Zwei Filme, die höchst originell zwischen allen Genres hin- und herspringen, führen das 98. „Oscar“-Rennen an. Bei Bekanntgabe der „Oscar“-Kandidaten am 22. Januar entfiel auf das Gangster-, Musik- und Vampirdrama „Blood & Sinners“ die neue Rekordzahl von 16 Nominierungen, gefolgt von 13 Nennungen für die Politthriller-Satire „One Battle After Another“. Deutschlands Hoffnungen mit „In die Sonne schauen“ erfüllten sich nicht, doch immerhin durfte sich der Komponist Max Richter über die Auswahl freuen.
Mit 13 Nominierungen in die „Oscar“-Nacht zu gehen, war bislang immer eine solide Basis, um sich als großer Favorit unter den Filmen des Jahres zu fühlen. Auch wenn sich dies nicht zwangsläufig im Gewinn der wichtigsten „Oscar“-Kategorie niederschlug – jüngstes Beispiel war erst im vergangenen Jahr „Emilia Pérez“, und „La La Land“ reichten 2017 bekanntlich sogar 14 Nominierungen nicht, um als Sieger ins Ziel zu gehen. Im Falle des jüngsten 13-fach genannten Films „One Battle After Another“ kommt noch eines dazu: Mit den am 22. Januar verkündeten Nominierungen für die „Academy Awards“ ist der Rekord, den „La La Land“ bislang gemeinsam mit „Alles über Eva“ und „Titanic“ (beides Gewinnerfilme) hielt, übertroffen worden: „Blood & Sinners“, in dem Regisseur Ryan Coogler munter ein historisches Gangsterdrama mit satter Bluesmusik und Südstaaten-Rassisten in Vampirgestalt kreuzte, wurde für nicht weniger als 16 „Oscars“ als Kandidat benannt. Damit geht der Film, der gegenüber der Politthriller-Satire „One Battle After Another“ auch den Vorteil eines deutlich höheren (US-)Einspielergebnisses hat, dieses Jahr als Favorit ins „Oscar“-Rennen.
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Dennoch: „One Battle After Another“-Regisseur Paul Thomas Anderson kann für die 98. „Oscar“-Verleihung am 15. März durchaus bereits anfangen, verschiedene Dankesreden einzuüben. Zu einig ist sich die Hollywood-Sphäre darin gewesen, Andersons Werk über revolutionäre Aktivisten im Kampf gegen ein reaktionäres System als den „liberalen Film zur gegenwertigen Zeit“ zu feiern, als dass ausgerechnet die wichtigsten von der US-Filmbranche verliehenen Preise zurückstehen könnten.
Entsprechend hat „One Battle After Another“ bislang sämtliche wichtige Kritikerpreise dominiert und auch bei den „Golden Globes“ den Konkurrenten „Blood & Sinners“ klar in die Schranken gewiesen, unter anderem mit Preisen für Anderson als Regisseur und Drehbuchautor. Der bei den „Oscars“ immerhin auch schon seit fast dreißig Jahren – erstmals in der Auswahl war er 1998 für das Drehbuch von „Boogie Nights“ – auf eine Auszeichnung wartet.
Auch Guillermo del Toro kann sich „Oscar“-Hoffnungen machen
Allerdings spricht nach Verkündung der 98. „Oscar“-Nominierungen viel dafür, dass neben dem Zweikampf der beiden Favoriten auch andere Filme eine Rolle bei der Preisvergabe spielen könnten. So entfielen jeweils neun Nominierungen auf die „Frankenstein“-Neuinterpretation von Guillermo del Toro, auf das Familiendrama „Sentimental Value“ des Norwegers Joachim Trier und die unkonventionelle Ping-Pong-Spieler-Biografie „Marty Supreme“ von Josh Safdie. Del Toros Film könnte einmal mehr bei den technischen Preisen eine gewichtige Rolle spielen, Trier für den ersten Sieg eines norwegischen Werks als bester „Internationaler Film“ sorgen, zumal er selbst als Regisseur und – mit seinem Co-Autor Eskil Vogt – als Drehbuchautor nominiert ist und mit Renate Reinsve, Stellan Skarsgård, Elle Fanning und Inga Ibsdotter Lilleaas auch sein zentrales Ensemble bei den „Oscars“ antritt.
„Marty Supreme“ schließlich könnte seinem Hauptdarsteller Timothée Chalamet den ersten „Oscar“ bescheren, der mit 30 Jahren einer der jüngsten Preisträger der Kategorie wäre, allerdings auch schon seit seinem Durchbruch mit „Call Me by Your Name“ 2016 als einer der bedeutenden Darsteller seiner Generation gilt.
Nicht zu vergessen ist im Übrigen auch die ungewöhnliche Annäherung an William Shakespeare in Chloé Zhaos „Hamnet“. Auch die Arbeit der „Nomadland“-Regisseurin über Shakespeares Frau und Familie heimste acht Nominierungen ein und hat sich als Gewinnerin des Publikumspreises in Toronto und zuletzt zwei „Golden Globes“ auch schon bei traditionell wichtigen Vorboten der „Oscars“ bewährt. Allerdings schaffte es Shakespeare-Darsteller Paul Mescal nicht unter die fünf Nebendarsteller bei den „Oscars“, was in den Schauspiel-Kategorien die größte Überraschung der Nominierungen ist.
Max Richter könnte für den „Hamnet“-Soundtrack geehrt werden
Neben diesen sechs Werken wird die Auswahl im Rennen um den besten Film komplettiert durch Yorgos Lanthimos’ bittere Gesellschaftssatire „Bugonia“, das Formel1-Spektakel „F1“, das sanfte Independent-Drama „Train Dreams“ und den brasilianischen Historienthriller „The Secret Agent“. Letzterer ist auch Herausforderer von „Sentimental Value“ als bester „Internationaler Film“ und könnte dort in die Fußstapfen des letztjährigen Siegers „Für immer hier“ treten, außerdem nominiert sind „Sirât“ (Spanien), „Die Stimme von Hind Rajab“ (Tunesien) und mit „Ein einfacher Unfall“ des Iraners Jafar Panahi zum insgesamt 40. Mal ein vom Dauernominierten Frankreich eingereichter Film. Nicht in die Auswahl geschafft hat es leider der deutsche Beitrag „In die Sonne schauen“.
Aus deutscher Sicht gibt es 2026 nur in der Musik-Abteilung eine „Oscar“-Hoffnung: Der in Deutschland geborene Komponist Max Richter wurde für den emotionalen Score von „Hamnet“ berücksichtigt und tritt unter anderem gegen Ludwig Göransson („Blood & Sinners“) und Jonny Greenwood („One Battle After Another“) an. Die größten Chancen für „Hamnet“ dürften allerdings bei Hauptdarstellerin Jessie Buckley liegen, auch wenn sie mit Rose Byrnes Tour de Force in „If I Had Legs I’d Kick You“ eine starke Konkurrentin hat. Neben den beiden und Renate Reinsve wurden außerdem Kate Hudson für „Song Sung Blue“ und Emma Stone für „Bugonia“ nominiert.
Viele überfällige Kandidaten für Darsteller-„Oscars“
Stone ist mit bereits zwei „Oscars“ und der nun fünften Nominierung (davon zum dritten Mal für einen Film von Lanthimos) eine der Etablierten unter den diesjährigen Schauspiel-Kandidaten. Mit Leonardo DiCaprio (7. Nominierung), Sean Penn (6.) und Benicio Del Toro (3.) finden sich drei frühere „Oscar“-Preisträger für „One Battle After Another“ erneut ausgewählt, ebenfalls zum dritten Mal ist auch (der noch „Oscar“-lose) Ethan Hawke dabei, diesmal als Musical-Komponist Lorenz Hart in „Blue Moon“. Auf der anderen Seite stehen elf erstmals nominierte Schauspieler, darunter auch Veteranen wie Delroy Lindo („Blood & Sinners“) und Stellan Skarsgård, die trotz jahrzehntelanger Arbeit im Filmgeschäft bislang nie bei den „Oscars“ vertreten waren.
Bei den Nebendarstellerinnen ist Amy Madigan für ihren vielbeachteten Auftritt im Horrorfilm „Weapons“ zum zweiten Mal dabei, 40 Jahre nach ihrer ersten Nennung in derselben Kategorie. Madigans Konkurrentinnen – die beiden „Sentimental Value“-Aktricen sowie Wunmi Mosaku und Teyana Taylor – feiern allesamt ihr „Oscar“-Debüt, ebenso wie Hauptdarsteller Michael B. Jordan und Wagner Moura sowie Nebendarsteller Jacob Elordi. Neben dem Fehlen von Mescal kann man vor allem die Nicht-Nominierungen von Joel Edgerton und Ariana Grande bedauern. Edgerton, weil der großartige australische Schauspieler mit seiner zurückhaltenden Mimik „Train Dreams“ erst zu dem herausragenden Werk macht, das es ist; Grande, weil sie in „Wicked: Teil 2“ ihrer Figur der naiv-gutherzigen Möchtegernzauberin noch weit mehr Nuancen verleiht als bei ihrer im letzten Jahr „Oscar“-nominierten Darbietung im ersten Teil des Musicals.
Die Kassenschlager spielen nur eine Nebenrolle
Wenig Gnade fanden bei den Mitgliedern der Academy of Motion Picture Arts and Sciences einmal mehr die größten Kassenschlager der Saison. Mit ihrem dritten Teil hat die „Avatar“-Reihe nur in zwei Kategorien „Oscar“-Chancen, die Animationserfolge „KPOP Demon Hunters“ und „Zoomania 2“ spielen ebenfalls nur am Rande mit. Der Überraschungserfolg „F1“ kann sich mit vier Nominierungen bereits glücklich schätzen. Alles andere als verblüffend ist auch, wie vorhersagbar manche Entscheidungen der Academy-Mitglieder nach wie vor sind, bis hin zur Treue der Songwriter für ihre Kollegin Diane Warren, die bereits zum 17. Mal bei den „Oscars“ antritt – mit einem Song aus der ihr gewidmeten Doku „Diane Warren: Relentless“ – und seit 2017 in keinem Jahr vergessen wurde, egal wie wenig ihre Projekte sonst mit diesen Filmpreisen zu tun haben.
Eine Neuerung gibt es bei den 98. „Oscars“ allerdings tatsächlich. Nachdem jahrelang über eine Reduzierung von Preisen gestritten wurde, was sich mit der Zusammenfügung der zwei Ton-Kategorien zu einer auch konkret niederschlug, werden nun erstmals die Casting-Direktoren mit eigenen Statuen geehrt. Auch hier aber ist das Bild ähnlich wie in den anderen Rubriken mit einer weiteren Entscheidungsschlacht zwischen den Filmen von Paul Thomas Anderson und Ryan Coogler.