In der DDR war das Berliner Kino International seit der Eröffnung 1963 das wichtigste Premierenkino. Auch nach der Wende behauptete es sich als eines der markanten Arthouse-Kinos in Berlin, musste aber 2024 für eine Generalsanierung schließen. Mit einem Festakt wird es am 3. März 2026 offiziell wiedereröffnet. Die sorgsame Restaurierung des denkmalgeschützten Gebäudes macht sogar Hoffnung auf eine Zukunft des Kinos.
Positive Nachrichten zur Kinosituation sind in Berlin selten. Umso überraschender kam die Meldung im Februar 2026: Viel früher als geplant konnte das fast zwei Jahre geschlossene Kino International in der Karl-Marx-Allee nach einer umfassenden Sanierung Ende Februar wiedereröffnet werden. Und das in einer Stadt, die dafür berüchtigt ist, dass sich Bauarbeiten wie beim Flughafen BER um Jahre verzögern oder sich wie beim Pergamon-Museum oder der Staatsbibliothek gleich über Jahrzehnte hinziehen.
Überall in der Stadt hängen die grafisch schönen Plakate zur Wiedereröffnung, und auch in den Medien und online ist das „Inter“, wie es liebevoll genannt wird, gerade omnipräsent. Mit „Marty Supreme“ in der OmU-Fassung fand man auch den idealen Film, um das Publikum in bisher ständig ausverkaufte Vorstellungen zu locken. Auch der strahlende Sonnenschein konnte die Berliner nicht davon abhalten, in die DDR-Stilikone zurückzukehren.
Sofort wieder vertraut
Obwohl das Kino völlig entkernt wurde, alle Holzstielen und die Holzfliesen im Foyer entfernt, katalogisiert und gesäubert wurden, sieht es wieder wie vorher aus. Man fühlt sich sogleich wieder vertraut. Wer das Kino neu entdeckt, mag kaum glauben, dass es mit so viel Sorgfalt und streng nach den Regeln des Denkmalschutzes für etwa 15 Millionen Euro renoviert wurde. Dabei wurde keine Luxussanierung angezielt und auch keine spektakuläre bauliche Veränderung unternommen, sondern vor allem viel Geld in neue Bild- und Tontechnik investiert und ansonsten der Originalzustand des Kinos bewahrt.
Die Yorck Kino GmbH, die das International seit 1992 betreibt, will damit ganz bewusst eine jüngere Generation ansprechen. Ins International kommen durchaus auch Mitt- und Endzwanziger, die mehr Wert auf eine optimale 4K-Vorführtechnik in Dolby 7.1 legen als die „klassische“, eher ältere Zielgruppe mit höherem Frauenanteil im typischen Arthouse-Kino-Segment.
Nach Auskunft von Katja Schubert von den Yorck-Kinos wird das International weiterhin vor allem große Arthouse-Filme spielen. Außerdem will man Originalfassungen verstärkt einsetzen, ohne das ältere Publikum zu verprellen, das mit OmU-Versionen eher fremdelt. Für diese Zielgruppe läuft nachmittags gerade „Gelbe Briefe“ von Ilker Çatak, der jüngst den „Goldenen Bären“ bei der Berlinale gewann. Wichtig sind in den kommenden Monaten aber auch Hollywood-Regisseure wie Christopher Nolan, dessen neues Epos „Die Odyssee“ (ab 16. Juli) ebenso gezeigt wird wie eine kleine Werkschau seiner bisherigen Filme. Steven Spielberg widmet man zum 80. Geburtstag im Dezember eine Retrospektive, die sich auch an die jüngeren Zuschauer richtet, welche die Spielbergschen Klassiker noch nie im Kino auf einer großen Leinwand gesehen haben. Damit folgt das International einem europaweiten Trend, dass als Klassiker heute vor allem Filme aus den 1980er- bis 2000er-Jahren wahrgenommen werden. Kultregisseure sind nicht mehr Orson Welles, John Ford, Jean Renoir oder Roberto Rossellini, die frühere Generationen prägten, sondern Quentin Tarantino, David Lynch oder eben Christopher Nolan und Steven Spielberg.
Kinobesuch im Architekturjuwel
Beim Besuch im International spielt für viele Besucher aber nicht nur der aktuelle Film eine Rolle, sondern der Kinobesuch an sich. Im großzügigen Sitzbereich im ersten Stock vor dem Kinosaal und an der Panoramabar verweilen viele Zuschauer und Zuschauerinnen auch nach dem Film, wo sie auf den rot gepolsterten Stühlen sitzen und noch auf einen Drink bleiben.
Auffallend ist auch, wie sehr das Kino als Architekturjuwel wahrgenommen wird, obwohl es als ein Prachtbau der sozialistischen DDR im Kalten Krieg eine wichtige Propagandafunktion zu erfüllen hatte. Man wollte nach der Eröffnung des Zoopalastes im Westen der Stadt auch im „demokratischen“ Berlin (DDR-Jargon) den Bürgern Komfort, Technik und große Filmkunst bieten. Unweit vom Alexanderplatz in der ehemaligen Stalinallee mit ihrem Zuckerbäckerstil der 1950er-Jahre schuf dann auch die DDR mit dem International, dem Café Moskau und der Mokka-Milch-Eisbar ein architektonisch aufeinander abgestimmtes Ensemble.
Am 17. November 1963 war es so weit. Der Eröffnungsfilm kam aus dem Land des „großen Bruders“, aus der Sowjetunion. Der 70mm-Schwarz-weiß-Film „Optimistische Tragödie“ von Samson Samsonow ist allerdings nicht in die Filmgeschichte eingegangen, im Gegensatz zu anderen Filmen, die im International Premiere feierten. 1966 zeigte man im Juni einige Tage lang Frank Beyers „Spur der Steine“, bis eine Aufführung von staatstreuen Provokateuren an der Stelle unterbrochen wurde, an der im Film der SED-Parteisekretär von Bauarbeitern in einen Brunnen geworfen wird. Nach einer kurzen Unterbrechung und besonnenen Rufen aus dem Publikum konnte der Film bis zu Ende gezeigt werden. Verboten wurde er in der DDR dann aber trotzdem. Bei der Wiederaufführung im International trafen der Hauptdarsteller Manfred Krug, der 1977 in den Westen gegangen war, und der damalige SED-Generalsekretär Egon Krenz aufeinander. Wenige Tage vorher fand am 9. November im International noch die Premiere von „Coming Out“ statt, der als erster DEFA-Film Homosexuelle in der DDR zeigte. Parallel dazu kam es zum Mauerfall.
Anekdoten gibt es reichlich
Zu den feierlichen Premieren von DEFA-Filmen im International wie „Solo Sunny“ von Konrad Wolf reisten aus dem Westen auch Regisseure wie Peter Schamoni oder Volker Schlöndorff an. Christine Weigand, die langjährige Kinoleiterin aus DDR-Zeiten, erinnert sich aber auch an Richard Attenborough, der zur DDR-Premiere von „Cry Freedom“ gekommen war. Schon damals zeigte man eher künstlerisch anspruchsvolle Filme. Eine große Ausnahme war „Dirty Dancing“, der im Sommer 1989 wochenlang für ausverkaufte Vorstellungen sorgte. Anekdoten um das Kino gibt es also reichlich.
Die Sanierung des International war angesichts des generellen Umgangs mit DDR-Architektur trotzdem nicht selbstverständlich. Viele Spuren der DDR-Vergangenheit wurden getilgt, der Palast der Republik abgerissen, und auch das legendäre Sport- und Erholungszentrum in der Landsberger Straße stand nach jahrzehntelangem Leerstand auf der Abrissliste. Zwar wurde ein vorläufiger Stopp verfügt, doch das Land Berlin hat sich nie sonderlich für DDR-Bauten interessiert, die einst eine große Popularität genossen.
Von den drei großen Ostberliner Premierenkinos konnte sich nur das International behaupten. Die Zukunft des „Colosseums“ bleibt ungewiss, auch wenn es wieder bespielt wird. Das größte Kino der DDR-Hauptstadt, das ebenfalls auf der Karl-Marx-Allee gelegene „Kosmos“, wurde 2005 für immer geschlossen, auch wenn das Gebäude noch steht und gelegentlich für Events genutzt wird. In der Nähe zum International steht das Café Moskau traurig leer. Immerhin soll die Mokka-Milch-Eisbar nun nach Jahren der Schließung ab April 2026 wieder öffnen. Bisher bleibt also das „Flaggschiff“ International ein schönes, aber seltenes Beispiel dafür, dass man in Berlin auch in Kinokultur investiert. Die DDR-Vergangenheit bleibt in Form eines bedeutenden Einzelhauses mit über 500 Sitzplätzen nicht nur sichtbar, sondern wird sogar geschätzt und verehrt. Im Osten wie im Westen.