht und in dessen Spuren sein ganzes Wirken unter die Leitbegriffe der Barmherzigkeit und der Option für die Armen gestellt hat. Wenders kann dieses Wirken nur derart zum Strahlen bringen, weil er dem Papst hierin in besonderer Weise spirituell verbunden ist. Und wie der Papst scheut auch er sich in seinem Handeln als Künstler und Person des öffentlichen Lebens nicht, sich zu seinen Überzeugungen, auch den heute vielen fremdgewordenen religiösen, zu bekennen. Ein schönes Beispiel hierfür ist seine Laudatio bei der Verleihung des „Friedenspreises des deutschen Buchhandels“ an Sebastião Salgado im Jahre 2019.
„Das Salz der Erde“ (2014): Ein Film mit spiritueller Tiefendimension
Wenders’ großartiger Dokumentarfilm über den brasilianischen Fotografen Salgado ist die erste Tafel des oben so apostrophierten „Spirituellen Triptychons“. Dass die Arbeit von Salgado für ihn einen christlich formatierten spirituellen Grundzug hat (ungeachtet des Selbstverständnisses Salgados, der sich als religiös distanzierter Humanist versteht) macht Wenders programmatisch gleich mit dem Titel des Films deutlich. Mit ihm zitiert er ein bekanntes Jesuswort aus der Bergpredigt (Mt 5,13): „Ihr seid das Salz der Erde.“ In der vollständigen biblischen Formulierung wird deutlich, dass diese Bildrede vom „Salz“ zugleich Zuspruch und Anspruch, Ermutigung und Beauftragung ist: Der Mensch soll der als Schöpfung Gottes verstandenen Welt einen guten Geschmack geben. Dazu ist er fähig, dafür ist er aber auch verantwortlich. Er ist aufgerufen, sich unablässig für dieses Gut-Sein einzusetzen.
Wie das Werk Salgados thematisiert auch Wenders’ Film beide Aspekte dieses Titelworts: Dem Gut-Sein oder eben „Wieder-Wohlschmeckend-Werden“ der Welt gilt die zweite, um das Jahr 2000 einsetzende Schaffensphase Salgados, die der zweite, kürzere Teil des Films schildert. Dem großen fotografischen (inzwischen Buch gewordenen) Vorhaben, das sich damit verbindet, hat Salgado einen biblischen Titel gegeben: „Das Genesis-Projekt“. Mit seinen unter diesem Vorzeichen entstandenen Fotografien feiert er die Schönheit und Vielfalt der Schöpfung, als wollten sie das im Schöpfungshymnos von Gen 1,1–2,4a refrainartig wiederkehrende „Und Gott sah, dass es gut war“ symphonisch orchestrieren. Dieses Gut-Sein zu bewahren, ist der Kern des so oft krass missverstandenen „Herrschaftsauftrags“ Gottes an die Menschen: Ihr Herrschen soll darauf zielen, die Welt in einem harmonischen Gleichgewicht zu halten und dieses wiederherzustellen suchen, wo es verloren zu gehen droht.
Um letzteres bemüht sich der andere Schwerpunkt von Salgados zweiter Werkphase: die Arbeit seines „Instituto Terra“, eines großen Wiederaufforstungs- und Renaturierungsprogramms in seiner Heimat. Ermutigt haben dürfte ihn zu diesem anfangs hoffnungslos erscheinenden Unterfangen seine Begegnung mit Tony Rinaudo, dem von Volker Schlöndorff porträtierten „Waldmacher“ (2021) in der Sahelzone. Rinaudos im missionarischen Dienst begonnene Arbeit ist zutiefst schöpfungstheologisch motiviert. Der große christliche „Ahnherr“ eines solchen Einsatzes ist wieder der heilige Franziskus.
Klage und Mahnung
Mit seiner optimistischen Schilderung des trotz widrigster Ausgangslage überaus erfolgreichen „Instituto Terra“ und mit seinen Film-Meditationen der „Genesis“-Fotografien akzentuiert Wenders die ermutigende Seite des „Salz“-Wortes. Dessen mahnende Dimension beherrscht hingegen den großen ersten Teil des Salgado-Films. Weithin chronologisch beschreibt er in diesem die Entstehung der berühmten Bildbände Salgados: von „Otras Americas“ (1984) über „Brazil“, „Sahel“ und „Workers“ bis zu „Exodus“ (1999), dem erschütternden Dokument des Grauens des Bürgerkriegs in Ruanda und der großen Fluchtbewegung, die er ausgelöst hat. Für Salgado wurde dieser Weg immer mehr zu einer „Reise in die Finsternis“, wie sie Wenders in seiner Laudatio nannte. All die Werte, für die das Christentum steht und die der Heilige aus Assisi so konsequent wie kaum ein anderer zu leben gesucht hat, sind hier zunehmend nur mehr im Negativbild, in der bestürzenden Wahrnehmung ihrer Abwesenheit gegenwärtig.
Indem dies Wenders ebenso unerbittlich wie einst Salgado zeigt, wird auch sein Film zu einer wuchtigen Klage und Mahnung. Vieles von dem, was Salgado und sein Porträtist hier an Leid und Entwürdigung zeigen, ist genau das dunkle Gegenbild zu dem christlichen, sozialethischen Programm, das Papst Franziskus in den Spuren seines Namenspatrons gerne mit seinen „Drei T“ als Grundmomente der „Option für die Armen“ herausgestellt hat und die er auch in Wenders’ ihm gewidmeten Film anmahnen kann: „Trabajo – Terra – Tecto“: Arbeit, ein sicherer Lebensraum und ein Zuhause als Grundvoraussetzungen für ein Leben in Würde. Dies kann durchaus auch, wie es der heilige Franziskus vorgelebt hat, ein Leben in Armut sein, niemals aber eines in inhumaner Not und Elend.
„Perfect Days“ (2023) – eine (vorläufige) Summe
Welche Würde auch ein Leben in Armut besitzen kann, davon erzählt Wenders in seinem bislang letzten Spielfilm „Perfect Days“ (2023), der ein wahres Kleinod ist. Obwohl ästhetisch geradezu konträr angelegt, steht er in seiner Intensität und seinem thematischen Reichtum ebenbürtig neben „Der Himmel über Berlin“. Und vielleicht gerade weil sich „Perfect Days“ auch ästhetisch „arm“ macht und ungemein leise und unprätentiös inszeniert ist, und weil Wenders die Zuschauenden ganz unaufdringlich so viel entdecken lässt, was sie existentiell berühren kann, ist er spirituell wohl der bislang tiefste aller seiner Filme. Die Bildgestaltung und Dramaturgie sind eine große Referenz an Yasujiro Ozu, dessen Werke er bei seiner ersten Tokio-Reise (1983) studiert hatte und der ausweislich seiner wenig später entstandenen Reisedokumentation „Tokyo‑Ga“ (1985) zu einem seiner wichtigsten Vorbilder wurde. Mit der Filmmusik von „Perfect Days“, die dieses Mal in der Nachfolge von Robert Bressons Programmatik immer streng diegetisch eingesetzt ist, schlägt Wenders einen noch weiteren Bogen zurück in die Anfänge seines Filmschaffens. Der titelgebende Song „Perfect Day“ von Lou Reed wurde 1972 veröffentlicht und viele der Stücke, die die Hauptfigur über ihren alten Kassetten-Spieler zum Klingen bringt, kennt man aus Wenders’ ersten Spielfilmen, besonders aus „Summer in the City“ (1970) und „Alice in den Städten“ (1973). Mit den bildästhetisch und im Score etablierten Erinnerungen an die Anfänge und die erste Blütezeit seines Schaffens gewinnt „Perfect Days“ im Gesamtwerk von Wenders einen nochmals bedeutsameren Status, wird er in gewisser Weise zur Summe seiner Arbeit.
„Perfect Days“ erzählt von dem etwa 65-jährigen Hirayama, der seinen Lebensunterhalt als Reinigungskraft für öffentliche Toiletten bestreitet. Diese Arbeit empfindet er in keiner Weise als entwürdigend, sondern widmet sich ihr mit großer Hingabe und Sorgfalt. Durch die Verstrickung in die finanziellen Nöte seines jungen Kollegen und durch den unangekündigten Besuch seiner jungen Nichte, die bei ihm Zuflucht sucht, gerät sein geregelter Alltag zwischenzeitlich in Turbulenzen. Aber am Ende haben sich die (kleinen) Wogen beruhigt und sein Leben nimmt wieder den gewohnten Lauf. Meisterlich lässt Wenders in dieser prima vista einfachen Geschichte eine Fülle von Themen anklingen, ohne sie breiter auszufalten, einfach als Einladung an die Zuschauer, ihnen je für sich selbst nachzusinnen. Insofern ist dieser Film das genaue Gegenteil von „In weiter Ferne, so nah“, der Erstlingsfrucht von Wenders’ religiöser Wende.
Arbeit, Einkehr, Zuwendung
Im Horizont des hier anhand seiner Filme verfolgten spirituellen Wegs von Wenders sei hier nur genauer auf die Hauptfigur geblickt und die These gewagt, dass Hirayama eine fragmentierte Franziskus-Figur ist – ähnlich wie bei Pier Paolo Pasolini, der „seinen“ befreiungstheologisch konturierten Franziskus auch nur einmal direkt auf die Leinwand gebracht hat – in der wunderbaren Achsensequenz von „Große Vögel – kleine Vögel“ (1965) –, aber in seinem Œuvre wiederholt subtil auf ihn angespielt hat.
Zwar ist „Perfect Days“ in einem ganz anderen Kulturkreis verortet und spielt Religion für seinen Protagonisten nach außen hin keine besondere Rolle, aber er ist eben doch eine Figur von Wenders und lässt als solche ganz vorsichtig den von ihm verehrten großen Heiligen durchscheinen: Wie Franziskus hat Hirayama mit seinem Vater und seinem vermögenden Elternhaus gebrochen und lebt in selbstgewählter Armut ein ganz einfaches Leben. Dieses Leben hat mönchische Züge: er lebt freiwillig zölibatär und ist dabei mit sich im Einklang; wie bei einem klösterlichen Leben folgen seine Tage einem strengen, ritualisierten Ablauf, vom Aufstehen immer bei Sonnenaufgang bis zur nächtlichen Lektüre vor dem Einschlafen – dazwischen immer Arbeit, Badehaus und Essen in einer Suppenküche.
Hirayama lebt die Verbindung von vita activa und vita contemplativa: Er gibt sich ganz, mit einer Art von heiterer Demut seiner vermeintlich „niederen“ Arbeit hin und verleiht dieser dadurch eine ganz eigene Würde. Ebenso konzentriert widmet er sich dann an den Abenden seiner sorgsam ausgewählten Lektüre, die für ihn eine Art spirituelle Einkehr bedeutet. Mit Franziskus verbindet ihn besonders auch seine offene, vorurteilsfreie Zuwendung zu allen Menschen, gleich welchen Standes: etwa der jungen Frau, die seinem Kollegen so viel Liebeskummer bereitet, nicht zuletzt auch weil sie offensichtlich im Rotlichmilieu arbeitet.
Einfach indem Hirayama sie so, wie sie ist, annimmt und anerkennt, kommt durch die Begegnung mit ihm hinter ihrem flippigen, exaltierten Auftreten ihr wahrer, sensibler und verletzlicher Wesenskern zum Vorschein. Und ebenso hilft er einem suizidal gestimmten, gut situierten Mann allein schon durch die Aufmerksamkeit, die er ihm schenkt, und wie er ihn dann zu einem gemeinsamen, kindlich-heiteren Schattenhaschen bewegt, dass sich dessen innere Einschnürung lockert und sich ein Weg aus seiner verdüsterten Gemütslage eröffnet.
Durchlaufend in Hirayamas Alltag ist es auch sein achtsames Handeln gegenüber der Natur, das den Geist der franziskanischen Schöpfungsspiritualität atmet: Wenn er im Park eine Blume ausgräbt, um sie in sein kleines, sorgsam gehegtes häusliches Paradiesgärtchen einzusetzen, dann gibt er gleich wieder neue Samenkörner in die Erde. Und immer wieder geht in Arbeitspausen sein Blick hinauf zur Sonne, in das Licht, das durch die Blätter der Bäume fällt. Für dieses Licht gibt es im Japanischen sogar ein eigenes Wort. Zugleich erinnert es aber auch an den „Sonnengesang“ des Heiligen, den großen Lobpreis der Schöpfung, der dem Menschen auch Verpflichtung sein soll.
Mit offenen Augen
Dass Wenders „Perfect Days“ mit einem lange ausgehaltenen Blick in das Licht, das durch die Zweige fällt, enden lässt, schlägt nochmals einen Bogen zurück, an den Anfang seines ersten Films „aus der Position eines Gläubigen“, wie er ihn nannte: „In weiter Ferne, so nah“ eröffnet ein Motto-Insert mit einem Licht-Logion Jesu aus der Bergpredigt (Mt 6,22). In der im Film verwendeten Übersetzung lautet es: „Die Leuchte deines Leibes ist dein Auge. Ist nun dein Auge lauter, wird dein ganzer Leib im Lichte sein. Ist dein Auge böse, wird dein ganzer Leib im Finstern sein.“
Wie Wenders hier die dem Licht, auch dem Licht der Sonne, so oft eignende metaphorische Qualität (etwa im Sinne des „Strahls der Erleuchtung“) verstanden hat, verdeutlichte er beim Filmgespräch in der Münchner Katholischen Akademie, indem er die paraphrasierende Fassung des Bibelworts in einer freien englischen Übertragung zitierte, die er ursprünglich hatte als Motto verwenden wollen: „Deine Augen sind Fenster zu deinem Körper. Wenn du deine Augen weit offen hältst voller Erstaunen und Glauben, dann erfüllt sich dein Körper mit Licht. Wenn du aber deine Augen zusammenkneifst vor Gier und Misstrauen, dann wird dein Körper ein dunkler Keller. Und wenn du vor deinem Fenster die Rolläden herunterlässt, was für ein dunkles Leben wirst du dann haben.“
Wenders setzte hinzu: „Das war letzten Endes die Grundidee des Films.“ Man könnte diese Sentenz freilich auch dem gesamten Filmschaffen von Wim Wenders als Leitwort voranstellen, zumindest jener langen, bis heute anhaltenden Phase, die es eröffnet hat: Seine künstlerische Arbeit unter dem Vorzeichen seines Zurückfindens zum Glauben, das zum Beginn eines spirituellen Wegs wurde. Diese eingangs erläuterte Wende im Jahre 1989 verbindet sich mit Wenders’ Abkehr von der ihn bis dahin prägenden Wesensbestimmung des Films im Sinne von Siegfried Kracauer und Bela Balázs, die Wenders in München von der Idee des Films als „Errettung der physischen Realität der Dinge“ regiert sah. Dagegen stellte er dort seine neugewonnene Auffassung vom Wesen des Films: „Das Kino handelt immer von der Sichtbarmachung des Unsichtbaren, und wie man so etwas Unsichtbares wie den Blick des Engels irgendwie doch sichtbar machen kann.“
Zum 80. Geburtstag von Wim Wenders: Filme in den Mediatheken
Anlässlich des 80. Geburtstags von Wim Wenders am 14.8.2025 zeigen die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender derzeit zahlreiche Werke des Filmemachers. Besonders viel zu entdecken gibt es in der arte-Mediathek, die eine ganze Reihe mit Wenders-Filmen zusammengestellt hat. Zu entdecken sind folgende Werke:
Wim Wenders: Der ewig Suchende
Blow up – Wim Wenders in 10 Minuten
Demnächst verfügbar:
Paris, Texas (Verfügbar am 18.8.)
Anselm – Das Rauschen der Zeit (Verfügbar am 20.8.)
Die ARD-Mediathek wartet mit zwei dokumentarischen Porträts auf:
Wim Wenders: Der ewig Suchende
In der 3sat-Mediathek ist einer von Wenders‘ Dokumentarfilmen zu sehen: