Beim 29. Filmfestival in Málaga vom 6. bis 15. März 2026 drehten sich auffällig viele Filme um das Thema Familie als Gradmesser gesellschaftlicher Missstände und Fehlentwicklungen. Der große Preis ging an den Film „Yo no moriré de amor“ von Marta Matute; die SIGNIS-Jury zeichnet das Drama „La mujer de la fila“ von Benjamín Àvila aus.
Ein Überfallkommando der Polizei stürmt eine Wohnung in einem besseren Stadtviertel. Die Immobilienmaklerin Andrea (Natalia Oreiro) wirft sich auf den Boden. Die martialisch wirkenden Männer suchen ihren 18-jährigen Sohn, der gerade das Haus verlassen hat, um seine kleinen Geschwister zur Schule zu bringen. Er soll an einem brutalen Raubüberfall beteiligt gewesen sein.
Der Film „La mujer de la fila“ von Benjamin Àvila beginnt wie ein gewöhnlicher Thriller über einen Justizirrtum, wandelt sich dann aber zunehmend zur Geschichte einer Mutter, die alles daransetzt, ihren Sohn wieder aus der Untersuchungshaft freizubekommen. Doch trotz ihrer Kontakte in höchste Regierungskreise entwickelt sich alles immer komplizierter. Durch ihre Besuche im Gefängnis wird sich Andrea der sozialen Realität ihres Landes bewusst. Sie beginnt, Gerechtigkeit für die Angehörigen der Häftlinge einzufordern, insbesondere für die vielen Frauen, die täglich in langen Schlangen vor den Gefängnissen stehen, um ihre inhaftierten Männer und Söhne zu sehen.
Der argentinische Film „La mujer de la fila“ (Die Frau in der Schlange) ist eine freie Nacherzählung einer wahren Geschichte. Die Schauspielerin Natalia Oreiro verkörpert die Aktivistin Andrea Casamento, die 2008 die Selbsthilfeorganisation „AciFaD“ gründete, um Familien von Inhaftierten und ehemaligen Gefangenen zu unterstützen. Die SIGNIS-Jury zeichnet „La mujer de la fila“ mit ihrem Preis aus, weil der „Film die Perspektive der Angehörigen von Gefangenen beleuchtet und die Verbundenheit zwischen ihnen zeigt. Er reflektiert über gesellschaftliche Vorurteile gegenüber Gefangenen und vermittelt eine wichtige Lebensweisheit: „Den Schmerz kann man nicht verhindern, aber zu leiden ist eine persönliche Entscheidung.“
Pflege in der Familie
Insgesamt wurden bei dem Festival in Málaga 263 Spielfilme, Dokumentarfilme, Kurzfilme und Serien gezeigt. 22 Produktionen nahmen am Spielfilmwettbewerb teil, darunter zwölf aus Spanien und zehn aus Lateinamerika. Ein Thema zog sich dabei wie ein roter Faden durch das Programm: die Familie als Gradmesser gesellschaftlicher Mängel und Fehlentwicklungen. So erlebt die 18-jährige Claudia in „Yo no moriré de amor“ die Familie als Gefängnis und die ständigen Ermahnungen ihrer Mutter als Einschränkung. Doch als die Mutter an Alzheimer erkrankt, ändern sich die Beziehungen in der Familie radikal. In ihrem Debütfilm erzählt die Regisseurin Marta Matute von der Pflege ihrer Mutter durch die Angehörigen. Ebenso konzentriert wie elliptisch beschreibt sie den Prozess der Neudefinition einer Familie über sechs Jahre hinweg, wobei es um die grundsätzliche Schwierigkeit geht, Gefühle auszudrücken, aber auch um die Ohnmacht, von der Gesellschaft im Stich gelassen zu werden.
„Yo no moriré de amor“ wurde als bester spanischer Film ausgezeichnet. Die Darstellerin der Tochter, Júlia Mascort, wurde als beste Schauspielerin geehrt, Tomás del Estal für die Rolle des Vaters als bester Nebendarsteller.
Insgesamt ist der spanische Film weiblicher geworden. Sieben der zwölf Filme im Wettbewerb wurden von Regisseurinnen gedreht. Das spanische Gegenwartskino ist aber auch diverser geworden. So erzählt „Iván & Hadoum“ mit großer Leichtigkeit und Lebenslust von der Liebe des transsexuellen Iván zu Hadoum, einer rebellischen jungen Frau aus einer marokkanischen Migrantenfamilie. Der Film setzt sich mit einer harten Arbeitswirklichkeit auseinander: den Jobs in den Treibhäusern für Obst und Gemüse sowie dem Widerstand der Arbeiterinnen gegen die Ausbeutung; er weiß aber auch um die Solidarität der Familien. Für Regisseur Ian de la Rosa prallen im Süden von Europa viele Kulturen und Lebensformen aufeinander. Der Film wurde in Málaga mit dem Jurypreis und fürs beste Drehbuch ausgezeichnet. Hauptdarsteller Silver Chacón erhielt überdies eine besondere Erwähnung der Jury.
Eine Familie im Wald
In den lateinamerikanischen Spielfilmen spiegelten sich in Málaga brennende aktuelle Fragen wider: Femizide, die Ermordung von Journalisten in Mexiko, das Überleben indigener Kulturen in Bolivien, die Erinnerung an die Offiziere der chilenischen Armee, die sich dem Putsch Pinochets widersetzten, aber auch die Situation von Straßenkindern in der argentinischen Stadt Córdoba oder die Zerstörung der natürlichen Ressourcen auf dem Subkontinent.
Der Preis für den besten lateinamerikanischen Film ging an den mexikanischen Film „El jardín que soñamos“. Regisseur Joaquín del Paso erzählt von einer Flüchtlingsfamilie aus Haiti, die in einem Naturschutzgebiet zwischen jahrhundertealten Bäumen in einer illegal errichteten Hütte wohnt. Dafür muss der Familienvater an einem großangelegten Holzdiebstahl teilnehmen, bei dem die Natur rücksichtslos ausgebeutet wird. Der Film verbindet die soziale Frage mit der ökologischen, Migration und Ausbeutung mit der Zerstörung des Planeten. Dies erzählt der Film sehr atmosphärisch, wie ein dunkles Märchen, fast wie ein bedrückendes Kammerspiel zwischen Bäumen. „El Jardín que soñamos“ wurde für die beste Bildgestaltung ausgezeichnet; Regisseur Joaquín del Paso erhielt die „Silberne Dolde“ für die beste Regie.