Der deutsch-türkische Fußballer Mesut Özil galt als Vorbild für Integration. Doch als sich zusammen mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Erdoğan fotografieren ließ, wandten sich viel vom ihm ab. Die dreiteilige Sportdokumentation „Mesut Özil - Zu Gast bei Freunden" (jetzt in der ZDF-Mediathek) rekonstruiert seinen Aufstieg und Fall und rekapituliert exemplarisch eine Geschichte über Identität und Zugehörigkeit.
Der Satz, an dem sich auch nach 153 Minuten der dreiteiligen Dokumentation „Mesut Özil – Zu Gast bei Freunden“ nichts geändert hat, fällt gleich zu Beginn. Hamit Altıntop, der mit Özil einst bei Schalke 04 Fußball spielte, sagt: „Keiner kennt ihn.“ Normalerweise steht ein solcher Satz am Anfang eines Films, um am Ende das Gegenteil behaupten zu können. Doch hier markiert er gleichsam das Eingeständnis des Regisseurs Florian Opitz, der auch nach monatelanger Beschäftigung mit dem Ex-Nationalspieler Mesut Özil kaum etwas anderes sagen kann. Das hat Gründe. Zum einen verweigerte sich Özil einem Gespräch. Zum anderen hat der Sportler, der während seiner Karriere in der Öffentlichkeit stand, auch in den vielen Interviews, die er berufsbedingt geben musste, kaum etwas von sich preisgegeben. Bei öffentlichen Auftritten wirkte er stets introvertiert, ja gehemmt, selbst als er beim Wechsel zu Arsenal London den damals höchstdotierten Vertrag der Premier League abschloss. Dafür wurde dann umso mehr über ihn geredet und geschrieben.
Wie sich das Land verändert hat
Das geschieht auch in diesem Film, der weit mehr als das klassische Porträt eines Spitzensportlers ist, weil er sich zu einer Gesellschaftsstudie weitet, die über Deutschland und die vergangenen 15 Jahre viel aussagt und nebenbei auch die Entwicklung skizziert, die der Profifußball genommen hat.
Auffallend ist zunächst, dass der in Gelsenkirchen aufgewachsene Özil immer wieder für fremde Zwecke funktionalisiert wurde. Als er sich 2008 entschied, für Deutschland zu spielen, das Land, in das seine Großeltern als Arbeitsemigranten gekommen waren, und nicht für die Türkei, galt das als Signal. Denn viele andere Spieler vor und nach ihm entschieden sich anders, beispielsweise Hamit Altıntop. Als Nationalspieler galt Özil als lebender Beweis dafür, dass in Deutschland die Integration von Emigranten zu gelingen schien. So ließ Kanzlerin Angela Merkel sich mit Mesut Özil in der Umkleidekabine fotografieren, um für ihre Integrationspolitik zu werben. Als er zu Arsenal London wechselte, baute ihn sein Manager zu einer Werbefigur auf, die weltweit Aufmerksamkeit erheischte, und beutete dafür auch Özils Glauben als Moslem aus. Für die Familie, einige Freunde und seine Berater war er jemand, der ihnen ein angenehmes Leben ermöglichte. Auch die Massenmedien profitierten von ihm, da jede Schlagzeile mit seinem Namen die Auflage und später dann vor allem die Klickzahlen im Internet steigen ließ.
Wie der Fußballer so immer wieder benutzt und ausgenutzt wurde, zeichnet der Film detailliert nach. Dafür befragte Opitz Zeitzeugen und Beobachter: etwa Özils Vater Mustafa, der es einst schaffte, Real Madrid einen Vertragsfehler nachzuweisen, welcher seinem Sohn dann den Wechsel nach London ermöglichte. Oder Özils Berater Reza Fazeli, der ihn von 2005 bis 2011 managte, und Erkut Söğüt, der ihn von 2012 bis 2023 betreute. Auskunft geben auch der Fußballspieler Per Mertesacker, der mit ihm in der Nationalmannschaft, bei Werder Bremen und bei Arsenal spielte, der Journalist Philipp Selldorf von der Süddeutschen Zeitung, der Fußballhistoriker Dietrich Schulze-Marmeling sowie Trainer „Jogi“ Löw und der Manager Oliver Bierhoff, die beide für das Nationalteam arbeiteten, mit dem Özil 2014 Fußballweltmeister wurde.
Im Spiegel anderer Einwandererkinder
Besonders spannend ist der Blick, den die Journalisten Özlem Topçu (Spiegel) und Volkan Ağar (Deutschlandradio Kultur) als ebenfalls in Deutschland geborene Kinder türkischer Einwanderer auf Özil und die deutsche Gesellschaft werfen. So berichtet Ağar, dass er Özil 2010 bei einem Länderspiel Deutschland gegen die Türkei in Berlin mit vielen anderen Fans ausgepfiffen habe. Eine Aktion, die Ağar heute falsch vorkommt, aber gut die Lage von Emigrantenkindern in der Bundesrepublik kennzeichnet, die sich zwischen den Ländern und Kulturen bewegen.
Die deutschen Fans feierten Özil genau dann, solange es sportlich gut lief. Gingen Spiele verloren, wurde er besonders heftig kritisiert. Es war eine Kritik, die aus weiten Teilen der Gesellschaft kam und sich wie im Rausch radikalisierte. Zum ersten Mal wurde sie laut, als die Nationalmannschaft 2012 bei der Europameisterschaft im Halbfinale gegen Italien verlor. Bild titelte damals: „Schon bei der Hymne hatten wir verloren“, da nicht alle die Nationalhymne vor dem Anpfiff mitgesungen hätten. Gemeint waren Spieler wie Özil, deren Eltern nach Deutschland eingewandert waren. Bald legte der ehemalige Fußballfunktionär und CDU-Politiker Gerhard Meyer-Vorfelder nach und forderte einen Ausschluss jener, die die Hymne nicht mitsangen. Diese absurde Forderung konterkariert im Film Schulze-Marmeling trocken mit dem Hinweis, dass 1974 beim Endspiel keiner aus der deutschen Mannschaft, die dann Weltmeister wurde, die Hymne gesungen hätte.
Tatsächlich nutzten vor allem Politiker der AfD, aber auch CDU-Politiker, denen der Kurs von Angela Merkel nicht passte, die Chance, die Integrationspolitik der Bundesregierung zu diskreditieren; der Fußball lieferte ihnen das Material, mit dem sie ihre Botschaften munitionierten. Das steigerte sich auf dramatische Weise im Jahr 2018, als sich Özil und İlkay Gündoğan in London zusammen mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdoğan fotografieren ließen. Der stand kurz vor einer Wahl und konnte Reklame bei den in Deutschland lebenden Türkinnen und Türken gebrauchen.
Zum Sündenbock gestempelt
Während sich der ungleich eloquentere Gündoğan bald von der politischen Funktionalisierung des Fotos distanzierte, schwieg Özil. Das wurde als Einverständnis mit dem immer autoritärer regierenden Erdoğan verstanden. Das trug ihm aber Kritik von beiden Seiten ein. Jene, die Erdoğan tendenziell für einen Diktator halten und die im Foto mit den Fußballspielern ein Ablenkungsmanöver von den Verhältnissen in der Türkei sahen. Die anderen waren Deutsche, die im Foto so etwas wie Landesverrat witterten. Es kam zu einem „rassistischen Ausbruch“, wie Ağar die Flut an Kommentaren und Schlagzeilen bezeichnet. Und Topçu weist darauf hin, dass sich die rechtsradikalen AfD-Politiker durch die PR-Aktion des türkischen Staatspräsidenten legitimiert gesehen hätten, einen deutschen Staatsbürger zu schmähen.
Die gesellschaftliche Stimmung kochte so sehr hoch, dass Gündoğan trotz seiner Distanzierung wenige Wochen später bei einem Länderspiel in Leverkusen jedes Mal ausgepfiffen wurde, wenn er auch nur in Ballnähe kam. Er ging am Ende des Spiels mit Tränen in den Augen vom Platz. Als die Nationalmannschaft wenige Wochen später sang- und klanglos bei der Weltmeisterschaft in Russland ausschied, wurde Özil zum Sündenbock gestempelt. Er trat daraufhin aus der Nationalmannschaft zurück. In einem Schreiben erklärte er, dass Rainer Grindel, der damalige Präsident des Deutschen Fußballbundes, in ihm immer nur dann einen Deutschen gesehen habe, wenn die Nationalmannschaft gewonnen, und als Immigranten, wenn sie verloren hatten. Özil ließ diese Erklärung auf Englisch verbreiten.
Wie komplex die Geschichte des Fußballers Mesut Özil ist, zeigt ihr Fortgang. Nach der Weltmeisterschaft wurde er bei Arsenal seltener eingesetzt, worauf er in die Türkei zum Fenerbahçe Istanbul und ein Jahr zu einem Klub wechselte, der dem türkischen Staatspräsidenten nahesteht. Özil warb nun öffentlich für Erdoğan und dessen Partei AKP. Als er heiratete, bat er den Staatspräsidenten sogar, sein Trauzeuge zu sein. 2023 veröffentlichte er ein Foto seines inzwischen überraschend muskulösen Oberkörpers, auf dem das Zeichen der „Grauen Wölfe“, einer rechtsextremen und gewalttätigen Organisation, prangte. Dazu passt, dass er zuletzt Bilder einer Landkarte teilte, auf der Israel durchgestrichen ist und durch „Palestine“ ersetzt wurde.
Gelegentlich gibt es in der stark politisch akzentuierten Dokumentation von Florian Opitz Spielszenen zu sehen, in denen die Stärke des Fußballspielers Özil zu erkennen ist. Der ehemalige Bundestrainer Löw lobt seine „Pass-Stärke“, andere seine Vorlagen, die er beispielsweise beim 7:1-Sieg der Nationalmannschaft gegen Brasilien 2014 lieferte: dritte seine Spielintelligenz. Klaus Allofs, der ihn einst zu Werder Bremen holte, attestiert ihm gar „etwas Geniehaftes“.
Vom Privatleben des Fußballspielers erfährt man außer dem Hochzeitsfoto mit dem türkischen Staatspräsidenten nichts; selbst der familiäre Krach um seine Firmen wird dezent behandelt. Von seinen Angehörigen ist nur sein Vater Mustafa im Film präsent. Wie er im Nadelstreifenanzug mit einer dicken Zigarre vor der Kamera sitzt, wirkt er wie eine Kopie des verstorbenen Schalke-Funktionärs Rudi Assauer. Teure Anzüge tragen auch die beiden Spielerberater. Jogi Löw sitzt leger im Rollkragenpullover vor einer Bergkulisse, Bierhoff im kurzen Hemd vor einem Meeresidyll, und der „11 Freunde“-Reporter Andreas Bock trägt beim Interview ein blaues Käppi.
Fluch und Segen von Twitter & Co
Der Regisseur verzichtet auf einen Kommentar. Der Film ist geschnitten, wie es bei Dokumentationen üblich wurde; so liegen Musikakzente auf den Bildern, um Orts- und Themenwechsel zu kaschieren und emotionale Merkzeichen zu setzen. Bis auf wenige Male hat Opitz seine Fragen aus den Ausnahmen herausgeschnitten. Schade ist, dass er Walter M. Straten, der in der Zeit um das Erdoğan-Foto als „stellvertretender Chefredakteur Sport“ der Bild-Zeitung amtierte, nicht nach den gezielten Angriffen seiner Zeitung auf Özil befragte und wie dieser das aus heutiger Sicht einschätzt. So bleibt es beim Hinweis von Straten, dass Özil bis in die Gegenwart hohe Klickzahlen erzeuge, wenn er in einem Online-Beitrag erwähnt wird.
Die wenigen Aussagen von Mesut Özil selbst, die in der Tonspur des Films auftauchen, stammen aus einem Interview, das Frank Buschmann, der Fußball bei Sky kommentiert, 2017 mit ihm führte. Auch hier wirkt der damals bestbezahlteste deutsche Fußballspieler sehr zurückhaltend; er dachte über die meist unkritischen Fragen länger nach und prüfte das, was er von sich gab, sehr genau. Die Massenmedien waren seine Sache nicht, obgleich er dank ihnen zu einem weltweit beachteten Star aufstieg – auch bei Twitter, wo sein Account von vielen Millionen abonniert worden war. Es ist das Medium, über das die Hass-Botschaften des Jahres 2018 verbreitet wurden.
Hinweis
Die dreiteilige Doku-Serie „Mesut Özil - Zu Gast bei Freunden" ist in der ZDF-Mediathek zugänglich.