Der französische Dokumentarist Guillaume Ribot hat sich 40 Jahre nach Erscheinen des monumentalen Films „Shoah“ von Claude Lanzmann ins Holocaust Memorial Museum in Washington, DC, begeben und aus Lanzmanns insgesamt 220 Stunden umfassendem Bild- und Ton-Archiv eine Art „Making of“ erstellt. In „Ich hatte nur das Nichts“ werden Lanzmanns Reflexionen während der 12-jährigen Entstehungszeit, seine Selbstzweifel, Sackgassen und Rückschläge jetzt greifbar. Es zeichnet sich aber auch die Radikalität und die singuläre Bedeutung dieses Werkes ab.
Der Dokumentarfilm „Ich hatte nur das Nichts“ von Guillaume Ribot (bis 24.5. in der arte-Mediathek) ist ein Film über einen Film und doch viel mehr. Er rekonstruiert die Produktionsgeschichte des neunstündigen Dokumentarfilms „Shoah“ (1985), mit dem der französische Regisseur Claude Lanzmann die Ermordung der europäischen Juden in den Erinnerungen derjenigen erzählt, die die Vernichtungslager in Chelmno, Sobibor, Treblinka und Auschwitz überlebt haben.
„Shoah“ ist ein radikaler Film. So verzichtet er auf jedwede Illustration und verwendet keines der historischen Fotos, etwa aus Auschwitz, weil diese bis auf vier Ausnahmen alle von den Tätern stammten. Der Film besteht weitgehend aus Landschaftsbildern der Orte der Vernichtung, wie sie zur Zeit der Dreharbeiten zwischen 1973 und 1981 aussahen. Lanzmann nutzt auch keine Musik und meidet jeden erklärenden Off-Kommentar; nur zu Beginn jeder größeren Erzähleinheit klären Schrifttafeln über den geschichtlichen Zusammenhang auf. In einem Gespräch erläutert der Historiker Raul Hilberg ergänzend, wie der Mordprozess geplant wurde und wer daran auf deutscher Seite beteiligt war.
Eine fast 12-jährige Produktion
Den Film „Shoah“ kann man bis zum 18. Mai ebenfalls in der arte-Mediathek sehen, in der 2012 restaurierten und digitalisierten Fassung. Ihr ist eine Danksagung vorgeschaltet, die in der ersten Fassung von 1985 nicht enthalten war. Auch wurden die deutschen Übersetzungen überarbeitet, weshalb sie nicht mit der damaligen Kinofassung übereinstimmen, wie sie im Filmbuch „Shoah“ aus dem Claasen-Verlag dokumentiert ist. Aber auch nicht mit der Fernsehfassung, die der Westdeutsche Rundfunk als einer der Co-Produzenten für die Erstausstrahlung anfertigen ließ und die im März 1986 von einigen Dritten Programmen ausgestrahlt wurde. Eine Ausstrahlung von „Shoah“ in der ARD war an Einsprüchen einiger Sender gescheitert. Eine Entscheidung, für die sich die dafür Verantwortlichen bis heute schämen sollten. Der Kontakt des WDR zu Lanzmann war zustande gekommen, als die Filmredaktion seinen ersten Film „Warum Israel?“ gezeigt hatte; der Sender kaufte schon früh die Rechte an „Shoah“ und gab weiteres Geld hinzu, als die Produktion in eine Finanznot geriet.
Über die ökonomischen Schwierigkeiten der fast 12 Jahre währenden Produktion von „Shoah“ erfährt man in „Ich hatte nur das Nichts“ einiges, da Ribot auch die Entstehungsgeschichte rekonstruiert, von der ersten Idee, die Lanzmann bei einem Besuch in Israel nahegebracht wurde, bis zu den letzten Aufnahmen, als kaum noch Geld und Filmmaterial vorhanden war. An den Klappen, die zu Beginn jeder Aufnahme geschlagen wurden, kann man erkennen, unter welch unterschiedlichen Namen das Projekt firmierte, ehe es am Ende der Montage den Namen „Shoah“ erhielt. Das hebräische Wort bezeichnet allgemein eine Katastrophe; als Begriff für den Mord an den europäischen Juden wurde es schon in den 1940er-Jahren verwendet. Zum Eponym, wie Lanzmann es selbst in einem Artikel 2005 nannte, wurde es aber erst durch den Film.
Leider erfährt man über die Arbeit am Schneidetisch und die Leistung der Cutterin Ziva Postec nichts. Ribot geht es vor allem darum, wie Lanzmann seinem Thema begegnete, wie er methodisch vorging, drehte und was er während der Drehzeit erlebte. Zu dieser Darstellung verwendet Ribot ausschließlich Aufnahmen, die Lanzmann selbst für „Shoah“ gedreht hat. Nach Fertigstellung des Films, der nach seiner Uraufführung in Paris 1985 auf dem Filmfestival in Venedig und dann auf der Berlinale gezeigt wurde, hatte Lanzmann das gesamte Material, das 220 Stunden an Bildern und Tönen umfasst, an das United States Holocaust Memorial Museum in Washington, DC, übergeben. Auf der Internetseite des Museums ist es weitgehend zugänglich, nach den Interviewten und den Drehorten sortiert.
Etwas Neues entsteht
Ribot wählte aus diesem Konvolut vor allem Bilder aus, die in „Shoah“ nicht vorkommen. Das können Sequenzen sein, die Lanzmann für die Nachfolgefilme von „Ein Lebender geht vorbei“, „Sobibor, 14. Oktober 1943“, „Der Letzte der Ungerechten“ und „Vier Schwestern“ nicht verwendete. Oder Szenen, die bei der Montage herausgeschnitten wurden. Aber auch Out-Takes, die aus technischen Gründen nicht verwendet wurden. Oder Varianten von Szenen, die in einer leicht veränderten Fassung in „Shoah“ eine wichtige Rolle spielen. Zu diesen Bildern werden im Off Textpassagen verlesen, die aus Lanzmanns Erinnerungen „Der patagonische Hase“ stammen. Im französischen Original von „Ich hatte nur das Nichts“ liest Ribot die Off-Kommentar selbst, während für die deutsche Fassung der Schauspieler Christian Berkel diese Aufgabe übernommen hat.
Das Spannende an „Ich hatte nur das Nichts“ liegt darin, dass durch die Montage von Filmbildern und Kommentarsätzen etwas Drittes, Neues entsteht – auch für jene, die „Shoah“ oder Lanzmanns „Erinnerungen“ gut zu kennen meinen. Worin besteht das Neue? Zum einen darin, dass man Lanzmann viel öfter im Bild sieht. Nun erkennt man die unterschiedlichen Rollen, die er dabei einnahm. Mal ist er der lockere Interviewer, der auf Menschen zugeht und sie unvermittelt nach ihren Erinnerungen befragt. Mal wirkt er, der meist eine Lederjacke trägt und sich oft eine Zigarette ansteckt, wie ein cooler Halbstarker, der sich nichts sagen oder vorschreiben lässt. Mal versteht er sich als eine Art Detektiv, der nach den Orten sucht, in denen sich die Täter verstecken. Mal unterdrückt er jede Emotion, um die Täter, die er oft mit versteckter Kamera aufnimmt, in Sicherheit zu wiegen. Mehrfach zeigt er hingegen seine Zuneigung zu den Menschen, die für ihn und seinen Film ihre Erinnerungen preisgeben. Wie er diese Rollenvielfalt durchhält, wie er zwischen Französisch, Englisch und Deutsch hin- und herwechselt, wie er in die ihm fremden Sprachen des Hebräischen und Polnischen hineinhört, um dann doch ein erkenntnisstiftendes Wort aufzunehmen, ehe die Dolmetscherinnen es ihm übersetzen.
Dass er mit diesem Rollenspiel mitunter auch diejenigen irritierte, die mit ihm am Film arbeiteten, etwa die Rechercheurinnen Corinna Coulmas und Irène Steinfeldt-Levi oder den Kameramann William Lubtchansky, zeigt eine Erinnerung von Lanzmann zum Interview mit Franz Suchomel, der als SS-Unterscharführer an den Massenmorden von Treblinka beteiligt war. Lubtchansky habe es kaum ertragen können, wie freundlich der Regisseur diesen Täter befragt hätte; er selbst hätte ihn am liebsten getötet. Lanzmann fügt an, dass der Vater des Kameramanns von den Nazis ermordet worden war. Zur Erklärung seines Rollenspiels sagte er: „Ich hingegen wollte ihn (Suchomel) mit der Kamera töten.“ Tatsächlich ist dieses Gespräch, in dem sich der ehemalige SS-Mann mit einer Gemütsruhe präsentiert, der allein der eigene Gesundheitszustand wichtig ist, eine erschreckende Selbstentlarvung – bis in die Wortwahl hinein, in der er von „Umsiedlungsaktionen“ spricht, wenn Mord gemeint war. Suchomel: „Man hat nie gesagt, töten.“
Das Mikro im Holster
Zum anderen wird durch „Ich hatte nur das Nichts“ deutlich, dass die Gespräche mit den Tätern erst zustande kamen, als Lanzmann unter falschem Namen und mit der Legende eines staatlich bestallten Historikers auftrat. Dass er sich Sorel nannte, besitzt eine gewisse autobiografische Pointe. Als junger Mann ging der Résistance-Kämpfer nach dem Krieg nach Deutschland, weil er eine Philosophiearbeit über Leibnitz schreiben wollte. In Berlin gab er an der Universität Seminare, in denen er unter anderem auch auf Stendhals Roman „Rot und Schwarz“ zu sprechen kam. Dessen Protagonist heißt Julien Sorel. Da die befragten Täter eine Aufzeichnung der Gespräche verweigerten, nahm Lanzmann sie mit verstecktem Mikrofon und einer Miniaturkamera auf, die sich gut verstecken ließ. Einmal, als ein Assistent das Mikrofon mit einem Holster unter Lanzmanns linker Achsel angebrachte, sagt er: „Eine Knarre wäre besser.“ Das moralische Problem seiner Tarnung kommentiert er nebenbei: Er betrüge nur Betrüger.
Dass diese illegalen Aufnahmen durchaus gefährlich sein konnten, zeigt Ribot mit Ausschnitten von einem Interview, das Lanzmann mit dem SS-Obersturmführer Heinz Schubert führte, der die Mordaktionen der SS-Einsatzgruppen 1941 mitorganisierte. Der Ehefrau war aufgefallen, dass Lanzmann eine geräumige Tasche auffallend platziert hatte, in der die Kamera versteckt war. Sie räumt sie unter den Tisch beiseite, sodass von da an nur Beine und Stühle aufgenommen wurden. Später wächst der Verdacht der misstrauischen Ehefrau. Sie will sehen, was in dieser Tasche ist. Als Lanzmann das Ansinnen, die Tasche zu öffnen, abwehrt, werden er und seine Crew vom Ehepaar und von Nachbarn bedrängt. Er kann sich nur befreien, erzählt Lanzmann, indem er auf der Flucht diese Tasche den Verfolgern entgegenwirft. Sie können entkommen, verlieren so aber die teure „Paluche“, die von der Firma Aaton entwickelte Miniatur-Videokamera, mit der die in „Shoah“ enthaltenen Gespräche mit Suchomel und anderen SS-Tätern aufgenommen wurden.
Mehrere Szenen aus „Shoah“, die man nie mehr vergisst, werden von Ribot in ihrer Genese präsentiert. So ist deutlich zu erkennen, wie Lanzmann einige der Überlebenden in Situationen versetzt, in denen sich die Erinnerung an die Schrecken unwillkürlich wieder einstellt. Der Friseur Abraham Bomba wollte und konnte vor der Kamera nicht über das sprechen, was er in Treblinka erlebt hatte, als er jüdischen Frauen die Haare abschneiden musste, kurz bevor sie in der Gaskammer ermordet wurden. Lanzmann befragt ihn deshalb in einem Frisiersalon in Tel Aviv, während Bomba einem Mann die Haare schneidet. Unter dem Geräusch der sich öffnenden und schließenden Schere spricht er auf einmal über das, was er erlebt hat, und erinnert sich an Situationen, als er und die anderen Friseure Bekannten und Freunden begegneten, die sie nicht warnen durften, wenn sie nicht selbst sofort in die Gaskammer geschickt werden wollten. Bomba bricht mehrmals die Stimme, fährt aber im Bericht fort, als Lanzmann insistiert.
Ein anderer Blick
Zu sehen ist auch, wie der Regisseur in Polen Simon Srebnik in Szene setzte, der zu Beginn von „Shoah“ in einem Kahn über einen Fluss bei Chelmno gleitet, während er Lieder singt, die ihm einst die SS-Männer beibrachten, für die er Hilfsdienste während der Mordaktionen verrichten musste. Srebnik sollte am Ende der Mordaktion erschossen werden; er überlebte schwerverletzt. In den Out-Takes ist nun zu sehen, dass Lanzmann ein – durchaus wackliges – Brett über die Spitze des Kahns legen ließ, damit Srebnik besser zu sehen ist, und dass es mehrerer Aufnahmen bedurfte, ehe das Bild genau jene Idylle ergab, die über den Schrecken dieses Ortes hinwegtrügt.
Ribot verwendet das Material nicht puristisch. Er zitiert es nicht wissenschaftlich, sondern eignet es sich selbst als Regisseur an. So sind seine Schnitte mitunter auf eine Weise erklärend oder illustrativ, wie es der Bildskeptiker Lanzmann nicht getan hätte. Er unterlegt seine Material-Montagen gelegentlich auch mit Musik, auch wenn er dafür als Alibi gleich zu Beginn eine Aufnahme einschneidet, in der Lanzmann mehrfach eine Kassette im Autoradio startet, so dass der Anfang des 2. Satzes von Beethovens 7. Symphonie ertönt.
Daran ist zu erkennen, dass „Ich hatte nur das Nichts“ durchaus und ausdrücklich ein Film von Guillaume Ribot ist, auch wenn er keinen einzigen Meter Film selbst gedreht und keine Zeile des Kommentars selbst verfasst hat. Ribots Film führt anhand der markanten Szenen seine Sicht auf die inhaltliche wie formale Besonderheit von „Shoah“ vor Augen. Und er feiert den Regisseur Claude Lanzmann, indem er die Anstrengungen sichtbar macht, die dieser für „Shoah“ auf sich nahm. Distanz zu dem durchaus nicht uneitlen Regisseur oder Zweifel an dessen radikalen filmischen Verfahren kennt Ribot nicht.
Das vergiftete Herz
Kurz vor Schluss des 90-minütigen Films „Ich hatte nur das Nichts“ zeigt Ribot das Material einer Szene, die am Ende von „Shoah“ steht. Lanzmann sprach in einem israelischen Kibbuz mit zwei der wenigen Überlebenden des Warschauer Gettoaufstands, der am 18. Januar 1943 begann und drei Tage dauerte: mit Itzhak Zuckermann, genannt Antek, und Simha Rottem, der Kajik gerufen wurde. In „Shoah“ ist Zuckermann, der zweiter Kommandant der jüdischen Kampforganisation war, nur in einer kurzen Einstellung zu sehen. Über eine stumme Großaufnahme seines Gesichts werden die Tonaufnahmen gelegt, was er wohl zuvor gesagt hat und das von der Übersetzerin im Off wie folgt übersetzt wurde: „Nach dem Krieg fing ich an zu trinken. Es war sehr schwer. Claude, Sie fragten mich, welche Gefühle ich hatte. Wenn Sie an meinem Herzen lecken könnten, dann würden Sie sich vergiften.“ Ein Sprachbild, das man ebenfalls nie mehr vergisst.
In „Ich hatte nur das Nichts“ merkt man jetzt, dass Zuckermann bei der Aufnahme nicht nüchtern ist; im Kibbuz will man nicht, dass er so gefilmt wird. Dem wurde Landsmann durch die extrem gekürzte Aufnahme gerecht. Bei Ribot ist die zitierte Stelle ebenfalls nur im Off zu hören; vermutlich wurde sie zu einer anderen Zeit auf Tonband aufgenommen. Im On spricht Zuckermann nun davon, dass er und andere Überlebende nur „Symbole“ des Widerstands seien, während die Namen von zahllosen anderen, die im Kampf starben, nicht erwähnt würden. Hinter ihm, setzt er mit schwerer Zunge fort, stünden Millionen. „Sie umgeben mich. Ohne Blick.“ Lanzmann reagiert darauf aus dem Off mit den Worten, dass er für seinen Film Gesichter bräuchte, um die Geschichte zu erzählen. Kein Einwand, eine Entschuldigung.
Zuckermann setzt fort: „Das jüdische Volk verlor Millionen seiner Angehörigen in Treblinka, in Sobibor, in Auschwitz.“ Für einen kurzen Augenblick ist der daneben sitzende Simha Rottem zu sehen. Als auf Zuckermann zurückgeschnitten wird, kommt nach zwei oder drei Sekunden unvermittelt Lanzmann selbst ins Bild. Er geht langsam auf Zuckermann zu, umarmt ihn linkisch. Dann beugt er sich so vor, dass sein Kopf auf der Brust des Mannes liegt, den er gerade für seinen Film befragt hatte. Ein mehrere Sekunden währendes Bild, dem man sich emotional kaum entziehen kann.
Schaut man in das Ausgangsmaterial dieser Szene hinein, wie es vom Holocaust Memorial Museum online gestellt wurde, erkennt man, dass Ribot hier eine langwierige und zudem durch die Übersetzung auch sprachlich komplizierte Szene ähnlich wie Landsmann vor ihm durch den Schnitt enorm verdichtet hat. Erst Ribots radikale Montage bringt das Bild der Umarmung zutage, das noch einmal all das zeigt, was „Shoah“ für Claude Lanzmann war: ein Lebenswerk. Und ein Film, dessen Bedeutung eher zu- als abnimmt. Das ruft „Ich hatte nur das Nichts“ in Erinnerung zurück.