Pepa Lubojacki (M.) bei der Caligari-Preisverleihung (© Berlinale 2026)

„If Pigeons Turned to Gold“ gewinnt Caligari-Filmpreis

Die tschechische Filmemacherin Pepa Lubojacki gewinnt mit dem experimentellen Dokumentarfilm „If Pigeons Turned to Gold“ den Caligari-Filmpreis

Aktualisiert am
23.02.2026 - 12:11:47
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Der tschechisch-slowakische Dokumentarfilm „If Pigeons Turned to Gold“ von Pepa Lubojacki ist der Gewinner des 41. Caligari-Filmpreises. Die vielschichtige Dokumentation erzählt von einer Familie, die unter Sucht und Wohnungslosigkeit leidet. Fünf Jahre lang begleitete die Filmemacherin ihre Angehörigen mit der Kamera. Ihre tagebuchartigen Aufzeichnungen verbindet sie mit Filmsequenzen, bei denen Kindheitsfotografien mit Hilfe von KI zum Leben erweckt werden.

 

Die tschechisch-slowakische Co-Produktion „If Pigeons Turned to Gold“ von Pepa Lubojacki ist der Gewinner des 41. Caligari-Filmpreis. In dem Film dokumentiert die Regisseurin vier Familienmitglieder, allen voran ihren Bruder David, der alkoholabhängig und ohne Obdach ist. Mit einer tagebuchartigen Collage unternimmt Lubojacki den Versuch, die Wurzeln des generationenübergreifenden Unglücks freizulegen, das seinen Ausdruck in schweren Suchterkrankungen findet. In dem innovativen Dokumentarfilm verschmelzen Textskulpturen, Langzeitbeobachtung, Synthie-Beats und mit KI animierte Kindheitsfotografien zu einer ebenso schonungslosen wie liebevoll Offenlegung familiärer Strukturen.

Die Caligari-Jury wählte damit einen Film aus dem Programm des Forums, der sich über die Zusammenführung von Texten mit filmischen Beobachtungen, Musik und KI-animierten Bildern mit dem Thema Alkoholsucht im familiären Kontext auseinandersetzt.

 

Die Brüche werden nicht verdeckt

In der Jurybegründung wird ein Satz aus dem Film prominent zitiert: „Memory is an unreliable storyteller“. Die Erinnerung, so die Jury, ist immer unzuverlässig, obwohl das Archiv unserer persönlichen Aufzeichnungen in Gestalt von Fotos, Videos, Sprachnachrichten, Texte von uns oder anderen unendlich wächst, zunehmend auch in Form von Materialien, die nicht mehr abbildhaften Charakter haben. Erinnerung und Archiv bleiben jedoch zwei verschiedene Dinge. Umso mehr, wenn man Fotos von Menschen Dinge sagen lassen kann, die sie selbst vielleicht nie gesagt hätten. Die Verwendung von KI ist in diesem Film inflationär, wird aber immer als solche erkennbar gemacht. Die audiovisuellen Brüche werden nie durch Hochglanz verdeckt. Die Reflexionsfigur ist eine quietschende Taube. Ein Filter, der jeden Naturalismus ins Gegenteil verkehrt.

Die Aneignung des Familienarchivs durch KI ist dabei zweifellos fragwürdig. Doch der Film erhebt nie den Anspruch, ethisch unantastbar zu sein. Die offensichtlich entfremdeten Fotos und Stimmen stehen dem dokumentarischen Material gegenüber und betonen ihre übergriffige Verfremdung intimer Kindheitsbilder.



Die Videoaufnahmen zeigen Lubojackis Bruder in verletzlichen Situationen. Die Regisseurin stellt sich selbst die Frage, inwieweit ein Suchterkrankter überhaupt eine Zustimmung geben kann. Sie ist hin- und hergerissen zwischen Entmündigung und Ermächtigung, dem Impuls, den Bruder zu schützen und dem Wunsch, ihm Handlungsmacht zuzugestehen. Mehrmals bekennt sich die Regisseurin zu ihrer eigenen Unzuverlässigkeit.

 

Mit brutaler Direktheit

„If Pigeons Turned to Gold“ ist ein an sich selbst und seinen Narrationen zweifelnder Film voller Irritationsmomente. Sein Thema sind Süchte, eigene und die von anderen, ihre Überwindbarkeit und ihre strukturellen Bedingtheiten. Im Vordergrund steht die Sucht nach Substanzen; darunter liegt die Sucht nach der Kontrolle über die Erzählung des Films sowie über das Suchtverhalten des Bruders. Pepa Lubojacki versucht mit brutaler Direktheit, die eigene Scham zu überwinden. Die poppige, aus YouTube-Formaten entwickelte Form steht im starken Kontrast zu den intimen Bekenntnissen. Der reflektierende Prozess des Films ist dabei gleichermaßen zugänglich wie schwer verdaulich.

Mitglieder der Caligari-Jury waren Jonas Heinrich, Marlene Hoffmann und Moritz Mutter. Der Caligari-Filmpreis wird seit 1986 vom Bundesverband kommunale Filmarbeit an einen stilistisch und thematisch innovativen Film aus dem Forum-Programm der Berlinale verliehen. Er ist mit 4000 Euro dotiert, die zur Hälfte an die Filmemacherin und an den Verleih gehen, der den Film ins Kino bringt.

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