Szene aus "Girls Don't Cry" (© Farbfilm)

Mädchen, die stark sind - Sigrid Klausmann und Walter Sittler über "Girls Don't Cry"

Ein Gespräch mit der Regisseurin Sigrid Klausmann und dem Produzenten Walter Sittler über „Girls don’t cry“ und ihre gemeinsame Arbeit

Aktualisiert am
12.05.2026 - 11:24:23
Diskussion

Was es bedeutet, heutzutage ein Mädchen zu sein: Davon erzählt die Dokumentarfilmerin Sigrid Klausmann unter der Produktion ihres Ehemanns Walter Sittler. Sechs Teenagerinnen aus Afrika, Amerika, Asien und Europa berichten in „Girls don’t cry“ (ab 30. April im Kino) aus ihrem Leben. Bemerkenswert nahe kommen Klausmann und ihre Co-Regisseurin Lina Luzyte den Mädchen – und mit ihnen die Zuschauenden. Im Gespräch erzählen Klausmann und Sittler über ihren Antrieb als Filmemacher und Großeltern, die gemeinsame Arbeit am Dokumentarfilm und kleine Impulse, die die Welt zusammenhalten.

 

In Ihren Filmen stehen fast immer Kinder und Jugendliche im Mittelpunkt. Was fasziniert Sie so an dieser Altersgruppe?

Sigrid Klausmann: Ihre Weisheit, die sich ja oft von der von Erwachsenen unterscheidet. Mich interessiert, was in ihren Köpfen ist, weil das ganz viel damit zu tun hat, wie die Realität ist. Sie sind schließlich ein Spiegel der Gesellschaft, der Welt, in der sie leben. Und ich möchte, dass wir den Kontakt halten. Denn das sind ja die Menschen, die später einmal unsere Zukunft gestalten müssen.

Was war der Ausgangspunkt für „Girls don’t cry“?

Klausmann: Durch unser Projekt „199 kleine Held*innen“ bin ich Kindern auf der ganzen Welt begegnet. Dabei ist mir offensichtlich geworden, dass es einen Unterschied macht, ob man als Mädchen oder als Junge geboren wird. In mir wuchs der Wunsch, zum Ende meiner Karriere als Dokumentarfilmerin einen Film zu machen, der Mädchen eine Stimme gibt. Und die Frage stellt, was es heißt, heute ein Mädchen auf dieser Welt zu sein. Die Idee entstand schon 2018. Aber wir sind erstmal gescheitert mit der Finanzierung, dann kam Corona. Und dann haben wir aber eine erste Sponsorin gefunden, eine Privatperson aus Stuttgart, und hatten damit Geld für knapp eine Folge, eine der sechs Geschichten. Das hat uns ermutigt. Und am Ende des Tages war auch die Geburt unserer Enkeltochter ein entscheidender Faktor. Ihr habe ich den Film gewidmet, für sie machen wir das. Für sie, die einmal eine Teenagerin, eine Frau in dieser Welt sein wird – wie die dann aussehen wird, wissen wir nicht. Aber was es auf jeden Fall braucht, sind Mädchen, die stark sind.

 

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Wie haben Sie es geschafft, doch noch den ganzen Film finanziert zu bekommen?

Walter Sittler: Wir haben bei der Filmförderung Baden-Württemberg finanzielle Mittel beantragt. Wir wollten gerne 40 Prozent der Produktionskosten bekommen – das haben wir nicht geschafft, aber immerhin einen Teil. Aber auch das war wieder eine Motivation, weiterzumachen. Wir haben Stiftungen angeschrieben, unzählige Leute angerufen, das ZDF gefragt, Produktionsfirmen, Filmförder- und Filmverlagsanstalten, Menschen, die ich durch meine Arbeit kannte. Schauen Sie sich mal an, wie viele Akteur:innen letztlich beteiligt sind an unserem Film. Am Ende hatten wir bis auf 5 Prozent alles zusammen. Jetzt fehlen nur noch 2,5 Prozent, denn ein paar Einnahmen konnten wir schon erzielen.

Klausmann: Wir haben bis zum letzten Tag der Postproduktion Fundraising gemacht!

Sittler: Aber das ist bei Dokumentarfilmen normal. Selbst wenn man einen öffentlichen Auftraggeber hat – die Budgets sind immer knapp. Und gerade Filme über Kinder und Jugendliche sind unterfinanziert! „Das ist nicht wichtig genug!“, heißt es dann. Ich halte das für einen großen Fehler. Aber wir haben es geschafft, der Film ist fertig. Das, was noch fehlt, kriegen wir, wenn wir Glück haben, durch die Kino-Einnahmen. Wenn wir ohne Verlust herausgehen, ist das ein gutes Ergebnis.

Szene aus "Girls don't cry"
Protestierende Teenagerinnen in "Girls don't cry" (© Farbfilm)

 

Geld verdienen Sie mit einem Film wie „Girls don’t cry“ also nicht?

Klausmann: Ich bekomme meine Regie-Gage. Das ist Teil der Finanzierung. Wir bezahlen alle nach Tarif, und auch ich habe nicht für Gotteslohn gearbeitet. Das darf man auch nicht machen. Aber natürlich habe ich als Co-Produzentin sehr viele Stunden gearbeitet, die niemand bezahlt, etwa beim Fundraising – und Walter genauso. Das gehört dazu, das ist unser gesellschaftliches Engagement.

Verstehen Sie sich mehr als Aktivistin oder mehr als Filmemacherin?

Klausmann: Eindeutig als Filmemacherin. Das ist nicht so, dass ich da ein Opfer bringe. Es ist ein fantastischer Beruf, in den ich mich vor 20 Jahren als Quereinsteigerin eingearbeitet habe. Und ich würde sagen, der Dokumentarfilm hat per se die Aufgabe, gesellschaftliche Themen aufzugreifen. Also dieses gesellschaftliche Engagement fließt da sicherlich mit hinein, aber ich sehe mich eindeutig als Filmemacherin.

Es gibt dieses berühmte Zitat, das dem „Tagesthemen“-Moderator Hanns Joachim Friedrichs zugeschrieben wird: „Man soll sich als Journalist oder Journalistin nicht gemein machen, auch nicht mit einer guten Sache.“ Was halten Sie davon?

Klausmann: Wenn das, was ich tue, etwas Gutes bewirkt, warum sollte ich da etwas dagegen haben? Was ich aber auch dazu sagen kann: Wir wissen, dass wir mit einem Film nicht die Welt verändern. Aber manchmal liest man einen Satz in einem Buch, der einem nicht mehr aus dem Kopf geht. Oder man sieht eine Szene in einem Film, die man nicht mehr vergisst und die Einfluss auf das eigene Handeln und Denken hat. Darum geht es mir.

Sittler: Ich finde den Gedanken gut, weil er verhindert, dass man sagt: „Das ist das einzig Richtige!“ Das ist, glaube ich, was der Satz meint. Als Journalist:innen die Augen aufhalten in alle Richtungen, weil es auch sein kann, dass man sich irrt. Wenn man das so versteht, ist das ganz wunderbar.

Klausmann: Und dazu habe ich ja die Gelegenheit in einem Dokumentarfilm, das haben wir auch in „Girls don’t cry“ versucht. Etwas zu erzählen, was keine eindeutigen Antworten verspricht. Die geben wir nicht, aber Anlass zu Gesprächen: „Was ist besser, abzutreiben oder nicht? Sollen wir uns einmischen in die sogenannte Tradition der Genitalverstümmelung oder nicht? Müssen wir eine Haltung haben dazu, dass Menschen abgeschoben werden?“

Sittler: Und die Jungs oder jungen Männer werden freundlich dahin geführt, ihr eigenes Bild über Frauen einfach mal anzuschauen: „Wie denke ich darüber? Ganz für mich alleine, ich muss es ja gar nicht äußern. Bin auch ich eingebunden in diese frauenfeindliche Sichtweise, die weite Teile der Welt immer noch haben?“ Deswegen gibt es im Film auch keinen Kommentar. Das ist in der Tradition der Dokumentarfilm-Autoren der 1920er-Jahre: Wir geben keine Antworten, sondern zeigen, wie es ist. Und dann entscheidet selbst, macht was daraus! Diese Art gefällt mir sehr gut. Deswegen ist die Arbeit an diesem Film für mich auch so sinnvoll.

Haben Sie den Drang, etwas zurückzugeben, weil Sie es gut hatten im Leben – oder was treibt Sie an?

Klausmann: Von Beginn meiner filmischen Arbeit bis heute habe ich mit Tausenden von jungen Menschen Filmgespräche geführt, unzählige E-Mails bekommen, da gab es viel Austausch. Es hat mich gestärkt, zu merken, dass da etwas heranwächst. Meine Arbeit ist wie ein warmer Landregen. Da wird nicht einmalig gedüngt, und dann macht es „bumm“! Sondern da wächst langsam etwas heran. „Zurückgeben“ – das weiß ich gar nicht. Aber etwas beitragen, weil wir wissen, wie fragil diese Welt ist – darum geht es.

Sittler: In meinem Beruf als Schauspieler ist es für mich so: Ich möchte die Menschen bewegen. Ich möchte in ihre Fantasie hinein: Sie gewissermaßen zu sich selbst verführen. Und das ist mit Sigrids Filmen dasselbe. Sie will nicht überwältigen, sondern erzählen, was da ist, und auch die Leute bewegen. Und da wir Eltern von drei mittlerweile erwachsenen Kindern sind, wissen wir, wie entscheidend es ist, dass wir die Kinder stark machen. Wir müssen sie nicht schieben, sondern locken. Da gibt es diesen wunderbaren Spruch von Erich Kästner, den kann ich gar nicht oft genug zitieren: „Man muss sie hegen und pflegen – wachsen tun sie von alleine.“

Szene aus "Girls don't cry"
Heranwachsene Mädchen stehen in "Girls don't cry" im Fokus (© Farbfilm)

 

Klausmann: Man pflanzt etwas. Meine Filme werden auch in der Bildungsarbeit verwendet. Wenn mich eine Lehrkraft anschreibt: „Wir haben in unserer sechsten Klasse ein Problem, weil es da gerade so eine Kluft gibt zwischen den deutschen Kindern und denen mit Migrationsgeschichte. Und da haben wir gedacht, wir würden gerne einen Ihrer Filme zeigen und Sie zum Gespräch einladen.“ Allein dieser Gedanke! Da war ich dann tatsächlich, und drei Wochen später schreibt mir die Lehrerin, das Klima in der Klasse habe sich verändert. Da setzt keine schlagartige Veränderung ein, aber es ändert sich etwas. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass es viele solcher kleinen Impulse sind, die unsere Welt irgendwie zusammenhalten.

Sittler: Die Erfahrung, etwas Fremdes kennenzulernen, verändert etwas – allerdings nicht, wenn man es als Wahnsinn betrachtet, sondern wenn man nur die Menschen betrachtet. Denn plötzlich sieht man: Die sind ja genauso wie wir! Die leben anders, sehen anders aus, haben vielleicht eine andere Hautfarbe – aber sie wollen alle dasselbe. Und schon hat die Mauer einen Riss. Diesen Riss zu vertiefen, damit das Licht durchkommt, wie Leonard Cohen das sagt, das ist das Wichtige.

„Girls don’t cry“ ist ein Familienprojekt: Nicht nur Sie beide haben daran mitgewirkt, sondern auch Ihre Tochter Lea-Marie Sittler, sie hat die Musik beigesteuert. Wie schwierig ist das, wenn sich Berufliches und Privates kreuzen?

Klausmann: Ja, das könnte schwierig sein. Zum Beispiel, wenn man das macht, um dem Kind einen Gefallen zu tun. Aber wir haben ja nicht zum ersten Mal zusammengearbeitet, Lea hat in meinem letzten größeren Projekt, „Nicht ohne uns!“, schon Teile des Soundtracks und den Titelsong komponiert. Und jetzt war einfach der Moment, wo ich gesagt habe: „Lea, ich übergebe dir die Verantwortung für den gesamten Soundtrack – möchtest du das machen?“

Sittler: Weil wir ihr vertrauen.

Klausmann: Wir trauen ihr nicht aus emotionalen Gründen, sondern aufgrund der Fähigkeiten, die sie hat, ihrer großen musikalischen Bandbreite, mit Weltmusik, klassischer Musik, Singer-Songwriting. Und weil meine Töchter auch ein paar Jahre bei mir im Tanzunterricht waren, weiß ich: Sobald ich da im Unterricht stand, war ich ihre Lehrerin, nicht ihre Mutter. Und jetzt bin ich eben Leas Kollegin. Da fordern wir uns gegenseitig. Und ich habe auch noch meinen Editor Gregory Schuchmann: Wenn der sagen würde, ich komme mit der Musik gar nicht klar – da kann ich dann noch so sehr meine Tochter vorschlagen, das bringt dann nichts. Man muss als Team zusammenarbeiten können.

Wieso wollen Sie Ihre Karriere als Dokumentarfilmerin beenden, Frau Klausmann?

Klausmann: Ich bin offiziell schon seit 6 Jahren Rentnerin. Aber es hat verschiedene Gründe. Diese Arbeit ist neben dem Reichtum, den ich empfinde, schon ein anstrengender Kampf. Ich habe dabei auch Federn gelassen, meine Nerven sind dünner geworden. Aber es gibt auch private Gründe. Zwei unserer drei Kinder leben im Ausland, eine Tochter in Schweden und unser Sohn in Italien. Wir haben eine Enkeltochter, glücklicherweise in der Nähe, und ein weiteres Enkelkind bald im Ausland, wenn alles gut verläuft. Außerdem waren mein Mann und ich durch unsere Berufe viel getrennt. Wir wollen für den Rest unseres Lebens, den wir ja nicht in seiner Länge kennen, noch einen anderen Schwerpunkt setzen. Und meine Filme kommen thematisch nicht aus der Mode, damit werde ich weiterhin beispielsweise an Schulen unterwegs sein.

Sigrid Klausmann und Walter Sittler
Ehepaar Klausmann & Sittler produzieren gemeinsam Dokumentionen (© IMAGO/Alexander Gonschior)

 

Sittler: Aber wenn jetzt jemand käme und sagen würde, ich habe das Budget für einen neuen Film, du wirst gut ausgestattet und kriegst, was du brauchst, um in Ruhe arbeiten zu können, da weiß ich nicht, ob Sigrid nicht schwach werden würde.

Herr Sittler, denken Sie auch schon über Ihren Abschied von der Schauspielerei nach?

Sittler: Nein. Was ich aber in Zukunft vermehrt machen werde: Zeiten im Kalender sperren, an denen ich nicht zur Verfügung stehe. Das habe ich früher nicht so gemacht. Vielleicht habe ich zu viel gearbeitet. Aber solange mich die Leute noch sehen wollen, mache ich weiter. Und vergesse dabei nicht, dass es noch ein Leben jenseits von Bühne und Kamera gibt.

Wie viele Filme Ihres Projekts „199 kleine Held*innen“ – dessen Ziel es ist, einen Film über ein Kind aus jedem Land dieser Erde zu drehen – sind bislang fertig?

Klausmann: 43, inklusive der sechs Kurzfilme, die nun über die Arbeit an „Girls don’t cry“ entstanden sind. Plus zwei Kinofilme.

Sittler: Wenn Gerhard Schmidt, der unser Hauptproduzent war, und ich als Mitproduzent damals einige Millionen bekommen hätten, hätten wir in allen Ländern der Welt einen Film gemacht. Die haben wir leider nicht zusammenbekommen. Also haben wir uns von Film zu Film gehangelt. Und aktuell gibt es leider kein Budget mehr.

Das Projekt wird also nicht fortgeführt?

Sittler: Wir produzieren momentan keine neuen Filme. Wenn es einen Menschen gäbe, der uns sagen würde, dass er beispielsweise ein Erbe habe und uns unterstützen möchte – dann könnte man sofort weitermachen. Es gibt genügend junge Produzent:innen, denen könnte man die Aufträge geben, bis man in allen Ländern einen Film hat.

Klausmann: Wir haben den Titel damals nicht gewählt mit dem Ziel, dass wir in fünf Jahren 199 Filme haben. Wir waren nicht naiv. Sondern es ist ein Titel, der in einer illustren Zahl die Welt umschreibt. Wir haben uns eben gedacht: mal schauen, wie weit wir kommen! (lacht)

Wissen Sie, wie es Nancy aus Ihrem Film geht, die vor der Beschneidung ins Schutzhaus geflohen war? Wie ist es ihr ergangen nach der Rückkehr zu ihrer Mutter?

Klausmann: Von einer Deutschen, die sich in dem Projekt engagiert, habe ich erfahren, dass Nancy tatsächlich ins Schutzhaus zurückgekehrt ist. Die genauen Umstände kenne ich noch nicht. Aber so wie ich Nancy erlebt habe, hat sie große Kraft und Selbstbewusstsein. Eigentlich ist es so, dass in Tansania Beschneidung verboten ist. Und auch in den Dörfern leben nicht mehr nur Menschen, die das auf irgendeine Art gutheißen. Trotzdem war ich eher erleichtert, zu hören, dass Nancy zurückgekehrt ist. Weil sie in dem Schutzhaus in Sicherheit ist.

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