Harvey Weinstein, #MeToo & die Folgen

Rekapitulation eines Skandals, der sich zu einer Bewegung ausgewachsen hat. Und über die Fragen, die sich an die Konsequenzen knüpfen.

Diskussion

Bei der Verleihung der „Golden Globe Awards“ hielt Oprah Winfrey eine Ansprache als Dank für den ihr verliehenen „Lifetime Achievement Award“. Die Rede kursierte bereits wenige Minuten später in den sozialen Medien und wurde am nächsten Tag in vielen Zeitungen der Vereinigten Staaten verbreitet und diskutiert. Mit Blick auf die vielen Filmstars und Filmemacher bei der Preisverleihung sagte Winfrey: „Alle von uns hier im Saal werden gefeiert wegen der Geschichten, die wir erzählen. Aber dieses Jahr sind wir selbst die Geschichte. Diese Geschichte betrifft nicht nur die Unterhaltungsindustrie. Es ist eine Geschichte, die über jede Kultur, Geografie, Rasse, Religion, Politik und Arbeitsstätte hinausgeht.“

Gemeint ist die Geschichte des Aufbegehrens von Frauen, der explosionsartig angeprangerten Ungleichbehandlung und sexuellen Belästigung von weiblichen Untergebenen, Kolleginnen und vielen, die um ihrer Gleichberechtigung und Karriere willen die Anerkennung einflussreicher Männer suchten und mit Mißachtung bestraft wurden. Gemeint sind die Betroffenen des Weinstein- Skandals und der darauf folgenden weiteren Skandale, die nach oft jahrzehntelangem Schweigen in befreiende Anklage ausbrechenden Frauen und die Armee der Solidarischen in der den Erdball umspannenden #MeToo-Bewegung.

Die Kultur des Wegsehens

Weinstein und der Skandal um Schauspieler Kevin Spacey reihen sich in eine „Kultur des Wegsehens“ ein, die Hollywood seit den allerersten Tagen der Filmindustrie beherrscht hat. Harry Cohn, Darryl F. Zanuck und Howard Hughes, die Moguln der Anfangszeit, waren nicht besser als Harvey Weinstein, der viel gerühmte Produzent von Filmen wie „Shakespeare in Love“ und „The English Patient“, den die Anklage nun als einen der Ersten und gleich am härtesten traf.

Für Insider war weder das frauenverachtende Benehmen der einstigen Hollywood-Milliardäre noch der geringschätzige Umgang Harvey Weinsteins mit Frauen, die um seine Produzentengunst warben, ein Geheimnis. Die „Casting Couch“ war ein geflügeltes Wort in der Branche, und das Schweigen der Betroffenen gehörte als eine Art Selbstverständlichkeit mit dazu.

Eine Woge der Anklagen

Doch dann gab es auch noch Bill Cosby, der für Generationen von Amerikanern der Inbegriff des geliebten Familienvaters war, dessen Fernsehauftritte zum wöchentlichen Ritual zählten und dem jede US-amerikanische Mutter ohne Zögern ihre Kinder anvertraut hätte. Die anfängliche Skepsis seines Millionenpublikums schlug schon bald in einen nachhaltigen Schock um, je mehr Vorwürfe gegen ihn vorgebracht wurden. Die langsam bekannt werdenden Details seiner sexuellen Übergriffe räumten nach und nach die letzten Zweifel seiner Verehrerinnen und Verehrer aus, dass der Mann, der für sie zum Idol geworden war, hinter der Maske des Biedermanns ein abstoßendes Doppelleben führte.

Mit Cosby und Weinstein öffneten sich die Schleusen. Immer mehr Frauen überwanden ihre Scham und gingen an die Öffentlichkeit. Große und kleine Stars, Bekannte und Unbekannte. Die Liste der von ihnen Beschuldigten wurde immer größer: die Schauspieler Kevin Spacey (wobei hier Männer die Opfer der Übergriffe waren), Dustin Hoffman, James Franco, Geoffrey Rush, Steven Seagal, die Regisseure James Toback, Brett Ratner und dann sogar John Lasseter, der Vater des „Toy Story“-Universums. Es verging kaum ein Tag, an dem nicht neue Namen hinzukamen. Die Woge der Anklagen schlug aber nicht nur über der Filmindustrie zusammen. Vorwürfe sexueller Ausfälligkeiten (und rassistischer Diskriminierung) beendeten bei Fox News die Karrieren von Roger Ailes und Bill O’Reilly; in Washington sahen sich Politiker von Beschuldigungen umzingelt, und ikonische Figuren der Musikszene wie der langjährige Chefdirigent der New Yorker Metropolitan Opera, James Levine, fanden sich demaskiert.

Absagen und Herauswürfe

Viele der Vorwürfe werden von den zuständigen Gerichten nicht verfolgt, weil die Taten verjährt sind, andere verdichten sich zu Anklagen und Prozessen, die zum Teil auch im Ausland geführt werden. Weiterreichende Folgen manifestierten sich sofort. Keiner der Produzenten, Verleiher, Financiers und Veranstalter, die etwas mit den Beschuldigten zu tun hatten, wollte auch nur für einen Augenblick weiter mit den in Ungnade Gefallenen in Beziehung gebracht werden. Netflix warf Kevin Spacey aus der erfolgreichen Serie „House of Cards“; der schier unersetzbar scheinende Fernsehjournalist Charlie Rose verlor alle seine Engagements, Amazon löste seinen Vertrag mit der Weinstein Company über eine Robert-De-Niro-Serie, und der Kevin-Spacey-Film „Gore“ wurde abgesagt.

Auffälligstes Beispiel dafür, wie schnell sich das professionelle Umfeld von den Beschuldigten zurückzog, ist Ridley Scotts Kinofilm „Alles Geld der Welt“, der bereits abgedreht und dessen Premiere für die Weihnachtswoche 2017 geplant war. Der Regisseur entschloss sich spontan zu dem Undenkbaren. Alle Szenen des Hauptdarstellers Kevin Spacey wurden aus dem fertigen Negativ herausgeschnitten, Darsteller und Crew in einer Blitzaktion zurückgerufen und der 88-jährige Christopher Plummer an Spaceys Stelle für die Partie des alten Ölmilliardärs J. Paul Getty engagiert. Was niemand für möglich hielt, geschah: „Alles Geld der Welt“ lief pünktlich zu Weihnachten in den amerikanischen Kinos an, und Plummer macht seine Sache so gut, dass niemand mehr Kevin Spacey vermisst.

Die Kulturszene wird ärmer

Was aber werden wir alles vermissen, wenn das so weitergeht? Müssen wir uns nicht auch der Frage stellen, ob durch die vielen spontanen Folgeerscheinungen die Kulturszene ärmer wird? Die Welt wird sich entscheiden müssen, was ihr wichtiger ist, die Achtung der Persönlichkeit und die Integrität des privaten und beruflichen Lebensbereichs oder das Werk eines Künstlers, das sich nach Meinung vieler seiner Verehrer von der Person des Schaffenden durchaus losgelöst betrachten lässt. Eine schreckliche Alternative, die den jetzt an die Öffentlichkeit kommenden Frauen nicht gewährt war.

Es hat viele Wochen gedauert, bis das Entsetzen über die Decouvrierung einiger der besten Produzenten und Künstler wenigstens ansatzweise einem Nachdenken über die Konsequenzen zu weichen beginnt. Erste Äußerungen waren unnachgiebig wie die im „Wall Street Journal“ veröffentlichte Reaktion des Musikkritikers Anthony Tommasini, eines Bewunderers von James Levine, der sich entschlossen hat, als persönliche Antwort auf den Skandal alle Opernaufnahmen von Levine aus seinem Wohnzimmer zu entfernen. Heißt das für Filmfreunde, es ihm gleich zu tun und lieb gewonnene Dustin-Hoffman-Filme nicht mehr anzusehen oder unseren Kindern alle von John Lasseter produzierten Pixar-Filme vorzuenthalten? Gilt die – immer schon umstrittene – Übereinkunft, Kunst vom Künstler zu trennen, angesichts der massiven Häufung untolerierbaren Verhaltens nicht mehr? Oder hat vielleicht William Faulkner recht, als er zynisch sagte: „Wenn ein Schriftsteller meint, seine Mutter ausrauben zu müssen, dann wird er nicht zögern; die ‚Ode auf eine griechische Urne‘ ist jede Menge alter Ladys wert.“

Es wird hoffentlich eine Debatte geben, die #MeToo nicht nur als (notwendige) Protestaktion in die Geschichte eingehen lässt, sondern die auch das Nachdenken darüber fördert, wie mit dem Werk der befleckten Autoren, Produzenten und Schauspieler in Zukunft umzugehen ist.

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