Szene aus „Die Straßenjungen“
Szene aus „Die Straßenjungen“ (© Radiance Films)

Filmklassiker: „Die Straßenjungen“

Carlos Sauras Spielfilmdebüt „Die Straßenjungen“ (Los golfos) ist in rekonstruierter Fassung neu auf Blu-ray erschienen

Veröffentlicht am
24.09.2025 - 10:58:13
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1959 legte der spanische Regisseur Carlos Saura mit 27 Jahren seinen ersten Spielfilm „Die Straßenjungen“ (Los golfos) vor. Die unverhüllte Sozialkritik des realistischen, wenig Hoffnung verbreitenden Films erregte das Missfallen der Zensur im faschistischen Spanien, wo er erst 1962 praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit in die Kinos kam. Neben dieser stark gekürzten Fassung kursierten auch im Ausland Versionen von unterschiedlicher Länge. 2024 rekonstruierte die Filmoteca Española eine Fassung des Films, die sich um größtmögliche Originaltreue bemühte. Im September 2025 erscheint sie mit reichem Bonusmaterial auf Blu-ray.

 

Das Spielfilmdebüt „Die Straßenjungen“ (Los golfos, 1959) von Carlos Saura schlug Ende der 1950er-Jahre einen innovativen Ton im neuen spanischen Kino an. Die traditionelleren, im Ausland und auf Filmfestivals vielbeachteten Produktionen von Juan Antonio Bardem („Der Tod eines Radfahrers“, „Hauptstraße“) und Luis García Berlanga („Willkommen, Mr. Marshall“) fanden in ihrer Heimat nur wenige Zuschauer. Sauras dokumentarischem, dem kritischen Realismus verpflichtetem Film wurde allerdings dasselbe Schicksal zuteil. Von der Drehbuchprüfung über die Einreichung 1960 zum Festival in Cannes bis zur verspäteten, stark gekürzten Kinopremiere reichten die Zensurmaßnahmen unter dem faschistischen Franco-Regime. Die Filmoteca Española rekonstruierte mit allen verfügbaren Materialien eine nahezu vollständige Originalfassung, die 2024 beim Festival „Il Cinema Ritrovato“ in Bologna vorgestellt wurde. Eine Blu-ray-Veröffentlichung der 4K-Rekonstruktion von „Los golfos“ erscheint am 15. September 2025 in limitierter Stückzahl bei Radiance Films.

Der am 4. Januar 1932 in der nordspanischen Stadt Huesca geborene Carlos Saura war ein Kind der Zweiten Republik, verwurzelt in einer bürgerlich-künstlerischen Familie. 1937 zogen die Sauras berufsbedingt von Madrid nach Valencia, nach dem spanischen Bürgerkrieg (1936-39) schickte man den Sohn zur konservativen mütterlichen Familie zurück nach Huesca. Das 1950 aufgenommene Ingenieurstudium quittierte Saura zwei Jahre später zugunsten einer Regie-Ausbildung an der Filmschule I.I.E.C. (Instituto de Investigaciones y Experiencias Cinematográficas) in der Hauptstadt.

Kleinkriminelle mit Aufstiegsträumen: „Die Straßenjungen“
Kleinkriminelle mit Aufstiegsträumen: „Die Straßenjungen“ (© Radiance Films)

 

Konflikte mit der Zensur

Carlos Sauras vom russischen Revolutionskino gespeiste Filmästhetik veränderten eine neorealistische Filmwoche in Madrid und Bardems Provokation beim Filmkongress 1955 in Salamanca. Dort bezeichnete Bardem die spanische Kinematographie als „politisch ineffektiv, sozial unaufrichtig, intellektuell von minderer Qualität, ästhetisch bedeutungslos und kommerziell mickrig“. Nach der dokumentarischen Diplomarbeit „Sonntagnachmittag“ (1957) reflektierte Sauras Filmuniversum ein künstlerisches Bewusstsein, das sich seiner gesellschaftspolitischen Verantwortung nicht entzieht. Wie andere Filmemacher im Konflikt mit einer für ihn „absolut kastrierenden“ Zensur, präferiert er das Arbeiten unter dem Radar der Behörden.

 

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Die Straßenjungen“, sein fast ausschließlich mit Laiendarstellern und an Originalschauplätzen in Madrid gedrehter Spielfilmerstling, demonstriert diese Konsequenz. Im Rückblick sagt der Regisseur: „‘Los golfos’ war eine sehr lange und schmerzhafte Erfahrung, denn das Drehbuch wurde mit viel Enthusiasmus geschrieben. Ich erinnere mich: Als der Zensor uns die 110 oder 120 Seiten zurückgab, waren mindestens 70 Seiten davon geknickt. Ohne Angabe von Gründen. Auf Nachfrage sagte man, diese Seiten müssten neu geschrieben werden.“

Die Straßenjungen“ ist ein zeitkritisches Sozialporträt, ein trauriger, verstörender Film. Sauras Kleinkriminelle und ihre Freundinnen, sie sind Verlierer und Opfer. Ihr Traum gilt dem sozialen Aufstieg. Einer von ihnen, Juan, arbeitet als Lastenträger und will als Stierkämpfer den Durchbruch schaffen, während die anderen von Diebstählen leben. „Warum gehst du nicht weg als Torero, nach Amerika zum Beispiel?“, wird der Held gefragt. Seine Antwort lautet, er wolle hierbleiben, weil seine Freunde hier sind. Untereinander agiert die (infolge des Bürgerkriegs) vaterlose Nachkriegsgeneration in den Vororten von Madrid im Kampf ums Überleben gezwungenermaßen solidarisch. Denn in dem reichen-armen Land führen die Ignoranz der (katholischen) Kirche und die Macht des Militärs schnell in die innere Immigration.

Untereinander verhält man sich zwangsweise solidarisch
Untereinander verhält man sich zwangsweise solidarisch (© Radiance Films)

 

Feudale Strukturen und die zunehmende Landflucht prolongieren die allgegenwärtige Hoffnungslosigkeit. Ablenkung vom Nichtstun und Schweigen des Staates bieten das nationale Ritual Stierkampf und der Fußball. Diebstahl, Gewalt und Prostitution erscheinen als einzige Auswege aus der Misere, während Familienclans und eine Politikerkaste sich schamlos bereichern. Ohne aufgesetzte politische Intention unter der franquistischen Diktatur verkrampft der Film nicht moralinsauer, sondern trägt in typisch iberischer Dramaturgie auch humoristische und pikareske Züge. Das Töten des Stiers in der ausdrucksstarken Schlusssequenz kann als Symbol der leidvollen Geschichte Spaniens, der ehemaligen kolonialen Weltmacht und ihrer christlich-maurischen Tradition verstanden werden.

 

Kreative Schlupflöcher

Die Straßenjungen“ überzeugt dank der stringenten Schwarz-weiß-Bilder von Juan Julio Baena, der bereits 1958 die Dokumentararbeit „Cuenca und 1963 Cordoba, Sauras zweiten Spielfilm, fotografierte. Atmosphärisch ergänzen der Schnitt von Pedro del Rey und die Musik von Antonio Ramírez Angel und José Pagán die Gesamtkomposition. Das Drehbuch schrieb Saura zusammen mit Mario Camus („Der Bienenkorb“) und Daniel Sueiro. Formal scheint Saura von Jump-Cuts in „Außer Atem beeinflusst, wiewohl er von Jean-Luc Godards Langfilmdebüt, im Sommer 1959 gedreht und erst im Juli 1960 auf der Berlinale uraufgeführt, keine Kenntnis haben konnte. Näher liegt da als Vorbilder das britische Free Cinema mit seinem sozialkritischen Ansatz und der italienische Neorealismus. „Die Straßenjungen“ ist die erste Produktion von Pedro Portabella, dessen experimentierfreudige Firma Films 59 die schwarze Komödie „Der Rollstuhl“ (1960) von Marco Ferreri ermöglichte und nach Luís Buñuels Skandalon „Viridiana (1961) pleiteging. 

Die Aufbruchstimmung unter den jungen spanischen Cineasten in den 1950er-Jahren spekulierte auf eine „berechenbare Zensur“ – und künstlerische Freiheiten. Schließlich versprach der aufkommende Tourismus für das isolierte faschistische Regime eine positive Selbstdarstellung und Wohlstand für breite Bevölkerungsschichten. Koproduktionen nutzten zwar mehr den ausländischen Partnern, boten aber im Bemühen Spaniens um den EWG-Beitritt kreative Schlupflöcher und kleine Freiheiten trotz strenger Zensurvorschriften. „Unsere Generation arbeitete autodidaktisch, vertraute der Intuition, kam nur mit großer Anstrengung durch den Tag. Thematisch ist ‚Los golfos‘ ein Kampf ums Überleben, und der Film zeigt auch die Schwierigkeiten in unserem Land, eine Aktivität zur professionellen Vorbereitung zu entwickeln. Es ist, ganz grundsätzlich, ein ausdrucksstarker, schockierender Film, ein anstößiges Kino. Eine Art von Kino, das mir gefällt“, erklärte der Regisseur 1960.

 

Was ist das Original?

Die Längenangaben zur Originalfassung von „Die Straßenjungen“ divergieren stark. Die ursprüngliche, intendierte Version soll eine Kinolaufzeit von 88 Minuten besessen haben, wie der Katalog des Spanischen Filmarchivs angibt. Das British Film Institute (BFI) und das Österreichische Filmarchiv nennen eine Länge von 90 Minuten, die schon die Festivalkritik des Branchenblatts „Variety“ und das britische „Monthly Film Bulletin“ auswiesen. Für die spanische Kinopremiere 1962 war das Werk um 16 Minuten gekürzt, also 72 Minuten lang. Die deutsche Fassung, in der ARD 1967 erstaufgeführt, soll 83 Minuten gelaufen sein. Und die Produktionsfirma Films 59 nennt heute noch eine Länge von 80 Minuten. Im Internet kursieren Versionen des Films von 70, 77 und sogar 83 Minuten. Die 2023 rekonstruierte „Originalfassung“ der Spanischen Kinemathek ist 84 Minuten lang.

Die Straßenjungen“ war mit drei Stufen der Zensur konfrontiert: bei Vorlage des Drehbuchs, bei Einreichung des fertiggestellten Werks 1960 für das Filmfestival in Cannes sowie bei der verzögerten Kinoaufführung 1962 im Entstehungsland. Die Kürzungen der Zensurkommission vor der Festivalpräsentation betrafen vier wichtige Sequenzen.

Eine der wenigen legalen Ausbruchsmöglichkeiten bietet der Stierkampf
Eine der wenigen legalen Ausbruchsmöglichkeiten bietet der Stierkampf (© Radiance Films)

 

Die in vielen Quellen zitierten Szenen mit der zum Filmbeginn vorgesehenen Aussage „Es ist schwer, hier jemand zu sein“ und mit Vertretern der Falangistischen Jugendorganisation „Frente de Juventudes“ in der Taverne sind in keiner erhaltenen Version vorhanden, wurden vielleicht auch nie gedreht. In Minute 42 wurde die Sequenz in der existentialistischen Tanzbar bis auf die notwendige Anschlusskontinuität gekürzt. Die ausgedehnte Szene am Fluss Manzanares (ab Minute 45) – eine fast idyllische Naturkulisse und Gegenpol zur vorstädtischen Tristesse – erfuhr eine drastische Verstümmelung bis auf das dramaturgische Grundgerüst. Sie charakterisiert die Atmosphäre unter den sechs Freunden und ihren Mädchen mit Musik, Transistorradios, Baden, stimmungsvollem Tanz, Großaufnahmen der Gesichter und der Rauferei unter zwei Freunden um die Gunst des Straßenmädchens Visi. In Minute 65 kam es zur fast vollständigen Entfernung der Sequenz im Schlafzimmer, wenn Juan und Visi miteinander im Bett sprechen.

Den Kürzungen im Drehbuch folgten weitere administrative Maßnahmen: Einordnung des Films in die zweite Kategorie, was öffentliche Vorführungen und Verleihchancen drastisch reduzierte, sowie der „offizielle“ Kinostart am 16. Juli 1962 in Madrid in einem Kino der zweiten Kategorie – nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit mitten im Sommer. Der Regisseur dachte angeblich sogar daran, nach Frankreich oder Kuba auszuwandern. Die Aufführung begünstigte ein Wechsel in der staatlichen Filmabteilung, der eine Liberalisierung der Zensurvorschriften einläutete und staatliche Subventionen und Exportoptionen ermöglichte. Dank dieses veränderten Umfelds entstand 1963 auch Carlos Sauras zweiter Spielfilm „Cordoba“, eine europäische, von starken Budgeteinschnitten betroffene „Superproduktion“. Die Berlinale zeigte den Film 1964 mit einer Länge von 95 Minuten, nachdem zuvor 102 Minuten angekündigt waren. Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) gab ihn 1966 nach vier Kürzungen für den deutschen Kinostart mit 84 Minuten frei. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Annäherung an das Original

Nach mehreren Versuchen zur Rekonstruktion startete die spanische Kinemathek 2023 in zehnmonatiger Detailarbeit eine Annäherung an die Urfassung von „Die Straßenjungen“ und präsentierte das Ergebnis ein Jahr später beim renommierten Festival „Il Cinema Ritrovato de Bologna“. Die Rekonstruktion basiert auf dem Originalnegativ, zwei Negativ-Duplikaten, einer Positivkopie, einer vom Regisseur im Filmarchiv eingelagerten Fassung sowie weiteren Materialien. Und damit stellt sich die Frage: Was ist das Original? Die nach dem zensierten Drehbuch realisierte Schnittfassung, die zum Festival in Cannes eingereichte Version, die vermutlich längere Export- oder die verstümmelte spanische Kinofassung?

Nach Aussage der für die jüngste Rekonstruktion Verantwortlichen (Patricia Uceda und Javier Rellán) handelt es sich um eine Annäherung an die Schnittfassung, die der 2023 verstorbene Carlos Saura und sein Produzent intendierten, bevor sie die Premierenversion festlegten. Weil der Regisseur seine Theorie der „autonomen und offenen“ Einstellungen verteidigte, lösten jene Kontinuitätssprünge beim Festival in Cannes Verwirrung aus. So urteilte der „Variety“-Kritiker: „Schauspielerisch angemessen, aber mit einer Tendenz, Dinge zu wiederholen, zeigt die Produktion, dass sie einige Schnitte hinter sich hatte, bevor sie im Ausland gezeigt werden durfte. Abrupte Szenenausstiege sind häufig bemerkbar.“ Laut zeitgenössischen Quellen litt „Die Straßenjungen“ unter der Indifferenz der spanischen Presse und der Ablehnung französischer wie italienischer Journalisten.

Um das Straßenmädchen Visi bemühen sich mehrere der Freunde
Um das Straßenmädchen Visi bemühen sich mehrere der Freunde (© Radiance Films)

 

Die rekonstruierte Fassung enthält auch die aufschlussreiche Sequenz mit Juan und Visi, nachdem sie die Nacht zusammen verbracht haben. Saura merkte dazu an: „Und dann fehlt da die komplette Szene, in der der Torero und das Mädchen zusammen ins Bett gehen, züchtig bekleidet, in der Annahme einer zusammen verbrachten Nacht über ihre Zukunftspläne sprachen, über das Außergewöhnliche, wenn er in der Arena triumphierte, dass sich dann für sie alles ändern würde. Diese Sequenz entfiel.“ Die vervollständigte Version suggeriert auch ein differenzierteres, ambivalentes Gefühl zwischen dem Liebespaar. Könnte die Verführung nicht teilweise von Visi ausgehen, die ihre Aufstiegsmöglichkeiten mit einem Torero-Liebhaber abwägt? Der Wunsch nach Intimität und das Geständnis der Liebe zwischen beiden sind sehr unterschiedlich. Diese subtile erotische Spannung erregte wohl nicht nur die Zensur, aber das Drehbuch gestattete der weiblichen Hauptfigur nur eine geringe Autonomie. Die attraktive Visi als Straßenmädchen mit einer Vorliebe für Amerikaner als „Kunden“ und Männer mit Geld ist eine psychologische Konnotation, die Saura auch als Metapher für seine spanische Heimat bewusst-unbewusst platziert.

Spanische Kritiker sahen in „Die Straßenjungen“ Parallelen zu Rafael Sánchez Ferlosios innovativem, 1955 veröffentlichten Roman „Am Jarama“. Außerdem wurde der Film mit „Los chicos“ (1960) von Marco Ferreri und Luis Buñuels „Die Vergessenen (1950) verglichen. In Bezug auf das Thema und die männliche Figurenzeichnung finden sich Anklänge an Federico Fellinis „Die Müßiggänger“ (1953), den Carlos Saura gesehen haben könnte, oder „Rocco und seine Brüder (1960) von Luchino Visconti.

In der Blu-ray-Veröffentlichung von Radiance Films sind die Hell-Dunkel-Werte des Films wie der Ton dem jeweiligen Ambiente in den Außen- und Innenszenen gut angepasst. Die gekürzten Szenen werden von Carlos Saura und mit Anmerkungen der Zensurbehörde kommentiert sowie von einem Essay zum spanischen Kino der 1950er- und 1960er-Jahre begleitet. Die Edition enthält neben dem Hauptfilm den siebenminütigen Kurzfilm „La Llamada“ und die Diplomarbeit „Sonntagnachmittag“.

 

Hinweis:

Die Recherchen unterstützten die Filmoteca Española (Patricia Uceda) und die Bibliothek des Deutschen Filminstituts & Filmmuseums.

 

Los golfos. Blu-ray. 4K-Restaurierung des Films von 2024 (Filmoteca Española), zahlreiche Extras. Verleih: Radiance Films. Limitierte Edition von 2500 Stück. 17,84 Brit. Pfund.

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