Szenenbild aus Béla Tarrs "Satanstango" (© Curzon)

Silberling: Béla Tarr - A Curzon Collection (Limited Edition)

Aktualisiert am
09.01.2026 - 21:40:42
Diskussion

DVDs, Blu-rays und 4K-UHDs sind nicht nur Trägermedien für Filme, sondern bieten durch ihre Aufmachung und ihr Bonusmaterial einen beträchtlichen Mehrwert. Die besten dieser Editionen zeichnet der Filmdienst mit dem „Silberling“ aus. Dazu gehört die in Großbritannien erschienene, aber auch nach Deutschland importierbare Box „Béla Tarr - A Curzon Collection“, in der erstmals alle greifbaren Arbeiten Béla Tarrs auf Blu-ray erhältlich sind. Und das in einer Ausstattung, die keine Wünsche offen lässt und einen guten Zugang zum herausfordernden, spröden Werk Tarrs eröffnet. 

 

Als 2023 György Fehérs „Twilight“ („Szürkület“) von 1990 im Rahmen der „Berlinale Classics“ restauriert Premiere feierte, rückte auch ein anderer ungarischer Titan des Arthouse-Films wieder in den Fokus, dessen letzte Arbeiten auch längst von den Leinwänden der Welt verschwunden waren. Béla Tarr hatte Fehér für sein tristes, archaisches Meisterwerk einer Genre-Dekonstruktion als Berater zur Seite gestanden. Offensichtlich waren die beiden Ungarn nicht nur befreundet, sondern auch seelenverwandt. Denn was Fehér mit Dürrenmatts Idee vom Krimi „Es geschah am hellichten Tag“ (verfilmt unter anderem 1958 von Ladislao Vajda, mit Heinz Rühmann und Gert Fröbe in den Hauptrollen) anstellte, unternahm Tarr später im gleichen Maße mit der Georges-Simenon-Verfilmung „The Man from London“ (2007). Er entschleunigte das Krimi-Genre in schier nicht enden wollenden Plansequenzen fast zum Stillstand und extrahierte in ebenso betörendem wie deprimierendem Schwarz-weiß das Drama und die Tragödie aus dem Krimistoff.

 

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Sowohl Fehér als auch Tarr sind für die große Leinwand längst vergessen – Fehér starb mit gerade 63 Jahren 2002 und Tarr mit 70 Jahren am 6. Januar 2026, wobei seine letzte Filmpremiere „Das Turiner Pferd“ (2011) auch schon eine gefühlte Ewigkeit her ist. Auch für das Heimkino schienen die Werke der beiden quasi verloren, da sich beide Regisseure mit der Transformation auf ein anderes Medium als dem 35mm-Film sehr schwertaten. Tarr outete sich in Interviews sogar als dezidierter Gegner des Digitalen, zumindest als Aufnahmeverfahren. Doch auch er hat sich am Ende der Zeitenwende ergeben müssen. Denn die Alternative wäre, sein aus zehn Lang- und fünf Kurzfilmen bestehendes Werk für die Öffentlichkeit verschwinden zu lassen. Maßgeblich sind es britische Kontakte gewesen, die den widerspenstigen Regisseur zumindest mit den archivarischen Vorteilen des Digitalen versöhnt haben.

Während in Deutschland nicht einmal DVDs seiner Werke erhältlich sind, sieht es in den Nachbarländern besser aus. Aber spätestens mit dem „Weihnachtsgeschenk“, das der britische Rechteinhaber Curzon Film der Cineastengemeinde gemacht hat, offenbart sich Liebhabern des osteuropäischen Kunstkinos ein wahres Fest. Mit „Béla Tarr - A Curzon Collection“ sind erstmals alle greifbaren Arbeiten Béla Tarrs auf Blu-ray erhältlich. Und nicht nur das: Die Box selbst gehört zu den wertigsten Veröffentlichungen seit Jahren und ist auch aus filmhistorischer Sicht ein Highlight. Denn nicht nur mit Billigung und unter Aufsicht des Regisseurs sind hier die Filme restauriert und transferiert worden, auch Interviews mit Weggefährten und ein 80-minütiges Diskussions-Portrait „Béla Tarr in Conversation with Howard Feinstein“ mit Szenenausschnitten (in englischer Sprache) sind in der stabil aus Leinenkarton gefertigten 8-Disk-Edition verborgen.

Sämtliche Filme sind zumindest englisch untertitelt, wobei sich die Dialoge meist ohnehin der Bildchoreografie unterordnen. Es ist immer eine Herausforderung, sich dem spröden Werk des ungarischen Filmemachers zu stellen, aber dank der editorischen Meisterleistung von Curzon wird mit der Box ein bestmöglicher Zugang dazu eröffnet. Ein Highlight ist nicht nur die grafische Aufarbeitung mit extra für die Edition angefertigten, vom Werk Tarrs inspirierten Artworks von Mark Towers (auch als Drucke in DIN-B- & A3-Formaten enthalten). Sehr erhellend sind auch die Essays und Analysen im beigelegten 68 Seiten starken Booklet, die das Werk zu entschlüsseln helfen. Dabei scheinen die nicht geringen Anschaffungskosten von um die 90 Euro mehr als gerechtfertigt. Werk und Edition gehen hier Hand in Hand und sind eine Offenbarung!

Übrigens ist auch György Fehérs „Twilight“ seit Herbst 2023 in der auf der Berlinale gezeigten rekonstruierten Fassung mit ausführlichem Bonusmaterial in Großbritannien auf Blu-ray erhältlich (Second Run Verleih).

 

 

Diskografische Hinweise:

Béla Tarr | A Curzon Collection - Limited Edition (8 BDs). Keine deutsche FSK-Freigabe, daher ab 18. Veröffentlichung: 15.12.2024 (Großbritannien)

Die Filme:

„Family Nest“ („Családi tűzfészek“, 1979) – HD

„The Outsider“ („Szabadgyalog“, 1981) – HD

„The Prefab People“ („Panelkapcsolat“, 1982) – SD

„Macbeth“ (TV, 1982) – SD

„Autumn Almanac“ („Őszi almanach“, 1984) – SD

„Damnation“ („Kárhozat“, 1988) – HD

„Sátántangó“ (1994) – HD, 4K-Restaurierung

„Werckmeister Harmonies“ („Werckmeister harmóniák“, 2000) – HD, 4K-Restaurierung

„The Man From London“ („A londoni férfi“, 2007) – HD

„The Turin Horse“ („A torinói ló“, 2011) – HD, englische Untertitel

Bonusmaterialien:

„Hotel Magnezit“ (1978, Kurzfilm), „Cinemarxisme“ (1979, Kurzfilm), Diplomafilm (1979, Kurzfilm), „Journey on the Plain“ (1995, Kurzfilm), „Prologue“ (2004, Kurzfilmsegment aus „Visions of Europe“), „Béla Tarr in Conversation with Howard Feinstein“ (84 Min.), Trailer sowie längere Interviews mit Béla Tarr, Mihály Víg und Miklós Székely B.

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