Hape Kerkeling bei der Premiere von "Horst Schlämmer sucht das Glück" (© IMAGO / Future Image)

In den Himmel schauen & lächeln - Hape Kerkeling über Horst Schlämmer

Ein Gespräch mit Hape Kerkeling, nicht nur über seinen neuen Film „Horst Schlämmer sucht das Glück“

Aktualisiert am
17.04.2026 - 09:57:06
Diskussion

In „Horst Schlämmer sucht das Glück“ (ab Donnerstag im Kino) bricht Hape Kerkeling in Gestalt des stellvertretenden Chefredakteurs des „Grevenbroicher Tagblatts“ zu einer Reise quer durch Deutschland auf, um herauszufinden, was man gegen den weit verbreiteten Unmut seiner Landsleute tun kann. Und entdeckt dabei im Gespräch mit Markus Söder und Kardinal Woelki, wie wichtig es ist, miteinander von Angesicht zu Angesicht zu sprechen. Im Interview zum Film spricht Kerkeling über sich, den Horst und die Veränderungen der deutschen Komödienlandschaft.

 

 

Sie sind für die Dreharbeiten zu „Horst Schlämmer sucht das Glück“ quer durch Deutschland gereist und wurden vor Ort von vielen Lokaljournalisten begrüßt. Also von Menschen, die Sie zu der Figur des Horst Schlämmer inspiriert haben. Gibt es heute diesen Typus immer noch?

Kerkeling: Es gibt ihn noch, aber er wird seltener von der Leine gelassen. Gott sei Dank verbieten heutige Regeln extreme Frauenfeindlichkeit oder Witze über Handicaps. Diese Typen existieren weiterhin, aber sie trauen sich nicht mehr so aus der Deckung wie früher – und das ist auch gut so.

Könnte man diese Figur heute noch mal erfinden?

Kerkeling: Horst Schlämmer ist eine Reminiszenz an eine Epoche, die gerade erst vergangen ist. Man spürt noch ihre Textur, riecht ihren Geruch. Der Horst ist wie ein alter Perserteppich: Alle wollen ihn loswerden – aber wenn er erst mal draußen ist, fehlt die Gemütlichkeit.

Woher kommt eigentlich der Name?

Kerkeling: „Schlämmer“ assoziiert Völlerei, aber auch das Kleckern beim Essen. „Horst“ wiederum klingt autoritär. Wenn jemand diesen Namen trägt, der alles andere als autoritär ist, entsteht Komik. Einmal fragte eine Lehrerin ihre Klasse: „Wie heißt unser Bundespräsident? Horst…“ – und die Kinder schrien im Chor: „Schlämmer!“. Ein schönes Land, das sich so einen Präsidenten erlauben kann.

Hape Kerkeling in "Horst Schlämmer sucht das Glück"
Hape Kerkeling in "Horst Schlämmer sucht das Glück" (© Leonine Studio)

 

Sie sagen, dass Sie nur parodieren können, wenn Sie etwas an einer Figur mögen. Was mögen Sie an Horst Schlämmer?

Kerkeling: Dass er wie ein wandelnder Fehler durch die Welt läuft – und es manchmal selbst ahnt. Er besitzt einen Funken Bewusstsein für seinen eigenen „Mist“. Er hätte eigentlich das Zeug zum besseren Menschen, aber er wird es zum Glück nie. So bleibt er lustig.

Die Welt hat sich in den vergangenen 20 Jahren verändert, doch Schlämmer ist trotzdem der Alte geblieben, vielleicht ein bisschen sensibler und mit einem etwas größeren Ohr…

Kerkeling: (Lacht) Wie das bei alten Leuten eben so ist: Nicht nur die Ohren werden größer!

Warum nimmt man ihm sein Verhalten nicht übel?

Kerkeling: Weil er kein schlechter Charakter ist. Er ist ein friedliebender Rheinländer, der am liebsten an der Theke sitzt. Jeder kennt so jemanden – den Cousin, die Tante. Horst verkörpert alles, was wir nicht sein wollen und leider doch sind.

Warum brauchen wir Horst Schlämmer im Moment so sehr?

Kerkeling: Weil wir zwar perfekt sein wollen, es aber nicht sind. Wir vergaloppieren uns alle mal im Ton. Solange man nicht bösartig verletzt, macht uns genau dieses Fehlbare zu Menschen. Horst ist die personifizierte Erlaubnis, menschlich zu sein.

Ein Held der Fehlbarkeit: Szene aus "Horst Schlämmer sucht das Glück"
Ein Held der Fehlbarkeit: Szene aus "Horst Schlämmer sucht das Glück" (© Leonine Studio)

 

Der Film wirkt sehr versöhnlich. War es ihr Anliegen, dass man lachen, aber niemanden verlachen soll?

Kerkeling: Wir steuern auf unversöhnliche Zeiten zu. Wir hätten mit dem Film noch mehr Chaos stiften können, haben uns aber bewusst für die Ordnung entschieden. Die versöhnliche Variante ist am Ende oft die spannendere.

Horst Schlämmer zeichnet aus, dass er anarchisch ist und spontan reagiert. Wie geht das in einem Kinofilm? Wieviel wird dabei improvisiert?

Kerkeling: Technisch ist es klassisches Kino, cineastisch inszeniert. Aber innerhalb dieses Rahmens bleibt Horst unberechenbar. Fast jede Szene enthält Momente, die aus der reinen Spontaneität entstanden sind. Der Zuschauer nimmt so an etwas Unmittelbarem teil, obwohl alles durchgeplant ist.

Im Film gibt es die Social-Media-Redakteurin Anna, die Horst begleitet. Man hört sie zwar, doch sie ist bis zum Ende nie ganz im Bild zu sehen. Ist das nicht frauenfeindlich?

Kerkeling: Man könnte es als Gipfel der Frauenfeindlichkeit interpretieren – oder als ultimativen Respekt. Sie entscheidet selbst, dass sie nicht ins Bild will, und Horst akzeptiert das einfach. Ein satirischer Zwiespalt, dessen Deutung ich dem Zuschauer überlasse.

Horst Schlämmer geht mit Menschen in den Austausch, er sucht den direkten Kontakt, das Gespräch. Ist das etwas, was Sie heute vermissen?

Kerkeling: Horst übertreibt es mit seiner Distanzlosigkeit natürlich maßlos. Aber im Kern zeigt er uns, wie essenziell der echte menschliche Kontakt ist. In einer Zeit, in der wir uns immer mehr voneinander entfernen, ist seine Aufdringlichkeit eine fast schon nötige Mahnung zum Augenkontakt.

Hape Kerkeling zu Gast bei der NDR Talk Show
Hape Kerkeling zu Gast bei der NDR Talk Show (IMAGO / APress)

 

Es gibt im Film eine Szene, in der Horst Schlämmer Hape Kerkeling gegenübersitzt. Man merkt: Zwischen den beiden stimmt die Chemie nicht. Wie kam es dazu?

Kerkeling: Die Idee war, das Publikum zu irritieren. Ich spiele mich selbst als miesen, berechnenden Typen, während Horst die personifizierte Liebe sein darf. Das stellt die Erwartungshaltung komplett auf den Kopf.

Horst Schlämmer trifft noch andere Prominente, unter anderem auch den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, der ja gerne im Rampenlicht steht. Warum haben Sie sich gerade Söder ausgesucht?

Kerkeling: Ganz pragmatisch: Er wollte, er konnte, er hatte Zeit. (Lacht)

Wie sehr war dieses Gespräch vorbereitet?

Kerkeling: Überhaupt nicht. Söder hat das Prinzip Freiheit ernst genommen: Er kannte keine Fragen, forderte keinen Vorabschnitt. Er sagte einfach: „Machen Sie, was Sie wollen.“ Das muss man ihm lassen.

Warum war Ihnen Kardinal Woelki als Gesprächspartner für Horst Schlämmer wichtig?

Kerkeling: Ich war selbst überrascht, dass er zugesagt hat. Es ist ein schwieriges Thema, aber die Begegnung im Film ist das Ergebnis dieses Wagnisses.

Im Film sind das nur ein paar Minuten. Ging das Gespräch danach noch weiter?

Kerkeling: Wir saßen uns auf Augenhöhe gegenüber. Was die Zuschauer aus dieser Begegnung machen, ist ihre Sache. Ich glaube, das reine Bild zweier so unterschiedlicher Menschen, die miteinander sprechen, ist bereits aufschlussreich genug.

 

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Sie sprechen mit den Thesen auf seine Haltung zur Homosexualität an?

Kerkeling: Ja. Er hat diese Thesen mir gegenüber in diesem Moment nicht so vertreten. Es war eine menschliche Begegnung – und genau darum geht es: dass wir wieder lernen, uns zu begegnen, ohne dass es sofort in totale Konfrontation oder harmonisches Gesülze ausarten muss.

Ein Element im Film sind Persiflagen auf deutsche Fernsehserien aus den 1970er- und 1980er-Jahren. Welche Haltung haben Sie zu diesem versöhnlichen Familienfernsehen?

Kerkeling: Das ist mein kulturelles Erbe. Ich bin mit der „Schwarzwaldklinik“ und dem „Traumschiff“ aufgewachsen. Ob das intellektuell wertvoll war? Geschenkt. Aber es hat mich nicht zu einem schlechteren Menschen gemacht. Der Film ist auch ein Plädoyer für Kitsch und Trash – es muss nicht alles hochtrabend sein.

Glauben Sie, dass Humor etwas ist, worauf man sich in unserer Gesellschaft noch einigen kann?

Kerkeling: Nur solange wir bei der Wahrheit bleiben. Wenn Lügen zu Wahrheiten umgedeutet werden, hört der Humor auf. Dagegen müssen wir anarbeiten.

Seit einigen Monaten haben deutsche Komödien im Kino einen guten Lauf. Liegt das daran, dass diese Filme einen Nerv treffen? Oder wollen die Menschen einfach wieder gerne lachen?

Kerkeling: Beides. Das Handwerk ist besser geworden, die Filme sind handwerklich auf internationalem Niveau. Gleichzeitig erleben wir eine Renaissance des Humors. Wir besinnen uns auf das, was uns kulturell geprägt hat. Man muss das Erbe seiner Eltern nicht lieben, aber man sollte es kennen.

Ihr erster Kinofilm „Kein Pardon“ liegt über dreißig Jahre zurück. Wie haben Sie damals auf die Zuschauer geschaut? Und wie schauen Sie heute drauf?

Kerkeling: Damals waren die Zuschauer „unschuldige Rehe“. Heute sind alle Halb-Profis, die selbst Clips produzieren. Das Publikum durchschaut die Mechanismen. Das macht die Arbeit anstrengender, steigert aber auch den eigenen Anspruch.

Was können Sie mit einem Film wie „Horst Schlämmer sucht das Glück“ bewirken?

Kerkeling: Ich möchte die Botschaft vermitteln: Am eigenen Glück muss man aktiv mitarbeiten. Man muss die Arme öffnen und morgens erst mal lächeln, bevor man anfängt zu schimpfen. Die Bereitschaft zum Glücklichsein beginnt bei einem selbst.

Wann haben Sie verstanden, dass man das so machen muss?

Kerkeling: Ich glaube, meine Großmutter hat mir das so vorgelebt.

 

 

 

 

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