Er habe eine romantische Vorstellung vom Leben der Kartäusermönche gehabt, erinnert sich der Regisseur Philipp Gröning, als er sich vor Jahrzehnten erstmals mit diesem Thema befasste. Mit seinem monumentalen Dokumentarfilm "Die große Stille" taucht er in die Welt eines Ortes ein, an dem "niemand spricht“. Damit kommmt er mehr als einem Geheimnis auf die Spur.
Eine romantische Vorstellung habe er vom Leben der Kartäuser gehabt, als er sich vor 20 Jahren erstmals mit dem Thema befasste, sagt Philip Gröning, der Regisseur von „Die große Stille“, im Gespräch: nämlich „ein Kloster, in dem niemand spricht“. Zweifellos ein ungewöhnlicher Begriff von Romantik für einen Mittzwanziger, der gerade in München sein Filmstudium beendet hatte. Aber „Materielles war mir nie wichtig“, erklärt Gröning, der 1959 in Düsseldorf geboren wurde. Als er tatsächlich kurz darauf ein Kartäuserkloster besuchte, bestärkte das nur seinen Wunsch, dort zu drehen. Was er dann, zwei Jahrzehnte später, während der sechsmonatigen Klausur in der Grand Chartreuse erlebte, war, wie er sagt, genau das, was er sich erhofft hatte: „Ein Ort von großer innerer Identität“. Nur hatte er weniger Zeit für Kontemplation als erwartet, weil er nebenbei auch noch die lästige Arbeit als Filmemacher erledigen musste. Um christliches Mönchsleben in seiner wohl extremsten Form zeigen zu können, ist es offenbar nicht nur notwendig, sich darauf einzulassen. Man muss gewisse Voraussetzungen mitbringen. Etwa den Wunsch, nicht nur Beobachter zu sein, sondern Teilnehmer, die Ideen zu teilen, auf denen der Schweigeorden basiert, und diese eben nicht als Verzicht zu verstehen, sondern als Geschenk. Das ist Gröning leicht gefallen, womöglich leichter als es manch anderem gefallen wäre. Es mag müde Manager geben, die ihren Urlaub im Kloster verbringen, um danach gestärkt ins Geschäftsleben zurückzukehren. Gröning begab sich auf die Suche nach sich selbst. „Eine gewisse Genügsamkeit hatte ich immer schon, was physische Dinge angeht, oder auch Offenheit. Ständiges Fordern ist ja eine Art sich zu verschließen gegenüber der Welt, die da ist.“ Wer mit dieser Haltung durch die Welt geht, ist immun gegen die Verlockungen des Alltags, ja will ihnen bewusst aus dem Weg gehen. Für Gröning war die tiefe Zufriedenheit der Mönche, die er vor 20 Jahren sehen konnte, der entscheidende Grund dafür, den Film machen zu wollen: „Ich dachte, ein solches Leben würde mich sehr glücklich machen.“ Zumal es große Ähnlichkeiten mit dem Leben als Künstler gebe: „Das Sich-Zurückziehen, die innere Abkehr, das Suchen, auch das materiell Genügsame.“ So kam es, dass er im Winter 2002 mit zwei Kameras und einem kleinen Schneidetisch in der ansonsten hermetisch abgeschlossenen Kartause hoch in den Bergen über Grenoble einzog. Vorher hatte er sich von seinem bisherigen Leben ganz offiziell verabschiedet und seiner Vertreterin alle Vollmachten erteilt. „Ich wusste nicht, ob ich das alles jemals wieder brauchen würde. Vielleicht würde ich die alten Formen nicht mehr haben wollen, wenn ich zurückkomme.“
Etwas existiert
Der Übergang ins Mönchsleben, „das Überschreiten einer großen Schwelle ins Nichts“, dauerte ein paar Tage und glückte auch nicht völlig, da sich Gröning zunächst noch dem Druck beugte, unbedingt ständig drehen zu müssen. Erst als er diesen Druck ablegte, fiel die innere Anspannung weg, und auch das Filmemachen gelang besser, denn „ich hörte auf, Bilder zu fordern und begann, Bilder zu finden“. „Dies beschreibt“, fährt Gröning fort, „den Übergang ganz gut, sowohl als Regisseur als auch als existierender Mensch: Das was ist, was ich finde, ist das, was ich brauche, und nicht das, was ich fordere und was ganz anders ist als was ich finde.“ Deshalb ist Grönings Film voll von Stillleben, von starren Großaufnahmen auf alltägliche Dinge wie Blumen oder einen aufgeschnittenen Apfel. „Es hat gute Gründe, warum die Mönche grundsätzliche Fragen jenseits der Sprache abhandeln“, sagt Gröning. Die „schöne Umwandlung“, was seine Beziehung zur Welt angeht, erklärt er so: „Man ist einsam in der Zelle. Dann gibt es einen Moment, wo das umkippt und man das Gefühl hat, der Apfel auf dem Tisch ist schon ein Wunder, hat eine solche Schönheit: dass etwas existiert und nicht nicht existiert.“ Innere Einkehr, das Loslassen des Alltags, den Weg zum Spirituellen kann man wahrscheinlich kaum schöner beschreiben. Gröning findet für diese Erfahrung, die er „weniger philosophisch als sinnlich“ nennt, gleichwohl Worte, die der Philosophie ebenso entstammen wie der Theologie. Er, der nicht erst in der Kartause angefangen hat zu beten, habe plötzlich erkannt, dass „die Welt, die Schöpfung eine gesamtheitliche Tröstung, ein Glück ist: Momente erleben, in denen man innerhalb von unverstellter Gegenwart und Wahrnehmung ist – das ist einfach gut.“ Und: „Die Welt wird durchscheinend auf ihre Existenztatsache, dass ein Gott dafür gesorgt hat, dass diese Welt existiert. In jedem Gegenstand ist etwas, das die Gegenstände überhaupt zum Sein erweckt.“ Das sei eben „keine Erfahrung, die zu Antworten, sondern die zum Staunen führt“. So erklärt sich auch die Konzeption des Films: Keine Fragen werden gestellt, keine Antworten gegeben, vielmehr wird reines Erleben ermöglicht, gut 160 Minuten lang. Deshalb ist auch die Herstellung des berühmten Likörs, von dem die Mönche tatsächlich leben, nicht zu sehen: „Erklärungen hätten dazu geführt, dass man als Zuschauer rausfliegt.“ „Der Film führte uns für fast drei Stunden auf eine Reise in eine andere Welt, eine Reise, die wir sehr genossen haben“, erklärte etwas prosaisch die Jury der Europäischen Filmakademie in ihrer Begründung für den Europäischen Dokumentarfilmpreis 2006 an „Die große Stille“, der „ein großartiger Film über Menschlichkeit und unsere gemeinsamen europäischen Wurzeln“ sei – als müsse das Wort „Europa“ Film und Preis rechtfertigen. Für Gröning war es vielmehr wichtig, sein Erleben und das des Zuschauers möglichst in Einklang zu bringen. Der Film sollte selbst als Meditation wirken, die Zuschauer hinein nehmen in eine stumme Meditation. Sein Ziel sei es gewesen, einen Film wie ein Kloster zu machen, wo man sich selbst begegnet; „das scheint zu funktionieren“. Zumal Kino und Kloster wesensverwandt seien: „die Abgeschiedenheit, das Abschalten äußerer Einflüsse, das Herstellen von Stille“. In Frankreich etwa läuft „Die große Stille“ mit großem Erfolg und erstaunlichen Reaktionen. „Viele Menschen fangen an zu weinen und lassen sich vollkommen fallen“, hat Gröning erfahren – selbst ansonsten „antireligiöse“ Menschen wie eine Freundin des Filmemachers. Auch die Kirche ist angetan von dem Ergebnis. Friedrich Kardinal Wetter, Erzbischof von München und Freising, war Grönings Laudator anlässlich der Verleihung des Bayerischen Filmpreises: „Wir stehen in der Gefahr, von Lärm und Hektik weggespült zu werden und in den Fluten nichtssagender Worte unterzugehen. Erst in der Stille beginnt man zu hören und zu entdecken, worauf es ankommt“, erklärte er. Der katholische Medienbischof und Weihbischof von Münster, Friedrich Ostermann, beschrieb es in seiner Lobrede so: „In der großen Stille nimmt man Schöpfung und das Lob Gottes neu wahr, und in ihr wird die Heilige Schrift zum Liebesbrief Gottes an uns Menschen.“ Überrascht war Gröning nicht über diese Reaktionen, gefreut hat er sich dennoch, zumal die Kartäuser doch „weit entfernt“ vom Vatikan seien. Auch diesem liegt der Film vor. Ob der Papst ihn inzwischen gesehen hat, ist nicht bekannt.
„Die Harmonie der Zeit“
Und die Kartäusermönche selbst? Gröning reiste mit einem Beamer unterm Arm in die Chartreuse, die Vorführung fand in einem kleinen Raum im Kloster statt. Die Mönche hätten den Film gemocht, sagt der Filmemacher, weil er „die Harmonie der Zeit“ wiedergebe und „die Tiefe ihres Lebens“. Aber sie haben auch viel gelacht, „besonders, wenn die Regeln ein bisschen verbogen werden“. Dabei hatte Gröning befürchtet, dass er Szenen hätte herausschneiden müssen, in denen etwas schief geht, etwa, wenn einer der Mönche zu spät zum Läuten der Glocke kommt oder an unpassender Stelle redet. Im Gegenteil fanden die Kartäuser gerade gut, als Menschen und nicht als Heilige dargestellt zu werden. Nun ist es denkbar, dass der Filmemacher nach dieser existenziellen Erfahrung Mühe hatte, in sein ursprüngliches Leben zurückzukehren, ja dass ihm dies als ein Schock vorgekommen ist. Tatsächlich hat Gröning dem vorgebeugt. Er ist auf den nächsten Berg gestiegen, hat sich dann tagelang mit der Rückreise Zeit gelassen, schließlich Freunde getroffen und seine Freiheit genossen. Nur die Kaufhäuser erschienen ihm merkwürdig: als „Behandlung von innerer Panik“. „Die ganze materielle Welt ist eine Angstabwehr und nichts anderes“, glaubt Gröning; das Kloster hingegen sei eine Möglichkeit, ohne diese Ängste zu leben. Nicht nur das: Gröning bezeichnet das Kartäuser-Kloster als bewussten Gegenentwurf zum kapitalistischen Leben, und insofern sei sein Film auch politisch, gerichtet gegen „unsere Gesellschaft, die glaubt, dass der Wert der Menschen auf Arbeit beruht“. Anhand seines Klosterfilms wolle er zeigen: „Werde du selbst, dann erfüllst du deine Funktion.“ Nicht nur auf dieser politischen Ebene gibt es Berührungspunkte mit früheren Filmen des Regisseurs. „Die Terroristen“ (1992) etwa war eine Provokation, die den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl derart erregte, dass er es wagte, den Film verbieten zu wollen. „L’amour“ (2000) setzt die Liebe zweier Menschen aus dem so genannten Prekariat bewusst dem Streben nach Geld gegenüber, während „Berlin Babylon“ (2000, von Gröning lediglich produziert) die Bauwut im neuen Berlin ironisch dokumentiert. Am engsten mit „Die große Stille“ sei aber, so Gröning, sein Film „Sommer“ (1986) verbunden, der von einem autistischen Kind und seinem Vater handelt. Dieser Film sei „auch sehr stumm und zyklisch und sehr langsam geschnitten“, vor allem aber, wie es auf Grönings Website heißt, ebenfalls „ein Versuch, Zugang zu einer Welt zu finden, die verschlossen scheint“. Generell versucht der Filmemacher immer, „die radikalste mögliche Form für ein Thema zu finden, um es als Erfahrung ans Publikum zu bringen“. Das Ergebnis bezeichnet er nicht ganz zu Unrecht als „extremes Kino“. Da er dessen Grenzen ausgelotet habe, versuche er sich demnächst womöglich in anderen Kunstformen, etwa Videokunst oder Fotografie. Dass Gröning trotz aller geistigen Nähe zu seinem Sujet von „Die große Stille“ kein Asket ist, beweist seine Antwort auf die Frage, was er während der Zeit im Kloster am meisten vermisst habe: „Steaks und Zigarren.“