Astrid Lindgren (1907-2002) (© imago/Dreamstime)

Astrid Lindgren einmal anders

Interview mit Wilfried Hauke über die Hintergründe des Dokudramas „Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“

Aktualisiert am
12.02.2026 - 10:34:06
Diskussion

Mit ihren Kinderbüchern wurde Astrid Lindgren weltberühmt. Weniger bekannt ist, dass sie während des Zweiten Weltkriegs Tagebücher schrieb, die 2015 veröffentlicht wurden. Sie bilden die Grundlage des Dokudramas „Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“ (jetzt im Kino). Darin begegnet man einer scharfsinnigen Chronistin, die als frühe Feministin und engagierte Humanistin ihrer Zeit weit voraus war. Ein Gespräch mit dem Regisseur Wilfried Hauke.

 


Wie sind Sie auf die Tagebücher als Filmstoff aufmerksam geworden?
Wilfried Hauke: Ich habe das Buch von einem Freund in die Hand gedrückt bekommen, der wusste, dass ich mich für nordische Literatur und Filme interessiere. Der Stoff hat mich zunächst aber gar nicht angesprochen, weil ich glaubte, dass ich mit Astrid Lindgren schon lange durch bin. Ich hatte meinen Kindern all die schönen Märchenbücher von „Pippi Langstrumpf“ bis „Bullerbü“ vorgelesen. Doch irgendwann habe ich den Band dann doch wieder aus dem Regal gezogen. Lindgrens Sprache und ihr literarischer Stil haben mich in Bann gezogen. Das war sehr berührend und weit von dem entfernt, was man primär mit ihr verbindet, nämlich Kinderliteratur. Die Tagebücher enthalten dagegen scharfsinnige Analysen der Ereignisse aus dem Zweiten Weltkrieg. Dazu kommen Reflexionen über Fragen wie „Was tut der Krieg mit mir?“, „Wie sieht mein Alltag in Schweden aus?“ In diesen Zeilen trat eine andere Astrid Lindgren hervor. Deshalb habe ich bei ihrer Familie angefragt. Die hatte allerdings kein Interesse an einer Verfilmung. Es war gerade der Spielfilm „Astrid“ (2018) von Pernille Fischer Christensen erschienen. Offensichtlich war es darüber zu Problemen zwischen der Produktionsfirma und der Astrid Lindgren Company gekommen, die alle Rechte am Werk der Schriftstellerin verwaltet. Die Familie stieß sich an der Darstellung der sexuellen Neugierde der jungen Astrid. Weiteren Projekten zu ihrer Biografie stand man ablehnend gegenüber. Vor allem fürchtete man weitere spekulative Interpretationen ihres Lebens. Daraufhin habe ich das Vorhaben zunächst einmal ruhen lassen.

Sofia Pekkari als Astrid in Lindgren
Sofia Pekkari als Astrid in Lindgren (© Farbfilm)

 

Es hat dann zehn Jahre gedauert, bis Sie den Film über die Tagebücher realisieren konnten.
Hauke: Nach der Corona-Pandemie habe ich neu angesetzt. In der Company hatte sich einiges getan; die Kinder und Enkel hatten die Leitung übernommen. Man war plötzlich nicht abgeneigt. Ich weiß inzwischen auch, warum. Die Ikone Astrid Lindgren droht in Schweden allmählich zu verblassen. Das gilt nicht nur für die Kinderbücher; auch das andere Wissen über sie nimmt ab, über ihre Bedeutung für die schwedische Gesellschaft, über Astrid Lindgren als Feministin oder auch über ihr Engagement gegen die regressive Steuerpolitik. Lindgren war eine streitbare Frau, die gerne mal ihre Meinung sagte, auch zu kontrovers diskutierten Themen.

Warum wurden die Tagebücher erst 70 Jahre nach dem Kriegsende veröffentlicht?
Hauke: Astrid Lindgren ist 2002 in Stockholm gestorben. Der Korb mit den Tagebüchern stand in einem begehbaren Kleiderschrank hinter dem Schlafzimmer. Die Familie hat wichtige Dokumente erst nach und nach an die Königliche Bibliothek übergeben. Die große Büchersammlung und einige Briefe und persönliche Dokumente verblieben in der Wohnung, auch die Kriegstagebücher, die Lindgren bis 1945 geschrieben hat. 2015 lief die 70-jährige Schutzfrist im Urheberrecht ab; das war der Grund, dass man über eine Veröffentlichung nachdachte.

Astrids Tochter Karin Nyman war der Ansicht, dass die handgeschriebenen Tagebücher transkribiert werden sollten, damit die Enkel und Urenkel verstehen, was im Zweiten Weltkrieg los war, als Lindgren die Geschichten von Pippi Langstrumpf zu schreiben begann. Als die Texte transkribiert vorlagen, hat die Enkelin Annika Lindgren sie gelesen und verlangt, dass sie veröffentlicht werden. In der Familie wurde intensiv darüber diskutiert. Am Ende war man überzeugt, dass es Lindgren recht gewesen wäre, wenn ihre Aufzeichnungen ein breites Publikum fänden. Denn was sie darin schreibt, ist zeitlos und existenziell wichtig. Es ist ein Statement gegen Inhumanität, Diktatur, Totalitarismus und psychopathische Männer, die sich in Europa zu Machthabern aufschwangen.

Warum haben Sie als filmische Form eine Kombination aus historischem Bildmaterial, Interviews und kurzen Spielszenen gewählt?
Hauke: Die große Frage war: Wie soll man ein Tagebuch verfilmen? Zu Beginn habe ich den Lindgrens vorgeschlagen, dass wir ein Interview mit ihrer Tochter Karin machen. Später kamen Interviews mit der Enkelin Annika und dem Großenkel Johan Palmberg hinzu. Es war mir aber auch wichtig, dass man die Tagebücher auch sieht, die die Familie wie einen Schatz gehütet und in einem Tresor an einem geheimen Ort aufbewahrt hat. Die Familie stimmte zu, dass sie auf dem Tisch liegen und man darin blättern darf.
Um sichtbar zu machen, was Lindgren vom Krieg gesehen oder in den Straßen von Stockholm beobachtet hat, brauchten wir historische Bewegtbilder. Wir wurden in den Archiven fündig und zeigen historische Aufnahmen, die teilweise erstmals zu sehen sind. Etwa von einem Wochenmarkt in der Nähe ihrer Wohnung. Sie geben Einblicke in den Alltag in Stockholm, das vom Krieg ja verschont bleibt. Wir haben außerdem Bildmaterial vom Kriegsverlauf ausgewählt, das eher eine subjektive, innerliche Perspektive repräsentiert.

Regisseur Wilfried Hauke
Regisseur Wilfried Hauke (© imago/Eventpress)

 

Was hat Sie bewogen, die Texte der Tagebücher im Film hörbar zu machen, also Lindgren sozusagen eine Stimme zu geben?
Hauke: Mir war klar, dass ich eine Stimme brauche, denn das Tagebuch muss zu uns sprechen. Es ist auch wichtig, Lindgren beim Schreiben des Tagebuchs in ihrem Umfeld zu erleben. Das stärkste emotionale Element des Films ist, wenn sie direkt zum Publikum spricht. Wenn sie mit Blick in die Kamera emotional abwägt und die Zuschauer zum Dialogpartner macht. Deshalb brauchten wir eine passende Schauspielerin. Beim Casting mit sechs schwedischen Kandidatinnen setzte sich Sofia Pekkari durch. Ihr gelang es am besten, zwischen sachlicher Erzählung und emotionaler Betroffenheit zu balancieren. Dass dieses „Direct Eye“ zum filmisch-ästhetischen Prinzip wurde, kristallisierte sich aber erst im Schnitt heraus, der mit 80 Tagen ungewöhnlich lang war.

Konnten Sie frei aus der Materialfülle der Tagebücher auswählen?
Hauke: Ja, es gab keine Beschränkungen. Die einzige Beschränkung der Lindgren-Familie bestand darin, nur Texte aus dem Tagebuch zu nehmen. Ich habe dann aber doch einige ergänzende Griffe erlaubt und kürzere autobiografische Texte von Lindgren mitverwendet. Das war dann auch okay. Die 17 originalen Hefte ergeben in der deutschen Übersetzung gedruckt 576 Seiten. Aus diesem umfangreichen Material musste ich auswählen. Dabei bleibt es nicht aus, dass sich darin mein künstlerischer Zugriff niederschlägt.
Hatte die Lindgren-Familie bei der Auswahl des Ensembles ein Mitspracherecht?
Hauke: Bei so einem Projekt, an dem die Familie mitwirkt, geht es auch ans Eingemachte. Wir hatten daher drei Punkte festgelegt: Der Text darf nur aus dem Tagebuch stammen, es gibt keine Dialoge, aber ein Mitspracherecht bei der Besetzung. Es gab aber keine Abnahmeregelung, nach dem Motto: „Wir sehen den Film und sagen, was geht und was nicht geht.“

Der Film übernimmt den Titel der Buchvorlage „Die Menschheit hat den Verstand verloren“. Worauf bezieht sich dieses Zitat?
Hauke: Es stammt von Astrid Lindgren. Sie hat es 1942 geschrieben, als immer klarer wurde, dass sich der Krieg zu einem Weltkrieg auswächst. Im Dezember 1941 traten die USA in den Krieg ein und mehrten sich Informationen über Deportationen von Juden im Deutschen Reich. Als der deutsch-sowjetische Krieg auf Stalingrad zusteuerte, verbreitete sich das Gefühl, dass die Apokalypse naht. Das schlägt sich auch deutlich im Tagebuch nieder. Es enthält aber auch lange Passagen, in denen sie nur den schwedischen Alltag festhält. Sehr spannend wird es, als 1944 allen klar war, dass der Krieg für Hitler-Deutschland übel ausgehen wird, und wie hoch der Preis ist. In dieser Zeit beginnt Astrid Lindgren, die „Pippi“-Geschichten aufzuschreiben, die sie ihrer Tochter in den Wintern erzählt hat, als Karin oft krank war. Und sie in die Ehekrise mit ihrem Mann Sture schlitterte.

Was hat Sie an den Tagebüchern und ihren Recherchen am meisten beeindruckt?
Hauke: Überrascht hat mich Lindgrens analytische Begabung, wenn sie die Kriegsereignisse verfolgt und erkennt, was da mental falsch läuft. Sie schreibt oft über die Unterschiede in den skandinavischen Ländern und entwickelt ein Gefühl dafür, was in den anderen Ländern gerade wichtig ist. Warum es in Norwegen eine starke Nazi-Fraktion gibt und der Faschist Vidkun Quisling als Chef einer Marionettenregierung eingesetzt werden konnte. Wie sich die Finnen so tapfer gegen die Russen wehrten, während die Dänen bis zum Abwinken mit den Nazis kollaborierten. Mit ihren eigenen Landsleuten geht Lindgren sehr kritisch ins Gericht, weil sie die deutschen Truppen durchs Land marschieren lassen und im Krieg weiter Eisenerz ans Deutsche Reich verkaufen.
Diese Analysen stammen von einer Mutter mit zwei Kindern, die als Sekretärin ausgebildet ist. Sie ist keine Historikerin, keine Kulturwissenschaftlerin, sondern eine Frau, die vom Bauernhof kommt, die viele Bücher liest und ein Talent fürs Erzählen hat. Das hat mich an diesem Tagebuch am meisten beeindruckt. Der entscheidende Punkt, darüber einen Film zu machen, war jedoch ein anderer. Hier versucht jemand, einen literarischen Stil zu finden, der zwischen dem Beobachtenden und dem Miterlebenden changiert. Das gelingt Lindgren in wachsendem Maße. Hier schreibt sich jemand frei.

Scharfsinnige Beobachterin ihrer Zeit: Sofia Pekkari als Astrid Lindgren
Scharfsinnige Beobachterin ihrer Zeit: Sofia Pekkari als Astrid Lindgren (© Farbfilm)

 

Für die Zensurstelle der schwedischen Post hat Lindgren im Auftrag des Geheimdienstes die Briefe von Menschen gelesen, die nach Schweden geflüchtet sind. Wie hat diese Arbeit ihre persönliche Entwicklung beeinflusst?
Hauke: Als Mensch war Astrid Lindgren sehr neugierig und wissbegierig. Ab 1937 arbeitete sie als Stenografin für Harry Söderman, einen schwedischen Professor für Kriminalistik. 1940 fragte er sie, ob sie in der Abteilung für Briefzensur des Nachrichtendienstes arbeiten möchte. Sie stimmte zu, fühlte sich gebraucht und in ihren Fähigkeiten wertgeschätzt. Diesen Job machten damals viele tausend schwedische Frauen. Sie lasen Militärpost, aber auch die private Post Geflüchteter, um kritische Stellen notfalls zu schwärzen, damit keine militärisch relevanten Informationen weitergegeben wurden. Lindgren sah diese Tätigkeit wohl als patriotische Pflicht an. Gleichzeitig schämte sie sich dafür, weil sie private Briefe las. Deswegen nannte sie das auch ihren „Schmutzjob“.

Wie hat sich Ihr eigenes Bild von Astrid Lindgren durch die Tagebücher und die Filmarbeiten verändert?
Hauke: Je häufiger ich den Film sehe, umso mehr Hochachtung habe ich vor dieser Frau, die etwas tut, was wir heute fast schon verlernt haben, nämlich Dinge zu benennen, die nicht richtig sind. Oder wo Lügen verbreitet werden und Menschen durch Fake News fehlgesteuert werden. Lindgren durchschaute die Mechanismen der damaligen Kriegspropaganda, auch in den schwedischen Zeitungen. Aber sie hatte niemanden, mit dem sie ihre Entrüstung teilen konnte. Allenfalls sprach sie mit ihrem Mann darüber. Aber sie schrieb es auf. Und fand darüber zu einer eigenen Handlungsethik. Sie formuliert ein humanistisches Manifest, dem sie später in ihren Kinderbüchern in Geschichten Gestalt gab. Die Lindgren-Familie ist der Ansicht, dass sie als Künstlerin das alles ganz aus sich herausgeschöpft hat. Ich sehe eher einen langen Entwicklungsprozess einer Frau, die beim Schreiben ihres Tagebuchs nicht nachlässt. Davon könnten wir uns heute eine Scheibe abschneiden.

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