Cover des Comics "Romy Schnieder: Ich bin nicht mehr Sissi" (© Splitter Verlag)

Romy Schneider – Ich bin nicht mehr Sissi

Ein Comic widmet sich Romy Schneiders Versuch, dem Sissi-Image zu entfliehen und sich im Frankreich der 1960er-Jahre künstlerisch zu finden.

Aktualisiert am
22.01.2026 - 13:50:46
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Der französische Comicautor Stéphane Betbeder hat zusammen mit dem Zeichner Rémi Torregrossa eine Comic-Biografie von Schauspiel-Star Romy Schneider vorgelegt, die auf die späten 1950er- und die 1960er-Jahre und Romys Bestrebungen fokussiert, das „Sissi“-Image loszuwerden und sich als Charakterdarstellerin zu etablieren. Dabei geht es primär um die schauspielerische Arbeit, Privates wie die Liaison mit Alain Delon fließt nur ein, wo es unmittelbar damit zusammenhängt.

 

Viele Schauspieler:innen kennen die zwei Seiten einer Paraderolle: Sie verschafft einem einerseits Karriere-Chancen, aus ihr erwächst andererseits aber auch ein enges Korsett an Erwartungshaltungen. Das ist heute nicht anders als früher. Doch die Zahl derer, die sich bewusst und selbstbestimmt gegen dieses Korsett auflehnen, mit dem großen Risiko des Misserfolgs, war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sicher geringer als heute, wo der Wechsel zwischen Blockbuster und Arthouse fast schon zum guten Ton gehört. Unter den weiblichen Stars war das Aufbegehren gegen die Erwartungshaltung der Filmindustrie und des Publikums noch riskanter, die Missachtung lauter. Die wohl bekanntesten weiblichen Stars in Deutschland, die sich zu dieser Zeit diesem Risiko aussetzten und dafür (in Deutschland) zum Teil Hass und Häme ernteten, sind Hildegard Knef und Romy Schneider. Zu beiden sind gerade Comics auf Deutsch erschienen. Dass der Comic „Romy Schneider. Ich bin nicht mehr Sissi“ (Splitter Verlag) im Gegensatz zu „Die Knef“ von dem deutschen Zeichner Moritz Stetter (Carlsen Verlag) von einem französischen Autoren- und Zeichner-Team realisiert wurde, ist nicht so verwunderlich, beschäftigt sich der Band doch vor allem mit Romy Schneiders Zeit in Frankreich.

 

Das "Sissi"-Image hat Romy Schneider zum Star gemacht, wird der jungen Schauspielerin aber schnell zur Last
Das "Sissi"-Image hat Romy Schneider zum Star gemacht, wird aber schnell zur Last (© Splitter Verlag)

 

Der 1971 geborene Stéphane Betbeder, nicht verwandt mit dem Regisseur Sébastien Betbeder, hat sich schon früh für Comics, aber auch Film interessiert. In Angoulême studierte er neben Kunst auch Fotografie und Film und hat sich nach dem Studium mit experimentellem Film beschäftigt. Die Ambitionen, als Comiczeichner Karriere zu machen, hat er schon früh aufgegeben. Für den Comic über Romy Schneider fungiert er als Autor, überlässt aber die um Realismus und Detailgenauigkeit bemühten Zeichnungen seinem 16 Jahre jüngeren Kollegen Rémi Torregrossa. Die Leidenschaft für Comics hat Betbeder nie verloren. Seit Jahren ist er schon ein gefragter Autor, und für „Romy Schneider“ finden nun seine Interessen Comic und Film zusammen.

 

Sich in Paris neu erfinden

Betbeder hakt den steilen Beginn von Romy Schneiders Karriere seit 1953 (in ihrem Debüt „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“ ist sie 14 Jahre alt) relativ schnell ab: Die ersten Filme unter anderem mit Horst Buchholz, die Filme, in denen sie gemeinsam mit ihrer Mutter Magda Schneider auftritt und auch die drei „Sissi“-Filme von Ernst Marischka zwischen 1955 und 1957, mit denen sie Weltruhm erlangt, werden knapp abgehandelt, obwohl es in den letzten Jahren ein überraschendes Interesse an „Sissi“ gab, das immerhin Serien für RTL und Netflix sowie die Kinofilme „Corsage“ und „Sisi & Ich“ hervorbrachte. Betbeder interessiert vor allem Schneiders weniger beleuchteter Versuch, ab 1958 zunächst erfolglos in Paris und an der Seite von Alain Delon ihrem lieblichen Image in Deutschland zu entkommen. In Paris trifft sie schließlich auf Luchino Visconti, der sie – zwar aus einer traditionsreichen Schauspielerfamilie, aber ohne Theatererfahrung, sogar ohne Schauspielausbildung – für seine Bühnen-Inszenierung der im 17. Jahrhundert entstandenen Tragödie „Schade, dass sie eine Hure ist“ besetzt. Singen muss sie dort auch, und das alles auf Französisch, in einer Sprache also, die sie erst lernen muss.

Spielt im Comic eine wichtige Rolle: Romys Theaterarbeit für Luchino Visconti
Spielt im Comic eine wichtige Rolle: Romys Theaterarbeit für Luchino Visconti (© Splitter Verlag)

 

Nach einer schwierigen Vorbereitungszeit – auch weil Visconti nicht gerade zimperlich mit seinen Darsteller:innen umgeht – ist die Premiere im Jahr 1961 ein großer Erfolg. Romy Schneider wird nur ein weiteres Theaterengagement annehmen, aber ab 1961 folgen durch den Erfolg mit Visconti zahlreiche französische und internationale Filme, in denen sie ihr großes Talent und ihre arbeitsintensive Hingabe an ihre Rollen voll ausleben kann.

Mit dem fordernden Visconti, dem sie im Comic bei den Dreharbeiten zu Viscontis Episode in „Boccaccio 70“ entgegenschleudert: „Sie wollen, dass ich mich emanzipiere? Dann fangen Sie an, mich als Frau zu respektieren … und als Schauspielerin.“ Aber auch mit Claude Sautet, Orson Welles, Otto Preminger, Jacques Deray, Joseph Losey, Costa-Gavras, Bertrand Tavernier und vielen anderen dreht sie erfolgreich Filme. Betbeder konzentriert sich auf die beruflichen Aspekte ihres Lebens und lässt Privates, so die Beziehung zu Delon, nur einfließen, wenn es im Zusammenhang mit ihrer Arbeit steht. Boulevardeske Spekulationen sind Betbeder fern, und es gibt ihrer ja auch schon zur Genüge. Trotzdem überrascht es, dass Romy Schneiders Suizidversuch nach der Trennung Alain Delons komplett unerwähnt bleibt.

Die im Detail vielfach fiktionalisierte Handlung springt gar von den ersten internationalen Erfolgen Anfang der 1960er-Jahre direkt ins Jahr 1968, als sie Delon für den Dreh von „Der Swimmingpool“ wiedertrifft. Betbeder schildert das Wiedersehen überschwänglich. Von Romy Schneider ist über den Dreh mit Delon allerdings der Satz überliefert: „Ich empfinde nichts mehr, es ist, als ob ich eine Mauer umarme.“

 

Vieles bleibt unerwähnt

Die vorherige Rückkehr nach Deutschland Mitte der 1960er-Jahre, die dort entstandenen Filme, ihre erste Ehe, das erste Kind – all das bleibt im Comic unerwähnt. Und er endet bereits mit dem Zusammentreffen mit Claude Sautet, mit dem Romy Schneider in den 1970er-Jahren sechs Filme drehen sollte – mehr als mit jedem anderen Regisseur. Ein Epilog schildert detailliert die berühmte Unfallszene von „Die Dinge des Lebens“ (1970) von Sautet, in der die Figur von Romy Schneider den Unfallort ihres Geliebten, dargestellt von Michel Piccoli, erreicht. Die vielen Filme der 1970er-Jahre, in denen Schneider ihr leicht laszives Image der 1960er-Jahre, eingekleidet von Coco Chanel, zu einer modernen, oft von Schicksalsschlägen heimgesuchten Frau ändert, fehlen in dieser Biografie ebenso wie ihre echten Schicksalsschläge – die Trennung von ihrem Mann, ein großer Schuldenberg durch viele Nutznießer um sie herum und schließlich das größte private Drama, der Unfalltod ihres 14-jährigen Sohns. Das alles wird sie schließlich neben der fatalen Mischung aus hohem Anspruch, mangelndem Selbstvertrauen und großer emotionaler Sensibilität in die Alkohol- und Tablettensucht und schließlich in den Tod treiben. Aber auch davon erzählt der Comic nicht, der die späten 1950er- und 1960er-Jahre verhandelt.

Das Comic-Porträt fokussiert auf den Wandel der 1950er, 1960er und blendet vieles aus
Das Comic-Porträt fokussiert auf den Wandel und blendet dabei vieles aus (© Splitter Verlag)

 

Zeichner Rémi Torregrossa liefert solide Arbeit, deren einzige Besonderheit jedoch die monochrome Einfärbung der Zeichnungen ist, die je nach Zeitabschnitt wechselt. Hier und da hat Torregrossa aber mit den Gesichtszügen seine Probleme, so dass der Lesefluss durch das Erraten der Personen das eine oder andere Mal ins Stolpern gerät.

Aus französischer Sicht mag Stephane Betbeders Konzentration auf Romy Schneiders erste Jahre in Frankreich nachvollziehbar sein, dass die 1970er-Jahre komplett außen vor bleiben, ist jedoch schade. Gerade die Zusammenarbeit mit Sautet hätte man gerne so detailliert geschildert gesehen wie die mit Visconti. Und die periodisch eingeflochtenen, visuell gleichermaßen an Sissi wie an finstere Märchen erinnernden Kindheitserinnerungen an ein spekulatives gemeinsames Zusammentreffen mit ihrer Mutter und Adolf Hitler, die in dem erschrockenen Ausruf mündet: „Mami, warst du ein Nazi?“, sind dann doch sehr plakativ.

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