Während rund um die Berlinale ausgiebig über politische Themen debattiert wird, drohen die Festivalfilme eher im Schatten zu stehen. Das hat zum Teil auch mit deren Qualität zu tun. Vor allem der Wettbewerb lieferte zu wenige Impulse, um für die „Bären“-Verleihung am Samstag viele würdige Kandidaten zu haben.
Manchmal scheint es fast in Vergessenheit zu geraten, dass die Berlinale ein Filmfestival ist und nicht eine Plattform für markige politische Statements. Oder liegt es schlicht am Mangel an bedeutsamen filmischen Ereignissen in der „Bären“-Konkurrenz, dass in diesem Jahr noch mehr als bei früheren Veranstaltungen viel über Politik und wenig über die Filmkunst gesprochen wird? Statt auf die Filme oder die Filmschaffenden richtet sich die Aufmerksamkeit eher auf Events wie den Besuch von Hillary Clinton, die bei der „Cinema for Peace“-Gala und in der Talkshow bei „Maischberger“ zu Gast war – ohne auch nur ein Wort über das Kino oder Filme zu verlieren. Mit dem „Cinema für Peace Award“ wurde das Gaza-Drama „The Voice of Hind Rajab“ ausgezeichnet – ein weiteres Ventil für die fruchtlosen Diskussionen rund um politische Standortbestimmungen hinsichtlich des Nahost-Konfliktes, der das Festival in den letzten Tagen erneut in Atem gehalten hat.
Kaum politische Impulse
Die Filme im Wettbewerb selbst lieferten wenig Stoff, um diesen aufgeregten Debatten eigene politische Impulse entgegenzuhalten. Die Auswahlkommission hatte keinen einzigen Film nominiert, der sich mit einem der aktuellen Krisenherde auseinandersetzt, abgesehen vielleicht von İlker Çataks „Gelbe Briefe“, der sich anhand der Geschichte eines Künstlerpaares aus der Theaterszene indirekt mit der totalitär regierten Türkei beschäftigt. Aber auch filmkünstlerisch brachten es viele Wettbewerbsfilme oft nur auf Durchschnittsniveau.
Davon ausnehmen muss man explizit „Meine Frau weint“ von Angela Schanelec und Eva Trobischs „Etwas ganz Besonderes“. Die formalen Herangehensweisen dieser beiden Regisseurinnen sind zu speziell, wofür sie vom deutschen Feuilleton geliebt, vom Publikum ignoriert und von der internationalen Presse abgelehnt werden. Beide erzählen keine herkömmlichen Geschichten, sondern entfalten sehr unterschiedliche Filmwelten. Diese hasst man oder man liebt sie, dazwischen gibt es wenig. Trobischs (ost-)deutsches Familiendrama „Etwas ganz Besonderes“ versammelt prominente deutschsprachige Darsteller wie Eva Löbau, Max Riemelt, Florian Lukas oder Thomas Schubert um die „Home Stories“ einer Thüringer (Groß-)Familie, in denen es um die Suche nach (Casting-Show-)Ruhm, (Ehe-)Glück oder der Oma geht. Ob der Film damit bei den Preisen mitreden kann, ist eher fraglich.
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Sandra Hüller überzeugt als Rose
Bessere Chancen dürfte Sandra Hüller haben. Die Schauspielerin ist immer für einen „Bären“ gut, selbst in einem braven schwarz-weißen Historienfilm wie der Tragödie „Rose“ von Markus Schleinzer. Der im 17. Jahrhundert während des 30-jährigen Krieges angesiedelte Film erzählt von einer Frau, die in die Kleidung und Identität eines Soldaten schlüpft und in einem protestantischen Dorf Fuß fassen will, indem sie sich als Erbe eines verlassenen Hofs ausgibt. Tatsächlich kann sie sich zunächst eine neue Existenz inklusive Ehefrau aufbauen, was allerdings auf fragilen Füßen steht. Eine Paraderolle für Sandra Hüller, auch wenn ihr der Film mit seinen vielen Off-Kommentaren nur begrenzt eine Chance gibt, ihr Charisma zu entfalten. Die Inszenierung driftet zudem mitunter ins Boulevardeske ab und provozierte selbst beim Pressepublikum den ein oder anderen unpassenden Lacher. „Rose“ fehlt die archaische Tragik, wie sie das ebenfalls um ein Frauenschicksal kreisende Historiendrama „Des Teufels Bad“ evozierte.
Mehr Tragik und Herzblut besitzt ein anderer Schwarz-weiß-Film im Wettbewerb: „Moscas – Fliegen“ von Fernando Eimbcke, der die berührende Geschichte eines kleinen Jungen und seiner Erlebnisse als heimlicher Untermieter bei einer älteren Frau erzählt, die keine Kinder um sich haben will. Das zwischen Alfonso Cuaróns „Roma“ und dem italienischen Neorealismus pendelnde Drama kreist darum, wie zwischen der Frau, die ihr Leben und ihre Umgebung streng geordnet und keinen Raum für Mitmenschliches gelassen hat, und ihrem unerwünschten Mitbewohner doch so etwas wie eine Beziehung entsteht.
Tragikomisch und federleicht
Ein Höhepunkt des Wettbewerbs war das ebenso tragikomische wie federleichte und doch österreichisch-bittere Dokudrama „The Loneliest Man in Town“ von Tizza Covi und Rainer Frimmel. Es fächerte dem eher enttäuschenden Berlinale-Wettbewerb befreiend frische Luft zu. Im Mittelpunkt der zwischen Dokumentarfilm und Fiktion changierenden Annäherung steht der Rentner und immer noch aktive Bluesmusiker Alois Koch alias Al Cook, der sich selbst spielt. Ein Sonderling, der mit der Einsamkeit kämpft, weil er in den guten alten Zeiten von Elvis und Bluegrass hängengeblieben ist. Zudem hadert er mit dem Leben in Wien, auch weil ihn sein neuer Vermieter aus seiner Wohnung vertreiben will. Also beschließt er, alle seine Sachen zu verkaufen, sich ein Ticket in die USA zu leisten und dort endlich – und für immer – seine Steel-Guitar zu spielen.
„The Loneliest Man in Town“ ist österreichisches Cinéma vérité vom Feinsten: einfach, wirkungsvoll, berührend, sehr präzise geschnitten und mit einem großartigen Gespür für einfühlsame, aber tragikomische Situationen. Es ist noch zu früh, um sagen zu können, ob das für einen „Bären“ reicht. Ohne Zweifel aber ist „The Loneliest Man“ der beste deutschsprachige Film im Wettbewerb und neben dem nicht im Wettbewerb laufenden Film „Vier minus drei“ von Adrian Goiginger ein Highlight der diesjährigen Berlinale. Das herzzerreißende Drama, das die wahre Geschichte einer nicht immer tapferen Ehefrau und Mutter erzählt, die bei einem Unfall ihren Mann und die beiden Kinder verliert, wird hoffentlich bei den anderen Festival-Preisen bedacht werden.
„Berlinale Kamera“ für Max Richter
Der in Großbritannien lebende Filmkomponist Max Richter wurde hingegen schon mit der „Berlinale Kamera“ ausgezeichnet, mit der das Festival Menschen oder Institutionen ehrt, die sich um den Film verdient gemacht haben. Bei der Gala zu Ehren von Richter mit Ausschnitten aus „Hamnet“ und „Ad Astra“ wurde zwar nicht wirklich herausgearbeitet, was die Kunst des begnadeten Komponisten ausmacht; doch dafür setzte der Auftritt von „Hamnet“-Regisseurin Chloé Zhao ein Glanzlicht, die eine bewegende Laudatio hielt – als Max-Richter-Verehrerin, die bei Auftritten auf dem roten Teppich häufig das Opus Magnum „Sleep“ von Richter über ihre On-Ear-Headphones hört, um ganz bei sich selbst sein zu können. Die Liebe zu einem Kunstwerk, wie sie aus diesem Bekenntnis sprach, spürte man während der Berlinale 2026 ansonsten nur selten.