In der Graphic Novel „Krimi – Die Geschichte hinter Fritz Langs ,M‘“ lauert ein fiktiver Kommissar dem deutschen Filmemacher ständig auf, um ihn zu einem Projekt über den Massenmörder Peter Kürten zu überreden. Der Ermittler glaubt daran, dass man mit fiktiver Gewalt die reale Gewalt bekämpfen könne. Stilistisch orientiert sich der Comic am Stil der Neuen Sachlichkeit.
„Gewalt vertreibt Gewalt“, lautet die Grundthese von Kommissar Lohmann. „Vielleicht ist es das Kino, das das Publikum erzieht.“ Und Regisseur Fritz Lang ergänzt: „Wie eine Hypnose …“ Man befindet sich im Jahr 1931. Lang hat seinen neuen Film „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ fertiggestellt; gerade wurde die Premiere gefeiert. Lohmann war derjenige, der ihn zu diesem Film inspirierte, indem er ihn auf die Geschichte des Serienmörders Peter Kürten aufmerksam machte. Als sogenannter „Vampir von Düsseldorf“ gingen zahlreiche Morde auf Kürtens Konto, alleine acht im Jahr 1929.
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Drei Wochen nach der Premiere von „M“ wird er hingerichtet. Werden die Zeiten jetzt wieder sicherer, da er tot ist? Oder werden sie sicherer, weil Kommissar Lohmanns These stimmt, dass die Gewalt im Kino die reale Gewalt einfängt? „Ich gebe dieser Strategie zwei Jahre Zeit, um Erfolge zu erzielen. Wenn ich Recht behalte, können die Dinge nur besser werden“, sagt Lohmann zu Lang. Aus dem historischen Abstand heraus weiß man, dass die Dinge zwei Jahre später, also 1933, ganz und gar nicht besser wurden.
Historisch Verbürgtes und Fiktion
Das Gespräch zwischen Lang und Lohmann entstammt der Graphic Novel „Krimi“ von Thibault Vermot. Den Regisseur Fritz Lang kennt man durch seine bedeutenden Filme – „Die Nibelungen“, „Metropolis“, „M“ und viele andere. Auch der Serienmörder Peter Kürten ist nicht fiktiv. Doch Kommissar Lohmann ist eine Erfindung von Thibault Vermot. Er ist nicht die einzige Fiktion in dieser „Geschichte hinter Fritz Langs M“, wie es der Untertitel der Graphic Novel in Aussicht stellt. Zwar finden sich auch viele historisch verbürgte Fakten zur Entstehungsgeschichte des Filmklassikers in dem Comic, doch schon die Basis der Handlung mit Kommissar Lohmann, der Fritz Lang überall auflauert, um ihn zu einem Film über Peter Kürten zu überreden, ist frei erfunden. Lohmann hat Lang – so erzählt es der Comic – im Zusammenhang mit dem gewaltsamen Tod von Langs erster Frau im Jahr 1921 kennengelernt.
Schon 2021 haben der Autor Arnaud Delalande und der Zeichner Éric Liberge für ihren Comic „Fritz Lang, eine Comicbiografie“ einen Kommissar erfunden, der von Langs vermeintlicher Schuld am Tod seiner ersten Frau besessen war und dem Regisseur immer wieder auflauerte, um ihn doch noch zu überführen. Diese Vermischung fiktiver und realer Elemente verbindet die beiden Comics. Sehr unterschiedlich ist hingegen der Zeichenstil. Während Liberge mit ausufernd opulenten, detailreichen und feinen Zeichnungen, die wie Gemälde anmuten, überwältigt und darin an Langs visueller Lust in „Die Nibelungen“ oder „Metropolis“ Maß nimmt, orientiert sich der Zeichner A.W. Inker, der „Krimi“ auf fast 300 Seiten umgesetzt hat, am schlichten Stil der Neuen Sachlichkeit, mit der Fritz Lang in „M“ seine filmischen Spektakel der 1920er-Jahre hinter sich lässt.
Die an Kohlezeichnungen gemahnenden stimmungsvollen Bilder werden bei der Beschreibung von Kürtens Morden von scherenschnittartigen „stummen“ Zeichnungen flankiert. Die finale Verteidigungsrede des Mörders vor dem Gericht der Gangster – eine Schlüsselszene im Film – gibt der Comic wie in einer Bild-für-Bild-Adaption wieder. Darin erinnert er an die Graphic Novel „M“ von Jon J Muth, der 1990 den Film tatsächlich Einstellung für Einstellung als Comic adaptiert hat.
Perfektionismus am Set
Trotz seiner vielen fiktiven Elemente erzählt „Krimi“ einiges über die Filmarbeit. Man sieht große Bauten in Studiohallen, unzählige Statisten, das Vorsprechen von Inge Landgut, die das erste Opfer in Langs Film spielt. Man erfährt, dass ein Gangsterboss den Film mitfinanziert und die akkurate Darstellung des Milieus überwacht. Man erlebt Diskussionen zwischen Lang und seinem Haushälter sowie zwischen Lang und seiner zweiten Frau Thea von Harbou, mit der er zusammen das Drehbuch zu „M“ geschrieben hat. Man erlebt Langs Perfektionismus am Set, der alle Beteiligten in den Wahnsinn treibt, erfährt aber auch, dass dies seine Methode ist, um die Produzenten von der Notwendigkeit des hohen Budgets zu überzeugen. Schön zu erkennen ist, dass Lang in „M“, einem der ersten deutschen Tonfilme, im Gegensatz zu anderen Filmen aus dieser Zeit den Ton nicht nur abbildend einsetzt, sondern als ausdrucksstarkes Element jenseits des Realismus nutzt. Und man erlebt Langs Ausschweifungen im Berliner Nachtleben, sein Treffen mit Goebbels und schließlich seine Flucht aus Deutschland. Das alles ist sehr spannend. Aber entspricht es der Wahrheit?
Einiges davon ist ganz sicher erfunden. Der Comic verzahnt Fakten und Fiktion auf eine Weise, die nicht immer zu durchschauen ist. Man versteht nicht ganz, was Thibault Vermot durch den Mix aus Wirklichkeit, Filmwirklichkeit und Fiktion im Comic erzählen möchte. Vielleicht will die Graphic Novel auch ein Krimi sein wie „M“, der die „Gewalt mit Gewalt vertreibt“? Das würde fast 100 Jahre später wieder in die Zeit passen.
Literaturhinweis
Krimi – Die Geschichte hinter Fritz Langs „M – eine Stadt sucht einen Mörder“. Von Thibault Vermot (Autor) und Alex W. Inker (Zeichner). Splitter Verlag, Bielefeld 2025. 280 S., 39,80 Euro. Bezug: In jeder Buchhandlung oder hier.