Über Filme zu schreiben war nicht das erste Berufsziel von Michael Hanisch; es entwickelte sich dann aber parallel zu seiner Tätigkeit als Leiter des Filmarchivkinos „Camera“, das er nach seinem Studium an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg übernahm. Mit feinem Humor und scharfem Blick veröffentlichte er in der DDR eine stolze Anzahl an Filmbüchern und fand nach der Wende auch zum Filmdienst, in dem er über 200 Artikel publizierte. Am 17. Juni 2025 ist Michael Hanisch im Alter von 85 Jahren gestorben.
Michael Hanisch war ein Kriegskind, das 1940 im sächsischen Freiberg geboren wurde. Von 1960 bis 1964 studierte er an der „Deutschen Hochschule für Filmkunst“ in Potsdam-Babelsberg, Fachbereich Filmproduktion. Rückblickend beschrieb er die dortige Zeit als „eingezäuntes Paradies“: „Hier konnte man sich relativ ungestört ausprobieren, tolle Pläne entwickeln und zumindest in Gesprächen – am liebsten in der Kantine – große Filme drehen. (…) Für andere führte die Atmosphäre, die in diesem ‚Paradies‘ herrschte, jedoch fast bis zum Äußersten, bis in die Katastrophe, in den Tod.“ (Filmdienst 26/1994)
Ein Filmemacher ist Hanisch jedoch nicht geworden, und auch kein Produzent innerhalb der staatlichen Filmindustrie der DDR. Er fand eine andere Nische im System. Nach dem Studium leitete er die „Camera“, das Kino des Staatlichen Filmarchivs (SFA) in der DDR, das wegen seines Angebots an alten, teils unbekannten Filmen ein Geheimtipp für Cinephile war. Bis 1990 publizierte er daneben als Filmkritiker und Filmhistoriker im Henschel Verlag und in verschiedenen Zeitschriften. Bekannt wurde Hanisch durch das gemeinsam mit Joachim Reichow herausgegebene Lexikon „Filmschauspieler A–Z“ (1971) sowie seine Bücher zu unterschiedlichen amerikanischen Genres: „Vom Singen im Regen. Filmmusical gestern und heute“ und „Western. Die Entwicklung eines Filmgenres“ (1986).
Ein Herz fürs Komische
Obwohl er 1976 gemeinsam mit Rudolf Freund das Filmprotokoll zu dem Sozialdrama „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ von Piel Jutzi aus dem Jahr 1929 herausgab, liebte Hanisch mehr den Humor im Kino und die großen Filmkomiker. Davon zeugen seine Abhandlung „Über ihn lach(t)en Millionen: Charlie Chaplin“ (1974) sowie seine Biografien „Ernst Lubitsch: Von der Berliner Schönhauser Allee nach Hollywood“ (2003) und „Billy Wilder. Von Galizien nach Beverly Hills“ (2004). Nach der Wende arbeitete er von 1990 bis 1994 als Redakteur für Film und Medien bei der Berliner Tageszeitung „Neue Zeit“. Als das traditionsreiche Blatt sein Erscheinen einstellte, schrieb er als freier Autor, unter anderem für den Filmdienst, in dem er mehr als 200 Artikel veröffentlichte.
Für Hanisch war Filmgeschichte immer auch Rezeptionsgeschichte, eng verbunden mit dem Publikum und den Kinosälen, aber auch mit den jeweiligen Zeitumständen. Er war ein Chronist, der die Historie der bewegten Bilder aus den unterschiedlichsten Materialien rekonstruierte: aus Tageszeitungen, Erinnerungen, Stadtplänen oder Filmplakaten. Ein Standardwerk der Filmtopografie ist sein 1991 erschienenes Buch „Auf den Spuren der Filmgeschichte. Berliner Schauplätze“, in dem er einen historischen Spaziergang durch die Berliner Kinolandschaft unternimmt, der knapp hundert Jahre umfasst. In seiner Studie „Um 6 Uhr abends nach Kriegsende bis High Noon“ (2003) setzte er sich mit Kino und Film in der Berliner Nachkriegszeit in den Jahren 1945 bis 1953 auseinander – mit den Widersprüchen der DDR-Kulturpolitik im Kampf zwischen Ost und West, mit der Misere des deutschen Films, der Freiheit der Kinos und der besonderen Atmosphäre Berlins. Dafür analysierte er die Jahrgänge von vier Berliner Zeitungen: der „Täglichen Rundschau“ und der „Berliner Rundschau“ im Osten, dem „Tagesspiegel“ und dem „Telegraf“ im Westen.
Mehr als ein Kino: das Babylon
Wie eng die Filmgeschichte mit der allgemeinen Historie und der Sozialgeschichte verbunden ist, beleuchtete er noch einmal eindrucksvoll in seiner Publikation über die Geschichte des Berliner Kinos Babylon, das 1929 eröffnet wurde, schräg gegenüber von der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, der damals noch Bülowplatz hieß. Auch hier zeigt der Chronist Michael Hanisch sein besonderes Talent, Zeit- und Filmgeschichte durch eine Vielzahl von Anekdoten und Materialien so zu verbinden, dass daraus ein ganz besonderer Bezug zum Ort, dem Babylon-Kino, erwächst.
Am 17. Juni 2025 ist Michael Hanisch im Alter von 85 Jahren gestorben.