Szene aus "Tight Lines" (© Sigga Ella )

Nordische Filmtage: Zusammen stärker

Beobachtungen in der Kinder- und Jugendfilmsektion der Nordischen Filmtage in Lübeck (5.-9.11.2025)

Aktualisiert am
12.12.2025 - 09:12:25
Diskussion

Bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck kann man einen fundierten Überblick über das aktuelle Kinder- und Jugendfilmschaffen aus Skandinavien und dem Baltikum gewinnen. In der sorgfältig kuratierten Auswahl fiel in diesem Jahr ein inhaltlicher Trend ins Auge, der sich durch mehrere Beiträge zog. Mit Slogans wie „Gemeinsam stärker“ beschworen die Heranwachsenden immer wieder den Zusammenhalt und Gemeinschaftssinn in fragilen Familien oder zerbrechlichen Freundschaften.

 

Der Ruf nach Teamgeist und Solidarität trat am prägnantesten in dem dänischen Familiendrama „Honey“ von Natasha Arthy zutage. Die 13-jährige Protagonistin muss schon früh viel Verantwortung übernehmen. Sie kümmert sich um die Wäsche, geht einkaufen und sorgt sich oft um ihre Schwester Mikala, die das Down-Syndrom hat. Honey hilft auch ihrem mittellosen Vater Robin, der getrennt von der Familie lebt und heimlich Cannabis anbaut. Mutter Sanne, die sich in zwei Jobs abstrampelt, um die Familie über die Runden zu bringen, hat Honey schon früh auf das Familienmotto „Gemeinsam stärker“ eingeschworen, damit alle den Alltag besser bewältigen. Emotionalen Halt findet das Mädchen nur im Ukulele-Spielen. Als Honey in einer neuen Schule eintrifft, erfindet sie eine makellose Familie und hofft, in die Band eines Mitschülers aufgenommen zu werden. Doch dann findet sie heraus, dass sie einen Großvater im Pflegeheim hat, den ihre Mutter für tot erklärt hatte.

 

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Der Regisseurin Natasha Arthy gelingt es mühelos, die einzelnen Erzählfäden zu einem stimmungsvollen, flott erzählten Feel-Good-Movie zusammenzubinden und mit der Protagonistin eine Identifikationsfigur zu etablieren, die von der talentierten Selma Dali Pape mit großer Präsenz verkörpert wird. Während die Abenteuer mit dem chaotischen Vater für reichlich Slapstick sorgen, berührt vor allem die allmähliche Annäherung zwischen Honey und dem verschrobenen Großvater, der unheilbar an Krebs leidet. Beim jungen Publikum kam vor allem die Schlusssequenz gut an, in der die Titelfigur mit einer Schülerband im Supermarkt einen schwungvollen Song über Solidarität vorträgt, der in Dänemark zum Jugendhit avancierte.

Dass man mit vereinten Kräften mehr schaffen kann als allein, zeigt auch der dänische Animationsfilm „Lotte & Totte – My First Friend“ von Mia Fridthjof. Darin geht es um die vierjährige Lotte, die mit ihren Eltern und dem neugeborenen Bruder von der Stadt aufs Land zieht und sich dort mit dem Nachbarjungen Totte anfreundet. Die beiden erleben jede Menge Abenteuer, bis ein Streit aus nichtigem Anlass die Freundschaft auf die Probe stellt. Irgendwann versöhnen sich Lotte und Totte wieder und beschließen, ein Baumhaus zu bauen. Mit Unterstützung der Eltern geht das viel schneller. Die Adaption der schwedischen Kinderbuchreihe von Gunilla Wolde richtet sich gezielt an die jüngsten Kinogänger. Mit seiner einfachen Strichführung, kräftigen Farben, einer behutsamen Musikbegleitung und der episodischen Erzählweise kommt der nur 62 Minuten lange Film den Bedürfnissen der Zielgruppe sehr entgegen.

Für die allerjüngsten Zuschauer: "Lotte & Totte"
Für die allerjüngsten Zuschauer: "Lotte & Totte" (© Fridthjof Film A/S)

 

Zwei Nummern größer fällt der norwegische Abenteuertrickfilm „Rufus – The Serpent Who Couldn’t Swim“ aus. Regisseur Endre Skandfer erzählt von einer Seeschlange, die zu einer gefährlichen Reise zu Wasser aufbricht, obwohl sie nicht schwimmen kann. Sie will ihre Artgenossen retten, die von den Touristenmassen der vorbeifahrenden Kreuzfahrtschiffe bedroht werden. Auf der Suche nach ihrer Tante Nessi in Schottland wird Rufus von einer habgierigen Zoodirektorin gefangen, die viele Wildtiere in engen Käfigen festhält. Mit einer legendären Seeschlange will sie mehr Publikum in ihren maroden Zoo locken. Doch Rufus überredet unter dem Motto „Gemeinsam sind wir stärker“ die anderen Tiere zur Flucht und später auch zum Kampf gegen ein Touristenschiff.

Die Adaption der Bücher von Tor Åge Bringsværd und dem Illustrator Thore Hansen tritt kräftig aufs Gaspedal und kombiniert mit hohem Montagetempo viele Abenteuer mit Action-Einlagen. Die tricktechnische Umsetzung der Figuren ist allerdings unterdurchschnittlich; vor allem die Oberflächen der Figuren wirken oft wie billiges Plastik. Obwohl die Underdog-Story mit viel Getöse daherkommt, überspielt das nicht eine dramaturgische Schlamperei. Denn Rufus müht sich lange ab, von Tante Nessi einen Schal mit magischen Kräften zu erhalten. Dann aber geht der Schal unterwegs verloren und verschwindet folgenlos aus der Geschichte. Solche Pannen bemerken Kinder im Kino allemal.

 

Weibliche Solidarität

Wenn beste Freunde auf eine große Reise gehen, ist das füreinander Einstehen unverzichtbar. So auch im Jugend-Road-Movie „Live a Little“ der schwedischen Regisseurin Fanny Ovesen, das von den Freundinnen Laura und Alex erzählt, die im Sommer per Bahn durch Europa reisen. Von Warschau aus soll es weiter nach Prag, Berlin und Paris gehen. Unterwegs möchten die beiden 19-jährigen Freundinnen preiswert bei freundlichen Gastgebern auf der Couch übernachten. Doch schon in Warschau gibt es eine Komplikation. Denn Laura wacht nach einer durchzechten Nacht im Bett eines Franzosen auf, kann sich aber nur vage erinnern. Hatte sie einvernehmlichen Sex? Oder war sie sturzbetrunken das Opfer eines Übergriffs? Der Zwischenfall belastet nicht nur die Beziehung zu ihrem nachgereisten Freund Elias, sondern auch die Freundschaft zu Alex, die sich Vorwürfe macht, weil sie Laura alleingelassen hat.

Ovesen garniert den kurzweiligen Sommertrip des experimentierfreudigen Duos mit vielen, bisweilen zu ausführlich geschilderten Party- und Clubbesuchen. Viel spannender sind die feinfühlig inszenierten Momente, in denen die beherzten Darstellerinnen Embla Ingelman-Sundberg und Aviva Wrede das enge Vertrauensverhältnis zwischen ihren Figuren ausleuchten. Dabei wird immer auch spürbar, wie leicht Verschweigen und Vertuschen oder Missverständnisse und Kommunikationspannen auch eine solidarische Bindung untergraben können.

Unterwegs durch Europa: "Live a Little"
Unterwegs durch Europa: "Live a Little" (© Mattias Pollak)

 

Um hilfreiche weibliche Solidarität geht es auch in dem isländischen Dokumentarfilm „Tight Lines“ über vier junge Frauen. Die 15- bis 18-Jährigen treten in die Fußstapfen ihrer Väter und arbeiten als Guides, die Touristen helfen, Lachse zu angeln. Während die Schwesternpaare Andrea und Alexandra sowie Arndís und Áslaug sich untereinander die handwerklichen Kniffe des Angelns beibringen, wächst bei ihnen und ihren Vätern die Sorge wegen Zuchtlachsen, die massenhaft aus Gehegen entkommen sind und die Zukunft der Wildlachse bedrohen. Einem wichtigen Wirtschaftszweig auf Island droht damit das Aus. Die Regisseurin Gagga Jónsdóttir beobachtet den beruflichen und privaten Alltag der vier Protagonistinnen und ihrer Angehörigen mit großer Anteilnahme. Sie nimmt sich aber auch ausgiebig Zeit, die Naturschönheiten von Island zu zeigen.

Dass der Zusammenhalt selbst zwischen zwei symbiotisch verbundenen Brüdern in Extremsituationen nicht grenzenlos bleiben kann, führt das düstere Sozialdrama „Kevlar Soul“ vor Augen. Die Regisseurin Maria Eriksson-Hecht erzählt in ruhigen Bildfolgen, wie sich Alex aufopferungsvoll um seinen jüngeren Bruder Robin kümmert. Die beiden hausen in der heruntergekommenen Wohnung ihres alkoholkranken Vaters, der seinen Einsatz als Soldat in Afghanistan nicht verkraftet hat. Als Alex eine Liebschaft mit der selbstbewussten Ines eingeht, obwohl eigentlich Robin sie kennengelernt hat, wendet sich der jüngere Bruder ab. Er schließt sich einem Kampfhundehalter an und gerät auf die schiefe Bahn. Alex versucht zwar, das Schlimmste zu verhindern, doch als Robin eine tödliche Katastrophe verursacht, gerät auch der Bruder an seine Grenzen.

„Kevlar Soul“ besticht durch seine differenzierte Figurenzeichnung, da die Hauptfiguren durchweg komplex angelegt sind. So wirkt Ines zunächst flippig und extrovertiert; sie stürzt sich kopfüber in die Romanze und ergreift auch sexuell die Initiative. Später aber zeigt sie auch verletzliche Seiten, als sie Alex offenbart, dass sie als Baby ausgesetzt wurde. Ohne ins Plakative zu driften, arbeitet Eriksson-Hecht die markanten Klassenunterschiede zwischen den verarmten Brüdern und Ines heraus, deren Adoptiveltern dem gehobenen Bürgertum angehören. Hin und wieder überspannt der Film jedoch den Bogen der Dramatisierung, wenn die spannendsten Szenen in Zeitlupe gedreht und mit emotionalisierender Musik unterlegt werden.

 

Freundschaften und Liebschaften

Drei weitere Filme drehten sich um klassische Kinder- und Jugendfilmthemen wie Freundschaft, erste Verliebtheit oder verbotene Liebesbeziehungen. So erzählt die dänische Regisseurin Marie Limkilde in „Mira“ von der zwölfjährigen Protagonistin, die sich plötzlich kaltgestellt fühlt, als ihre beste Freundin sich einer neuen Schülerin zuwendet, die einen Club für verliebte Mädchen gründet. Mira will auch dazugehören, landet beim Versuch, sich zu verlieben, aber ausgerechnet bei ihrem besten Kumpel Louis.

Die kurzweilige Komödie über erste Schmetterlingsgefühle im Bauch ist flott inszeniert und enthält zahlreiche, ins Bild geschobene animierte Zeichnungen, die die Irrungen und Wirrungen humoristisch kommentieren. Hervorzuheben ist die Leistung der quicklebendigen Hauptdarstellerin Ellen Edith Pultz-Hansen, die die Rolle mit Mut zur Selbstironie ausfüllt. Wie nebenbei wirft der Film auch kritische Seitenblicke auf den großen Einfluss, den soziale Medien mit ihren Schönheitsidealen und einem übermäßigen Anpassungsdruck auf Minderjährige haben.

Freundschaft in jungen Jahren: "Mira"
Freundschaft in jungen Jahren: "Mira" (© Toolbox Film)

 

Eine verbotene Liebesbeziehung steht im Zentrum des dänischen Jugendfilms „Pretty Young Love“ von Mogens Hagedorn. Die 18-jährige Selma lernt am letzten Ferientag bei einer Party den attraktiven Johan kennen; am ersten Schultag aber realisiert sie, dass der 25-Jährige ihr neuer Musiklehrer ist. Obwohl beiden klar ist, dass ihre Romanze gegen das Gesetz verstößt, verlieben sie sich. Allerdings belastet es Selma zunehmend, dass sie die Liebelei vor ihren Freundinnen verheimlichen muss. Doch je stärker die Gefühle werden, umso unvorsichtiger wird das Liebespaar.

„Pretty Young Love“ knüpft dort an, wo der Vorgängerfilm „Pretty Young Thing“ (2022) von Tilde Harkamp aufgehört hat. Die Fortsetzung wartet mit einfühlsamen Liebesszenen auf, ist aber mit lautstarken Club- und Party-Sequenzen überladen. Trost und seelischen Beistand erarbeitet sich die Protagonistin, die sich lange mit der Frage nach dem Sinn von Freundschaften herumschlägt, in der Musik: Beim Saxophonspielen findet sie endlich ihre innere Ruhe.

 

Keine einfache Lösung

Homosexualität ist in Kroatien nicht verboten, doch gerade in ländlichen Regionen gibt es viele Vorurteile gegen Schwule. Wie hartnäckig diese sein können, bekommt in dem Außenseiterdrama „Sandbag Dam“ von Regisseurin Čejen Černić Čanak der junge Marko zu spüren. Eigentlich ist der smarte Teenager gut integriert: Er kümmert sich liebevoll um seinen Bruder mit Down-Syndrom, hat eine hübsche Freundin, will Automechaniker werden und tritt bei einem Wettbewerb im Armdrücken an. Als aber der etwas ältere Nachbarssohn Slaven aus Berlin anreist, um seinen Vater zu beerdigen, werden verschüttete Gefühle wach. Kaum gehen die beiden spazieren und sind allein, küssen sie sich. Als die Affäre auffliegt, lässt die Freundin Marko fallen. Der Jugendliche wird zur Zielscheibe übler Diffamierungen.

Die Regie hat die Geschichte in eine triste Herbststimmung gepackt, mit trübem Himmel, Regenschauern und einem drohenden Hochwasser. Das ist bisweilen recht plakativ, wenn die Dorfbewohner unaufhörlich Sandsäcke gegen die angekündigten Wassermassen füllen, die dann aber ausbleiben. Auch die Bildgestaltung neigt zur Überdramatisierung; die Handkamera wackelt oft wild herum, ohne dass die Ereignisse dies rechtfertigen würden. Ein Pluspunkt ist Lav Novosel, der Marko souverän als sensiblen Außenseiter zwischen Macho-Sprüchen und Verunsicherung spielt und eine heikle Entscheidung für seine Zukunft treffen muss. Sympathisch ist, dass „Sandbag Dam“ keine einfachen Lösungen präsentiert.

Zwischen Macho-Sprüchen und tiefer Verunsicherung: "Mauern aus Sand"
Zwischen Macho-Sprüchen und tiefer Verunsicherung: "Mauern aus Sand" (© Salzgeber)

 

Die aktuelle 2025er-Festivalausgabe war die letzte des künstlerischen Leiters Thomas Haile, der die „Filmtage neu belebt, gestärkt und zu neuen Höhen geführt“ hat, wie Bürgermeister Jan Lindenau betonte. Hailers Nachfolgerin wird Hanna Reifgerst. Allerdings wurde das Festival vom Beschluss des Lübecker Stadtrats überschattet, der den Zuschuss für die Filmtage um 50.000 Euro kürzen will. Hailer kommentierte das öffentlich: „Dieser Betrag scheint zwar gering zu sein, aber wir sehen darin einen Wendepunkt. Es ist das erste Mal, dass sich die Nadel in die andere Richtung bewegt.“ Leidenschaftlich appellierte er an die Verantwortlichen, ihre Entscheidung zu überdenken.

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