Die für 2026 angekündigten Ausstellungen über Filmschaffende oder interessante Kapitel der Filmgeschichte versprechen einen ereignisreichen Jahrgang. Darunter befinden sich eine Hommage auf Wim Wenders, Ausstellungen zu 80 Jahre DEFA und dem queeren Kino, sowie Einzelschauen zu Marilyn Monroe, Hedy Lamarr, Andrzej Wajda, Orson Welles und Miguel Gomes. Eine Vorschau auf nationale wie internationale Events.
Das Deutsche Filminstitut & Filmmuseum in Frankfurt (DFF) würdigt ab 11. März den deutschen Filmemacher Wim Wenders und sein Gesamtwerk mit der Sonderausstellung „W.I.M. Im Lauf der Zeit“. Es handelt sich dabei um eine in Teilen zuvor für die Bonner Bundeskunsthalle von Hans-Peter Reichmann und Isabelle Bastian kuratierte Schau. Passend zum Auftakt ist in der Alten Oper Frankfurt eine dreitägige Veranstaltung über Funktion und Stellenwert der Musik in Wenders’ filmischer Dramaturgie angekündigt. „Für mich ist die Musik die Seele des Films. Musik und Film gehören zusammen. Musik heißt, mit den Ohren zu sehen“, erklärt der Regisseur seine Leidenschaft. Das Programmkonzept mit Filmvorführungen, Livemusik und Gesprächen wurde gemeinsam mit Wenders erstellt.
Auf der erweiterten Ausstellungsfläche im Frankfurter Filmmuseum soll das kinematografische Credo des Künstlers im Fokus stehen. Vom ehemaligen Berufswunsch Maler bis zur audiovisuellen Spezialisierung reicht das Spektrum offenkundiger Interdependenzen von Wenders’ Genealogie, seiner unbeirrbaren Beharrlichkeit. Ein besonderes Augenmerk gilt dem filmhandwerklichen Teamgedanken; exemplarisch steht dafür die Zusammenarbeit mit Kameramann Robby Müller und dem Schnittmeister Peter Przygodda.
Das DFF setzt auf umfangreiches Schriftgut aus dem Produktionsarchiv des Filmemachers und auf eigene Bestände. Vergleiche mit künstlerischen Weggefährten, die Begeisterung für die japanische Mode und Kinematografie, insbesondere das Werk von Yasujiro Ozu, runden das Panorama ebenso ab wie eine originale Musikbox und ein Flipperautomat aus Wenders’ Privatbesitz.
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Natürlich dürfen Markenzeichen von Wenders’ poetisch-melancholischen Filmlandschaften – ausgewählte Filmplakate, Fotografien, Zeichnungen oder elektronische „Malereien“ – nicht fehlen. Neben biografischen Stationen laden Produktionsunterlagen, Drehbücher, Storyboards, Kostüme und Requisiten zu multiperspektivischen Begegnungen und Wenders’ Reisen bis ans Ende der Welt zur Betrachtung ein. Für die Ausstellung hat Wenders auch eine Installation mit passender Begleitmusik erstellt, die eine immersive Wahrnehmung seines Filmuniversums ermöglicht. Hintergrundinformationen zu einzelnen Stationen und Exponaten wurden in einem Audioguide von ihm selbst eingesprochen. Die Ausstellung läuft bis 18. Oktober 2026.
Andrzej Wajda in Düsseldorf, queeres Kino in Berlin
Dank jahrzehntelanger Kontakte zu polnischen Institutionen kann das Filmmuseum Düsseldorf vom 21. Februar bis zum 31. August wieder einen Leckerbissen bieten. „Andrzej Wajda: Exhibition“ heißt die dem bedeutenden polnischen Regisseur Andrzej Wajda aus Anlass seines 100. Geburtstags gewidmete Schau. Sie verspricht, dessen zwischen romantischem Pathos und realem Sozialismus oszillierendes Lebenswerk neu zu vermessen und in die Arbeiten der sogenannten „Polnischen Filmschule“ einzuordnen.
Der nach einem abgebrochenen Kunststudium in Krakau an der Filmhochschule in Lodz gereifte Kino- und Theaterregisseur Andrzej Wajda begleitete die cineastische Transformation aus der dem „Sozialistischen Realismus“ der Stalinära verpflichteten Tradition in die individuelle wie gesellschaftspolitische Identitätssuche einer jungen Generation. Nicht umsonst trägt sein Spielfilmdebüt aus dem Jahr 1954 den Titel „Eine Generation“. In seinem Heimatland ehrt man ihn 2026 mit der Ausrufung eines offiziellen Andrzej-Wajda-Jahres. Die durch eine Filmreihe ergänzte Ausstellung in Düsseldorf kuratieren Rafal Syska (Universität Krakau) und Philipp Hanke (Filmmuseum Düsseldorf) in Kooperation mit dem Polnischen Institut Düsseldorf und dem Krakauer Manggha-Museum für Japanische Kunst und Technologie, das einen exklusiven Zugang zu Wajdas Archiv gewährt.
Die Deutsche Kinemathek in Berlin eröffnet nach ihrer Schließung Ende Oktober 2024 am 7. Mai die Sonderausstellung „Inventing Queer Cinema“. Die Kuratoren wollen „die Geschichte des queeren Kinos nicht nur als Geschichte von Widerstand und Revolution, sondern auch als eine von Solidarität und Innovation“ aufarbeiten. Denn, so ihre These: „Träume und Erfahrungen, Blicke und Sehnsüchte werden im queeren Kino aus ganz eigener Perspektive gezeigt.“ Dabei sollen historische Entwicklungen, Erfolge und Niederlagen, aber auch Einflüsse auf das Mainstream-Kino sichtbar werden. Ein besonderes Highlight ist das Archiv des Berliner Filmverleihs Salzgeber, der anlässlich seines 40-jährigen Jubiläums seine Unterlagen der Stiftung Deutsche Kinemathek schenkte, die jetzt für die Ausstellung erstmals öffentlich zugänglich gemacht werden.
DEFA-Geschichte im Filmmuseum Potsdam
Das Filmmuseum Potsdam kündigt unter dem Arbeitstitel „Die Vergangenheit ist unvorhersehbar“ anlässlich des 80. Gründungsjubiläums der DEFA ab Juli ein überaus reizvolles Projekt an. Das Publikum erwartet eine spannende Auseinandersetzung mit ambivalenten Facetten deutsch-deutscher Filmgeschichte. Im Spiegel der Babelsberger Filmproduktionen will man sich den Hoffnungen und Träumen, den Innen- und Außenwelten aus den unterschiedlichsten Perspektiven annähern.
Als Ausgangspunkt dienen markante Verbots- und Publikumsfilme, zu denen die Besucher eine Verbindung herstellen können – mit Stichworten wie Emanzipation, Freiheit, Fernweh, Abenteuerlust, Selbstverwirklichung, Rebellion, Patriotismus, Liebe, Musik und Religion. „Diese zeitlosen Wegzeichen haben heute genauso ihre Gültigkeit wie zu DDR-Zeiten. Sie markieren die Stationen der Ausstellung und schlagen die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart“, heißt es in der Ankündigung.
Die Ausstellung verfolgt einen „partizipativen Ansatz“: Perspektiven des ehemaligen DEFA-Publikums, Besucher ohne DDR-Sozialisation sowie Jugendliche und Kinder sollen mit ihrem je eigenen Blick auf die Filme zu Wort kommen. DEFA-Beschäftigte ergänzen das Bild rückblickend aus dem zeitlichen Umfeld der Filme. Mit Zeitzeugen, Experten und einer flankierenden Retrospektive intendiert das Filmmuseum Potsdam „eine gleichermaßen subjektive wie auch kritische Auseinandersetzung mit dem Filmkulturerbe des DEFA-Studios, ohne dabei ins Nostalgische abzugleiten“.
60 Jahre Institut für Filmgestaltung in Ulm
Das HfG-Archiv Ulm zeigt bis 17. Mai 2026 die Sonderausstellung „Aufbruch in die Realität: Filme von Günther Hörmann - 60 Jahre Institut für Filmgestaltung der HfG Ulm“. Anlass für die Präsentation ist die Übergabe des Arbeitsarchivs von Günther Hörmann, der von 1961 bis 1967 „Visuelle Kommunikation“ an der HfG studierte und anschließend dem Leitungskollegium angehörte. Im Zentrum stehen sechs Arbeiten von Hörmann, die interessante Einblicke in den 1962 eingerichteten, von Alexander Kluge und Edgar Reitz maßgeblich geprägten Fachbereich Film gewähren sollen. Filmästhetik und inhaltliche Konzeption der Studierenden beruhten wesentlich auf den Vorstellungen des „Oberhausener Manifests“, das deren Vertreter mitunterzeichnet hatten.
Die Ausstellung präsentiert eine Auswahl von Dokumentarfilmen von Günther Hörmann und weiterer Mitarbeiter. Auch die Produktion über die politischen Ereignisse im Juni 1967 in West-Berlin mit dem Titel „Ruhestörung – Ereignisse in Berlin 1967“ fehlt nicht. Zeitbedingt thematisierte Hörmann Kraft und Stand der Arbeiterbewegung, etwa in „Die Vulkanwerft im Metallerstreik“ (1974) oder „Der Untergang der AG Weser“ (1984), den Hoffmann zusammen mit Thomas Mitscherlich und Detlef Saurien verantwortete.
Marilyn Monroe und Hedy Lamarr
Zum 90-jährigen Jubiläumsjahr beschert die Cinémathèque française in Paris ein echtes Highlight – eine Sonderausstellung über die Hollywoodikone Marilyn Monroe, passend zum 100. Geburtstag der Aktrice. Vom 8. April bis zum 26. Juli soll ein seriöses Schlaglicht auf Monroes schauspielerische Leistungen, ihre Emotionen und ihre Vorbildfunktion für einen neuen Frauentyp geworfen werden – jenseits sensationslüsterner Klatschgeschichten und verkürzter Femme-fatale-Muster.
Die am 1. Juni 1926 als uneheliches Kind einer Filmcutterin in Los Angeles geborene Norma Jeane Baker verbrachte als Waisenkind eine deprimierende Kindheit in Pflegefamilien. Aufstieg und Fall spiegeln ihr tragisches (Privat-)Leben, den Mythos um ihre Person und ihre magische Ausstrahlung. Die junge Frau rebellierte als Freigeist: selbstbewusst und einer „freien“ Sexualität huldigend. Wer ist, wer war Marilyn Monroe aber wirklich? Ein stilisierter Mythos Hollywoods, den Medien und Publikum verachteten und gleichzeitig verehrten? Die Cinémathèque française will aufzeigen, „dass Marilyn Monroe vor allem eine Frau war, die hart gearbeitet hat, kreative Lösungen fand und ihr Talent nutzte, um sich in einer anspruchsvollen Branche zu behaupten“.
Damit weitet die große Unbekannte den Blick über die Film- und Kinogeschichte hinaus und wird zur Metapher des medialen Kultur- und Strukturwandels einer Gesellschaft im Übergang. Die Faszination des zeitlebens geschickt vermarkteten Werbeobjekts „MM“ überdauerte ihren frühen Tod im Alter von 36 Jahren bis heute.
Hedy Lamarr, einst als „schönste Frau der Welt“ apostrophiert, boomt. Zuletzt nutzte das Möbelmuseum in Wien 2024 den 110. Geburtstag der als Hedwig Eva Maria Kiesler geborenen Frau, um mit einer Sonderausstellung an die schillernde Hollywooddiva und geniale Erfinderin zu erinnern. Das Filmarchiv Austria hat sich im September 2025 aus der Insolvenzmasse der Signa Holding den 800 Exponate umfassenden Nachlass der Schauspielerin sichern können. Laut Filmarchivdirektor Ernst Kieninger ist der ideelle Wert der Sammlung nicht hoch genug einzuschätzen. Eine erste Begegnung mit dem filmhistorischen Schatz soll ab März 2026 im Rahmen einer Präsentation im METRO Kinokulturhaus möglich sein.
Orson Welles in Turin
Das Museo Nazionale del Cinema in Turin lädt ab 31. März zur Ausstellung „My Name is Orson Welles“. Der US-Amerikaner Orson Welles wurde als Wunderkind und moderner Klassiker gehandelt, aber auch als filmästhetischer Revoluzzer und narzisstischer Geschichtenerzähler missverstanden. Die Übernahme der viel gelobten Schau aus der Cinémathèque française schließt am 5. Oktober. Wie in Paris werden in Turin etwa 400 Werke über und von Orson Welles zu besichtigen sein: neben originalen Filmplakaten, Fotos, Archivmaterialien, Filmausschnitten oder Videoinstallationen auch 40 Zeichnungen und Skulpturen von Orson Welles persönlich.
Darin spiegelt sich das rastlose Leben einer visionären Künstlernatur, die vor und während des Zweiten Weltkrieges mit Theater, experimentierfreudigen Radioproduktionen und dem genialen Spielfilmdebüt „Citizen Kane“ (1941) für Furore sorgte – während andernorts, von Hollywood bis Nazi-Deutschland Propagandawerke, in Frankreich Ausläufer des poetischen Realismus oder in Italien der Neorealismus entstanden. Der Rundgang durch das Labyrinth eines besessenen Kreativen erlaubt Annäherungen an den schillernden Schauspieler, Theatermann, Literaten und Filmemacher. Als Träumer vom Gesamtkunstwerk blieb er ein Unvollendeter, getrieben von einem Fieberrausch aus 1001 Nacht.
Filipa César und Miguel Gomes in Porto
Das Museum Serralves in der nordportugiesischen Metropole Porto wartet mit zwei bemerkenswerten Events auf. Bis Mai 2026 erhält mit Filipa César eine multidisziplinäre Künstlerin eine verdiente Bühne. Die 1975 in Porto geborene César verbindet fiktionale und dokumentarische, politische und poetische Elemente, wobei die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Repräsentation erkundet, aber auch in Frage gestellt werden. Sie setzt das Medium Video als Mittel zur Registrierung und Ausdruckskunst ein, konstruiert weitläufige Geschichten und animiert zu einer ästhetischen wie politischen Spurensuche.
Seit 2011 widmet sich Filipa César der Erforschung des militanten Kinos von Guinea-Bissau. Ihr Augenmerk gilt insbesondere einer kritischen „postkolonialen“ Betrachtungsweise. Die erste größere Präsentation ihres künstlerischen Oeuvres beinhaltet auch eine Retrospektive ihres filmischen Werks.
Das Museum Serralves plant im Casa do Cinema Manoel de Oliveira vom September 2026 bis März 2027 eine Ausstellung über den 1972 geborenen Regisseur Miguel Gomes. Der wohl bekannteste zeitgenössische portugiesische Regisseur lotet mit seinem narzisstisch-selbstreflexiven Kino die Schnittstelle zwischen Dokumentation und Fiktion aus. Von der Nouvelle Vague und dem italienischen Neorealismus beeinflusst, hinterfragt es Stereotype, den gesunden Menschenverstand und die kleinbürgerliche Vorstellungskraft. Es dekonstruiert ironisch aktuelle Widersprüche und die oberflächliche Darstellung der jüngeren portugiesischen Geschichte.
Gomes’ artifizielle Melange aus poetischer Imagination und politisch aufgeladenem Alltagsrealismus verweist auf Vorbilder wie Manoel de Oliveira, auf die Parodien des erotomanischen Zynikers João César Monteiro oder die ernüchternden Dokumentarspielfilme von Pedro Costa. Die in Zusammenarbeit mit Gomes konzipierte Ausstellung wird von António Preto und Jean-Pierre Rehm kuratiert. Eine umfassende Retrospektive und ein Katalog runden das Event ab.
Neue Perspektiven aufs koloniale Filmerbe
Das Eye Filmmuseum in Amsterdam kündigte im Dezember 2025 weitreichende institutionelle und programmliche Veränderungen an. Nach der bis 15. März laufenden Tilda-Swinton-Ausstellung sollen eine zukunftssichere Finanzierung und Personalplanung in Angriff genommen werden. Die Restrukturierungsmaßnahmen umfassen auch eine 20-prozentige Kürzung des Programmbudgets und der Mitarbeiterschaft, um die Rolle des Eye Filmmuseums für Erhaltung, Präsentation und Vermittlung der Filmkultur auch in Zukunft aufrecht erhalten zu können.
Das ab 2026 reduzierte tägliche Filmprogramm konzentriert sich auf drei klar definierte Felder: Eye Classics (Filmgeschichte), New Releases (neue Filme als Fenster zur Welt) und Eye on Art (Experimente, Innovation und interdisziplinäre Kunstformen). Anstelle von drei Sonderausstellungen wird das Filmmuseum in Amsterdam nur noch zwei Ausstellungen pro Jahr anbieten. Am 3. April startet in diesem Rahmen „Eye(s) Open - New Perspectives on Colonial Film Heritage“. Dabei treten elf Künstler in einen Dialog mit über 2000 Filmen aus der Sammlung über die ehemaligen Kolonien Indonesien, Surinam und den Antillen, um mit ihren Produktionen den Prozess kolonialer Strukturen und Praktiken sowie die Rolle der Kamera in diesem Machtverhalten zu untersuchen.