"Wesentliches" von Wim Wenders (© Verlag der Autoren)

Filmliteratur: „Wesentliches“ von Wim Wenders

Im Verlag der Autoren ist der fünfte Essayband von Wim Wenders mit dem Titel „Wesentliches“ erschienen

Aktualisiert am
20.04.2026 - 14:13:48
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Zum Gesamtkunstwerk Wim Wenders gehören neben seinen Filmen, Fotografien und Bildbänden auch seine essayistischen Werke, die im Verlag der Autoren veröffentlicht werden. Im fünften Buch seiner Schriften sind unter dem Titel „Wesentliches“ vier Vorträge aus dem letzten Jahrzehnt versammelt, in denen der Filmemacher die Leser anregend-entspannt mit auf eine Reise durch seinen künstlerischen Kosmos nimmt.

 

 

Mit dem Versprechen, „Wesentliches“ aus vier Reden, die er in den letzten zehn Jahren gehalten hat, herauszudestillieren, habe ihn seine Herausgeberin Annette Reschke überzeugt, dass er sich daranmachen müsse, daraus ein lesbares Buch zu machen. Das erklärt Wim Wenders gleich zu Beginn in einem Vorwort, das kein Vorwort sein will, weil er Vorworte selbst immer überblättere. Womit aber der bleischwere Titel dieses Buches erklärt ist.

Zum Glück für alle, die sich für Wim Wenders und für das Werden und Wachsen seines speziellen Kinos interessieren, ist dieses fünfte Buch mit seinen Texten im Verlag der Autoren weder schwer noch abschließend. Im Gegenteil: Es ist leicht und locker, eine anregend-entspannte Reise durch verschiedene formale und inhaltliche Aspekte seines Werkes mit zahlreichen anekdotischen Erinnerungen und Beobachtungen, die sich nur gelegentlich zu kinophilosophischen Weisheiten auswachsen.

Wim Wenders bei der Cannes-Premiere von "Perfect Days"
Wim Wenders bei der Cannes-Premiere von "Perfect Days" (© imago/Norbert Scanella)

 

Wenders hat richtig viel Arbeit in dieses Werk gesteckt. Das umfangreichste Kapitel „Driven by Music“ basiert lediglich auf den Stichworten eines Vortrages, den Wenders 2015 im IFC-Center in Greenwich Village, New York, gehalten hatte und der sich zu einer 163 Seiten langen „Ode an die Jukebox“, so der Untertitel, auswächst. Der Text ist wie alle anderen ein endloses Gedicht mit zahlreichen Strophen und Absätzen, was den poetischen Duktus des Geschriebenen noch unterstreicht. Wenders führt seine Leser anhand der Rolle der Musik im Film durch sein künstlerisches Schaffen bis hin zu seinem bislang letzten Spielfilm „Perfect Days“ (2023).

Dabei hat er neben Begegnungen mit Menschen und musikalischen Erfahrungen durchaus auch die öffentlichen Reaktionen im Blick, aber auch die kleinen und gelegentlich großen Misserfolge sowie seine Reaktionen als Filmkünstler darauf. Er erzählt auch von den Konsequenzen, die er aus dem unerwarteten Erfolg von „Buena Vista Social Club“ gezogen hat, oder von der Erkenntnis: „Filmmusik ist begleitender, nicht deutender Art, und selbst wenn sie die Richtung eines Films lenkt, dann muss dies so geschehen, dass das Publikum sich nicht gegängelt fühlt.“

 

Der Fluss der Gedanken

Der Fluss seiner Gedanken schweift immer wieder zu kleinen und großen Ereignissen ab, welche die Ausrichtung seines Werkes verändert haben. So fügt sich scheinbar alles unausweichlich ineinander. Die Gedankenwelt des Filmemachers Wim Wenders, seine Filme und sein Handeln, tragen sich in einer Welt zu, die offen ist für kluge Bemerkungen von Freunden und Mitarbeitern, aber auch für überraschende Wendungen des Alltags oder die großen Bewegungen des Zeitgeistes. Aus diesem kreativen Miteinander von Publikum, Filmschaffenden und anderen Künstlern erwächst erst die Identität des Wim Wenders, woraus sich seine Filme dann fast unausweichlich zu ergeben erscheinen.

Neues 3D-Filmprojekt: Peter Zumthor und Wim Wenders
Neues 3D-Filmprojekt: Peter Zumthor und Wim Wenders (© Road Movies)

 

Eine schöne Utopie, die auch im zweiten großen Kapitel „Über das Kadrieren“ zum Tragen kommt. Dieses wirft Schlaglichter auf seine Bildfindungen, von den frühen Erfahrungen mit der Malerei und der Fotografie in Paris über die Filmhochschule in München und den aus dem filmischen Rahmen ausbrechenden Landschaften seiner großen Filme bis zu seinen Versuchen mit dem 3D-Format in seinem bahnbrechenden Film „Pina“. Versuche, die ihn immer wieder auch an Grenzen bringen. Auch hier bewegt sich Wenders stets in einem sehr persönlichen, nie rein technischen Bereich. Im Buch kommt den oft als eigenständiges Argument benutzten kleinen Illustrationen in Farbe oder Schwarz-weiß, einzeln oder in Bildkadern, eine besondere erkenntnisstiftende Rolle zu, so wie man es sich für ein Filmbuch nur wünschen kann.

Ein besonderes Augenmerk legt Wenders auf die seinem Werk zugeschriebene romantische Komponente in „Ich bin ein praktizierender Romantiker“. Der kürzeste Text „Der liebevolle Blick“ gibt eine Dankesrede an der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg wider, die ihm einen Ehrendoktortitel verliehen hatte. Dazu kommt eine ausführliche Zeittafel mit den Filmen plus Ausstellungen und Publikationen von Wim Wenders, eine in Filmpublikationen oft vernachlässigte Beigabe. Das Resultat ist ein schönes, unterhaltsames Buch, gerade weil es so großen Wert auf jede noch so kleine produktive Abschweifung legt.

 

Literaturhinweis

Wesentliches. Von Wim Wenders. Herausgegeben von Annette Reschke. Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 2025. 335 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 24 Euro. Bezug: In jeder Buchhandlung oder hier.

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