Am 17. Januar 2026 wurden in Berlin die Europäischen Filmpreise 2025 vergeben. Erstmals fand die Gala nicht im Dezember, sondern Anfang des kommenden Jahres statt, mitten in der Preisverleihungssaison, kurz vor Bekanntgabe der „Oscar“-Nominierungen. Das soll zu mehr medialer Aufmerksamkeit führen. Große Gewinner waren die Filme „Sentimental Value“ von Joachim Trier mit sechs Preisen und „Sirât“ von Óliver Laxe, der fünf Preise auf sich vereinte.
Nur in einem kann die Verleihung der Europäischen Filmpreise gegenüber den „Oscars“ wirklich punkten: sie dauert deutlich länger. Fast vier Stunden Zeit nahm man sich beim Neustart am 17. Januar 2026 in Berlin, um zahllose bedeutende wie weniger bedeutende Preise zu verleihen. Es begann mit einem Paukenschlag, noch vor der langen Preiszeremonie. Der iranische Regisseur Jafar Panahi kam auf die Bühne und hielt einen flammenden Appell gegen das Mullah-Regime. „Wer jetzt noch schweigt, trägt zur Dunkelheit bei“, lautete einer seiner nachhaltigen Sätze. Übersetzt wurde seine auf Persisch gehaltene Rede von einer KI, deren Verschriftlichung mit einer kleinen Verzögerung auf einer Texttafel erschien. An dieser sprachlichen „Lösung“ wurde während der ganzen Preisgala deutlich, was Stärke und Schwäche dieser Europäischen Filmpreise ausmacht: Auf eine gute Idee folgt meist eine schlechte. Denn endlich durften die Preisträgerinnen und Preisträger wieder vermehrt in ihren Muttersprachen sprechen; das bemühte Zwangsenglisch war passé. Doch die Übersetzungen einer Firma zu überlassen, die live per KI Übertitel erstellt, erwies sich als freiwillig komisch. Aus Liv Ullmann, die einen Ehrenpreis erhielt, wurde dann kurzzeitig „Leave“, bevor die KI sich auf „Liv“ korrigierte.
Als István Szabó akustisch zugeschaltet wurde und auf Ungarisch den Moderator Toni Servillo ankündigte, streikte die Künstliche Intelligenz. Szabos ungarische Sätze wurden genauso wie die italienische Einführung von Toni Servillo nicht mehr ins Englische übertragen. Erst Minuten später erfolgte eine Übersetzung aus dem Ungarischen. Man kann darüber schmunzeln oder sich lustig machen. Schön, dass die KI versagt! Schade nur, dass man bei einer so wichtigen Veranstaltung nicht auf bewährte Live-Dolmetscher setzt, also Menschen, die das definitiv besser beherrschen.
Momente für Millionen
Mitbekommen haben das aber nur die 1000 geladenen Gäste im „Haus der Kulturen der Welt“ und all jene, die im Stream live mit dabei waren. Telegen ist die Verleihung schon lange nicht mehr, und das ist schon allein deshalb so bedauerlich, weil es auch schöne Momente gab, die es wert gewesen wären, von einem europäischen Millionenpublikum live im Fernsehen gesehen zu werden. So hielt die als beste Schauspielerin für ihre Rolle in „Sentimental Value“ ausgezeichnete Renate Reinsve eine emotional bewegende Rede und dankte ihren beiden jüngeren Schwestern, die immer so gut auf die Ältere aufgepasst hätten. Passend zu ihrem Familienfilm erwähnte sie auch, dass sie alle Preise ihrem Sohn gebe. „Sentimental Value“ war der große Triumphator des Abends und drehte in gewisser Weise die Cannes-Entscheidung um, bei der Juliette Binoche als Jurypräsidentin Jafar Panahis „Ein einfacher Unfall“ mit der „Goldenen Palme“ gekürt hatte, während „Sentimental Value“ den „Großen Preis der Jury“ erhielt.
In Berlin fungierte Juliette Binoche erneut als Übergeberin des Hauptpreises. Diesmal in ihrer Funktion als Präsidentin der Europäischen Filmakademie. Insgesamt sechs Preise erhielt „Sentimental Value“ um einen schwedischen Vater und lange erfolgreichen Regisseur, der sich nie um seine Töchter in Norwegen gekümmert hatte, jetzt aber einen Film mit ihnen drehen will. Neben der Auszeichnung als bester Film wurden auch Joachim Trier für die beste Regie und Stellan Skarsgård als bester Schauspieler geehrt. Erfreulich war, dass die fünf als beste Darsteller nominierten Kandidaten alle nach Berlin kamen. Bei den nominierten Frauen waren es immerhin vier von fünf. So konnten Vicky Krieps, Valeria Bruni Tedeschi oder Renate Reinsve in ganz unterschiedlich schönen Roben über den Roten Teppich laufen oder Mads Mikkelsen, Toni Servillo und Stellan Skarsgård im schicken Smoking für ein wenig Starpower sorgen.
Hoffnung auf größere Relevanz
Damit ging das Pokerspiel auf, dass bei dem neuen Termin Mitte Januar nach den „Golden Globes“, aber noch vor der „Oscar“-Verleihung mehr Nominierte zur Preisverleihung kommen, weil sie gewissermaßen von einem Event zum anderen reisen. 37 Jahre lang wurde der Europäische Filmpreis Anfang Dezember verliehen, alle zwei Jahre in Berlin und dazwischen in einer wechselnden europäischen Metropole. Vom neuen Termin erhofft man sich vor allem eine größere mediale Aufmerksamkeit. Dieses Kalkül könnte durchaus aufgehen, auch wenn die diesjährige Verleihung insgesamt als interessant misslungen einzustufen ist.
Deutliche Akzente wurden durch die Auswahl der Preisträger gesetzt. Politische Filme wie „Ein einfacher Unfall“ und „Die Stimme von Hind Rajab“ gingen leer aus. In dem Hybridfilm von Kaouther Ben Hania geht es um das erschütternde Schicksal des palästinensischen Mädchens, das verzweifelt am Telefon um Hilfe fleht. Die filmisch zwiespältige Kombination aus dokumentarischen Tonaufnahmen und fiktionalisierten Spielfilmszenen wurde schon allzu oft für einen israelischen Kulturboykott instrumentalisiert. Im Fall von „Ein einfacher Unfall“ kann man bedauern, dass „Sentimental Value“ als einziger Film fast alle Preise abräumte und andere Werke dadurch außen vorbleiben. Erstaunlicherweise gab es aber mit „Sirât“ einen weiteren Film, der fast alle technischen Nebenpreise gewann, unter anderem auch den Preis für die beste Kamera. Der deutsche Film „In die Sonne schauen“ gewann am Ende nur den Preis für die besten Kostüme.
Positiv lässt sich zusammenfassen: Die Europäische Filmakademie entschied sich für zwei Werke, die vor allem filmisch überzeugen, der eine durch eine komplexe und emotionale Familiengeschichte in bester Ingmar-Bergman-Tradition, der andere durch seine apokalyptische Stimmung und brillante Bild- und Tonebene. Weniger originell waren die Nominierungen an sich, die eher ein bewährtes „Best of“ des europäischen Kinojahres abbildeten, als die Vielfalt der unterschiedlichen Stimmen und Charaktere nachzuzeichnen. Von den fünf nominierten Spielfilmen liefen vier im Wettbewerb von Cannes und einer in Venedig. Filme aus Osteuropa wurden gar nicht mehr nominiert. Auch das französische Kino erhielt lediglich eine Nominierung für Léa Drucker als beste Darstellerin in der packenden Etüde über Polizeigewalt „Dossier 137“. Insofern bleibt als Fazit nur die Erkenntnis, dass nicht nur die Verleihung, sondern auch die Europäischen Filmpreise insgesamt noch viel Luft nach oben haben, um wirklich auf sich aufmerksam zu machen und international wahrgenommen zu werden.
Die Gewinner der 36. Europäischen Filmpreise
Europäischer Spielfilm
„Sentimental Value“ von Joachim Trier
Europäischer Dokumentarfilm
„Fiume o morte!“ Von Igor Bezinović
Europäische Entdeckung – Fipresci Preis
„On Falling“ von Laura Carreira
Europäischer Animationsfilm
„Arco“ von Ugo Bienvenu
Europäischer Kinderfilm
„Siblings“ von Greta Scarano
Europäischer Kurzfilm
„City of Poets“ von Sara Rajaei
Europäische Regie
Joachim Trier für „Sentimental Value“
Europäische Darstellerin
Renate Reinsve für „Sentimental Value“
Europäischer Darsteller
Stellan Skarsgård in „Sentimental Value“
Europäisches Drehbuch
Eskil Vogt, Joachim Trier für „Sentimental Value“
Europäisches Casting
Nadia Acimi, Luís Bértolo, María Rodrigo für „Sirât“
Europäische Kamera
Rasmus Videbæk für "King's Land"
Europäisches Szenenbild
Laia Ateca für „Sirât“
Europäisches Kostümbild
Sabrina Krämer für „In die Sonne schauen“
Europäischer Schnitt
Cristóbal Fernández für „Sirât“
Europäische Make-Up- und Frisurengestaltung
Torsten Witte für „Bugonia“
Europäische Filmmusik
Hania Rani für „Sentimental Value“
Europäisches Sounddesign
Yasmina Praderas, Amanda Villavieja, Laia Casanovas für „Sirât“
Europäische Visuelle Effekte
Félix Bergés, Laura Pedro für „Sirât“
Lebenswerk
Europäischer Beitrag zum Weltkino
Eurimages Co-Produktionspreis
Maren Ade, Jonas Dornbach, Janine Jackowski
Hinweis
Eine Übersicht über alle Gewinner der Europäischen Filmpreise findet sich auf der Website der Europäischen Filmpreise.