Stromberg ist wieder da. Am 4. Dezember startet mit „Stromberg - Wieder alles wie immer“ der zweite Kinofilm um den ebenso eitlen wie inkompetenten Abteilungsleiter Bernd Stromberg und seine geplagte Büromannschaft. Ab 2004 hatte Christoph Maria Herbst zuerst in fünf Fernsehstaffeln Stromberg zur Kultfigur gemacht; 2013 gab es einen ersten Kinofilm. Ein Gespräch über die Rückkehr zu der Rolle nach über zehn Jahren, die veränderten gesellschaftlichen und technischen Vorzeichen und die Zeitlosigkeit von Bernd Stromberg.
Erinnern Sie sich noch an den Tag, an dem Sie Anfang der 2000er-Jahre erstmals auf Stromberg trafen?
Christoph Maria Herbst: Das war ein sehr spannender Tag. Ich bekam nämlich zeitgleich zu diesem merkwürdigen Pitch – 15 Zeilen auf einer DIN-A-4-Seite mit dem Arbeitstitel „Stromberg - Bürocomedy für Pro 7“ – ein Angebot von RTL für eine eigene Late-Show. Das war die Zeit, wo Anke Engelke gerade auf SAT.1 ihre Show an den Start brachte und sich RTL überlegt hatte: Okay, die beiden Nasen aus „Ladykracher“, die lassen wir einfach gegeneinander antreten.
Sie haben sich damals die Entscheidung für die Rolle offenbar nicht leicht gemacht, angesichts des Late-Night-Angebots von RTL.
Herbst: Da musste ich erst einmal eine Woche in mich gehen. Gott sei Dank habe ich – und das würde ich auch im Rückblick genauso wieder machen – richtig entschieden. Ich habe weniger auf meine Eitelkeit oder mein Portemonnaie geguckt, sondern bin den Schmetterlingen in meinem Bauch gefolgt. Und die waren eindeutig im fiktionalen Bereich unterwegs.
Was stand denn in dem Pitch drin, den Sie bekommen haben?
Herbst: So ein Satz wie: „Wir behaupten eine Dokumentation in einem fiktiven Versicherungsbetrieb.“ Das habe ich anfangs gar nicht verstanden. Das englische Original „The Office“ von der BBC war mir unbekannt, und den Begriff „Mockumentary“ für dieses spezielle Genre gab es auch noch nicht. Ich habe mir dann von dem Autor Ralf Husmann erklären lassen, was es mit diesem Format auf sich hat. So richtig überzeugt war ich dann aber immer noch nicht.
Wie ging es dann weiter?
Herbst: Ich habe zu Husmann gesagt: „Das ist total entzückend, dass du mich nicht nur anfragst, sondern dass es ein konkretes Angebot ist. Aber ich kann nicht zusagen allein aufgrund eines solchen Papiers. Lade doch bitte noch andere in Frage kommende Stromberg-Darsteller zu einem Casting ein.“
Und Sie?
Herbst: Ich habe Ralf Husmann gebeten, mich ebenfalls zu diesem Casting einzuladen.
Warum?
Herbst: Weil ich ein Gefühl dafür bekommen wollte, ob ich diese Texte – die ich in dem Moment noch gar nicht kannte – sprechen kann; wie das ist, wenn man mit der Kamera spielt, sich ihrer bewusst ist und in anderen Momenten dann wieder nicht.
Eine Persiflage auf klassische Dokumentar- und Reportageformate – Mockumentary eben.
Herbst: Ich wusste überhaupt nicht, was das in mir auslöst. Wenn du vor der Kamera arbeitest, soll die eigentlich nicht existent für dich sein. Bei Stromberg ist es anders. Der ist so eitel, dass er fast mehr mit der Kamera spricht als mit seinem Gegenüber.
Wie lief das Casting ab?
Herbst: Da waren eine ganze Reihe toller Kollegen am Start. Ralf Husmann sagte mir hinterher: „Die waren alle super, aber es war bei niemandem lustig. Und es schwang auch bei niemandem das mit, was bei deinem Casting mitschwang, nämlich so eine Einsamkeit.“ Ich wollte, dass man sieht: Woher kommt das eigentlich, dass dieser merkwürdige Vogel so spricht, wie er spricht?
Nun sind seither rund 20 Jahre, fünf Fernsehstaffeln und ein Kinofilm vergangen. Was ist das Erfolgsgeheimnis von Stromberg?
Herbst: Dass sich die Generationen den Staffelstab in die Hand geben. Der Stromberg-Fan, der damals 30 war, ist jetzt 50. Der ist möglicherweise mit Stromberg in seiner eigenen Bürowelt groß geworden. Der Stromberg-Fan, der damals zehn war, ist jetzt 30. Die einen mögen die Sprüche, die ja teilweise zu einer Art Allgemeingut geworden sind, andere mögen dieses politisch Inkorrekte von Stromberg. Wieder andere können Stromberg gar nicht gucken, weil sie sagen: „Das ist viel zu nah an meiner Bürowirklichkeit.“ Andere schauen es gerade deswegen, weil sie sagen: „Bei denen ist es ja noch beschissener als bei mir. Dann gehe ich morgen aber wieder gerne ins Büro.“
Erreicht Stromberg auch die diskriminierungssensible Gen Z? Er ist schließlich Sexist, macht Witze über Minderheiten und ist auch sonst weitgehend empathiefrei.
Herbst: Die Gen Z schaut es rauf und runter. Uns ist anscheinend ein zeitloser Humor geglückt. Junge Menschen gucken das vielleicht wie einen dystopischen Horrorfilm und werden ihren Eltern sagen: „Papa, du fragst mich immer wieder, was ich mal werden möchte. Ich kann dir auf jeden Fall sagen, wie ich nicht werden will: nämlich wie der alte Mann da.“ Stromberg, das ist wie ein Telekolleg, das zeigt, wie es nicht geht.
Lernen vom Schlechtesten: Stromberg als Fortbildungsangebot für Führungskräfte?
Herbst: Das sollen andere entscheiden. Aber wenn jemand das nicht lebt, was er selber postuliert, dann ist das Stromberg. Das macht diesen fiesen Charme der Figur aus. Er gibt in den Interviews irgendwas vor, was aber in den Spielszenen überhaupt nicht zu seinem Anspruch passt. Alles, was ich zu dem Thema zu wissen glaube, ist: Wenn du im obersten Management angekommen bist, musst du zumindest eine narzisstische Störung haben. Sonst kannst du dich nicht halten.
Bundeskanzler Friedrich Merz ist sozusagen oberste Führungskraft Deutschlands. Würden Sie auch sagen, dass einen bei manchen seiner Kommunikationsunfälle der Eindruck beschleicht, dass er bei Stromberg in die Lehre gegangen ist?
Herbst: Ich tummele mich selbst nicht so in den sozialen und asozialen Medien, aber mir werden immer wieder Memes zugespielt, wo Stromberg und Merz einander gegenübergestellt werden und auf einmal gleiche Dinge von sich geben oder Stromberg mithilfe von KI über das Merz’sche Gesicht gelegt wird. Das ist ebenso faszinierend wie gefährlich, was heutzutage alles möglich ist. Aber klar, man könnte zu dem Schluss kommen, Stromberg sei das fleischgewordene Sauerland. Gibt es Zufälle? Ich glaube, nein. Es ist der richtige Film zur rechten Zeit.
Stichwort KI. Haben Sie keine Angst, irgendwann als Stromberg-Avatar oder KI-Klon auf ewig in den Untiefen des Internets unterwegs zu sein?
Herbst: Das alles ist eine riesige Grauzone. Wenn wir über die Konsequenzen für die kreativen Berufe reden, müssen wir Sprecher, Schauspieler und alle anderen uns solidarisieren, mit einer lauten Stimme auftreten und für unsere Rechte kämpfen. Wir haben nicht nur ein Recht am eigenen Bild, sondern verdammt noch mal auch an der eigenen Stimme. Noch ist die KI nicht an dem Punkt, der mich als Mensch überflüssig macht. Wenn ich aus Spaß bei der KI mal irgendwelche Fragen eingebe, ist bei den Antworten 50 Prozent Bullshit dabei. Aber: Immer sehr höflich formuliert, sehr US-amerikanisch eben.
Die Entwicklung schreitet allerdings rasant voran.
Herbst: Wir haben es bei KI mit einer sehr schnell lernenden Entität zu tun. Klingt jetzt wie die Science-Fiction Horrorserie „Alien: Earth“, oder? Aber es ist etwas, was sich zu verselbstständigen droht. Und dann können wir natürlich einpacken.
Das macht nicht gerade Mut.
Herbst: Wir sollten den Konsumenten, die Konsumentin nicht unterschätzen. Ich darf ja das eine oder andere Buch als Hörbuch einlesen. Ob Hörerinnen und Hörer wirklich Bock haben zu lesen: „Das neue Buch von T.C. Boyle, eingelesen von KI“? Nein. Und es kann doch nicht erlaubt sein, dass auf dem neuen Hörbuch von T.C. Boyle steht: „Eingelesen von Christoph Maria Herbst“, und dann ist da so ein Sternchen hinter dem Namen. Wenn man unten ins Kleingedruckte schaut, steht dort „fast“ – und im noch kleiner Gedruckten: „Auf Basis der Stimme von Christoph Maria Herbst vom Computer generiert.“ Das wird der eine oder die andere aus Neugier kaufen. Aber noch sind wir nicht an dem Punkt, wo mich das überzeugen würde, was ich da höre und was ich da sehe.
Zurück zum neuen „Stromberg“-Film. In früheren Episoden gehörten zu den wichtigsten Requisiten der Capitol-Kaffeebecher, das ständig ratternde Faxgerät und die Bürostühle mit Rollen, auf denen man durch die Gänge sausen konnte. Die Arbeitswelt hat sich in den vergangenen Jahren aber massiv verändert. In welchem Setting bewegt sich Stromberg 2025?
Herbst: Gutes bleibt. Gerollt wird weiter und es wird immer noch Kaffee getrunken. Was wären ein Flex Desk oder ein Coworking Space ohne Kaffeemaschine – auch wenn es heute ein Latte Macchiato sein darf?
Ist Stromberg irgendwann auserzählt?
Herbst: Nicht solange sich die Erde dreht und Menschen in Großraumbüros gemeinsam vor sich hin miefen.
Wir befinden uns in der Vorweihnachtszeit. Wie würde Stromberg wohl Weihnachten feiern – allein, mit einem fetten Kater auf dem Sofa, nachdem er am 23. Dezember den Glühweinstand leer getrunken hat?
Herbst: Oh Gott, ich war bisher noch nie so verzweifelt, mir darüber Gedanken zu machen. Ich könnte mir vorstellen, dass er seine Ex-Frau nochmal anfunkt. Oder irgendwelche Leute anruft, die sich gar nicht mehr an ihn erinnern oder überhaupt nicht drangehen, weil er vergessen hat, seine Nummer zu unterdrücken. Irgendwas Schlimmes halt – ich mag es mir gar nicht näher ausmalen.
Was ist Christoph Maria Herbst an Weihnachten wichtig?
Herbst: Dass wir das feiern, was Weihnachten ausmacht: die Geburt Jesu Christi. Natürlich wird das Fest von Folklore und Konsum überlagert. Aber dass wir unter all dem Geschenkpapier und den Gutscheinen die Krippe zwischendurch nochmal freilegen, das fände ich schon sehr wichtig.