James Mason in „Ausgestoßen“ („Odd Man Out“) (© Locarno Film Festival/Park Circus/ITV Studios)

Große Erwartungen - Locarno-Retrospektive zum Britischen Nachkriegskino

Die Locarno-Retrospektive „Great Expectations: Britisches Nachkriegskino 1945-1960“ präsentierte neben Klassikern viele unbekanntere Filme aus den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg

Aktualisiert am
17.09.2025 - 14:41:54
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Umfangreiche Film-Retrospektiven leistet sich kaum noch ein Festival, eine Ausnahme bildete jedoch einmal mehr das Locarno Film Festival. Die mustergültige Retro „Great Expectations“ widmete sich dem britischen Nachkriegskino und war mit 45 Filmen aus den Jahren von 1945 bis 1960 reich bestückt. Neben temporeichen Komödien und Melodramen erlaubte sie insbesondere die Begegnung mit stilsicheren britischen Varianten des Film-noir-Genres.

 

Was für ein Film! „Ausgestoßen“ („Odd Man Out“), 1947 inszeniert, hat bis heute nichts von seiner Kraft und Emotionalität, seiner Spannung und Melancholie verloren. Hier passt einfach alles zusammen, die Musik von William Alwyn, die Kamera von Robert Krasker, das Drehbuch von F.L. Green (nach seinem eigenen Roman) und R.C. Sherriff, die Regie von Carol Reed. Ein irischer Untergrundkämpfer irrt auf der Flucht vor der Polizei schwer verletzt durch Belfast, nachdem er einen Raub verübt und dabei versehentlich einen Mann getötet hat. Ein Albtraum, der durch die blutende Wunde immer delirierender wird. Das Ergebnis ist ein beklemmendes, fast schon lyrisches Meisterwerk, mit einem überragenden James Mason in seiner wohl besten Rolle. Und dann dieses unglaubliche Ende, das den Zuschauer erschüttert zurücklässt, auch heute noch.

Roman Polanski hat 1994 in einem Aufsatz für die französische Filmzeitschrift „Positif“ die Bedeutung des Films hervorgehoben. Polanski, 1933 geboren, beschreibt, wie er „Ausgestoßen“ als 16-Jähriger zum ersten Mal gesehen habe und von der expressionistischen Atmosphäre begeistert gewesen sei. 20 Jahre später habe er in London befürchtet, bei einem nochmaligen Anschauen enttäuscht zu werden. Aber „Ausgestoßen“ hätte „perfekt der vergangenen Zeit widerstanden“. Wieder 20 Jahre später, beim dritten Kinobesuch, hätte sich die Wirkung des Films bestätigt.

 

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Ein Bild der britischen Gesellschaft

Man möchte Polanski vorbehaltlos zustimmen: „Ausgestoßen“ ist auch heute noch jenes Meisterwerk, mit dem das britische Kino kurz nach dem Zweiten Weltkrieg Hollywood Paroli bot und den „British Film Noir“ zur Blüte brachte. Ein Thema, dem das Locarno Film Festival in diesem Jahr seine Retrospektive widmete. „Ausgestoßen“ lief quasi als Höhepunkt und Fixstern der 45 Beiträge, unter denen auch einige kurze Dokumentarfilme waren. „Don’t mention the war“ – der iranisch-stämmige, in London lebende Kurator Ehsan Khoshbakht, im letzten Jahr schon für die wundervolle Columbia-Retro zuständig, hatte genaue Vorstellungen, was er zeigen wollte: keine Kriegsfilme, keine Kostümfilme, keine Fantasy, kein „Kitchen Sink“-Realismus. Auch das „Free Cinema“, das Lindsay Anderson, Tony Richardson und Karel Reisz Ende der 1950er-Jahre einläuteten, bleibt ausgespart. Die „Angry Young Men“ gehören schon zu einer anderen Generation. Stattdessen sollten die Filme der Retrospektive ausschließlich in Großbritannien spielen und ein Bild der britischen Gesellschaft nach Ende des Zweiten Weltkriegs zeichnen. Die Alliierten hatten zwar den Krieg gewonnen, aber für die Briten ging der Sieg über Nazi-Deutschland mit einer wirtschaftlichen Talsohle, auch bedingt durch den Verlust der Kolonien, einher.

Kay Walsh & Alec Guinness in „Last Holiday“ / „Ferien wie noch nie“
Kay Walsh & Alec Guinness in „Last Holiday“ / „Ferien wie noch nie“ (© Locarno Film Festival/1950 Studiocanal Films Ltd.)

 

Die Briten, gesehen durch britische Filme – das war Khoshbakhts Anspruch. Er zeigte Filme von David Lean („The Passionate Friends“, 1949), Carol Reed („The Fallen Idol“, 1948) und Powell/Pressburger, aber auch von unbekannteren Regisseuren wie Seth Holt und Lance Comfort. Bewährte Klassiker standen neben seltenen Fundstücken.

Simon and Laura“ zum Beispiel. Regisseurin Muriel Box, die in der Retrospektive stellvertretend für die wichtige Bedeutung von Frauen in der britischen Filmindustrie stand und auch mit „The Happy Family“ (1952) vertreten war, inszenierte eine umwerfende Komödie, die bereits 1955 den Reality-TV-Wahnsinn heutiger Couleur vorwegnimmt. Peter Finch und die aufregend schöne Kay Kendall spielen ein verheiratetes Schauspielehepaar, das seinen vermeintlich perfekten Alltag in einer täglich live gesendeten TV-Serie nachstellen soll. Allerdings ist die Liebe verflogen, die Scheidung droht, und ausgerechnet in der Weihnachtsepisode kommt es zum Eklat. Perfekt getimte Situationskomik, rasantes Tempo und freche Dialoge erinnern, zusammen mit der ausgeklügelten Farbdramaturgie, an die Komödien eines Frank Tashlin.

Andere Komödien wie „Last Holiday“ (1950) mit Alec Guinness als vermeintlich todkranker Geschäftsmann, der seine letzten Tage in einem Luxushotel genießen will, oder „The Happiest Days of Your Life“ (1950) über ein Jungeninternat, das durch mehrere Busladungen mit Schülerinnen plötzlich doppelt belegt ist, waren schon nicht mehr ganz so originell, weil ihr Humor zu brav und versöhnlich daherkam.

Einer der wenigen Farbfilme der Retro: „Simon and Laura“
Einer der wenigen Farbfilme der Retro: „Simon and Laura“ (© Locarno Film Festival/Park Circus/ITV Studios)

 

Alles ist möglich

Spaß macht auch „I Know Where I’m Going“ von Michael Powell und Emeric Pressburger, ein selten gezeigter Film des Regieduos, 1945 gedreht und somit, zusammen mit Humphrey Jennings’ kurzer Doku „A Diary for Timothy“, der Startschuss der Retrospektive. Wendy Hiller spielt darin eine selbstbewusste Engländerin, die – der Filmtitel verrät es – genau weiß, was sie will, zum Beispiel auf den schottischen Hebriden einen reichen Industriemagnaten zu heiraten. Doch schon auf der Insel Mull ist wegen des schlechten Wetters Endstation. Aber Roger Livesey als schmucker Marineoffizier ist auch nicht zu verachten. Romanze, Komödie, ein gefährlicher Meeresstrudel, mythisch aufgeladene Natur – bei Powell/Pressburger ist alles möglich, und das macht aus diesem Film ein Fest für die Augen.

Gut ein Drittel der Retro-Filme war dem British Film Noir vorbehalten. Sie zeichneten ein düsteres Bild der britischen Nachkriegsgesellschaft, mit Helden, die in einem dunklen London häufig von Beginn an zum Scheitern verurteilt sind. „Nowhere to Go“ (1958) heißt darum programmatisch der Film von Seth Holt, in dem George Nader – in Deutschland vor allem durch seine „Jerry Cotton“-Filme bekannt – als Juwelendieb einen Fehler nach dem anderen macht und den falschen Leuten vertraut. Da kann auch die junge Maggie Smith (in ihrem ersten Film) mit ihrer scheuen Liebe nicht mehr helfen, am Ende wartet der Tod in rauer, einsamer Landschaft.

Never Let Go“, 1960 von John Guillermin gedreht, ist noch bedrückender in der fanatischen Obsession, mit der der Protagonist des Films sein Ziel verfolgt. John Cummings (Richard Todd), ein Vertreter für Kosmetika, hat sich soeben einen schicken Ford Anglia gekauft, um für seine Arbeit mobiler zu sein. Doch kaum hat er den Wagen vor seinem Büro abgestellt, wird er gestohlen – von den Handlangern eines Garagenbesitzers, den Peter Sellers mit großer Lust am Imagewechsel wunderbar fies verkörpert. Die Szene, wie er die kleine Schildkröte eines Zeugen des Diebstahls zertritt, um so den alten Mann zum Schweigen zu bringen, wird man so schnell nicht vergessen. Cummings setzt nun rücksichtslos alles daran, den Ford zurückzubekommen, notfalls auch ohne die Polizei. Doch damit bringt er seine Familie in Gefahr. Ein taffer Thriller, kurz, knackig und gemein.

Kein Ausweg für den Juwelendieb (George Nader) in „Nowhere to Go“ / „Gejagt“
Kein Ausweg für den Juwelendieb (George Nader) in „Nowhere to Go“ / „Gejagt“ (© Locarno Film Festival/1959 Studiocanal Films Ltd.)

 

Ganz London im Nebel

Auch „Tiger in the Smoke“, 1956 von Roy Ward Baker inszeniert, hat einen programmatischen Filmtitel. Wohl selten im Kino sah man London in einen so dichten Nebel gehüllt. Der Nebel wabert sogar in Wohnungen oder sinkt in Keller, sobald jemand die Türen öffnet. Zu erkennen ist darum häufig nichts, keine Gestalten, keine Gesichter, man muss sich mitunter auf seine Ahnung oder seine Genrekenntnisse verlassen. Erzählt wird die Geschichte von fünf kriegsversehrten, aber hochkriminellen Straßenmusikern, die nach ihrem verschollenen Boss suchen. Kompliziert wird die Handlung dadurch, dass die fiese Gang einen unbescholtenen Bürger entführt, weil sie ihn fälschlicherweise für ihren Boss hält. Doch der sucht nach einem Schatz, den er während des Krieges in der Bretagne versteckt hat. In einer bemerkenswerten Szene klettert der Boss auf der Flucht vor seinen Häschern aus dem Fenster und springt hinunter. Fast scheint es, als würde er sich im Nebel auflösen.

„Es muss erwähnt werden, dass ich Lance Comfort für einen der besten britischen Regisseure aller Zeiten halte“, sagt Ehsan Khoshbakht in einem Interview zur Retrospektive. Comfort ist einer der großen Unbekannten des britischen Kinos, und doch ist er ein versierter, einfallsreicher Genre-Spezialist. Das zeigt sich zum Beisiel in „Temptation Harbour“ von 1947. Robert Newton ist darin als eigentlich pflichtbewusster Hafenarbeiter zu sehen, der den Kampf zweier Ganoven beobachtet und sieht, wie einer der beiden leblos ins Wasser fällt, während der andere verschwindet. Objekt der Begierde ist eine Tasche voller Geld, die der Mann nun an sich nimmt. Doch man ahnt es schon: Das Geld macht ihn nicht glücklich. Seine Tochter stellt unbequeme Fragen, der Überlebende des Kampfes verfolgt ihn, und dann ist da noch die französische Assistentin eines Kirmes-Magiers, die auf ein besseres Leben hofft. Sie wird von Simone Simon gespielt, wenige Jahre nach ihrer Starrolle in Jacques Tourneurs „Katzenmenschen“. Ein Schuss „Poetischer Realismus“ des französischen Kinos schleicht sich ein – düster, atmosphärisch, spannend.

„Temptation Harbour“ / „Hafen der Versuchung“ mit Robert Newton als ehrbarer Mann auf Abwegen
„Temptation Harbour“ / „Hafen der Versuchung“ mit Robert Newton als ehrbarer Mann auf Abwegen (© Locarno Film Festival/BFI National Archive)

 

Interessant auch Comforts „Daughter of Darkness“, 1946 entstanden. Eine irische Haushaltshilfe wird auf Betreiben der misstrauischen Damen aus ihrer Gemeinde vertreiben, weil sie angeblich die Männer betöre. Der Priester bringt sie auf einer abgelegenen Farm unter, wo fortan mehrere Morde geschehen. Ein absurdes, morbides Horror-Melodram, das eher an Grand Guignol erinnert als an britisches Kino. Großartig jene Szene zu Beginn des Films, in der das Mädchen wie entrückt auf der Kirchenorgel kräftig-schwülstige Akkorde in die Tasten haut. Es läuft einem kalt den Rücken runter.

 

Bereichert durch amerikanischen Einfluss

Ein anderes Melodram, auch mit Querstreben zum British Film Noir, ist „This was a Woman“ (1948) des amerikanischen Regisseurs Tim Whelan. Eine machthungrige Frau hintertreibt die Hochzeit ihrer Tochter, lässt den von allen geliebten Familienhund einschläfern und vergiftet langsam ihren Ehemann, mit der Absicht, seinen erfolgreicheren Freund zu heiraten. Wie sie mit wenigen Worten ihre Mitmenschen beschämt und auf fast schon perverse Art manipuliert, um sich dann in mörderische Wut zu verwandeln – das ist von Sonia Dresdel großartig gespielt. Der Film lässt sich auch als britische Version von Dorothy Arzners „Craig’s Wife“ lesen, der letztes Jahr in Locarno bei der Columbia-Retro zu sehen war. Allerdings geht Arzner mit ihrer Protagonistin nicht ganz so böse um. Auch andere amerikanische Regisseure, die wegen McCarthys Kommunistenhatz ihre Heimat verlassen mussten, drehten in England und waren Teil der Retrospektive, so zum Beispiel Jules Dassin („Night and the City“, 1950), Edward Dmytryk („Obsession“, 1949) und Joseph Losey („Time Without Pity“, 1947). Sie haben das britische Kino ungemein bereichert und sich gleichzeitig eine neue Karriere aufgebaut.

Gangster in London: „Tiger in the Smoke“ / „Tiger im Nebel“
Gangster in London: „Tiger in the Smoke“ / „Tiger im Nebel“ (© Locarno Film Festival/Park Circus/ITV Studios)

 

Das letzte Wort soll Roman Polanski behalten. Im November 2013 schwärmt der Regisseur anlässlich seines Films „Venus im Pelz“ in einem Interview mit der FAZ noch einmal für „Ausgestoßen“: „Der Film, der mich wohl am meisten beeinflusst hat. (…) Mein ganzes Leben lang versuche ich diesen Film zu drehen. Wenn Sie ihn sich ansehen, werden Sie vielleicht ein paar Sachen in meinen Filmen besser verstehen. (…) Und was auch toll ist an diesem Film, ist, wie Zeit behandelt wird. Das ganze Geschehen trägt sich innerhalb kurzer Zeit zu, und immer wieder kommt eine Turmuhr ins Bild, an der man sieht, wie viel Zeit vergangen ist. Und das Wetter wandelt sich von gut zu Schnee und Nebel, zur Atmosphäre einer Stadt wie Krakau, wo ich gelebt habe.“ Einen besseren Anwalt als Polanski kann man sich für „Ausgestoßen“ nicht wünschen. Der Altmeister war so etwas wie der unsichtbare, stille Pate der Retrospektive.

 

Literaturhinweis

Zur Retrospektive ist auch ein Filmbuch mit Aufsätzen und Regie-Porträts erschienen, das über den Festival-Shop bestellt werden kann: "Great Expectations: British Postwar Cinema (1945-1960)". Hrsg. v. Ehsan Khoshbakht. 254 Seiten, zahlreiche Abb. 32,38 CHF.

 

Heimkinotipp

Carol Reeds Film Ausgestoßenliegt als DVD im Rahmen der „Film Noir Collection“  des Labels Plaion vor.

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