Vom Frieden ist der Nahe Osten noch immer weit entfernt, auch wenn der Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas gerade zu halten scheint. Bis zu einem halbwegs stabilen Verhältnis ist es noch ein langer Weg. Dazu müssten die Extremisten auf beiden Seiten gebändigt werden und ein grundlegender Kurswechsel stattfinden. Wie schwer das fällt, erzählt Regisseur Nadav Lapid in seinem satirischen Film „Yes“, der jetzt in die Kinos kommt. Mit anarchischer Wucht geht es darin um die moralische Zerrissenheit eines Künstlerpaares, eines Komponisten und seiner Frau, das es in Israel nicht mehr aushält, dem Land aber auch nicht den Rücken kehren kann. Seit seiner Premiere in Cannes sorgt das satirische Werk für viel Wirbel, weil Film und Regisseur zwischen allen Stühlen sitzen.
Seit seinem „Berlinale“-Gewinn im Jahr 2019 mit dem Film „Synonymes“ ist Nadav Lapid der weltweit sichtbarste israelische Regisseur. Sein jüngster Film „Yes“, der in Deutschland am 13. November startet, ist eine bittere Satire auf Israel nach dem 7. Oktober: auf eine Elite, die ihre moralische Orientierung verloren hat, auf ungezügelten Nationalismus und feiges Anpassertum.
Lapids Film davor, „Ahed’s Knee“ (2021) gewann den Preis der Jury in Cannes. Der noch radikalere, vor Fantasie nur so sprühende „Yes“ hätte dort erst recht in den Wettbewerb gehört. Laut einer Vermutung des französischen Nachrichtenmagazins „Nouvel Observateur“ bestand jedoch die Präsidentin des Cannes-Festivals, Iris Knobloch darauf, „Yes“ in die Nebenreihe „Quinzaine“ abzuschieben und erst gegen Ende des Festivals zu zeigen, als viele Kritiker bereits abgereist waren.
„Yes“ erhielt acht Nominierungen für den israelischen Filmpreis, der dann aber an das Drama „The Sea“ ging, der jetzt auch Israels Kandidat für die „Oscars“ 2026 ist. In der auf die Verleihung folgenden Nacht stürmte um vier Uhr morgens ein Sondereinsatzkommando das Apartment des „Yes“-Hauptdarstellers Ariel Bronz „wegen des Verdachts der Anstiftung zu einer terroristischen Straftat“; Anlass war ein regierungskritisches Gedicht, das seit zwei Monaten auf Bronz‘ Facebook-Seite stand. Der Schauspieler wurde mit der Auflage freigelassen, das Gedicht auf Facebook und seinem PC zu löschen.
Ihr Film wurde vor dem Überfall der Hamas konzipiert. Können Sie beschreiben, was sich durch das Massaker geändert hat?
Nadav Lapid: Die größte Veränderung ist die Szene, in der eine Frau in einem Monolog acht Minuten lang von den Schrecken des Überfalls berichtet. Aber der Film hat denselben Titel, dieselben Protagonisten, dasselbe Konstruktionsprinzip, dieselbe Eröffnungsszene. Die meisten Szenen haben sich nicht verändert. Auch die Grundidee nicht: die eines Menschen, der sein Leben in einer Welt zu leben versucht, die von Brutalität, Vulgarität und dem Triumph des großen Geldes komplett vereinnahmt worden ist. Es ist ein Mensch, der sich nun in der Hoffnung, nicht nass zu werden, inmitten von Regentropfen bewegt, der in einer Welt lebt, in der Widerstand keine Option mehr ist. Er ist eine Künstlerseele, die wie eine Ameise zwischen Stiefeln hin und her läuft und versucht, nicht zermalmt zu werden. Dann kam der 7. Oktober, und der hat die allgemeingültige Geschichte des Films israelisiert. Wenn ich mit meinem sieben Jahre alten Sohn über das Leben spreche, frage ich mich immer: Soll ich mit ihm über die Welt reden, wie sie sein sollte – oder wie sie ist? Nur hat die eine Welt mit der anderen in der Realität null Verbindung. Ich möchte kein Don Quichotte sein, und ich möchte auch nicht, dass mein Sohn einer wird.
Und doch zeigt der Vater im Film seinem Sohn das Schöne: das Meer. Sie waten im Wasser, und die Sonne scheint.
Lapid: Ich bin 300 Meter vom Meer entfernt aufgewachsen. Der Moment, in dem man seinem Kind zum ersten Mal das Meer zeigt, ist ein fundamentaler Moment.
Kann man die Realität ausblenden?
Lapid: Nicht in Israel. Als unser Sohn zwei Jahre alt war, sind wir nach Paris gezogen. Aber auch dort entkomme ich diesem Zwiespalt nicht. Jeden Morgen öffne ich zuallererst drei israelische Websites; erst danach beginne ich meinen Tag. Der einzige Weg, mein Kind zu beschützen, besteht darin, ihm zu raten, sich zu unterwerfen und im großen Strom mitzuschwimmen.
Reden wir über Cannes. „Yes“ ist ein idealtypischer Cannes-Film. Was ist passiert, dass er nicht im Wettbewerb gelaufen ist?
Lapid: Ich weiß es nicht genau. Ich war enttäuscht, ich war wütend und fühlte mich ungerecht behandelt. Mit Zensur konfrontiert zu werden, ist etwas Brutales. Mit etwas Abstand sage ich: Es war auch ein trauriger Moment für Cannes. Dieses Festival hat uns einige der Mythen des Kinos gegeben. Man braucht kein Sherlock Holmes zu sein, um zu erkennen, dass der bestimmende Faktor Angst war. Angst vor dem Film, Angst davor, dass er einen der großen Preise gewinnen könnte. Angst vor dem, was ich bei der Preisverleihung sagen könnte. Vor einem Eklat wie bei der Berlinale 2024. Ich hoffe nicht, dass sich die Regeln in Cannes geändert haben, dass man dort nur noch „sichere“ Filme über alte Konflikte sieht, von denen man schon in Geschichtsbüchern lesen kann. Zu Mut gehört auch Risiko. Wenn Cannes Jafar Panahis „Ein einfacher Unfall“ die Goldene Palme gibt, geht niemand ein Risiko ein – außer Panahi selbst. Das Festival hat keine Ayatollahs als Sponsoren, die es verlieren könnte. Die Entscheidung über „Yes“ hingegen beinhaltete ein Risiko, nämlich das erheblicher Kritik. Ich habe mir all die Ausreden der Verantwortlichen dieses glorreichen Festivals angehört, und ich würde mir wünschen, dass sie jetzt – ein paar Monate danach – in den Spiegel sehen und sich nicht besonders stolz fühlen.
Warum haben Sie akzeptiert, dass „Yes“ in die Quinzaine abgeschoben wurde?
Lapid: Wegen des Aufsehens, das der Film trotzdem erregen würde und auch erregt hat. Ich glaube, dass manche Filme sich ihre eigene Legende schaffen. Die Legende von „Yes“ wird sein, dass er Cannes nicht gewinnen durfte, weil er dem Festival Angst gemacht hat. Vor welchem Film hat man heutzutage noch Angst? Das ist eine Auszeichnung, so schön wie eine Goldene Palme.
Der Film, der die Goldene Palme hätte gewinnen können und sollen. Was für Ausreden gab es denn?
Lapid: Zum Beispiel, dass der Film bei der Sichtung nicht zu 100 Prozent fertig gewesen sei, so dass man ihn nicht richtig habe einschätzen können…
… was kompletter Unsinn ist…
Lapid: …weil das Cannes-Festival dauernd unfertige Filme sieht und sie trotzdem für den Wettbewerb akzeptiert.
Hätte „Yes“ von einem Regisseur gedreht werden können, der in Israel lebt? Ich rede dabei nicht über die Finanzierung.
Lapid: Israel ist mein Vaterland und wird es immer bleiben. Aber im Laufe der Jahre ist dieses Land sehr isoliert und sehr verschlossen geworden. Ich erinnere mich an das Tel Aviv meiner Jugend, das so viel offener und harmonischer und an der restlichen Welt interessierter war als das heutige. Jetzt ist Israel eine Burg, deren Zugbrücke hochgezogen ist. Jeder sitzt oben auf der Mauer, und die einzige Stimme, die man hört, ist die des Nachbarn auf den Zinnen. Es ist schwer für einen israelischen Filmemacher, innerhalb dieser Burg zu leben. Wenn man einen Film macht, musst man millimeternah an seinem Thema sein – und zugleich so weit entfernt wie auf dem Mond.
Hannah Arendt hat gesagt, dass der einzige Ort, an dem man vor Antisemitismus sicher ist, der Mond sei. Der Kunde eines Reisebüros in Ihrem Film fragt den Verkäufer, ob er ihm eine neue Erde beschaffen könne. Können Sie sich vorstellen, nach Israel zurückzuziehen?
Lapid: Ich glaube, dass heute viele Menschen sich eine neue Erde wünschen, nicht nur Elon Musk. Es gibt ein Gefühl der Unsicherheit und der Gefährdung, das ich aus meinen jungen Jahren nicht kenne. Ich sehe eine tiefsitzende Krankheit im Herzen der israelischen Gesellschaft. Man kann sie Blindheit nennen oder Leugnung oder totale Abwesenheit von Hemmungen. Vielleicht ist es der Geburtsfehler eines Landes, das auf dem Hass aller Nachbarn gegründet wurde. Wenn man solche Symptome ignoriert, muss man sich immer mehr anstrengen, diese zu unterdrücken. Der Abgrund, an dem man steht, wird aber immer tiefer. Alle meine Filme beschreiben eine Gesellschaft, die in ihrer kollektiven Seele krank ist. Netanjahu ist dabei nur ein Detail.
Wie lässt sich solch eine Seele kurieren?
Lapid: Manchmal kann eine Gesellschaft sich nicht aus sich heraus kurieren. Sie ist so blind, dass sie nicht einmal ihr Spiegelbild erkennen würde, wenn sie in den Spiegel schaut. Sie braucht vielmehr Impulse von außen, um eine Heilung beginnen zu können. Die israelische Gesellschaft ist total, total, total unfähig, sich selbst zu kurieren. Diejenigen, die sich als Beschützer Israels sehen, in Deutschland, in Frankreich, in den Vereinigten Staaten – sind die schlimmsten Feinde dieses Landes, weil sie es auf diesen Abgrund zulaufen lassen. Es ist so, als ob man einem alkoholkranken Freund jeden Tag drei Flaschen Whisky mitbringen würde.
Haben Sie irgendwelche Ratschläge für Deutschland?
Lapid: Deutschland hat, mehr als jedes andere Land auf Erden, eine moralische Schuld gegenüber den Juden und dem Staat Israel. Der einzig mögliche Weg, dieser Schuld gerecht zu werden, besteht heute darin, Israel so aufrichtig wie möglich zu sagen, wozu es geworden ist. Aber die Beziehung zwischen beiden Ländern wirkt für mich pervers: „Wir haben Eure Großväter umgebracht, und nun geben wir euch Süßigkeiten“ – verzeihen Sie meine Wortwahl -, noch dazu vergiftete Süßigkeiten. Israel nach anderen moralischen Maßstäben zu beurteilen als den Rest der Welt, ist auch eine Form des Antisemitismus.