Die Filmreihe „Die Treppe von Odessa“ im Filmmuseum München widmet sich Ende April Sergei Eisensteins Filmklassiker „Panzerkreuzer Potemkin“ und dessen Nachhall bis in die Gegenwart. Die virtuos konzipierte Sequenz des Massakers auf der berühmten Freitreppe wird bis heute als Allegorie eines repressiven Systems zitiert.
Im Filmmuseum München läuft vom 23. bis 29. April 2026 die Filmreihe „Die Treppe von Odessa“. Berühmt wurde die ukrainische Freitreppe am Schwarzen Meer durch Sergei Eisensteins monumentalen Stummfilm „Panzerkreuzer Potemkin“ (1926), der Ausgangspunkt wie auch krönenden Abschluss der Reihe bildet. In dem Film protestieren 1905 Matrosen der zaristischen Schwarzmeerflotte gegen verdorbenes Fleisch, was in einer Meuterei mündet, bei der die befehlshabenden Offiziere gejagt werden und ein Matrose ums Leben kommt. Aufgebahrt auf der Hafenmole, wird der Verstorbene von der Bevölkerung betrauert; die Solidaritätsbekundung endet jedoch in dem berühmten Massaker auf der Potemkinschen Treppe durch zaristische Kosaken.
Filmhistorisch wurde die kanonische Szene am Originalschauplatz gedreht und von Eisenstein als virtuos montierte Sequenz konzipiert, die als Allegorie eines repressiven Systems gelesen werden kann, in der die von oben kommender Gewalt und das nach unten fliehende Volk die gesellschaftliche Ordnung visualisieren. Autorenfilmer der „Nouvelle Vague“ wie Chris Marker, Agnès Varda und Jean-Luc Godard referierten auf diese Szene; ihre Kurzfilme sind in der Filmreihe ebenso vertreten wie Brian de Palmas „The Untouchables“ (1987), in dem ein Polizist im Bahnhof von Chicago in eine Schießerei mit einigen Gangstern gerät. In Zeitlupe kommt dabei ein unbeteiligter Kinderwagen auf den Treppen ins Rollen, was inhaltlich wie ästhetisch an Eisensteins Werk angelehnt ist. Das Treppenmotiv zieht sich durch die Filmauswahl der Reihe, etwa in „Jüdisches Glück“ (1925) von Aleksej Granovskij, der nur wenige Wochen vor Eisenstein am Schauplatz in Odessa gedreht wurde; oder in dem experimentellen Kurzfilm „Odessa Steps“ (2022) von Tan Tan, in dem mithilfe der historischen Filmaufnahmen Bezüge zum aktuellen Ukraine-Krieg hergestellt werden.
„Panzerkreuzer Potemkin“ erweist sich damit als weit mehr als der ursprünglich intendierte Propagandafilm zum 20. Jahrestag der Russischen Revolution von 1905: ein historischer Bezugspunkt und zugleich ein formelles Lehrstück. In Deutschland wurde Eisensteins Revolutionsfilm erstmals am 29. April 1926 in Berlin gezeigt. Kuratiert und zuweilen begleitet wird die Filmreihe „Die Treppe von Odessa“ von Thomas Tode. Eine Übersicht über das vollständige Programm gibt es auf der Website des Filmmuseums.
Hinweis
Die Treppe von Odessa. Filmreihe anlässlich der Uraufführung von „Panzerkreuzer Potemkin“ vor 100 Jahren in Deutschland. Vom 23. bis 29. April 2026 im Filmmuseum München.