In dem iranischen Drama „Ein einfacher Unfall“ glaubt ein ehemaliger politischer Gefangener, den Mann wiedererkannt zu haben, der ihn im Gefängnis gefoltert hat. Er entführt den vermeintlichen Peiniger, um ihn zu töten. Da er dessen Gesicht nie gesehen hat, kommen Zweifel auf. Auf der Suche nach Gewissheit zieht er frühere Mitgefangene hinzu, was zum Beginn einer grotesken Odyssee durch Teheran wird. Der hintergründige, autobiografisch beeinflusste Film ist neuer Kinotipp der Katholischen Filmkritik.
Eines Nachts fährt Eghbal (Ebrahim Azizi) mit seiner schwangeren Frau und ihrer kleinen Tochter nach Hause. Als er auf dunkler Straße mit einem Hund zusammenstößt, bringt er das beschädigte Auto in eine Werkstatt. Dort arbeitet der Mechaniker Vahid (Vahid Mobasseri), der beim Quietschen von Eghbals Beinprothese zusammenzuckt. Dieses Geräusch, davon ist Vahid überzeugt, kennt er aus der Zeit als politischer Gefangener: Es erinnert ihn an einen Wärter, der ihn wiederholt gefoltert hat.
Der Regisseur Jafar Panahi wurde selbst über Jahrzehnte hinweg vom iranischen Regime inhaftiert, misshandelt und mit Hausarrest, Arbeits- und Ausreiseverbot belegt. „Ein einfacher Unfall“ ist daher auch als persönliche Auseinandersetzung mit der Frage zu verstehen, wie sich Folteropfer verhalten würden, wenn sie plötzlich ihren Peinigern gegenüberstünden. Panahi spielt diese Frage mit verschiedenen Varianten durch: Vahid entführt Eghbal, bringt ihn aus der Stadt und ist bereits dabei, diesen lebendig zu begraben, als Zweifel aufkommen. Eghbal beteuert, nicht der Gesuchte zu sein, und Vahid waren bei den Folterungen stets die Augen verbunden.
Um sicher zu sein, dass er sich nicht an einem Unschuldigen rächt, fährt Vahid mit dem geknebelten Mann zurück in die Stadt und sucht nach Mitgefangenen, die ihm Gewissheit verschaffen sollen. So beginnt in „Ein einfacher Unfall“ eine Irrfahrt, die kreuz und quer durch Teheran und die Umgebung führt, bei der eine Fotografin, ein Hochzeitspaar und ein zum Jähzorn neigender Handwerker aufgegabelt werden. Doch innerhalb der Fünferkonstellation herrscht nicht nur große Uneinigkeit über die Person von Eghbal, sondern auch über das gebotene Vorgehen.
Die innere Größe, zu vergeben und zu verzeihen
„Ein einfacher Unfall“ kommt über weite Strecken als furioser Rachethriller daher. Das wird aber zunehmend von dem unterwandert, was die Filme von Panahi grundsätzlich kennzeichnet: der Frage nach der Menschlichkeit. Nach dem Mut, der Courage, der Resilienz, der Weitsicht und der inneren Größe, die es braucht, um statt wütend Rache zu üben, zu vergeben und zu verzeihen. Das hat auch die Jury der Katholischen Filmkritik gewürdigt, die „Ein einfacher Unfall“ zum Kinotipp wählte. Panahis Film sei ein moralisches Kammerspiel, das sich zu einer bitteren Parabel über Schuld, Erinnerung und Gerechtigkeit verdichte. Das Personenensemble spiegele Gruppen der iranischen Gesellschaft wider, ohne die einzelnen Protagonisten zu Karikaturen werden zu lassen. „Obwohl die Figuren nur mit wenigen Strichen gezeichnet sind, entfalten sie eine Tiefe“, erklärte die Jury.
Die Jury stellte auch heraus, dass der Regisseur sich für eine Handlung als moralisches Laboratorium entschieden habe. Das bewirke eine gewisse Konstruiertheit des Films, indem die verschiedenen Varianten auf die Figuren aufgeteilt werden. Diese Entscheidung werde von Panahi konsequent und gewinnend durchexerziert, lobte die Jury. Seine hohe Überzeugungskraft gewinnt der Film auch durch seine formale Reduktion: Die einfache Ausgangssituation wird durch Wiederholung, Zweifel und Perspektivwechsel aufgeladen, so die Jury. „Die dramaturgische Spannung entsteht weniger aus äußeren Konflikten als aus der Frage nach Gewissheit (wer ist Täter, wer Opfer, und wer darf darüber urteilen?) und den daraus resultierenden sozialen Dynamiken.“ Die langen Einstellungen, unaufdringliche Kameraarbeit und ein präzises Sounddesign schaffen Raum für Ambivalenzen. Als bemerkenswert hob die Jury außerdem den gezielten Einsatz von trockenem, mitunter absurdem Humor hervor. Dieser unterlaufe die Schwere des Themas nicht, sondern breche sie menschlich.
Die Qualität des Films zeigt sich für die Jury auch in einem grundsätzlichen Paradox: „Ein einfacher Unfall“ sei einerseits ein leiser, hochkonzentrierter Film, dessen politische Schärfe aus seiner formalen Klarheit erwächst. Gleichzeitig spreche aus dem Film aber auch die ungeheure Wut auf ein willkürlich-diktatorisches Regime. Eine Wut, der ausgefeilte Sequenzen, die Gestaltung der Figuren und emotionale Szenen einen filmisch überzeugenden Ausdruck verleihen. Am Ende stehe daraus ein Plädoyer für die heilsame Kraft von Reue und Vergebung, so die Jury.
„Ein einfacher Unfall“ läuft ab 8. Januar in den deutschen Kinos.
Hinweis
Der „Kinotipp der Katholischen Filmkritik“ hebt Filme hervor, die in besonderer Weise religiöse Themen aufgreifen, von menschlichen Nöten, Sorgen und Hoffnungen erzählen und Antworten auf existenzielle Fragen formulieren.