In Polen ist 2026 offiziell als Andrzej-Wajda-Jahr ausgerufen worden, um den 100. Geburtstag des am 6. März 1926 geborenen Regisseurs zu ehren. Auch das Filmmuseum in Düsseldorf widmet Andrzej Wajda bis Ende August eine Ausstellung. Prominente Zeugnisse aus seinen Filmen erinnern an ein Œuvre, das von den 1950er-Jahren an die Veränderungen in der polnischen Gesellschaft reflektierte. Die Ausstellung geht auch auf die wechselhafte Biografie Wajdas ein, die sein künstlerisches Ethos stark beeinflusste.
Der polnische Film- und Theaterregisseur Andrzej Wajda (1926-2016) gilt nicht nur in seiner Heimat als engagierter Intellektueller. Sein Status definiert sich als moralisch-glaubwürdige Instanz einer gutbürgerlichen Nachkriegsgesellschaft im Zeichen des Widerstands – gegen die deutsche Besatzungsmacht und die stalinistischen Kollaborateure. Neben Roman Polanski (Jahrgang 1933) und Krzysztof Kieślowski (1944-1996) gilt Wajda als einflussreichster polnischer Filmemacher. Im Jahr 2000 wurde er mit einem „Ehren-Oscar“ für sein Lebenswerk und 2006 mit einem „Ehren-Bären“ der Berlinale ausgezeichnet.
Aus Anlass seines 100. Geburtstags am 6. März 2026 widmet ihm das Filmmuseum in Düsseldorf in Kooperation mit dem Polnischen Institut derzeit die Sonderausstellung „Andrzej Wajda: Exhibition“. Sie möchte Wajdas zwischen romantischem Pathos und realem Sozialismus oszillierendes Frühwerk bis hin zu den späteren internationalen Kino- und Theaterarbeiten neu vermessen. Die informative Ausstellung bietet Drehbücher, Skizzen, Briefe von Produzenten und Künstlerkollegen, Setfotos sowie zahlreiche Requisiten, darunter das Originalkostüm aus „Asche und Diamant“. Die Ausstellungsobjekte stammen aus dem bislang selten zu sehenden Fundus des Wajda-Archivs, das sich im Manggha-Museum in Krakau befindet.
Die einzelnen Sektionen der Schau sind mit unterschiedlichen Farben gekennzeichnet; ausdrucksstarke Plakate und großflächige Projektionen aus Wajda-Filmen erleichtern den Zugang. So wird die (Selbst-)Reflexion eines Künstlerlebens möglich, das von der polnischen Heimat über die europäische Völkerverständigung bis zur Affinität zu Japan reicht. Die beiden Kuratoren Philipp Hanke (Filmmuseum Düsseldorf) und Rafal Syska (Universität Krakau) wollen Wajdas breites Œuvre ins Gedächtnis zurückrufen. In seinem Heimatland ehrt man ihn 2026 mit der Ausrufung eines offiziellen Andrzej-Wajda-Jahres.
Die Ausstellung startet mit einem Blick in die Kindheit, führt dann mit der sogenannten Kriegsfilm-Trilogie („Eine Generation“, „Der Kanal“, „Asche und Diamant“) in die Abteilung „Hölle“ - als Verweis auf die Jugendzeit und Aufbruchstimmung junger, patriotischer Idealisten. Die neue Welle, Ausgangspunkt für die legendäre „Polnische Schule“, erzählt romantisch-existenzialistische Geschichten. Eine wichtige Ära stellt der „Revolution“ bezeichnete Bereich dar, der von friedlichen Veränderungen („Das gelobte Land“, „Der Mann aus Marmor“, „Der Mann aus Eisen“) bis zum blutigen Widerstand („Danton“) reicht.
Wajdas künstlerisches Werk ist Erinnerung und Mahnung, aber auch Elegie und nostalgisches Pathos. Die Ikone wird dabei nicht vom Sockel gestürzt, selbst wenn sie mit der Solidarność-Produktion „Der Mann aus Hoffnung“ (2013) dem geschönten Schmerz erliegt. Immer wieder beschreibt Wajdas emotionale Filmsprache die Morbidität des Alltäglichen und die Tragik des Schicksals – im Privatleben wie im nationalen Selbstbehauptungskampf. Die (männlichen) Figuren in Wajdas Filmen sind Verlierertypen, Verwandte des US-amerikanischen Film noir, gezeichnet vom Trauma einer entwurzelten Generation. Nicht von ungefähr ähnelt sein Hauptdarsteller Daniel Olbrychski in Überzeugung und Gestik dem übermächtigen Vorbild James Dean. Dazwischen huldigt die Fackel der Solidarität dem vormals sozialistischen Ideal einer neuen, gerechten Welt und Gesellschaft.
Neorealismus & poetischer Realismus
Wajda schätzte die Variationsbreite der Kamera, die klaren Bilder eines Jerzy Lipman oder Witold Sobocinski, die Faszination der Farbe und das CinemaScope-Format als Erweiterung der medienspezifischen Optionen. Seine hierzulande weniger bekannte künstlerische Vielseitigkeit speiste sich aus dem frühen Kunstunterricht, dem abgebrochenen Studium an der Akademie in Krakau, dem Besuch der Filmhochschule in Łódź sowie aus der Arbeit als Grafiker, Bühnenbildner und Buchillustrator. Neben dem von ihm und seinen Regie-Kommilitonen bewunderten volksnahen Humanismus des italienischen Neorealismus beeinflusste ihn auch die kinematografische Ästhetik des poetischen Realismus aus Frankreich.
Die Ausbildung als Regisseur umfasste die französische und deutsche Avantgarde der 1920er-Jahre, das sowjetische Kino von Sergej Eisenstein und Boris Barnet. „Unsere filmische Gegenwart und Zukunft war der italienische Neorealismus. Neben ‚Citizen Kane‘ haben wir außerdem gerne und häufig das amerikanische Gangsterkino gesehen. Mein Film ‚Asche und Diamant‘ ist auf der Bildebene eigentlich in dieser Art gemacht“, gestand Wajda. Als besonders aufschlussreich erweisen sich in der Ausstellung Düsseldorf die aussagekräftigen Exponate zu den Bühnenarbeiten von Wajda. Drei Theateraufführungen hat er selbst als Schlüsselerlebnisse bezeichnet: „Titus Andronicus“ von Peter Brook, „Mutter Courage“ unter der Regie von Bert Brecht und „Diener zweier Herren“ als Inszenierung von Giorgio Strehler.
Geboren wurde Andrzej Wajda am 6. März 1926 in der nordostpolnischen Kleinstadt Suwalki, nahe der Grenze zu Litauen. Auf die Kindheit als Sohn eines Berufsoffiziers und einer Lehrerin in militärischem Ambiente folgte nach dem deutschen Überfall auf Polen der Anschluss an die Untergrundarmee, die Armia Krajowa. Angezogen vom Antifaschismus und von der sowjetischen Befreiungsideologie soll er 1948 Mitglied der (später) kommunistischen Polnischen Arbeiterpartei (PPR) geworden sein. „Neben Talent und Realitätssinn benötigt ein Filmregisseur eine marxistische Haltung gegenüber dem Leben und Kunst“, soll in seiner Bewerbung gestanden haben. Diese Seite seiner wechselhaften Biografie wird von Bewunderern des polnischen Nachkriegskinos und der transnationalen Leistung Wajdas selten in die Analyse seiner Filmdramaturgie und Figurenzeichnungen einbezogen.
Identitätssuche einer jungen Generation
Nach seinem abgebrochenen Kunststudium reifte der Autodidakt Andrzej Wajda an der Filmhochschule in Łódź zum Kino- und Theaterregisseur. Er begleitete die cineastische Transformation der dem „Sozialistischen Realismus“ verpflichteten Tradition in die individuelle wie gesellschaftspolitische Identitätssuche einer jungen Generation. Nicht umsonst trägt sein Spielfilmdebüt den Titel „Eine Generation“ (1954). Von der kommunistischen Kritik abgelehnt, weil der obligatorische Optimismus fehlte, wurde der Film dennoch mit einem Staatspreis ausgezeichnet. Ist das Werk ästhetisch wie inhaltlich trotzdem als Affront gegen die Stalinära, die „falsche“, ideologiebasierte Geschichtsschreibung auch mit Blick auf die zwiespältige Rolle der katholischen Kirche einzustufen? Vergleichbar damit ist auch der 1956 gedrehte Film „Der Kanal“: Das beklemmende Werk über den Warschauer Aufstand erhielt beim Filmfestival in Cannes den „Spezialpreis der Jury“.
„Asche und Diamant“, der dritte Teil der Kriegstrilogie, erfuhr Auflagen der Zensurbehörde und Kürzungen, galt nach der Festivalpremiere in Venedig aber als „Meisterwerk der verlorenen Generation“. Wird hier, getragen von Wehmut über das dezimierte Vorkriegspolen, aber auch als Abgesang auf die historische Tragik Polens, ein zeitloser Existenzialismus zelebriert, wodurch Kunst eine gesellschaftliche Funktion zukommt? Wajdas Kriegstrilogie der kollektiven Einsamkeit fungiert und funktioniert auch als (einseitige) Vergangenheitsbewältigung. Beförderten die doppelte Okkupation im Zweiten Weltkrieg und danach die traumatischen Bewusstseinsstrukturen den Wandel der Gesellschaft? Insbesondere die stilisierte Licht- und Schattenästhetik von Wajdas Schwarz-weiß-Filmen lenkt den Fokus auf schmerzhafte Historienbilder, auf die Reflexion von Gegenwart und Vergangenheit.
In der dezidiert einseitigen Einordnung der polnischen Vereinigung „RADIOdienst“ ist Andrzej Wajda ein „Unbeugsamer“. Seine Kehrtwenden, Brüche und Kompromisse im Persönlichen wie in der künstlerischen Karriere werden als Weg gedeutet, die nationale Identität Polens weltweit verständlich zu machen. Er sei aus Patriotismus, infiziert von der sowjetischen Propaganda im Nachkriegspolen, 1946 in die Kommunistische Partei eingetreten und habe später eine ruhende Mitgliedschaft gewählt. Eine eindeutige Aussage zu diesem dunklen Kapitel in der Biografie Wajdas konnten beim Pressegespräch in Düsseldorf weder die Vertreter des Polnischen Instituts noch Rafal Syska oder Katarzyna Nowak vom Manggha-Museum in Krakau beisteuern. In der Ausstellung findet sich dazu ebenfalls keine Aufklärung.
Der Chronist der polnischen Geschichte
Andrzej Wajda verstand sich als Chronist der polnischen Geschichte, ihrer politisch-literarischen Traditionen. Viele seiner Literaturverfilmungen standen im Zeichen der Traumata der polnischen Geschichte. Eine kritische Aufarbeitung der nationalen Vergangenheit, des Mythos vom Opfer, die die Mittäterschaft und Kollaboration nicht ausblendete, stand bei Wajda und anderen Repräsentanten der Polnischen Schule eher selten auf dem Plan. Erst „Das Massaker von Katyn“ (2007) weicht von dieser Linie ab. Die Arbeit beschreibt die fälschlicherweise den Deutschen zugeschriebene Ermordung tausender polnischer Kriegsgefangener und Offiziere durch die stalinistische Geheimpolizei NKWD, die jahrzehntelang in Polen wie in der Sowjetunion ein Tabuthema war.
Ein großes Verdienst Wajdas ist die Auseinandersetzung mit dem jüdischen Kino, da dieses Thema im polnischen Kino nur gelegentlich Gegenstand seriöser Geschichten war. Wajda lieferte wichtige Anstöße mit Filmen wie „Eine Generation“, „Samson“, „Die Karwoche" oder „Korczak“. In einem Interview äußerte er 2001 unmissverständlich: „Ein polnischer Künstler konnte deshalb die polnische Gesellschaft nicht kritisieren, weil er sich bewusst war, dass die Gesellschaft nicht das ausdrückt, was sie sagen wollte. Daraus resultiert heute der Schock über Jedwabne, den Ort, an dem während des Krieges ein Pogrom, von Polen verübt, stattgefunden hat. Die Polen waren bis dahin immer überzeugt, dass sie nur Opfer waren und die passive Rolle gespielt haben.“
Zur Wirkung der Kunst äußerte sich der Regisseur nach dem aufsehenerregenden Meisterwerk „Der Mann aus Marmor“ (1976), das in Polen auch von der Kritik sträflich totgeschwiegen wurde und auf Festivals nicht gezeigt werden durfte: „Man sollte die Wirkung der Kunst nicht überschätzen. Die Realität auf der Leinwand, das ist eine subjektive Vision des Künstlers, und sie ist nicht identisch mit der Wirklichkeit außerhalb des Kinos … Der Film ist nicht zuständig für die verschiedenen Fehler der Wirklichkeit, und er hat nicht die Aufgabe, Diagnosen zu stellen oder wirkungsvolle Lösungen vorzuschlagen. Der Film ist vielmehr verpflichtet, die vielfältigen Aspekte der Wirklichkeit zu zeigen – und sie nicht zu unterschlagen, wenn sie unangenehm oder gar schockierend sind. Der Film ist kein Spiegel der Wirklichkeit oder gar ihr Arzt.“ (Heinz Ungureit, Film-Korrespondenz, 5.7.1983).
Wajdas Filme verdanken ihre (west)deutsche Bekanntheit vor allem den Ausstrahlungen in der Reihe „Der besondere Film“ im Zweiten Deutschen Fernsehen. Weniger bekannt ist, dass Wajdas filmisches Frühwerk in der Bundesrepublik wie in der DDR mit teilweise erheblich gekürzten Fassungen in die Kinos kam. Eine lohnende Rezeptionsgeschichte dieser Eingriffe steht immer noch aus. Während die 1963 bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen erstmals gezeigte „Eine Generation“ die Originallänge von 90 Minuten aufwies, wurde die DDR-Fassung 1966 um 22 Minuten gekürzt. Von „Der Kanal“, in Polen und in der DDR mit einer Laufzeit von 97 Minuten zu sehen, wurden 1958 in der Bundesrepublik nur 90 Minuten gezeigt. Das Meisterwerk „Asche und Diamant“, bei der Premiere in Warschau 108 Minuten lang, wurde in Westdeutschland auf 95 Minuten, in der DDR auf 102 Minuten gekürzt. Das Historienepos „Legionäre“ besaß eine Originallänge von 233 Minuten; für die Auswertung in den beiden Staaten kürzte Wajda den Film auf 169 Minuten. Ebenso verhielt es sich bei „Die Hochzeit“: 110 Minuten dauerte die vollständige Fassung in Polen wie in der DDR, aber nur 105 Minuten in der Bundesrepublik. „Das gelobte Land“ lief im Original 179 Minuten, in der BRD 167, in der DDR 169 Minuten.
Die Plakatausstellung „Andrzej Pagowski - Wajda aufs Neue“, die vom 13. März bis zum 29. Mai 2026 im Polnischen Institut in Düsseldorf zu sehen.
Hinweise
Die Sonderausstellung „Andrzej Wajda: Exhibition“ im Filmmuseum Düsseldorf ist bis zum 30. August 2026 zu sehen.
Die Plakatausstellung „Andrzej Pagawski - Wajda aufs Neue“ im Polnischen Institut in Düsseldorf ist vom 13. März bis 29. Mai geöffnet.
Im Black-Box-Kino des Filmmuseums ist parallel zur Wajda-Ausstellung eine Reihe mit seinen Filmen zu sehen. Dabei liegt der Fokus im März aus der Kriegstrilogie „Eine Generation“ (1955), „Der Kanal“ (1957), „Asche und Diamant“ (1958).
Im April geht es um den „modernen Wajda“ mit „Alles zu verkaufen“ (1969), „Korczak“ (1989).
Im Mai heißt es „Revolution!“: „Danton“ (1983), „Der Mann aus Marmor“ (1977), „Der Mann aus Eisen“ (1981), „Das gelobte Land“ (1975).
Im Juni stehen Erinnerung und Reflexionen im Mittelpunkt: „Das Birkenwäldchen“ (1970), „Die Mädchen von Wilko“ (1979) sowie „Afterimage“ (2016).