Aus dem Plakat von „The Gospel of Revolution“ (© Drop-Out Cinema)

„Christsein bedeutet: kämpfen“ - Interview über „The Gospel of Revolution“

Ein Interview mit François-Xavier Drouet über seinen Film „The Gospel of Revolution“ und was aus der Befreiungstheologie geworden ist.

Aktualisiert am
15.04.2026 - 14:41:41
Diskussion

Mit Namen wie Leonardo Boff oder Óscar Romero waren einmal Hoffnungen auf eine andere Welt und einen anderen Katholizismus verbunden, in dem das Bündnis zwischen Bibel und Schwert aufgekündigt war und die christliche Kirche aufseiten der Unterdrückten kämpfte. Der Dokumentarfilm „The Gospel of Revolution“ erinnert an die lateinamerikanische Befreiungstheologie und fahndet in El Salvador, Brasilien und Mexiko nach ihren Überresten. Ein Gespräch mit Regisseur François-Xavier Drouet.

 

Wie lange haben Sie an „The Gospel of Revolution“ gearbeitet?

François-Xavier Drouet: Insgesamt fünf Jahre, aber das lag auch an der Covid-Pandemie, als das Reisen sehr schwierig war. Die eigentlichen Dreharbeiten haben nur zwei Monate gedauert; die Postproduktion dann ein Jahr.

 

Was war der Ausgangspunkt Ihres Films? Haben Sie einen persönlichen Bezug zur katholischen Religion und Kirche?

Drouet: Ich stamme aus einer katholischen Familie und habe eine katholische Erziehung erfahren. Auf dem Weg zum Erwachsenwerden verlor ich aber den Glauben. Die Messe erschien mir immer schon etwas langweilig, und bereits als Kind entdeckte ich viele Widersprüche in der Religion. Dieses Unbehagen wurde mit der Zeit immer stärker. Ich entwickelte mich in eine antiklerikale Richtung. Es war klar, dass die Religion immer auf der Seite der Mächtigen steht, dass sie eine Entfremdung vom wirklichen Leben bedeutet und keinesfalls emanzipatorischen Zielen dient. Ganz im Sinne der Überzeugung von Karl Marx, dass Religion das Opium des Volkes ist.

Das änderte sich erst auf meinen Reisen durch Lateinamerika. Diese Region wurde für meine persönliche und politische Entwicklung sehr wichtig. Die Befreiungstheologie war mir zunächst komplett fremd. Die Vorstellung, dass Religion eine Rolle bei der Befreiung von Völkern spielen könnte, erschien mir widersprüchlich. Doch als ich mich damit auseinandersetzte, wurde mir klar, dass ich diese Perspektive zuvor nur nicht verstanden hatte. Das änderte meine Sicht auf die Religion grundlegend.

 

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Ich sprach mit Missionaren aus Deutschland, Belgien und Frankreich, die an diesen Kämpfen teilgenommen hatten. Daraus entstand dann auch der Wunsch, einen Film zu drehen. Mit dem Bewusstsein, dass es dringend notwendig ist, diese Erinnerung festzuhalten. Denn es handelte sich um Kämpfe aus vergangenen Jahrzehnten. Viele der Beteiligten waren bereits verstorben, andere schon recht alt. Deshalb empfand ich es als dringlich, diesen Dokumentarfilm zu realisieren.

Regisseur François-Xavier Drouet
Regisseur François-Xavier Drouet (© L'Atelier Documentaire)

 

Die Theologie der Befreiung wollte die Gesellschaft verändern, aber auch die Kirche. Wie hat sich die katholische Kirche zwischen Basisgemeinden und Amtskirche in den Jahrzehnten der Päpste Woytila und Ratzinger verändert?

Drouet: Ein dramatischer Konflikt ist immer ein guter Ausgangspunkt für einen Film. Der dramatische Kern der Befreiungstheologie lag darin, dass sie sowohl die Gesellschaft als auch die Kirche verändern wollte. Das ist ein Konflikt, den die katholische Kirche in ihrer Geschichte wiederholt erlebt hat. Immer wieder gab es Auseinandersetzungen zwischen einfachen Gläubigen und der Hierarchie.

Die Menschen spürten, dass die ursprüngliche Botschaft des Evangeliums verlorengegangen ist. Das ist auch die Grundlage der Befreiungstheologie. Sie ist eine radikale Auslegung des Evangeliums. In den 1980er-Jahren erreichte dieser Konflikt unter Papst Johannes Paul II. den Höhepunkt und hinterließ deutliche Spuren. Das Gesicht der Kirche in Lateinamerika veränderte sich grundlegend. Gleichzeitig wurde die Befreiungstheologie aber nicht komplett ausgelöscht; sie existiert weiterhin, aber nicht mehr in den Dimensionen, die sie in den Jahrzehnten davor erreicht hatte. Dazu haben auch die Auseinandersetzungen mit Johannes Paul II. und später mit Benedikt XVI. beigetragen.

 

Warum war die Theologie der Befreiung für die herrschenden Klassen und die Militärs so gefährlich?

Drouet: Die Befreiungstheologie kündigte den historischen Pakt auf: den zwischen der katholischen Kirche und der Macht, der schon mit der Eroberung des Subkontinents begann. Das Bündnis von Bibel und Schwert, durch das die katholische Kirche die Brutalität der Conquista maßgeblich legitimierte. Dieser Pakt wurde durch die Befreiungstheologie bedroht. Deshalb erschien sie während des Kalten Krieges sowohl den USA als auch den regionalen Oligarchien so gefährlich. Die kubanische Revolution war zunächst kirchenfeindlich; in den späten 1960er- und 1970er-Jahren wurde jedoch die kirchliche Basis in ganz Lateinamerika aktiv und strebte einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel an, wenn nötig auch mit Unterstützung revolutionärer Bewegungen.

 

Was bleibt heute noch von der Theologie der Befreiung? Wie groß ist die Enttäuschung über das Scheitern der großen Revolutionen in Lateinamerika?

Drouet: Ich würde nicht von einem Scheitern sprechen. Revolutionäre Bewegungen kämpfen stets gegen massive Widerstände an. Was hätte aus der kubanischen Revolution werden können ohne den andauernden Krieg der USA gegen Kuba und ohne die Blockade? Vielleicht wäre Kuba nicht zu einer Karikatur verkommen. Für die Sandinisten in Nicaragua gilt Ähnliches. Sie vergeudeten einen Großteil ihrer Energie im Kampf gegen die Contras.

Und die Befreiungstheologie? Mich fasziniert diese Generation, die in den 1960er- und 1970er-Jahren glaubte, das Reich Gottes noch auf Erden zu erleben, also dass eine gerechte Gesellschaft Wirklichkeit werden würde. Das ist nicht eingetreten. Das war sicher eine Enttäuschung. Gleichzeitig war den Menschen bewusst, dass die Veränderungen nicht einfach zu erreichen sind und vieles erst noch aufgebaut werden muss. Vielleicht hätten sie mit etwas mehr Klarheit und weniger Träumerei oder in einem kleineren Rahmen größere Erfolge erzielt. Trotz aller Schwierigkeiten bleibt aber Raum für Hoffnung.

 

Wie empfinden Sie selbst Ihren Film? Als einen melancholischen Rückblick?

Drouet: Der Film ist durchaus melancholisch gestimmt und trägt eine Sehnsucht nach einer Zeit in sich, in der der Traum vom Kollektiv noch so stark war. Weil es greifbar schien, die Welt zu verändern. Heute leben wir in einer Phase des Widerstands ohne konkrete Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Ein schmerzhafter Ton liegt auch in der Erinnerung an Niederlagen und Rückschläge. Das muss aber keine Last sein, sondern kann eine Perspektive für die Zukunft eröffnen. Wir erinnern uns an die Pariser Kommune, an den Spartakusaufstand in Berlin; das darf uns nicht niederdrücken.

In meinem Film gibt es den brasilianischen Priester Pater Júlio Lancellotti. Es ist ihm wichtig, für seine Werte weiterzukämpfen; das gibt seinem Leben Sinn. Christsein bedeutet für ihn kämpfen; für Freiheit, für Gerechtigkeit. Für mich, der ich nicht religiös gläubig bin, ist das ebenfalls ein Glaube: ein Glaube an Werte, an die Idee der Gerechtigkeit. Die Vertreter der Befreiungstheologie haben uns gelehrt, weiter vorauszuschauen und mehr auf die langfristige Perspektive zu achten.

Sehnsucht nach einer Zeit, als es greifbar schien, die Welt zu verändern
Sehnsucht nach einer Zeit, als es greifbar schien, die Welt zu verändern (© Drop-Out Cinema)

 

An die Stelle der Basisgemeinden sind häufig evangelikale Gruppen getreten. Warum?

Drouet: In den letzten Jahrzehnten sind die evangelikalen Kirchen enorm gewachsen. In Zentralamerika übertreffen sie die katholische Kirche; mehr als die Hälfte der Zentralamerikaner gehört evangelikalen Kirchen an. In Brasilien sind es etwas über dreißig Prozent. Natürlich sind nicht alle Evangelikalen rechtsradikal; es gibt durchaus welche, die den aktuellen Präsidenten Lula da Silva unterstützen, und auch solche, die Positionen teilen, wie sie die Befreiungstheologie vertritt. Die Mehrheit ist jedoch rechtskonservativ.

In „The Gospel of Revolution“ gibt es eine Szene mit einer evangelikalen Gemeinde der sogenannten Wohlstandstheologie, die im krassen Gegensatz zur Befreiungstheologie steht. Hier wird gepredigt, dass man reich sein müsse, um ins Paradies zu gelangen; man legitimiert Individualismus und Bereicherung. Man müsse der Kirche Geld geben, Gott wird es einem vervielfältigt zurückgeben. Viele dieser Kirchen entwickelten sich in den 1960er- und 1970er-Jahren; die USA förderten sie massiv, um dem Einfluss der katholischen Kirche entgegenzuwirken.

Unter Johannes Paul II. hat die katholische Kirche die Arbeiterviertel vernachlässigt und so den evangelikalen Gemeinden das Feld überlassen. Die im Film erwähnten Basisgruppen, die sich selbst organisieren und ihren Glauben eng mit dem politischen Kampf verbinden, wurden von der Amtskirche, insbesondere durch sehr konservative Bischöfe, die Johannes Paul II. ernannte, vielfach marginalisiert oder ausgeschlossen.

 

Warum sind die indigenen Gemeinschaften in Chiapas im Süden Mexikos so wichtig für den Film?

Drouet: Die Beziehung zwischen der Kirche und den indigenen Völkern ist ein zentrales Thema der Befreiungstheologie. Ihre Entstehung hängt mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zusammen. Die Idee, die Bibel in viele Sprachen zu übersetzen, um den indigenen Völkern näherzukommen, stieß in vielen Ländern auf offene Ohren, etwa in Ecuador, Bolivien oder Peru. Für den Film habe ich jedoch Mexiko gewählt, weil ich eine Verbindung zum Kampf der zapatistischen Bewegung habe. Das war eine meiner ersten politischen Erfahrungen als Teenager. Der Widerstand gegen die Ausbeutung und den illegalen Sklavenhandel hat mich stark geprägt; deshalb wollte ich diesen Aspekt über die indigenen Völker von Chiapas ansprechen.

Die Recherche zu diesem Thema ist sehr schwierig. Chiapas ist bis heute von Gewalt und Drogenhandel betroffen, und es kostet viel Zeit, Vertrauen zu den Gemeinden aufzubauen. Deshalb kommen sie im Film besonders ausführlich zu Wort. Es waren Priester, die diese Gemeinden begleiteten; ursprünglich mit dem Auftrag, sie zu evangelisieren, doch der Prozess verlief oft umgekehrt: Die Priester lernten von den Gemeinden und übernahmen Aspekte ihrer Kultur. Bemerkenswert ist, wie es gelang, indigene Traditionen mit den befreienden Elementen der Befreiungstheologie zu verbinden. Diese Begegnung war sehr kraftvoll: Die Kultur der Solidarität in den Gemeinden manifestierte sich auf spiritueller, sozialer und religiöser Ebene und vermittelte einen starken Impuls zur Mobilisierung; eine eindrucksvolle Erfahrung, wie die Menschen berichten.

Indigene Traditionen verbanden sich mit der Befreiungstheologie
Indigene Traditionen verbanden sich mit der Befreiungstheologie (© Drop-Out Cinema)

 

Was hat sich unter Papst Franziskus geändert?

Drouet: Für Anhänger der Befreiungstheologie war Papst Franziskus ein Segen. Als Erzbischof von Buenos Aires war Jorge Mario Bergoglio jedoch kein Anhänger der Befreiungstheologie; auch während der Diktatur zeigte er nicht denselben Mut wie manche Bischöfe in Brasilien. Zugleich aber rückte er die Frage der Armen wieder in den Mittelpunkt der Kirche und gab der Befreiungstheologie dadurch eine neue Legitimität. Er hob außerdem viele der Beschränkungen auf, die gegen Befreiungstheologen verhängt worden waren, etwa die Sanktionen gegen Leonardo Boff oder das Verbot, das Johannes Paul II. Ernesto Cardenal auferlegt hatte. Mit Papst Franziskus kam frische Luft in die Kirche. Die Befreiungstheologie ist vom Vatikan nie formell verurteilt worden. Sie wurde sehr wohl aber verfolgt und an den Rand gedrängt; diese Marginalisierung beendete Papst Franziskus weitgehend. Seine Enzyklika „Laudato si“ ist nicht nur ein wichtiges kirchliches Dokument zu ökologischen Fragen, sondern kann die Spuren des Denkens von Leonardo Boff nicht leugnen; sie ist in vieler Hinsicht ein Erbe der Befreiungstheologie.

 

Hinweis

Der Dokumentarfilm "The Gospel of Revolution" läuft ab 2. April in vielen deutschen Kinos.

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